„Chippi“- Neues Museum

Dies richtet sich an alle Gegner des Chipperfield-Aufbaus des Neuen Museums.

Ich habe immer wieder den Eindruck (und dies ist auch bei den Schlossfassaden der Fall), dass es Ihnen fast ausschließlich um den optischen Eindruck geht. Doch vergisst man nicht wichtige Faktoren?
Das Neue Museum wird nach seiner Wiedereröffnung möglicherweise besser zu seinen Ausstellungsstücken passen als vor 150 Jahren. Damit möchte ich Stülers Leistung nicht herunter reden, sondern darauf hinweisen, dass das Museum selbst zu einer Ruine wurde und nun gewissermaßen ausgegraben und nach dem besten Stand der Technik konserviert und zwecks Funktionstüchtigkeit ergänzt wurde. Damit unterscheidet es sich kaum von den in ihm ausgestellten Objekten. Wer will denn schon auf Hochglanz polierte und frisch bemalte ägyptische Artefakte besuchen, deren Alter man ihnen auf Grund der ganzen Schönheitskorrekturen gar nicht mehr ansieht? Wo bliebe die Fantasie die doch so notwendig ist um sich in die Antike zu versetzten, wenn plötzlich ganz Pompei oder die Akropolis frisch aufgebaut dastehen würde? Warum akzeptieren wir diese Monumente als Ruine mit all ihren Wunden, aber dem Neuen Museum gestehen wir die Spuren der Zeit nicht zu?

Chipperfield zerstört nichts was erhalten blieb, er ergänzt die Form und Idee, doch in einer einfacheren klar erkennbar anderen Weise; ähnlich einer Säule im Museum, deren Bruchstücke durch klar andere Materialien wieder zu einem Ganzen zusammengefügt wurden.
Das Neue Museum ist also um einige Zeitschichten und damit auch Aussagewert reicher.

In diesem Sinne, auf ein neues diskussionsreiches Jahr 2008!

  • Contra

    Bei einzelnen antiken Kunstwerken, stimme ich ihnen zu, wenn zudem keine Originalpläne exisitieren. Aber dies trifft doch beim Neuen Museum nicht zu. Stülers Pläne sind erhalten und es existieren Fotos, die das Gebäude umfassend dokumentieren. Außerdem schaut man sich lieber vollständig wiederhergestellte Kunstwerke an, da man dann eine mögliche Intention des Künstlers besser erfassen kann. Und wieso sollte man einem Objekt unbedingt das Alter ansehen können? In anderen Bereichen unseres Lebens wird das doch auch nicht akzeptiert. Oder ersetzen sie einen alten verfaulten Zahn nicht durch ein Implantat? Wieso boomt die Schönheitschirugie? Wieso schminken sich Frauen? Wieso wird die Werbung von schönen attraktiven Menschen dominiert? In unserer Gesellschaft ist nun mal der Wunsch nach Schönheit und Vollkommenheit tief verwurzelt. Dem kann sich die Architektur nicht länger entziehen. Und wenn man ein ruinöses Bauwerk einfach nur konserviert und stattdessen Neues hinzufügt, das im völligen Kontrast zum Alten steht, dann verfälscht und entstellt man ein Kunstwerk. Schliesslich ergänzt man Fehlstellen einer antiken Statue auch nicht durch bunt bemalte Betonstücke.

  • Thomas, Wien

    Also bitte! Vor allem das "Alte Museum" und das "Pergamonmuseum" sind einfach so etwas von fad (außer Pergamonaltar und Markttor). Große, kahle, weiße Räume mit antiken Objekten in Glasbehältern, da nützt auch Fantasie nicht mehr, das hat mich eher depressiv gemacht. Und so soll das Chippi Museum werden? So gewinnt man nicht die Bevölkerung, schon gar nicht die Generation 1977+, für einen Museumsbesuch. Hab mir mal Zeit genommen und die Besucher dort mal genauer beobachtet. Die meisten sind einfach nur durchgelaufen. Es gab aber eine Stelle, bei der viele gestaunt haben. Im Ägyptischen Museum gibt es am Ende des Rundganges einen Schaukasten "Götterwelt", in der Nil abgebildet ist, daneben geographisch korrekt kleine Götterstatuen aufgestellt wurden, so dass man von der Quelle bis zur Mündung die unterschiedliche Darstellungsweise der Götter erkennen kann. Das nenne ich mal eine didaktische und methodische Aufbereitung!

    Außerdem werden immer wieder Museen renoviert und auf den neuesten Stand der Technik gebraucht, ohne die historische Substanz zu schädigen. zB das Lichtenstein Museum in Wien, da hat man bei der Renovierung alten Freskenschmuck entdeckt und auch Teile von Deckengemälden. Da man noch Skizzen dazu in einer Privatsammlung gefunden hat, wurden die verlorenen Teile rekonstruiert. Da gab es keine Chipperfields und Co., die dagegen protestierten und die (Kriegs)Wunden sichtbar machen wollten, oder verlorene Teile nur durch blase Farben ersetzen wollten etc. Weiß sowieso nicht, was ihr da habt mit euren Kriegswunden sichtbar zu lassen, das ist bei euch schon ein wahrer Kult. Wenn es danach ginge dürften nur mehr Kriegsruinen stehen. In Wien hätte man einfach die alten Originalpläne genommen (die beim Neuen Museum ja noch alle da sind) und hätte es wieder aufgebaut.

    Gut vielleicht bin ich als Wiener auch nur verwöhnt. Ich habe schon einmal die Einladung ausgesprochen. Nehmt Euch die Zeit, geht ins Wiener Kunsthistorische Museum. Beobachtet mal die Besucher im Eingangsbereich (Vestibül, Kuppelhalle, Stiegenhaus). Ihr werdet staunende, beeindruckende Gesichter sehen und von den Touristen, die das erste Mal das Museum besuchen "Ahh"s, "Ohh"s hören. Dann rechts rauf in die Ägyptische und Antikensammlung. Hier fühlt man sich tatsächlich in das antike Ägypten versetzt, da entfalten die antiken Kunstwerke erst ihre ganze Pracht und Schönheit. Die aufwendig gestalteten Räume von bekannten Künstlern und Architekten, unterstützen das, wie ich finde, auf fantastische Weise. Die Räume lenken nicht ab! Man betritt sie, staunt und dann locken schon die Ausstellungsstücke. Hier läuft niemand durch das Museum… und schon keiner spricht von Disneysierung, sondern von Geschichte. Ich versehe nicht, warum die Berliner hier keine Emotionen zulassen?

    Ich würde deshalb das Stadtschloss samt 4 Fassade, Kuppel und Innenräume wieder rekonstruieren, aber mit moderner Technik und Infrastruktur. Darin hätten dann Ethnologischen Museen von Dahlen endlich einen würdigen Rahmen (und vielleicht auch die Gemäldegalerie).

  • Neuhaus

    Hätte man eins/ zwei Räume so hergerichtet, dass die Kriegsspuren sichtbar bleiben, wäre das aus meiner Sicht vollkommen in Ordnung gewesen; das Neue Museum war schließlich über Jahrzehnte eine Ruine.
    Dass aber entschieden wurde das ganze Museum als Ruine zu konservieren und durch Betonelemente (Treppenhaus etc.) zu ergänzen, ist Wahnsinn und ist eine Verfälschung der Pläne Schlüters und da kann Chipperfield noch so sehr darauf verweisen, dass seine Architektur einfühlsam ist.

    Und nicht zu vergessen die enormen Mehrkosten für das Sichtbarlassen der Kriegsschäden gegenüber einer originalen Rekonstruktion.

    Es ist nur noch zum Heulen!!!

  • Marc

    Man hätte wenigstens die Außenfassade wieder nach den alten Plänen aufbauen sollen.

  • S.Hartmann

    Ich glaube nicht das das Neue Museum fad wird, ich hoffe auf gut zusammengestellte Ausstellungen. Was das Pergamon-Museum angeht, es wird ja noch restauriert und wer weiß wie die Ausstellungsstücke dann erlebbar sind. Ich kann ihnen vom Louvre berichten (den ich mittlerweile besser kenne als irgendein anderes Museum), dass dort auch die Massen nur so durchströmen und an all den Bildern, Objekten und der Pracht vorbeilaufen. Vielleicht liegt das in der Natur von Museen und den Besuchern/ Touristen die im Allgemeinen nicht so viel Zeit/ Geduld haben. Gehen Sie mal in den Abendstunden hin, wenn die Touristen weg sind, dann sieht man interessierte Leute die sich auch etwas mehr Zeit nehmen.

    Und nebenbei: Es gibt verdammt wenig Bänke im Pergamon-Museum, man kann sich nicht einmal neben eine Säule setzen und zeichnen und wenn man sich auf den Boden setzt wird man von Wärtern rüde vertrieben. Da bleibt einem ja nichts anderes übrig als herumzulaufen 😉

    „Schließlich ergänzt man Fehlstellen einer antiken Statue auch nicht durch bunt bemalte Betonstücke.“ – im 18. Jahrhundert setzte man antike Köpfe auf völlige Neuinterpretationen eines Torsos aus buntem Marmor und anderem Gestein. Man erkennt klar die unterschiedlichen Epochen. Und es sieht etwas bizarr aber gut aus.
    Vielleicht haben Sie noch nicht genau hingeschaut, aber die Ausbesserungsbauten bestehen aus dem gleichen Material (Ziegel mit farblich angepasster Schlämme) Es wurden die gleichen Raumdimensionen wiederhergestellt. Was ist also so gegensätzlich? Gut, es fehlt der Putz und die Bemalungen, doch das was am intensivsten auf den Menschen wirkt, der RAUM, ist wieder da; nach Stülers Vorlagen.

    Und nun zu dem Ruinenkult: Um ehrlich zu sein, ich mag die Romantik, in letzter Zeit gab es ja immer wieder Artikel das dies typisch deutsch wäre. Naja. Die Architekten des Klassizismus die sich ihre Bauwerke schon als Ruine vorgestellt haben, all das finde ich passt einfach gut zum Neuen Museum, welches ja noch dem Klassizismus zuzuordnen ist. Es gab und gibt also Zeiten in denen Ruinen als schön empfunden werden, ja sogar künstlich gebaut wurden.
    Die andere Sache ist doch, dass es in Berlin nur noch wenige Kriegsruinen gibt und gerade Berlin mit dem 2 Wk. bei Touristen gleichgesetzt wird (u.a.). Es ist nun einmal ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal unter den europäischen Städten. Oder kennen sie ein solches Museum irgendwo anders? Berlin IST anders und vielleicht auch etwas hässlich, doch die Touristen kommen hier her, weil man hier eine ganz andere Mischung hat.

    Ich würde gern einmal nach Wien kommen, soll ja eine ganz hübsche Stadt sein, wenn auch versnobt (aber das bin ich aus Paris gewöhnt).
    Was nun das Berliner Schloss angeht würde ich mich sogar ihrer Meinung anschließen es vollständig aufzubauen, samt Innenräumen und allen Fassaden. Dann wäre es zwar immer noch eine Lüge, aber eine so gute das sie schon wieder glaubhaft ist. Das dort aber das ethnologische Museum hinein passt bezweifle ich sehr, dann doch lieber die Gemäldegalerie ins Schloss und das Ethnologische in die ehem. G.galerie am Potsdamer Platz.

    Frage an Contra: Sollte man denn diesen Schönheitswahn unterstützen, der ja teilweise groteske Auswüchse zeigt, oder nicht doch wieder zu einem natürlicheren Verhältnis zu unserem Körper und unserer Umwelt gelangen? Statt Perücke und Puder gibt’s heute Botox und Silikon. Alles Fassaden die von den eigentlichen Dingen ablenken wollen.

    „Man hätte wenigstens die Außenfassade wieder nach den alten Plänen aufbauen sollen.“
    – und warum gerade die Außenfassaden? Warum nicht stattdessen den Treppensaal? Immer nur der schöne Schein nach Außen?

  • Marc

    " „Man hätte wenigstens die Außenfassade wieder nach den alten Plänen aufbauen sollen.“
    – und warum gerade die Außenfassaden? Warum nicht stattdessen den Treppensaal? Immer nur der schöne Schein nach Außen? "

    Den ideologischen Unsinn muss man doch nicht auch nach außen tragen und damit die Rekonstruktionsbefürworter provozieren.
    Es wäre ein schöner Kompromiss gewesen, wenn die Fassade wiederhergestellt würde.

  • Wassermann

    @ S.Hartmann
    Ich lese schon seit einiger Zeit Ihre Beiträge und des öfteren schreiben Sie, dass Sie in Paris leben.
    Ich finde es sehr spannend von einem Deutschen (das nehme ich mal an), der in dieser wunderbaren Stadt lebt, zu erfahren, was das Leben in Paris von dem in Berlin unterscheidet, wie die Haltung der Pariser zu der Architektur ihrer Stadt ist und wie die Pariser das Baugeschehen in Berlin wahrnehmen.

    Wenn Sie etwas darüber erzählen könnten, würde ich mich sehr freuen.

  • Marc

    Edit:
    Außerdem wird das weitere Baugeschehen um die Museumsinsel und der Gesamteindruck dieser von der Außenfassade beeinflusst und nicht von dem wiederhergestellten Treppensaal.

  • S.Hartmann

    Leider ist mein Austauschjahr in Paris schon vorbei und ich bin seit Ende 2007 wieder in Berlin. Und eine relativ objektive Meinung der Pariser kann ich ihnen leider nicht geben, da ich, wie sicher auch schon ab und zu durchschien, Landschaftsarchitektur studiere und daher den meisten Kontakt mit jungen aufgeschlossenen "Architekten/ Landschaftsarchitekten" in Paris hatte.
    Aber im allgemeinen wird etwas mutiger dort mit neuer Architektur umgegangen und dann bei Prestigebauten auch eher mal geklotzt. Doch dort herrscht auch eine ganz andere Situation: die Immobiliepreise steigen, Wohnraum ist kaum zu bezahlen, die Stadt ist nicht zerstört und sah im groben schon vor 100 Jahren so aus. Baukräne findet man nur bei Restaurierungsarbeiten oder in den Vororten, speziell den stark wachsenden Bürovierteln und die Stadt ist einfach extrem kompakt (da die Stadtmauer erst nach 1871 abgerissen wurde). Dazu kommt natürlich das Paris selbst kleiner ist als der Berliner S-Bahn-Ring und sich dort doch irgendwie alles bündelt. Alle Menschen aus dem Ballungsraum (11 Mio. EW) und Vororten strömen in die Stadt um einzukaufen oder zu arbeiten. Die Métro ist morgens und abends immer so voll das man sich hineinquetschen muss (wenn hier in Berlin mal nen kleiner S-Bahn-Streik ist und die Bahnen doch mal halbswegs voll sind geht schon alles drunter und drüber, da könnten die Deutschen noch einiges lernen).
    Ansonsten kann man beide Städte nicht miteinander vergleichen. Die Geschichte und das zentralistische System in Frankreich hatte eine ganz andere Auswirkung auf die Stadtentwicklung. Wo wir in Deutschland Frankfurt/ Main als Bankenviertel haben, Berlin als Hauptstadt und viele andere kleinere Länder und Städte, findet sich in Frankreich alles was Rang und Namen hat in Paris.

    Aber zur Meinung über deutsche Architektur:
    Auf einer Excursion haben wir Freiburg besucht und viele Franzosen waren doch positiv beeindruckt von den neuen Siedlungen die dort am Stadtrand gebaut wurden, mit deren ökologischen Ausrichtungen, Fussgängerfreundlichkeit und Regenwassermanagement (die Siedlungen sehen denen in Berlin aus den 90igern sehr ähnlich; Rummelsburg, Karow Nord, Altglienicke, Spandau).
    Und mein Fazit nach dem Jahr in Paris ist: Paris ist zwar schöner, doch Berlin um einiges lebenswerter. Dort hab ich im Norden der Innenstadt gewohnt, zu Preisen die ich lieber nicht nenne (dafür einen traumhaften Blick über die Dächer von Paris), doch der nächste Park war weit entfernt und die sind dann bei schönem Wetter überrannt und man darf die Wiesen oft nicht betreten. Die Stadt ist auf Dauer anstrengend!
    Trotzdem würd ich gern wieder zurück und auch für länger, doch das hat andere Gründe.

  • Benni

    Mag sein, dass eine so üppige Innengestaltung, wie es beim Neuen Museum der Fall war, etwas vom eigentlichen Inhalt der Ausstellung ablenkt. Aber wieso den Besuchern nicht zwei Sachen bieten: die Exponate und eine kunstvolle Raumgestaltung? Wenn ich mir das z.B. das Grüne Gewölbe anschaue…Ich wusste zwar nicht, wo ich zu erst hinschauen soll, aber dafür hat sich der Besuch in zweierlei Hinsicht gelohnt. Und die Narben des Krieges hätte man auch so darstellen können, indem man das "überlebende" in seinem jetzigen Zustand belässt und konserviert, und das Rekonstruierte sich eben in seiner neueren Optik unterscheidet.

    Dass man Wiesen nicht betreten darf, hat ja wohl weniger mit der Stadtstruktur/-geschichte zu tun, als eher mit der Administration, die dies verbietet. Genauso, wie hier Hunde überall ihre Haufen hinterlassen dürfen, und in anderen Städten und Ländern nicht.

    Ist nur eine These:
    Ich kenne mich zwar in der Entwicklung Paris‘ nicht aus. Aber Berlin hat nun mal das Glück, aus diesen ganzen ehem. Klein- und Vorstädten zu bestehen, von denen jede über einen eigenen Park o.ä. verfügte, sodass die Anzahl solcher – vom Tiergarten und den ganzen Wäldern mal abgesehen – eben höher ist. Dazu kommen noch die ganzen in öffentlichen Raum umgewandelten ehemals bebauten Flächen, wo man viell. noch einen einzelnen Altbau finden kann.

  • S.Hartmann

    Hab ich auch nicht behauptet, das hat eher etwas mit Denkmalschutz zu tun, da z.B. die Tuileries-Gärten und der Parc Luxembourg barocke Anlagen sind. Übrigens dürfen das die Hunde in Berlin auch nicht. In Paris muss man viel mehr Strafe bezahlen(ich glaube im Bereich von 500 €) und es liegt trotzdem überall die Sch..e herum.