nachdenklich
schrieb am 10. Juni 2009
um
8:29
@Isidor: Schauen Sie, die Diskussion kann man so nicht weiterführen.
Sie möchten wahrscheinlich gar nicht reflektieren, was Sie hier vorbringen.
Wenn Sie den Artikel in der FAZ gelesen haben, so kam am Anfang zum Ausdruck, dass das Thema einmal entemotionalisiert werden sollte.
Darf ich die Worte noch einmal vorbringen, die Sie verwenden?
Nr.1767:
„Es wird ja immer wieder von modernistischen Architekten in Rekonstruktionsdebatten das Argument der fehlenden Authentizität herangezogen. Dabei fallen dann jedes Mal die gleichen Phrasenwörter von \"Disneyland\" bis \"Geschichtsverfälschung\"
„Sicherlich spricht diese aggressive Verteidigung und Anfeindung gegen Andersdenkende nicht gerade von einem starken Selbstbewusstsein.“
„Aber ist das wirklich der Sinn der Sache? Sollte Architektur nicht versuchen, möglichst vielen zu gefallen und zur Verschönerung der Stadt beizutragen? Scheinbar nicht nach Auffassung der meisten modernen Architekten.“
„So ist das eben. Jede Diktatur [meint die Architekten] muss sich mit aller Härte und Gewalt gegen ihre Gegner richten, weil sie sonst ganz schnell untergehen wird.“
Nr.1773
„und die Architekten können sich ganz daran austoben“
„Meiner Meinung nach stecken Komplexe dahinter, die Angst, dass die gelernten Vorstellungen von Architektur, die in der Bevölkerung hauptsächlich Missfallen erregen, bald ausgedient haben könnten.“
Es ist ein ganz natürliches Bedürfnis, dass jede Nation sich von den anderen zu unterscheiden versucht, darin besteht keine Gefahr.
„Die Erinnerung an diesen bedeutenden Teil der deutschen Geschichte wird durch die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses, in welchem die preußischen Könige und (ab 1871) deutschen Kaiser über Jahrhunderte ihre Residenz hatten, wieder lebendig werden“
***
Hier unten, in Nr.1776 sagen Sie dann über meinen Beitrag aus, dass dieser so unglaublich arrogant sei.
***
Ich wiederhole noch einmal eine Grundaussage, aus meinem letzten Beitrag:
„Deshalb ist es wichtig dass jeder Einzelne sich mit einem Thema auseinandersetzt.“
„Bilden kann man sich nicht nur durch Bücher, sondern auch in der Auseinandersetzung mit einem Thema, in der Auseinandersetzung mit Meinungen. Wichtig ist es viele Meinungen zu hören, und dazu ist es auch mitunter wichtig sein Umfeld einmal zu verlassen, um Menschen zu sehen, und kennenzulernen. (Der Sonnenstuhl reicht nicht)
Die Mehrheit, von der Sie sprechen schaut am Abend häufig fern, es gibt Quotenrenner (Die schaut doch die Mehrheit, oder?), sie nehmen dadurch sogar Einfluss auf das Medienangebot. Sie wissen welche Sender mit welchen Inhalten gefördert werden? Welche Zeitungen?“
***
@Isidor: Sie haben Recht, Sie haben nicht richtig gelesen, weil Sie meine Aussagen nun benutzen, um den Leser wieder zu manipulieren.
Überdies sagen Sie aber selbst:
„Nun, auch ich glaube nicht daran, dass die Mehrheit der Bevölkerung in irgendeinem Land dieser Welt besonders klug ist.“
Diese Worte habe ich nicht, wie man nachlesen kann, und möchte ich auch nicht gebrauchen. Ich habe versucht zu zeigen, dass Entscheidungen wie diese, und erst recht politische Entscheidungen, eine gewisse Auseinandersetzung mit einem Thema erfordern. Sie erkennen nicht, dass hier die gleichen Mechanismen wirken, wie sie auch durch eine Politikverdrossenheit hervorgerufen werden, nämlich, dass sich „Entscheidungsfindung“ dann logischerweise auf anderen Ebenen, und mitunter nicht ganz reell vollzieht.
Eigentlich tun Sie mir Leid. Mit solchen Haltungen werden Sie in Ihrem Leben nichts dazulernen. Vielleicht versuchen Sie einmal ein persönliches Gespräch in einem Architekturbüro, oder mit verschiedenen Menschen überhaupt, vieles ist Suggestion was Sie äußern.
Versuchen Sie einmal mit Menschen zu sprechen, die aus einem anderen Umfeld, wie dem Ihren kommen. Das wäre sehr wichtig.
Übrigens, ich bin kein Architekt. „Normale“ Menschen tun mir auch etwas Leid.
Wenn Sie weiterhin eine Antwort erhalten möchten, müssen Sie Ihren Stil ändern, und Ihre Emotionen beiseite lassen.
Grüße
Isidor
schrieb am 10. Juni 2009
um
0:17
@nachdenklich: Sie haben ganz Recht - meine Meinung steht für die Meinung vieler Menschen in unserer Zeit. Und auch Sie repräsentieren offensichtlich einen speziellen Typus, nämlich den der selbsternannten Elite, der glaubt, den Leuten vorschreiben zu können, wie Architektur, Kunst usw. heutzutage zu sein habe.
Ihr Beitrag (1774) ist so unglaublich arrogant und anmaßend, dass ich zunächst glaubte, nicht richtig gelesen zu haben. Sie sind also der Meinung, dass, weil die Mehrheit der Bevölkerung dumm und leicht zu manipulieren ist, sie sich aus öffentlichen Fragen heraushalten sollte, ganz gleich, wie sehr sie davon betroffen ist. Wir normalen Bürger, die wir in der Regel nicht Architektur studiert haben, müssen also alles, was die Architekten in unsere Städte setzen stumm erdulden, denn wir haben ja schließlich keine Ahnung und dürfen uns daher keine Meinung erlauben. Das überlassen wir lieber den Fachleuten. Nach dem Motto: Nur der Künstler weiß, was gute Kunst ist und was nicht. Und nur der Müllmann weiß, wie man eine Tonne richtig leert. Und selbstverständlich kann nur ein Schriftsteller beurteilen, ob ein Buch gut ist oder schlecht. Ich muss Ihnen für Ihren Beitrag danken, denn die Frage, wer Architektur diktiert, haben Sie damit viel besser beantwortet als ich! Ich hoffe, dass diese groteske Ansicht nicht unkommentiert bleibt.
Nun, auch ich glaube nicht daran, dass die Mehrheit der Bevölkerung in irgendeinem Land dieser Welt besonders klug ist. Aber ich bin doch davon überzeugt, dass die meisten Menschen über einen gesunden Menschenverstand und vor allem ein natürliches Schönheitsempfinden, einen natürlichen Geschmack verfügen, der im krassen Gegensatz zu den abstrakten und abgehobenen Architekturvorstellungen der jeweiligen Hochschulabsolventen steht, die scheinbar nicht mehr den eigenen Verstand benutzen, sondern nur noch ihre Lehrmeinungen anwenden. Alle, die das kritisieren, einfach für zu einfältig zu erklären, als dass sie es verstehen könnten, ist sicherlich der einfachste und ignoranteste Weg, sich aus der Affäre zu ziehen.
Natürlich sind es Architekten, die die Gebäude entwerfen und konstruieren müssen. Aber sie haben die Verpflichtung, dass die Stadt durch ihre Bauten ästhetisch aufgewertet wird und dass die Menschen, die dort leben und arbeiten, sich wohlfühlen können. Eine Stadt ist kein lebloses Modell, mit dem man experimentieren kann. Darum kann man ihre Einwohner nicht einfach für dumm und unmündig erklären und über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Genau das ist die Diktatur, von der ich in meinem Beitrag (1767) sprach.
Ansonsten finde ich keines meiner Argumente in Ihrem Artikel sinnvoll widerlegt, sondern sehe mich nur mit unverschämten Behauptungen konfrontiert. Dass viele schützenswerte Denkmale abgerissen werden, weiß ich nur zu gut. Verantwortlich dafür sind aber die Entscheidungsträger in den Kommunen, die wohl kaum die Bevölkerungsmehrheit repräsentieren.
Auch ist mir klar, dass es den Rekonstruktionsgegnern nicht um das Gleichgewicht zwischen Rekonstruktionen und Neuentwürfen gehen kann. Aber erklärt das wirklich den Fanatismus, mit dem sich diese Leute alle paar Jahre auf jedes Wiederaufbauvorhaben stürzen? Und ist Ihr aussagekräftigstes Argument tatsächlich, dass es schon immer verschwindend wenig Rekonstruktionen gab? Das wäre allerdings typisch für Ihre Gilde: Traditionalismus nur da, wo es einem gerade passt.
Kreuzberger
schrieb am 9. Juni 2009
um
20:48
Das Karussell dreht sich weiter: Schloßbefürworter sind einfach zu naiv, die Kompliziertheit der Zusammenhänge zu verstehen.
Solche herablassenden Statements hatten wir doch schon mehr als genug.
nachdenklich
schrieb am 9. Juni 2009
um
17:28
@Isidor, entschuldigen Sie bitte, aber Sie wissen eigentlich nichts. Es tut mir Leid. Natürlich ist das Ihre Meinung. Alle Zusammenhänge zu erläutern, die für sich genommen eigentlich einleuchtend sind, sprengt wohl den Raum hier. Aber Sie stehen exemplarisch für eine ganze Reihe von Menschen in unserer Zeit.
Bezogen auf Ihr vorheriges Posting kann ich nur sagen, dass es müßig ist auf Ausführungen zu antworten, die aus einer Emotionalität heraus entstanden sind. Die Gegenfragen sollten Ihnen zeigen, dass Sie sich bewusst, oder unbewusst manipulativ äußern, indem Sie von Sachverhalten ausgehen, die Sie vermutlich nur vom Hörensagen kennen, sicher auch allgemeine Meinung sind (populistisch), aber eher fragwürdig bleiben.
Also zu Ihrem letzten Beitrag:
Sie meinen, weil generell doch nur so wenig rekonstruiert wird, solle man nicht bekunden müssen, dass dieser Nachbau nicht sinnvoll ist?
Sie müssen erst einmal die Argumente derer hören, denen es wichtig wäre, dass es hier keinen Nachbau in dieser Form gibt. Jenen kann es nicht um ein quantitatives Gleichgewicht an Rekonstruktion und Neuentwurf in unserem Land gehen. Der Grund für die vorgebrachten Stellungnahmen ist so flach eigentlich nicht angelegt. Die Zeitspanne können wir auch getrost ausdehnen, sagen wir, schon immer wurde verschwindend wenig rekonstruiert, ich meine Totalrekonstruktionen, keine ergänzenden Reparaturen.
Was die große Masse als schön oder hässlich empfindet, was ihr missfällt oder nicht, können Sie nicht wissen. Man baut auch nicht aus „Angst“ zeitgemäß, ich möchte einmal das klischeehafte Wort „modern“ hier nicht verwenden, da es scheinbar auch eine klischeehafte Vorstellung davon gibt.
Schauen Sie, in einer Demokratie werden normalerweise Entscheidungen zu Gunsten einer Mehrheit getroffen. Wenn Sie nun die Mehrheit zu einem Punkt befragen, mit dem sie sich eigentlich noch nicht auseinandergesetzt hat, dann haben sie schnell falsche Entscheidungen. Aber auch falsche Entscheidungen werden dann umgesetzt.
Deshalb ist es wichtig dass jeder Einzelne sich mit einem Thema auseinandersetzt.
Und nun? Glauben Sie im ernst, dass über eine Schlossrekonstruktion die „großen Masse“ richtig nachgedacht hatte? Lesen Sie doch einmal das Gästebuch.
Nur ein Exempel, weil die Bauten, bspw. am Potsdamer Platz nicht gefallen, meint man dass zeitgemäße Architektur generell „modernistisch“, im negativen Sinne sei. Sie selber bringen diese Sichtweise zum Ausdruck, und sie war ein Hauptargument der Schlossbefürworter. Finden Sie das reell?
Bilden kann man sich nicht nur durch Bücher, sondern auch in der Auseinandersetzung mit einem Thema, in der Auseinandersetzung mit Meinungen. Wichtig ist es viele Meinungen zu hören, und dazu ist es auch mitunter wichtig sein Umfeld einmal zu verlassen, um Menschen zu sehen, und kennenzulernen. (Der Sonnenstuhl reicht nicht)
Die Mehrheit, von der Sie sprechen schaut am Abend häufig fern, es gibt Quotenrenner (Die schaut doch die Mehrheit, oder?), sie nehmen dadurch sogar Einfluss auf das Medienangebot. Sie wissen welche Sender mit welchen Inhalten gefördert werden? Welche Zeitungen?
Diese Masse schreitet dann zur Abstimmung, auch zu politischen Abstimmungen, ja sie ist sogar nicht einmal fähig zu erkennen, dass Sie durch die dümmlichsten Versprechungen kleiner extremistischer Gruppierungen manipuliert wird.
Sie sprechen von Identifikation, ein Wort das heute so inflationär gebraucht wird, sodass es nicht mehr glaubwürdig sein kann. Jahrzehntelang wurde wertvolle Bausubstanz vernichtet, sie wissen nichts, Denkmalpflege wird in den Kommunen als der große „Verhinderer“ angesehen, weil die wirtschaftlichen Interessen vor den kulturellen stehen. Da wird oft Schützenswertes weggerissen, weil genau diese Mehrheit nicht versteht, warum dieser oder jener Raum wichtig wäre. (Ich meine da Originalbausubstanz, die ua. für ein bestimmtes Umfeld wichtig ist.)
Die letzten 3 Absätze Ihres Artikels der Nr.1773 soll sich der Leser einmal auf der Zunge zergehen lassen. Dieser soll auch noch Gelegenheit haben das zu kommentieren, ich spare mir den Platz an dieser Stelle.
@Wasser
Wenn Sie Architektur studieren ist es wichtig die richtigen Vergleiche zu finden, aber auch gut zu beobachten. Es wird nicht wenige geben, die fragen werden, w a s Sie eigentlich „reparieren“ wollen?
(Werde erst später antworten können.)
Isidor
schrieb am 8. Juni 2009
um
20:24
@nachdenklich: Leider gehen Sie auf meinen Text (1767) nicht ein, sondern stellen nur Gegenfragen, die ich aber gerne beantworten möchte.
\"Wurde wenig rekonstruiert? Worin liegt der Vorteil einer Rekonstruktion?\"
Natürlich ist der Anteil von Rekonstruktionen an der Gesamtzahl der Gebäude, die in den letzten 50 Jahren gebaut wurden, verschwindend gering. Daher verwundern mich auch die völlig überzogenen Reaktionen, mit denen viele Architekten auf ein Rekonstruktionsvorhaben antworten. Wann immer etwas gebaut wird, wird es modern gebaut und die Architekten können sich ganz daran austoben; wenn nun alle paar Jahre ein altes Gebäude rekonstruiert werden soll - warum muss dieses Vorhaben dann jedes Mal mit aller Schärfe verurteilt werden? Meiner Meinung nach stecken Komplexe dahinter, die Angst, dass die gelernten Vorstellungen von Architektur, die in der Bevölkerung hauptsächlich Missfallen erregen, bald ausgedient haben könnten.
Den Vorteil einer Rekonstruktion kann man vielleicht nur verstehen, wenn die Globalisierung nicht schon komplett im eigenen Kopf Einzug gehalten hat. Die heutige Architektur ist global, sie sieht überall auf der Welt gleich aus, weil ihr jegliche regionale, nationale oder kulturelle Eigenheiten fehlen. Wozu es führt, wenn ganze Städte in diesem Stil aufgebaut werden, lasst sich gerade in Deutschland wunderbar erkennen. Alte Städte, die zuvor ihren ganz eigenen und unverwechselbaren Charakter hatten, wurden zu eintönigen und völlig uniformen Gebilden, denen jeder Reiz, jede Individualität völlig abgeht. Wie kann man es den Menschen verdenken, wenn sie irgendwann der einfallslosen Hässlichkeit der Moderne überdrüssig sind und sich wieder auf ihre eigene Kultur besinnen? Es ist ein ganz natürliches Bedürfnis, dass jede Nation sich von den anderen zu unterscheiden versucht, darin besteht keine Gefahr. Darum müssen wir heute Gebäude wiederaufbauen, die aus einer Zeit stammen, als es noch kulturelle Unterschiede zwischen den Ländern und sogar zwischen den Regionen innerhalb der Länder gab. Denn die moderne Architektur kann uns gegenwärtig keine Idividualität geben, nichts, womit wir uns identifizieren können, denn die Wenigsten identifizieren sich nun mal mit dieser globalisierten Weltkultur, wie wir sie heutzutage haben.
\"Was ist schön?\"
Spielen Sie mit dieser Frage etwa darauf an, dass beispielsweise das Jüdische Museum in Berlin doch auch durchaus als schön empfunden werden kann? Wenn dem so ist, gehen Sie doch einmal auf die Straße und machen Sie eine Umfrage, was die Menschen schöner finden: moderne abstrakte Architektur oder zum Beispiel ein Barockpalais. Was glauben Sie wohl, wie das Ergebnis ausfallen wird? Die Frage, was schön ist, ist eigentlich relativ einfach zu beantworten: alles, was sich an gewisse Grundregeln der Ästhetik wie z.B. Symmetrie hält und nicht schockieren, sondern gefallen, nicht mit der Umgebung brechen, sondern sich darin integrieren will, kann grundsätzlich nicht hässlich sein. Würden sich mehr moderne Architekten an diese simplen und eigentlich selbstverständlichen Regeln halten, gäbe es all diese Diskussionen nicht.
\"Was passiert wenn Sie immer etwas tun müssen um anderen zu gefallen?\"
Was dann passiert? Vermutlich wird dabei etwas herauskommen, das tatsächlich vielen Menschen gefällt, was für viele Architekten heutzutage wohl eine Horrorvorstellung ist. Das bedeutet nicht, dass sie sich verkaufen müssen, im Gegenteil - ein Architekt sollte doch eigentlich den Wunsch haben, dass das, was er baut, auch möglichst vielen Leuten gefällt! Warum ist das heute nicht mehr so? Architekten bauen niemals nur für sich (außer ihr eigenes Haus), sondern immer für andere. Sie haben eine große Verantwortung dem Ort gegenüber, an welchem sie bauen, die in der Gegenwart fast immer vernachlässigt wird. Wie sehr sich ihr Bau möglicherweise negativ auf das gesamte Stadtbild ausübt, ist den Meisten egal; egoistisch und profilierungssüchtig nenne ich dieses Verhalten, das entsteht, wenn man eben nichts tut, um anderen zu gefallen.
\"Wer diktiert Architektur?\"
All jene, die, unbeeindruckt von Protesten und gegen den Willen und Geschmack der Mehrheit, ihre Chimären aus Glas und Stahlbeton in die Welt setzen, ohne dass es sie kümmert, was andere davon halten. Und all jene, die nicht bereit sind, die Wünsche vieler Menschen nach ästhetisch anspruchsvoller Architektur zu berücksichtigen und weiterhin mit ihren pseudoavantgardistischen Bauwerken unsere Stadtbilder zerschneiden. Alle, die meinen, bestimmen zu können, wie Architektur heute zu sein habe, ohne sich dabei auf den Geschmack der Bevölkerungsmehrheit zu stützen.
\"Was verbinden Sie mit neu erbauten Fassaden des Berliner Schlosses? Warum glauben Sie, dass in Wirklichkeit die Mehrheit den Bau in dieser Form, mit 3 Schlossfassaden eigentlich nicht haben will?\"
Mit den neu erbauten Barockfassaden des Berliner Schlosses verbinde ich ein wichtiges und glanzvolles Stück preußisch-deutscher Geschichte, das jetzt im Herzen der Hauptstadt wieder seinen verdienten Ausdruck bekommt, ganz gleich, wann die Steine dafür gebrochen wurden. Die Erinnerung an diesen bedeutenden Teil der deutschen Geschichte wird durch die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses, in welchem die preußischen Könige und (ab 1871) deutschen Kaiser über Jahrhunderte ihre Residenz hatten, wieder lebendig werden. Daran, dass nur drei Seiten rekonstruiert werden, habe ich niemals wirklich Kritik geäußert, auch wenn mir eine Totalrekonstruktion natürlich lieber gewesen wäre. Doch wenn ich die Wahl zwischen einer modernen Seite und vier davon habe, nehme ich doch lieber das kleine Übel in Kauf.
Der Palast der Republik wurde übrigens nicht willkürlich, sondern nach langer reiflicher Überlegung abgerissen. Nicht alles mit historischem Wert hat eben ein Daseinsrecht oder verurteilen Sie den Abriss der Neuen Reichskanzlei nach dem Krieg auch?
Wie kommen Sie denn darauf, dass die Bevölkerung häufig gegen Denkmalschutz ist? Jedes Jahr bekommt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz viele Millionen Euro aus der Bevölkerung heraus gespendet und wann immer ein bedeutendes Denkmal verfällt und abgerissen werden soll, gibt es Proteste und es gründen sich oft Bürgervereine zur Bewahrung dieses Kulturgutes. Die Zeiten, da alle nur das Moderne hoch hielten, sind glücklicherweise vorbei und allerorts werden die historischen Gebäude und Innenstädte wieder geschätzt und als schützenswert angesehen.
Wasser
schrieb am 8. Juni 2009
um
18:18
//Eigentlich beantworten Sie immer noch nicht, warum Sie die Barockfassaden brauchen, für den hist. Bezug. Der Begriff „Membran“ wird niemals nachvollziehbar sein nicht im übertragenen, und schon gar nicht im baulichen Sinne.//
Bei dem Bild der Membran und den verschiedenen Milieus war ich gedanklich im Bereich der Biologie:
„Membranen trennen Stoffe, sodass verschiedene Milieus entstehen können.
Die Membran kann die Durchlässigkeit für bestimmte Stoffe steuern. Die Informationen hierfür erhält sie von den Bedürfnissen des einen Raumes. Ist in dem anderen Raum dieser Stoff vorhanden (=Konzentrationsgefälle) wird die Membran hierfür durchlässig.“
Der Hauptgrund für die Rekonstruktion der Barockfassaden ist der Wunsch das Stadtbild wenigstens im Sichtbereich der Linden und der Weltkulturerbestätte zu reparieren.
2015 wird also eine barocke Fassade errichtet, die auf das äußere Milieu (historisches Umfeld) Bezug nimmt und es vom inneren Milieu (moderne Nutzung und Innenraumgestaltung) abtrennt. Das sichtbare Konzentrationsgefälle ist gewollt und somit (zu der Zeit) weitgehend akzeptiert. Das Bedürfnis das Innere des Humboldtforums dem äußeren Milieu anzugleichen, wird aber durch die Fassadenrekonstruktion aufrecht erhalten und mit den Jahren von alleine zunehmen.
//Der Bau könnte viele Gesichter haben, sofern diese unserer Zeit entspringen. Von „anlehnend“, was ich mir durch Material vorstellen könnte, bis hin zu einem solitären Zeichen, kann der Ausdruck reichen, je nach dem, welche Nutzung, oder Nutzungen er haben mag, dass schlösse eine Flexibilität mit ein, wenn es Modelle dafür gibt!//
Für mich sind die krampfhaften „kritischen Rekonstruktionen“ und „Transformationen der Geschichte“ ein zum Himmel schreiender Anachronismus, weil sich hier tiefste Mutlosigkeit offenbart.
Ich begeistere mich sehr stark für „zeitgemäße“ qualitätvolle Architektur und für spannungsvolle Kontraste. Am Schlossplatz sehe ich aber schon alleine wegen der enormen Baumasse des Humboldtforums einen mutigen Kontrast zur Umgebung bzw. ein „solitäres Zeichen“ nicht als spannend an, sondern, als zerstörerisch.
Eine Fassade, die das Schloss lediglich zitiert, lässt die weiter oben beschriebene Entwicklung nicht zu. Ein solches Gebäude wäre bei Lichte betrachtet nur noch: mieß!
Grumbkow
schrieb am 8. Juni 2009
um
16:18
Klang das so, als wäre ich ein enttäuschter Verfechter der Totalrekonstruktion? Die wäre wenigstens konsequent gewesen. Aber mindestens genauso unsinnig wie der halbherzige Hybride, der demnächst an die Stelle des alten Schlosses treten soll.
Nein, ich hätte mir gewünscht, dass dort auf dem Schlossplatz ein völlig neuartiges Gebäude entsteht, beispiellos, sensibel, aufregend, inspirierend, integrativ - ein Highlight der Architektur. So besonders und zukunftsweisend und charakteristisch für unsere Zeit, dass es mindestens genauso viel Bewunderung erfährt wie das Schloss.
nachdenklich
schrieb am 8. Juni 2009
um
15:25
Zunächst einmal möchte ich vorausschicken, dass es hier im Wesentlichen nicht darum ging, ob es sich bei der Nutzung um ein Humboldt-Forum handeln sollte oder nicht. Wenn ich noch einmal wiederholen darf, wäre es sehr naiv das an dieser Stelle erörtern zu wollen. Man nimmt das hier einmal als eine mögliche Idee an, die ja im Gespräch ist, mittlerweile umgesetzt werden soll, und hier als Diskussionsmodell hilft. Auch ist es ja erst einmal unerheblich, denn die Debatte hat ja eher eine prinzipielle Facette.
@Wasser, @Isidor, mit Schwarz-Weiß-Malerei und Pauschalunterstellungen wird man sich als seriöser Diskussionsteilnehmer disqualifizieren. Da wären Sie hier nicht die ersten.
Architekten sind Menschen, und es gibt sicher die unterschiedlichsten Qualifikationen. In der Regel sind sie gezwungen sich ein umfassendes Bild vom Leben zu machen, da sie ja für Menschen entwerfen müssen. Wenn diese Architekten ein aufrichtiges Interesse an guter Arbeit haben, wird man das ihren Ergebnissen anmerken.
@Wasser, in dem Interview aus der FAZ wurde mit dem Wort „Geschichte“ die Baugeschichte mit eingeschlossen. Eine Antwort gab es hier auch schon in einem Zitat von Friedrich Schinkel, und zwar 3 Absätze über der Stelle, auf die sie Bezug nehmen, in dem Interview in der FAZ.
Das der Gesamtentwurf keine Repetierung des alten Schlosses ist, steht außer Frage, gerade deswegen wird er hier von den Schlossnachbaubefürwortern kritisiert.
Dass er voller Widersprüche steckt haben Sie schon erkannt, und das lag an den Auflagen zu einem Wettbewerb. Ein erstes Posting von mir war Nr.1693, vieles wurde schon angesprochen, wenn man ernsthaft diskutieren möchte, müsste man einmal nachlesen… Dann könnte man zu einem aktuellen Standpunkt einsteigen.
Es gibt ja noch die Frage des Symbolwertes!
Von Mangel an Selbstbewusstsein zu sprechen ist dabei wieder absurd, genauso die Vorhaltung mangelnden Geschichtsbewusstseins.
Sie müssen sich wundern, meine Hauptinteressen sind ua. Gesellschaft und Geschichte, hatte selber schon in Barockschlössern gearbeitet, restauriert, und bewundere überkommene Architektur, bin mit der Kamera unterwegs. s.u.
Eigentlich beantworten Sie immer noch nicht, warum Sie die Barockfassaden brauchen, für den hist. Bezug. Der Begriff „Membran“ wird niemals nachvollziehbar sein nicht im übertragenen, und schon gar nicht im baulichen Sinne.
Der Bau könnte viele Gesichter haben, sofern diese unserer Zeit entspringen. Von „anlehnend“, was ich mir durch Material vorstellen könnte, bis hin zu einem solitären Zeichen, kann der Ausdruck reichen, je nach dem, welche Nutzung, oder Nutzungen er haben mag, dass schlösse eine Flexibilität mit ein, wenn es Modelle dafür gibt!
Die Milieus, von denen Sie sprechen, wie sind die? Was wird sich angleichen? Das ergibt keinen Sinn für mich. Sie können ja nur Milieus, im Sinne von verschiedener Architektur meinen?! Als öffentlicher Bau, werden innen wie außen die gleichen Personen zu finden sein. Oder, innen wissenschaftlich interessierte Menschen, einfach Besucher eben. Und außen?
Wenn sich die Menschen einmal selbstkritisch betrachten, werden sie erkennen, dass für sie die bequemsten „Wahrheiten“, die richtigen „Wahrheiten“ sind. Bequem ist, wenn jemand alleine die Entscheidung trifft. Mitdenken ist unbequem, ein Grund warum Politkern in ihren Parteien machen können was sie wollen.
@Isidor: Phrasen sind in dem Zusammenhang Worte wie:
„modernistisch“,
„Identifikationspunkte“,
„Geschichtsverfälschung“, usw.
„Willkürlich vernichtet“ wurde jüngst der P.d.Republik, als ein Zeugnis von Geschichte, da gebe ich Ihnen Recht.
Wurde wenig rekonstruiert? Worin liegt der Vorteil einer Rekonstruktion?
Wenn Mittel für Denkmalpflege aufgewendet werden sollen ist häufig die Bevölkerung dagegen. Weil es teuer ist, nicht dem techn. Komfortansprüchen genügt, man in der Regel nicht weiß worin der Wert solcher schützenswerter Objekte liegt. Eine komplette Rekonstruktion ist keine Denkmalpflege.
Was ist schön?
Was passiert wenn Sie immer etwas tun müssen um anderen zu gefallen?
Wer diktiert Architektur?
Eine kleine Aufgabe zum Schluss. Was verbinden Sie mit neu erbauten Fassaden des Berliner Schlosses? Warum glauben Sie, dass in Wirklichkeit die Mehrheit den Bau in dieser Form, mit 3 Schlossfassaden eigentlich nicht haben will?
Grumbkow
schrieb am 8. Juni 2009
um
7:41
„Wir bauen das Schloss wieder auf, aber anders.“ Die Versuche, sich das „Humboldt-Forum“ schönzureden, sind jetzt schon kläglich. Wie wird sich das wohl in ein paar Jahren anhören? Übrigens, glaubt hier eigentlich einer, dass dieses „Humboldt-Forum“ ernsthaft das Zeug hätte, mal in einem Standardwerk der Architekturgeschichte zu landen? Ja, klar, Ihnen ist das vielleicht egal. Mir nicht. Aber die Chance auf ein Bauwerk, um das uns die Welt beneidet, wurde gründlich verstolpert. Um ein Schloss würde man uns beneiden, aber nicht um das, was da ab 2010 auf dem Schlossplatz zusammengenagelt wird.
Kreuzberger
schrieb am 7. Juni 2009
um
23:05
Ich freue mich über Beiträge wie den von Thomas (1765).:-)
Er wird es noch erleben, wie dieser ganze Modernistenhype in sich zusammenfallen wird wie vor 20 Jahren der Sozialismus.
Irgendwann rennt auch die revolutionärste Avantgarde der Entwicklung nur noch hinterher.
Isidor
schrieb am 7. Juni 2009
um
17:57
Ja, es stimmt, dieses Vorhaben in Paris wurde durch die Wiederaufbaubestrebungen des Berliner Schlosses motiviert, ich weiß jedoch nicht, wie weit die Planungen da sind. Dass es in Frankreich einen ähnlichen Dissens über dieses Projekt gibt, wage ich ebenfalls zu bezweifeln.
Es wird ja immer wieder von modernistischen Architekten in Rekonstruktionsdebatten das Argument der fehlenden Authentizität herangezogen. Dabei fallen dann jedes Mal die gleichen Phrasenwörter von \"Disneyland\" bis \"Geschichtsverfälschung\". Dass es dabei aber in erster Linie um die Wiedergewinnung von wichtigen Identifikationspunkten geht, deren willkürliche Vernichtung die eigentliche Geschichtsverfälschung darstellt, wird nicht bedacht. Auch kann ich nicht nachvollziehen, was der Wiederaufbau eines Hauses, das über Jahrhunderte hinweg an dieser Stelle stand und dass die Kultur und Geschichte des Landes und der Stadt widerspiegelt, mit Disneyland zu tun haben soll. Diesen Namen würde ich doch eher einer tausend Jahre alten deutschen Fachwerkstadt geben, die sich nach ihrer Zerstörung auf einmal entschließt, das Imitat einer amerikanischen Metropole zu sein und sich dann liebevoll \"Mainhattan\" nennt.
Doch so sind die meisten Architekten von heute nun einmal. Mit aller Macht stemmen sie sich gegen jedes Rekonstruktionsvorhaben und versuchen die Bevölkerung verzweifelt davon zu überzeugen, dass man auf keinen Fall \"rückwärtsgewandt\" sein darf; auch wer Kritik an einem modernen Bauwerk äußert, sieht sich schnell mit solch furchtbaren Vorwürfen konfrontiert. Was steckt dahinter? Sicherlich spricht diese aggressive Verteidigung und Anfeindung gegen Andersdenkende nicht gerade von einem starken Selbstbewusstsein. Wären die modernen Architekten tatsächlich ernsthaft davon überzeugt, dass ihre Architektur der anderen überlegen ist - sie würden wohl kaum jedes Mal so ein Spektakel veranstalten. Die martialischen Deklarationen der Jurymitglieder im Vorfeld des Schlosswettbewerbs sind dafür charakteristisch. Wer nicht uneingeschränkt für einen modernen Entwurf sei, verrate seinen Beruf, hieß es da sinngemäß von einer Architektin. Was offenbart so eine Aussage doch für Komplexe! Denn ich denke, dass sich die Architekten durchaus des allgemein fehlenden Verständnisses für ihre Arbeiten bewusst sind. Doch statt die Kritik aus der Bevölkerung anzunehmen, wird der eigene Standpunkt eisern verteidigt, ohne auch nur ein Stück davon abzuweichen. Schließlich sieht man sich als Künstler und baut nicht für die anderen, sondern in erster Linie für sich selbst! So kann es einem auch egal sein, was die anderen denken.
Aber ist das wirklich der Sinn der Sache? Sollte Architektur nicht versuchen, möglichst vielen zu gefallen und zur Verschönerung der Stadt beizutragen? Scheinbar nicht nach Auffassung der meisten modernen Architekten. Nach ihrer Meinung muss Architektur provozieren und darf alles sein, nur nicht schön und damit rückwärtsgewandt. Nein, keine bauliche Reminiszenz darf an die kulturgeschichtliche Vergangenheit erinnern und wer Naturstein- statt Glas- oder Betonfassaden verwendet, gilt unter seinen Kollegen bereits als höchst verdächtig und muss mit Anfeindungen rechnen.
So ist das eben. Jede Diktatur muss sich mit aller Härte und Gewalt gegen ihre Gegner richten, weil sie sonst ganz schnell untergehen wird. Und auch die modernistische Achitektur (man sehe mir diesen, meiner Meinung nach sehr treffenden Vergleich nach), die uns diktiert, was wir schön zu finden haben und was nicht, muss zu diesen rabbiaten Mitteln greifen. Denn das weiß sie: Wenn allzu viele Menschen Gefallen an ästhetischer und \"historisierender\" Architektur finden, wird das ihr Ende bedeuten.
Wasser
schrieb am 7. Juni 2009
um
15:14
Eine Frage am Rande:
Gab es nicht mal die Idee das Palais des Tuileries unweit des Louvre zu rekonstruieren?
Vielleich gewinnt dieses Projekt durch das Berliner Stadtschloss wieder an fahrt. Wäre interessant mitzuerleben, ob die Franzosen ebenso hitzige und langwierige Diskussionen führen, wie die Deutschen.
Das ist aber eher unwahrscheinlich, denn...
...\"Frankreich hat ja eine ganz andere politische Kultur. Der Präsident entscheidet einfach, was passiert.\" (FAZ)
Und vor allem ist das französische Volk sich irgendwie selbst bewusster.
Thomas
schrieb am 7. Juni 2009
um
14:52
Ich (25 Jhare alt/jung) finde den historischen Schloßaufbau wunderbar!!! Ich denke meine Generation hat da nicht so viel Probleme mit. Wir sind in der Welt rumgekommen und sehen \"meckern\" als nicht unsere Profession an! Ich freu mich durch Mitte zu spazieren und diesen wunderbaren Raumeindruck den das Schloß dann bieten wird zu genießen! Es wird dazu beitragen, dass Berlin nicht genauso gesichtslos wird wie viele andere Stadte \"all over the world\".
Wasser
schrieb am 7. Juni 2009
um
14:42
//Haben Sie eigentlich den Artikel der FAZ gelesen?//
„Was wäre Ihr Vorschlag?
Dass der Prozess genau dort fortgesetzt wird, wo er geendet hat. Dass nun mit zeitgenössischer Architektur fortgefahren wird. Das ist, glaube ich, das Wesentliche. Jeder verantwortungsvolle Architekt wird das Gedächtnis dieses Ortes auch miteinbeziehen. Aber die Geschichte sollte transformiert werden und nicht wiederholt.“
Vorab möchte ich auf den letzen Satz eingehen, da heute weiterhin so argumentiert wird:
Es sollte eher „Baugeschichte“ heißen, ansonsten erschließt sich mir der Sinn der Forderung/Behauptung nicht, denn Geschichte lässt sich nicht transformieren oder wiederholen; nur weiterschreiben. Das Humboldtforum und der Stella-Entwurf im Kontext mit den Rekonstruktionen sind nun wirklich keine Geschichtsrepetitionen.
Ich behaupte mal frech, dass in diesem Satz auch das Selbstverständnis vieler Architekten offenbart wird, Geschichtsschreiber zu sein.
Das restliche Zitat beschreibt quasi den Entwurf des verantwortungsvollen und mir sehr sympathischen Herrn Stella!
//Sie gehen ja schon von Anfang an davon aus, dass ein Bezug zw. Vergangenheit und Zukunft nur über neu zu errichtende Barockfassaden herzustellen sei.//
Irgendwie muss - meinem Erachten nach - der Bezug zum Stadtschloss hergestellt werden. Das Konzept der Barockfassaden überzeugt mich einfach. Ich war und bin aber weiterhin offen mich mit anderen Vorschlägen und Konzepten auseinander zusetzten.
Auch wenn diese Diskussion hier nicht dazu beiträgt, den anderen von seiner eigenen Position zu überzeugen (Karussell), interessiert mich dennoch weiterhin, wie das Gebäude – ihrer Meinung nach - in etwa außen aussehen soll (Centre Pompidou, Musée du quai Branly oder eine klassische Formensprache etc.)
//Sie sagen: „Die äußere Form der inneren Funktion unterzuordnen ist generell OK, hier aber nicht.“
Folgen wird man Ihnen nur können, wenn Sie plausibel machen, warum Sie dieser Ansicht sind.//
Wenn es nur darum ginge, ein Gebäude zu errichten in dem die ethnologischen Sammlungen optimal ausgestellt werden können und zur Geltung kommen und in dem die Bibliothek optimale Räumlichkeiten und Entfaltungsmöglichkeiten erhält, dann kann und sollte die äußere Form der inneren Funktion folgen.
Bei dem Humboldtforum handelt es sich aber nicht um einen reinen Zweckbau, maßgeschneidert für zwei, drei bestimmte Nutzungen (im Inneren). Ebenso wichtig, wie den Ansprüchen der Nutzer nachzukommen, ist es, die Ansprüche zu berücksichtigen, die von (im doppelten Sinn) Außenstehenden kommen.
//Aber um Sie beim Wort zu nehmen, eine Fassade trennt immer Außen und Innen. In welcher Weise verschmilzt Ihrer Ansicht nach dieses Außen, mit dem Inneren? Eine Fassade die nicht zu einem Gebäude gehört „verschmilzt“ höchstens durch Mauerfugen, nicht aber gedanklich mit dem was sich dahinter verbirgt.
Ein Gedankenmodell das besser zutrifft ist eine Fassade die für sich als ein Hüllenkörper oder gleich einer Maske, oder einem Überzug auf dem Bau sitzt, und im Inneren nicht das ermöglicht, was nötig wäre. Und wozu?//
Das Humboldtforum ist auch für mich nicht aller Tage Abend (siehe #1761).
Um bei dem Bild der „Membran“ zu bleiben: Beidseitig der Barockfassaden sind verschiedene „Milieus“ (Anspruch/Erwartung und Nutzung), die sich mehr und mehr angleichen werden, irgendwann... 🙂
Die Barockfassade nimmt eine Schlüsselfunktion ein.
Kreuzberger
schrieb am 7. Juni 2009
um
9:36
@nachdenklich:
Das ist eine lustige Frage, die Sie da stellen. Ich muß sie aber nicht wirklich beantworten?
Es freut mich, daß Sie die Eignung des wiedererstehenden Schlosses für eine Funktion wie sie der Louvre hat, generell
nachvollziehen können.
Nur: Daß der Louvre nicht zwischenzeitlich einmal versehentlich abgerissen und dann wiederaufgebaut wurde, ist in diesem Zusammenhang nicht das wichtigste, wie Sie meinen, sondern ein unbedeutender Nebenaspekt.
Wird Ihnen auf Karussells auch immer so schwindelig? 🙂
nachdenklich
schrieb am 7. Juni 2009
um
8:23
@Wasser
Der Begriff „Gästebuchkarussell“ ist wohl zutreffend. Haben Sie eigentlich den Artikel der FAZ gelesen?
Sie gehen ja schon von Anfang an davon aus, dass ein Bezug zw. Vergangenheit und Zukunft nur über neu zu errichtende Barockfassaden herzustellen sei.
Sie sagen: „Die äußere Form der inneren Funktion unterzuordnen ist generell OK, hier aber nicht.“
Folgen wird man Ihnen nur können, wenn Sie plausibel machen, warum Sie dieser Ansicht sind.
Aber um Sie beim Wort zu nehmen, eine Fassade trennt immer Außen und Innen. In welcher Weise verschmilzt Ihrer Ansicht nach dieses Außen, mit dem Inneren? Eine Fassade die nicht zu einem Gebäude gehört „verschmilzt“ höchstens durch Mauerfugen, nicht aber gedanklich mit dem was sich dahinter verbirgt.
Ein Gedankenmodell das besser zutrifft ist eine Fassade die für sich als ein Hüllenkörper oder gleich einer Maske, oder einem Überzug auf dem Bau sitzt, und im Inneren nicht das ermöglicht, was nötig wäre. Und wozu?
@Kreuzberger
Das Karussell dreht sich weiter. 😉
Wenn sich ein Barockschloss so gut für eine Gemäldegalerie eignet, warum baut man dann generell für Gemäldegalerien keine Barockschlösser?
Wiederholung (Karussell): Der Louvre in Paris war als Schloss entworfen, und auch so genutzt worden. Schon recht früh wurden hier Kunstsammlungen eingebracht, und während einer Fase der Vernachlässigung wohnten sogar Künstler dort.
Was aber das wichtigste ist, der Louvre war nicht verschwunden, sondern wurde umgenutzt!
Der Leser mag diesen Link einmal in seine Adressleiste kopieren: http://de.wikipedia.org/wiki/Louvre
Berlin hat kein Schloss mehr, das sich umnutzen ließe!
Kreuzberger
schrieb am 6. Juni 2009
um
21:47
Ich möchte wetten, daß das Schloß in 100 Jahren ganz nach Art des Pariser Louvre die Glanzstücke der Berliner Gemälde- und Skulpturensammlungen aufnehmen wird. Dafür sind die räumlichen Gegebenheiten jedenfalls besser geeignet, als für teils sperrige, teils barockinkompatible Exponate exotischer Kulturen. Für die ethnologischen Sammlungen wird sich bis dahin eine adäquate Ausstellungsmöglichkeit gefunden haben, vielleicht auch ein zentral gelegener Neubau.
volker
schrieb am 6. Juni 2009
um
20:40
mich überzeugt die nutzung des schlosses als ethnologisches museum nicht so recht. wenn aber zu den außenfassaden auch die wichtigsten säle in ihren abmessungen hergestellt werden, kann ich mit der übergangsnutzung ethnologisches museum gut auskommen.
Wasser
schrieb am 6. Juni 2009
um
19:07
//Es wäre naiv mit einem Bild (von Außen) anzufangen. Vielleicht kann man sich zuerst fragen, was könnte hier passieren? Und dann überlegen, wo gibt es Gebäude (und städtischen Raum) in denen/dem heute Ähnliches, oder Gleiches passiert.//
Ich bezweifle, dass es überhaupt ein vergleichbares Projekt gibt, das eine derart große Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft und Nutzung und Anspruch schlägt. Dass ein solches Bauwerk in fast allen Bereichen widersprüchlich ist, lässt sich nicht vermeiden. Aus diesem Grund kann/sollte man durchaus das äußere Bild gesondert zu betrachten.
Die Schlossfassade ist in meinen Augen wie eine semipermeable Membran, die Innen und Außen trennt und das Verschmelzen trotzdem zulässt.
Die äußere Form der inneren Funktion unterzuordnen ist generell OK, hier aber nicht.
nachdenklich
schrieb am 6. Juni 2009
um
13:19
Ihre Frage überrascht nicht, und an der Art wie Sie sie stellen erkennt man, dass Sie vermutlich so etwas wie einen anderen „Farbvorschlag“ erwarten, um dann sagen zu können, dieser Ton passt hier, und dieser dort nicht, weil ja „Ton in Ton“ so gut gefällt.
D.h., ich unterstelle einmal, da Sie ja von „hinpassen“ sprechen, dass Sie nach einem formalen Bild fragen. Sie möchten ja ein Beispielgebäude genannt bekommen, das Sie dann sicher von außen erkennen. (Ich möchte damit aber nicht sagen, dass das Äußere nicht wichtig wäre.)
Es könnte aber auch sein, dass Sie meinen, was für ein Gebäude passt inhaltlich hierher. Dann hätten Sie schon wie ein Architekt gefragt! (Eigentlich sollten aber nicht nur Architekten so fragen!)
Es wäre naiv mit einem Bild (von Außen) anzufangen. Vielleicht kann man sich zuerst fragen, was könnte hier passieren? Und dann überlegen, wo gibt es Gebäude (und städtischen Raum) in denen/dem heute Ähnliches, oder Gleiches passiert.
Dann hat man schon so etwas wie ein Bild.
Ein Humboldtforum sagt ja schon in etwa, was passieren soll, und schließe dabei weitere Nutzungen mit ein, die ein bestimmtes Geschehnis an diesem Ort zur Folge haben werden.
Später, während eines Entwurfes für eben diese Nutzungen, kommt es dann immer zu einem Prozess, bei dem das Innere, das Äußere ergibt, und umgekehrt, alles bedingt sich, hier brauche ich Licht, hier nicht, hier kommen viele Menschen, hier braucht man Ruhe (z.B. eine Ausstellung)
Da ja das alte Schloss gar nicht so funktionierte, sondern ein Ort der Repräsentation war, auch ein Ergebnis eines festgelegten Protokolls der Lebensführung einer Fürstenfamilie, hat es natürlich auch andere Anforderungen an seine Form, andere Bedürfnisse an Zugängen, andere Erfordernisse an Licht usw., und damit natürlich eine andere Fassade. Auch dem Schloss sah man deshalb damals an, dass es ein Schloss war.
Nun haben wir noch nicht einmal ein Schloss!
Wir bauen also eine Fassade, die Lichtverhältnisse und Zugänge schafft, die wir gar nicht brauchen, ja, die ein bestimmtes Leben, nicht, oder nur schwer zulassen!
Natürlich gibt es welche, die wollen das Schloss, so wie es war. (Dann stimmen die Lichtverhältnisse 😉 )
Und was passiert dann? Dann wählen wir den König! – Oder wir laufen mit Filzpantoffeln durch die Säle, mit dem Gedanken, wie toll die Könige vor 300 Jahren, ähem, ich meine vor 3 Jahren gebaut haben.
Hier ist noch einmal ein Link, den man sich in die Adressleiste kopieren kann, zu einer interessanten Sendung des DLF: http://www.faz.net/s/RubCC21B04EE95145B3AC877C874FB1B611/Doc~E3F97EAE99BAD4C26907BC3A70E641AD2~ATpl~Ecommon~Scontent.html