„Einheitsdenkmal – Ja. Aber nicht so“

15.02.2017   Süddeutsche Zeitung

 

Meinung

Von Kia Vahland

Lange Zeit hatte Deutschland ein gebrochenes Verhältnis zu Denkmälern. Früher verherrlichten sie oft Kriege und nationalen Größenwahn. Das hat sich im wiedervereinigten Deutschland geändert. Das Holocaustmahnmal in Berlin ist zu einem Ort geworden, an dem sich die Nation ihre schreckliche Vergangenheit vergegenwärtigt. Lange war es umstritten, nun stellen nur noch Rechtsextreme seinen Sinn infrage. Ein demokratisches Land braucht Orte, an denen es sich der eigenen Geschichte vergewissert. Sie sind nicht fürchterlich, sondern Teil der kollektiven Identität.

Dem Holocaustmahnmal könnte sich nun vor dem Stadtschloss ein Denkmal für die deutsche Einheit beigesellen. Am Sonntag forderte dies Bundestagspräsident Norbert Lammert, nun unterstützen ihn die Fraktionschefs von CDU/CSU und SPD. Politisch ist das richtig.

Dieses Denkmal soll an etwas Positives erinnern, an die Kraft der Bürger, ihr Land zu gestalten. Bleibt die Frage, ob dem Entwurf von Johannes Milla dies gelingt: eine Wippe, die sich bewegt, wenn man sie zu mehreren betritt. Das allerdings ist eher lustig als durchdacht. Revolutionen, auch friedliche, sind kein Spielplatz. Die DDR-Bürger haben wirklich etwas riskiert für die Einheit. Eine kantenfreie, glitzernde Schale zum Herumturnen verharmlost ihren Einsatz und den Preis, den politisches Engagement manchmal hat.

 

Feuilleton

Von Kia Vahland

Das Einheitsdenkmal kommt nun doch Von Kia Vahland Die Fraktionschefs von Union und SPD, Volker Kauder und Thomas Oppermann, haben sich endlich auf den Bau des Einheitsdenkmals verständigt, wie Politiker der CDU berichten. Das Denkmal soll, wie ursprünglich geplant, vor dem gerade im Bau befindlichen Berliner Stadtschloss stehen. Den Wettbewerb hatten in zweiter Runde der Stuttgarter Architekt Johannes Milla und die Choreografin Sasha Waltz gewonnen, Waltz hat sich inzwischen aus dem Projekt verabschiedet. Millas Entwurf (Abb.: Milla & Partner, dpa) sieht eine Art Wippe vor, eine golden schimmernde Schale, die sich neigt und hebt, wenn man sie mit mehreren 2 Menschen betritt. Das Denkmal der deutschen Einheit soll so die gestalterische Kraft der Bürgerinnen und Bürger versinnbildlichen, der Schriftzug dazu wird lauten: „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.“ Das Denkmal hätte schon zum 25. Jahrestag der Einheit vor zwei Jahren eingeweiht werden sollen. Doch bei der Bauplanung kam es zu Verzögerungen. Die begehbare Skulptur soll auf dem Sockel des einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmals stehen, dort wurden alte Mosaike gefunden; zudem wurde über Barrierefreiheit diskutiert. Schließlich kippte der Haushaltsausschuss das Projekt wegen einer Kostensteigerung um mehrere Millionen, die sich allerdings später als Rechenfehler erwies. Derselbe Ausschuss bewilligte dann jedoch noch mehr Mittel, 18,5 Millionen Euro, um außer dem Denkmal auch die Kolonnaden des einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmals wiederzuerrichten, was Bundestag und Jury nicht beschlossen hatten. Zu dieser eher historistischen als demokratiekompatiblen Lösung wird es jetzt wohl nicht kommen. Stattdessen wird vielleicht bald gewippt und geschaukelt im Herzen Berlins.

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 15.02.2017