Zum Streit um die Rückkehr der Skulpturen in das Schlossumfeld: Alexander von Humboldt wäre begeistert!

Hier seine Stellungnahme und die des Bildhauers Christian Daniel Rauch zu den Rossebändigern vor dem Schloss

von Rudolf Conrades

Schloss und Lustgartenterrasse mit den Rossebändigern und den Oranierfürsten um 1900

berliner_extrablatt_ausg-86_gesamt_seite_31_bild_0002Zur Berliner Diskussion, ob der Außenbereich des re konstruierten Stadtschlosses wiederhergestellt wird mit seinem authentischen Skulpturenprogramm (Rossebändiger und Oranierfürsten auf der Lustgartenterrasse, Neptunbrunnen auf dem Schlossplatz) oder ob diese Werke dort bleiben müssen, wohin die Wirren der Nachkriegshistorie sie verschlagen haben, gibt es eine neue Fundstelle. Alexander von Humboldt, Namensgeber des Humboldt Forums hat sich begeistert gezeigt, als die Rossebändiger vor dem Schloss aufgestellt wurden. Seine Argumente wiegen schwerer als die Debatte um den angeblich neuen, aber völlig bezugslosen Denkmalswert von Rossebändigern und Neptunbrunnen an ihren heutigen, provisorischen Standorten nach der Sprengung des Schlosses.

Die Historie der Berliner Kriegs­ und Nachkriegszeit muss im Bewusstsein bleiben. Das Bewusstsein der Geschichtsbrüche erfordert aber keineswegs, das unmittelbare Schlossfeld als Tabula rasa, als kahle Fläche zu belassen oder sich mit beliebigem Grün zu behelfen, nur um die angestammten Skulpturen vom Schloss fernzuhalten. Das nämlich würde bedeuten, die Ära vor den Zerstörungen ihrerseits auszuradieren.

Im Jahr 1828 wurden auf dem Dach des von Schinkel erbauten Alten Museums zwei Rossebändiger­Gruppen aufgestellt: Die Dioskuren Kastor und Pollux des Bildhauers Christian Friedrich Tieck. Anschließend kamen unten die reitenden Figurengruppen der kämpfenden Amazone (1843) und des Löwenkämpfers (1843 geplant, 1861 fertiggestellt) auf die Treppenanlage des Museums. Auf dem Museumsdach erscheint somit zweimal das Thema der Bändigung der Natur (Pferd) und am Eingang des Museums zweimal das Thema des Kampfes (gemeinsam mit der gebändigten Naturkraft Pferd) gegen zerstörerische Aspekte der Natur. Diese vier Gruppen waren und sind in Zukunft wieder alle zum Schloss hin ausgerichtet und für die Sicht vom Schloss aus konzipiert.

Diesen Skulpturengruppen des Museums wurden im Jahr 1844 rechts und links vom Schlossportal IV zwei weitere, monumentale Rossebändiger-Gruppen gegenübergestellt. Damit spannte sich über den Lustgarten hinweg vom Schloss zum Museum ein thematisch sorgfältig komponiertes Skulpturenprogramm: „Mit den beiden Rossebändigern [am Schloss] fand das um das Prinzip Kühnheit kreisende Konzept über den Lustgarten hinweg eine Fortsetzung.“(1)

Alexander von Humboldt

Als Kronzeuge für die Bedeutung der Schloss-Rossebändiger soll hier kein Geringerer aufgerufen werden als der Haupt- und Namenspatron des Humboldt Forums – Alexander von Humboldt. Humboldt, der, wenn er nicht in Paris war, fast jeden Abend in Berlin oder Potsdam zur Gesellschaft des Königspaares gehörte, war bis ins letzte Detail in die architektonischen Planungen und stadtplanerischen Überlegungen des Königs involviert, so auch in die fortwährenden Diskussionen um die Gestaltung der Residenz.(2) Diesen Hintergrund muss man kennen, um Humboldts Äußerungen zu den Rossebändigern zu verstehen als die eines intensiv involvierten Kunstfachmanns und Kulturpolitikers, dessen Wort bei den Projekten am Schloss und um das Schloss herum Gewicht besaß – und dies sicher auch bei der Frage nach dem besten Standort für die Rossebändiger, die als begeistert aufgenommenes Geschenk des russischen Kaisers an seinen Schwager Friedrich Wilhelm IV. im Herbst 1843 nach Berlin gekommen waren.

Am 15. September 1843 schrieb Alexander von Humboldt dem französischen Bildhauer Pierre Jean David d’Angers über das Bildhauerprogramm für die Gebäude am Lustgarten: „Ich …will Ihnen sagen, dass … die Monumentalgruppe von Kiss ‚Amazone zu Pferde im Kampf mit einem Tiger‘ im Treppenhaus des Museums aufgestellt wurde, das von Cornelius ausgemalt wird; dass Rauch an einem Gegenstück arbeitet [Kampf mit einem Löwen]; dass wir aus Petersburg zwei Kolossalstatuen erhalten haben, die ‚Pferde[-Bändiger]‘ in Bronze von Herrn Klot [= Peter Clodt von Jürgensburg], der – wie Sie wissen – durch seine anatomischen Studien der schönsten Pferderassen unserer Zeit wie auch durch die lebendige Bewegtheit, die er seinen Werken zu verleihen versteht, berühmt wurde.“

Alexander von Humboldt teilte die hohe Wertschätzung der Rossebändiger mit seinem Freund, dem Bildhauer Christian Daniel Rauch. Dieser hatte die beiden Skulpturengruppen schon 1840 im Atelier des Clodt von Jürgensburg in St. Petersburg gesehen und schrieb nun, direkt nach Ankunft der Rossebändiger, „dass die nach Berlin gelieferten kolossalen Gruppen … außer der Zustimmung des Königs und des Genusses seitens der Künstler, eine solche allgemeine Begeisterung beim Publikum hervorgerufen haben, die es ähnlich dort nie gegeben hat oder selten überhaupt durch irgendetwas erregt worden ist.“(3)

Darauf antwortete Humboldt: „Auch ich freue mich herzlich des herrlichen kaiserlichen Geschenkes. Auf den lebendigen Menschen macht die Darstellung des Lebens immer den tiefsten und anmutigsten Eindruck. Diese Gruppe gehört einer anderen Kunstregion, einer anderen Welt an als die Dioskuren. Von Erhöhung des Typus, Idealisierung der Gestaltung, symbolischer Übertragung in das Gebiet der Geisterwelt ist hier keine Rede. Diese Kontraste, vor so vollendeten Werken angeregt, sind eine fruchtbringende Nahrung des echten Kunstgefühls.“(4)

In seiner Analyse geht Humboldt also sehr eindringlich und genau darauf ein, welche künstlerischen Beziehungen und Kontraste zwischen den Rossebändigern aus St. Petersburg am Schloss und den Figuren am Alten Museum zu erkennen und zu erleben sind.

Was liegt also näher, gerade wegen des Gedächtnisses an Alexander von Humboldt, die Rossebändiger wieder vor dem Schloss aufzustellen?

Die Lustgartenterrasse mit den Rossebändigern um 1870

Die Lustgartenterrasse um 1840


1 Macht und Freundschaft. Berlin – St. Petersburg 1800 – 1860, Katalogband , Martin Gropiusbau, Berlin 2008

2 Vgl. etwa David Blankenstein u. Ulrike Leitner, Alexander von Humboldt und Pierre-Francois-Léonard Fontaine – Ein Dialog, Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle, Berlin 2012, S. 25ff.

3 Macht und Freundschaft. Berlin – St. Petersburg 1800 – 1860, a.a.O., S. 284

4 Weltmann und Hofkünstler. Alexander von Humboldts Briefe an Christian Daniel Rauch, Berlin 2007, S. 60, Brief Humboldts vom 4. Sept. 1843

  • Jan Voß

    Man kann auch mal darüber streiten, ob Skulpturen an ihren rechtmäßigen Platz zurückkehren sollen 👍

  • Thomas Schanz

    ….man „muss“ nicht streiten !
    Sie gehören einfach wieder an ihren angestammten Platz 👍👍🌞

  • Michael Kluth

    hinstellen.fertig.muss immer alles zu tode diskutiert werden?

  • Nic Red Zak

    Wenn der Platz rechtmäßig ist nicht, einfach wieder aufstellen das Buntmetall

  • Gloria-Brigitte Brinkmann

    Ich verstehe diese Diskussion nicht…die Rossebändiger gehörten wie der Neptunbrunnen zum Entree des einstigen Berliner Schloss .Es sollte das mindeste Anliegen sein,dieses Gesamtkunstwerk in ursprünglicher Gestaltung des Neubaus im Aussenbereich wirken zulassen..zumal diese Skulpturen nebst Brunnen zum Ensemble des Schlosses gehörten.Ein ansprechendes,dem Anspruch des Wiederaufbau Berliner Schloss – Humboldt Forum gestaltetes Umfeld,sollte allen Berliner Parteien zur Genüge sein,Berlin als Stadt der wiedererstarkten Renaissance,mit diesem Wiederaufbau gerecht zu werden.

  • Michael Ruth

    ….auf den Punkt gebracht…..Chapeau !!!!!!

  • Gloria-Brigitte Brinkmann

    Michael Ruth ..Dankeschön

  • Joachim Schmidt

    Verstehe ich nicht die gehõren einfach dazu

  • Rene Krammer

    It is needed to complete the picture of what was once standing there. The past restored to make the city of Berlin’s history come alive. Destroyed in War and restored in Peace. A symbol of Germany United.

  • Reinhard Jentsch

    Ich stimme Ihnen voll und ganz zu…

  • Armin Günther

    Zurück vor´s Schloß. Punkt aus.

  • Frank Erlenkötter

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Die Diskussion ist absurd und ideologisch begründet. Man will einfach mit dem Kopf durch die Wand und versucht mit den lächerlichen Argumenten die Wiederherstellung des historischen Umfeldes zu verhindern. Ein Armutszeugnis für Berlin.

  • Thomas Augustin

    Beschämend eigentlich, daß man im Zusammenhang mit dem Schloss immer alles mit den Humboldts verknüpfen und möglichst weit von der Hohenzollernfamilie wegrücken muss, damit Argumente bei Entscheidungsträgern überhaupt Gehör finden. Es reicht nicht einfach, daß es sich z.B. um ein Geschenk des Zaren an seinen Schwager bzw. ein Geschenk der Berliner an den Kaiser handelte – oder daß es sich schlicht um Kunstwerke handelt, die die Stadt und das Schlossumfeld schmücken (könnten)! In allen anderen europäischen Hauptstädten hat man nicht so ein verkorkstes Verhältnis zu Traditionen und städtebaulicher Schönheit.

  • Dirk Rass

    tuhen sie aber weil es Geld kostet

  • StadtbilDD – das Korrektiv

    Humboldt wäre nicht begeistert, er wäre ENTSETZT über eine derlei sinnfreie Diskussion!