„Wie aus einem Luftschloss Realität wurde“

27.02.2017    Berliner Morgenpost

 

Mit Zähigkeit und Taktik erstritt er den Neuaufbau des Berliner Schlosses: Wilhelm von Boddien wird am Montag 75 Jahre alt.

Von Isabel Metzger

Als Wilhelm von Boddien mit 19 Jahren, kurz vor dem Mauerbau, zum ersten Mal auf den Berliner Schlossplatz trat, da tat sich vor ihm ein Loch auf: 1950 waren die Mauern des Schlosses gesprengt worden. Der einst so prächtige Kuppelbau, die streng gegliederten Barockfassaden, der Vorplatz mit Lustgarten: Sämtliche Spuren der königlichen Residenz mitten im Zentrum von Berlin schienen verschwunden. Auf der Südseite des Platzes erstreckte sich über mehrere Hundert Meter eine Steinwüste, aufgeschüttet mit Splitt. Dahinter: Blick auf die Spree.

An diesem Tag begann für den Kaufmann ein jahrzehnte- langer Traum: der Wiederaufbau des Berliner Schlosses – und damit ein Lebenswerk. Am heutigen Montag wird der Begründer des Fördervereins Berliner Schloss 75 Jahre alt. Zwei Jahre bevor der Wiederaufbau voraussichtlich abgeschlossen sein wird.

Ohne den zähen Einsatz des Hanseaten wäre das wohl anders verlaufen. Bis der Deutsche Bundestag 2002 den entsprechenden Entschluss fasste, musste Wilhelm von Boddien mit reichlich Gegenwind kämpfen. Zu teuer, technisch nicht realisierbar – so schlug ihm kurz nach der Wiedervereinigung die Kritik entgegen. Trotzdem gründete er 1992 einen Förderverein, um den Wiederaufbau in die Tat umzusetzen: damals noch belächelt und abgetan als Hirngespinst eines Preußenverliebten.

Die Berliner Mitte sollte kein „Groß-Tübingen“ werden

Von Boddien ließ nicht locker, ließ exak­te Fassadenpläne anfertigen, noch lange bevor gesichert war, ob das Berliner Schloss überhaupt neu errichtet werden sollte. Seine Mittel: taktisches Geschick und Schlagfertigkeit. Noch in den 90er-Jahren schwebte die Diskussion im Raum, am Schlossplatz besser nur eine Bibliothek zu bauen. Den Vorschlag schmetterte von Boddien ab. Berlins Mitte solle kein „Groß-Tübingen“ werden. Wenn schon Hauptstadtzentrum, dann doch bitte richtig.

Manche Kritiker behaupteten, eine originalgetreue Rekonstruktion der Fassaden sei technisch nicht möglich. Da kramte von Boddien aus den Tiefen der Archive historische Messbildfotos und vergessene Detailzeichnungen hervor, finanzierte ein eigenes Forschungsprojekt an der Technischen Universität Berlin. Um den Passanten einen realistischen Eindruck des Berliner Schlosses zu vermitteln, ließ er in Zusammenarbeit mit Historikern auf der Spreeinsel eine Attrappe aus Folien und Gerüsten emporziehen, ging dabei als Privatmann finanzielle Risiken ein.

Schließlich stimmte der Bundestag dem Wiederaufbau zu, rund 500 Millionen Euro waren dafür vorgesehen. Dem Beschluss voran ging eine heftige Debatte, erst um den Abriss des Palastes der Republik, dann um die Frage, ob im Zentrum der Hauptstadt nicht lieber ein modernes Gebäude stehen sollte.

Parallel dazu sammelt von Boddien seit 25 Jahren Geld für die Schlossfassaden. Von den benötigten 105 Millionen Euro hat der Verein nach eigenen Angaben inzwischen 66 Millionen beisammen. Und es sieht bislang auch danach aus, dass es mit der Eröffnung des Bauwerks im Jahr 2019 klappt. Dann sollen in den Räumlichkeiten des Humboldt Forums unter anderem Sammlungen der außereuropäischen Kunst der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu sehen sein. Johannes Wien, Vereinsvorstand, dankte von Boddien für sein Engagement: „Die ,Linden‘ bekommen mit dem Schloss vom Brandenburger Tor aus wieder einen angemessenen point de vue.“

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 27.02.2017