„Alexander von Humboldt – Kein Gelehrter im Elfenbeinturm“

05.12.2016    Deutschlandradio Kultur

Von Christian Habermalz

Alexander von Humboldt gilt als Gelehrter mit universalen Kenntnissen. Und er war seiner Zeit voraus: Bereits 1800 warnte er vor dem Klimawandel. Weshalb der Wissenschaftler heute noch wichtig ist, das diskutierten jetzt Humboldt-Biografin Andrea Wulf und Humbold-Forum-Chef Neil MacGregor.

Alexander von Humboldt war seiner Zeit in vielem weit voraus. Er bereiste und beschrieb nicht nur die Neue Welt und eine Vielzahl von Naturphänomen, er begriff die Natur auch als erster als ein Ökosystem, in dem die kleinste Ameise mit dem größten Baum in Verbindung steht. Er warnte auch bereits 1800 vor den verheerenden Folgen von Waldrodungen und einem menschengemachten Klimawandel.

„Er war kein Gelehrter im Elfenbeinturm. Genau das Gegenteil: Er war ein mutiger Abenteurer, er musste in der Natur sein, ob das halberfroren in den Anden war oder auf rasanter Fahrt durch verseuchte Gebiete in Sibirien. Er war ein rastloser Mensch und sagte von sich selber, dass er sich fühlte als wenn er von zehntausend Säuen gejagt würde“, …

…erzählt die Journalistin und Buchautorin Andrea Wulf über den großen Universalgelehrten. Und Neil MacGregeor, Gründungsintendant des Humboldtforums, lobt Humboldt als einen Wissenschaftler, der schon früh Wissenschaft demokratisiert und popularisiert habe: Mit seinen Kosmos-Vorlesungen, die er jahrelang in Berlin gehalten habe, gratis – und in denen der Kaiser ebenso saß wie die Berliner Dienstmädchen. Und die Hälfte waren Frauen.

„Seine Vision von einer Welt ist heute aktueller denn je. Der Klimawandel und seine Folgen betreffen uns alle. Extreme Naturkastastrophen wie Dürre, Überflutungen oder die Versauerung der Meere sind nur einige Beispiele unserer immer enger verbundenen Welt.“

So manch erheiternder Moment

Mit Neil MacGregor und der Deutsch-Britin Andrea Wulf sind zwei ausgemachte Humboldt-Fans aufeinandergetroffen. Kontroversen waren da eher nicht zu erwarten – eher wurde der Abend im Kronprinzenpalais zu einem klugen, unterhaltsamen Humboldt-Geplauder – mit so manchem erheiterndem Moment. Etwa wenn Neil MacGregor aufzählt, wo in der Welt man überall auf den Namen Humboldt stößt.

„Der Humboldt-Gletscher in Nordwest-Grönland. Die Humboldt-Bucht in Nordkalifornien, wo es die Humboldt-County gibt und wo man auch Humboldt Cheese Chops und Humboldt Burger Bars findet.“

Wulf: „Und er war auch ein bisschen ein Angeber. Also ich habe einen ganz tollen Brief gefunden, den er einer Bekannten in Deutschland schrieb, aus Lateinamerika, ein langer Brief wo er im Detail erklärte welchen Gefahren er sich ausgesetzt hat, und er endete diesen Brief mit dem folgenden Satz: Und Sie meine Gute, wie führen Sie indes Ihr einförmiges Leben fort?“

Neil McGregor: „Humboldt-Berge in Neuseeland, äh, die Humboldt-Lilie und last but not least Humboldt-Pinguin.“

Humboldt, führt Andrea Wulf aus, war auch im Denken ein radikal moderner Mensch. In seinem Kosmos stand alles miteinander in Verbindung. Wenn er schrieb, dann verließ er schnell die horizontale Linienführung, fügte oben und unten noch etwas dazu, heftete Ergänzungen und Ideen mit kleinen Zettel auf die Seite. Cloud-Mapping würde man das heute nennen. Auch die Künste und die Wissenschaft hatten für ihn nichts Trennendes.

Wulf: „Aber er war nicht nur interessiert an empirischen Daten. Er sagte auch, dass wir die Natur durch unsere Gefühle und unsere Phantasie wahrnehmen sollten. Zu Goethe schrieb er zum Beispiel, die Natur muss gefühlt werden.“

Humboldt passte in keine Schablone

Vielleicht war das der Grund, warum Humboldt im 20. Jahrhundert etwas in Vergessenheit geriet, mutmaßt Wulf. Gefühle und Wissenschaft mochte man lange nicht zusammenbringen. Goethe schätzte Humboldt außerordentlich. Darwin hätte nach eigenem Bekunden die Beagle nie ohne ihn betreten. Mit Thomas Jefferson verband ihn eine enge Freundschaft. Nur das Thema Sklaverei sparten sie aus – denn anders als der Plantagenbesitzer Jefferson lehnt Humboldt die Sklaverei als unmenschlich ab. Nach seiner Rückkehr aus Lateinamerika sparte er nicht mit Kritik an der Ausbeutung der indigenen Bevölkerung durch die Spanische Krone.

In Lateinamerika wird er mehr als Revolutionär durch seine Freundschaft mit dem Unabhängigkeitskämpfer Simon Bolivar erinnert, denn als Wissenschaftler. Überhaupt, sagt Wulf, wurde Humboldt im Rückblick gerne in Teile aufgeteilt – sein universaler Geist passte in keine Schablone. Dass er in der englischsprachigen Welt kaum präsent ist, liege daran, dass er in der Rezeption von Darwin überlagert wurde – und zwei Weltkriege deutsche Kultur im englischen Raum insgesamt desavouiert hätten. Eine Katastrophe, bedauert MacGregor.

„Zwei Propagandakriege haben dafür gesorgt, dass viele deutsche Denker und Künstler bei uns nicht mehr bekannt sind. Im ersten Weltkrieg wurden in England Bach und Beethoven nicht mehr gespielt, in Amerika wurden die deutschen Säle des Metropolitan Museums geschlossen, Humboldt Street in Cincinnati wurde in Taft Street umbenannt und so weiter…“

Dank Andrea Wulfs Buch werde sich dies nun ändern, hofft MacGregor. Und natürlich durch das Humboldt-Forum, in dem erst der Schotte dafür sorgte, dass den Gebrüdern Humboldt dort gebührender Raum eingeräumt wird. Ob ihm das wohl gefallen hätte? Alexander von Humboldt hatte für Berlin lange nicht viel übrig, erzählt Andrea Wulf: Eine Provinzstadt, die 1804, als er aus Amerika zurückkehrte, noch nicht einmal eine Universität hatte. Lange lebte er lieber in Paris. Mit dem heutigen Berlin, international wie es ist, wäre er sicher zufriedener, fügt Wulf hinzu.

 

Quelle: Deutschlandradio Kultur, 05.12.2016

 

 

  • Spender aus der Provinz

    Wunderlich, was man da alles liest!  Mit der Alexander von Humboldt-Verehrung übertrifft man die der Alexander von Humboldt-Stiftung (die, nebenbei, keinerlei Interesse am Humboldt-Forum hat). Und warum wird Herr Neil McGregor immerfort als Schotte bezeichnet (wegen des Mc?) und nicht als Brite?  Vollends abenteuerlich die Behauptung zu den Kosmos-Vorlesungen Humboldts in Berlin ,,in denen der Kaiser ebenso saß wie die Berliner Dienstmädchen“. Meines Wissens hatte Berlin erst ab 18.1.1871 einen Kaiser am Ort — der überflüssige in Wien wird wohl kaum nach Berlin gekommen sein.