„Abschied nehmen von der Humboldt-Box“

22.07.2018   Der Tagesspiegel

Ende 2018 schließt die Humboldt-Box. Was sagen die ehrenamtlichen Helfer, die Besucher in den vergangenen Jahren durch den ungewöhnlichen Bau geschleust haben? Wir haben einen von ihnen getroffen.

Von Christoph Stollowsky

Die Adler betrachtet Volker Münch mit besonderem Vergnügen. „Ist das nicht toll, einfach großartig“, ruft er. Und dann lehnt der ältere Herr erst mal seinen Gehstock an einen Tisch, bevor er sich in 28 Metern Höhe weit über die Brüstung beugt, um auf seine Lieblinge zu zeigen.

Münch steht am Rand der südlichen Dachterrasse der Humboldt-Box und blickt auf die oberste, zum Lustgarten gewandte Etage des wiederaufgebauten Berliner Stadtschlosses. Nur ein schmaler Abgrund trennt den hier oben verblüffend jugendlich wirkenden 85-Jährigen von der nahezu fertig rekonstruierten Barockfassade. Fast zum Greifen nah sind die in Stein gehauenen Adlerköpfe ein paar Meter unterhalb des Dachgesimses aufgereiht. „Jeder Adler ist ein besonderer Typ“, schwärmt Münch. „Einer guckt grimmig, der Nächste nett.“

Gut 180 Meter ist die Nordfassade des künftigen Humboldt-Forums im Stadtschloss lang. Teils stehen noch die Gerüste. Arbeiter am obersten Laufsteg montieren gerade Kupferbleche auf die Gesimse. Darunter schauen Löwenköpfe aus dem Mauerwerk hervor. Die Löwen haben den höchsten Ausguck, noch oberhalb der Adler. Und senkt man den Blick hinab, so lässt sich erahnen, mit welchem Ideenreichtum einst Hofbaumeister Andreas Schlüter ab 1699 im Auftrag von Friedrich I. von Preußen das Äußere des Schlosses plastisch gestaltete und den architektonischen Eindruck himmelwärts steigerte. Sogar jede Fensterreihe unterscheidet sich. Im Parterre sind die Fenstergiebel flach, darüber abgerundet, oben hat jedes Fenster einen spitzen Dreieckshut.

Aktivist des „Fördervereins Berliner Schloss“ erzählt

„Allzu lange werden wir das Schloss aus dieser Höhe nicht mehr bewundern können“, sagt Volker Münch. „So spektakulär nahe kommt man dann nicht mehr ’ran.“ Die Zeit der Humboldt-Box läuft ab. Am 31. Dezember 2018, Punkt 19 Uhr, wird sie geschlossen.

Seit der Eröffnung der Box 2011 hat Münch dort in der Ausstellung des „Fördervereines Berliner Schloss e.V.“ in der ersten Etage zweimal wöchentlich jeweils vier Stunden lang Besucher über die Geschichte Berlins und des Stadtschlosses, über dessen teilweisen Wiederaufbau sowie die Grundideen und Inhalte des Humboldt-Forums informiert. Als ehrenamtlicher Aktivist des Vereins.

Rund 80 solcher Helfer machen diesen Job. In den darüberliegenden Etagen der Box zeigen die Staatlichen Museen zu Berlin wechselnde Ausstellungen. Sozusagen als Appetithappen für ihre künftige Präsenz im Humboldt-Forum der Weltkulturen, dessen Ausstellungen im Geiste Alexander und Wilhelm von Humboldts Kultur, Kunst und Wissenschaften zusammenbringen sollen. „Die Welt hören – unterschiedliche Klangwelten und Kulturen“ heißt die derzeitige Schau. Und ganz oben in der Box erreicht man die Panoramabar mit zwei Dachterrassen.

Das Areal der Box wird ab Januar für geothermische Bohrungen genutzt. „Die Humboldt-Box ist dann Geschichte“, sagt Volker Münch. Er erinnert sich noch gut, wie anfangs etliche Leute über das temporäre, von Stahl und Glas ummantelte Gebäude an der Schlossbaustelle „meckerten“. Der moderne Kontrapunkt zum historischen Umfeld am Lustgarten erschien ihnen wie ein Fremdkörper, Münch sah das anders. Er empfand den Kontrast spannend. Die privat von zwei Werbeagenturen mit Riesenplakaten an der wachsenden Schlossfassade finanzierte Box sollte ja als Ausstellungs- und Infozentrum ins Auge fallen. Und irgendwie war der türkis schimmernde Hingucker für ihn auch ein Symbol für das „abenteuerliche Ringen“ um den Wiederaufbau des Schlosses. Er hat es als Pensionär von Anfang an miterlebt.

Münch, beige Jeans, schwarzes Hemd, schlohweiße Haare, war jahrzehntelang Kapellmeister in verschiedenen DDR-Städten und zuletzt Chefdirigent an der Dresdner Staatsoperette. In seinen letzten Berufsjahren nach der Wende zog er an die Spree, wohnt seither in Reinickendorf, und verband sein Leben leidenschaftlich mit dem Werden und Wachsen des wiedererstandenen Stadtschlosses.

Klar, dass er sich vor allem bis zum Baustart des Schlosses 2013 mit viel Skepsis und heftigem Widerstand auseinandersetzen musste. Von rausgeworfenen Steuergeldern“ war die Rede angesichts des 2002 vom Bundestag beschlossenen, mehr als 550 Millionen Euro teuren Projektes. Selbst in der eigenen Familie hatte der Schloss-Kämpe Gegenwind. „So ein Quatsch“, bekam er zu hören. „Wir leben nicht mehr in der Kaiserzeit.“

Aber Münch blieb auf Kurs. Zu seinem 80.Geburtstag lud er die ganze Familie mitsamt Enkeln und Urenkeln zur höchstpersönlichen Führung durch die Humboldt-Box ein – und leistete offenbar gute Überzeugungsarbeit. Obwohl vom Schloss damals noch kaum mehr als die Fundamente zu sehen waren. Doch je höher Europas derzeit größter Kulturneubau wuchs, umso leiser wurde die Skepsis, während die Spendenbereitschaft „immens zunahm“. Auch die Humboldt-Box wurde seltener kritisiert, zumal sie im Verhältnis zum Schloss nun weniger dominant wirkte.

85 Millionen Euro Spendengelder gesammelt

Apropos Spendentopf. Rund 105 Millionen Euro kostet die komplette Rekonstruktion der barocken Fassade. Diese Summe muss der Förderverein aufbringen. Etwa 85 Millionen Spendengelder sind schon beisammen. Und hier kommt nun Marc Schnurbus ins Spiel. Im Wechsel mit drei weiteren hauptamtlichen Mitarbeitern des Vereins sitzt er in einem kleinen Büro, das zur Schlossausstellung gehört – gleich neben dem beeindruckenden Modell von Berlins Mitte um 1900.

Manchmal stehen Interessenten bei ihm regelrecht Schlange. Er verkauft ihnen barock-klassizistischen Zierrat – zum Beispiel Löwenköpfe aus Sandstein, deren Kopie man sich zuvor in der Ausstellung ansehen kann. Schnurbus (45), Kunsthistoriker und seit seiner Jugend Fan des Schlosses, wie er versichert, versteht es, die Menschen zu begeistern. In der Box arbeitet er seit 2011. „Tut mir leid“, sagt er gerade zu einem Ehepaar aus Erlangen, außenherum am Dachsims sind schon alle Löwen weg.“ Aber im Schlüterhof könnten sie noch einen wunderbaren Kopf erwerben. Das Paar stimmt zu, zahlt 2500 Euro für das Löwenhaupt, das eher wie ein Hundekopf, Typ: Beagle, aussieht – und legt noch 1500 Euro drauf, für die dazugehörige Konsole.

„Die Box war für uns ein Segen“, sagt Schnurbus mit Blick auf die Spendenakquise. Und dann führt er vor, wie jeder Förderer ab einer Gabe von 50 Euro auf der Vereins-Website seine gespendete Skulptur irgendwo an den rekonstruierten Fassaden findet. Einfach den Namen eingeben, schon zoomt das Fadenkreuz einer Schlosssimulation auf den gesuchten Punkt zu.

Die Vorarbeit allerdings leisten Volker Münch und seine Kollegen, wenn sie durch ihre Ausstellung führen. Münch beginnt ganz unten am Eingang zur Box. Dort steht Moritz Maurits, Prinz von Oranien, auf einem Sockel. Einst hatte er seinen Platz auf der Ballustrade der Schlossterrassen. Doch der Luftangriff aufs Schloss im Februar 1945 und die spätere Sprengung des Gebäudes 1950 setzten ihm arg zu. Die lebensgroße Skulptur verlor die rechte Hand und drei Finger an der Linken.

Begeistern konnte er „fast ausschließlich Westdeutsche und West-Berliner“

Charlotte von Mahlsdorf, Initiatorin des Gründerzeitmuseum in Mahlsdorf, hat die Konsolen einst aus dem Schutt gerettet. Videos zeigen, wie Skulpteure in der Schlossbauhütte in Spandau das Bildprogramm der Fassaden – von Putten bis zu Widdern und Posaunenengeln – nach historischen Unterlagen und Fotos modellieren, gießen und neu in Stein schlagen. Etliche Modelle kann man neben den Monitoren gleich bewundern. Selbst Gegner seien nach dem Rundgang „wie rumgedreht“, sagt Münch.

Er erzählt auch gerne, wie die Schar der Schloss-Befürworter seit Mitte der Neunziger alles dransetzte, „die Herzen der Berliner“ für ihre Sache zu gewinnen. Mit Infoständen beim Pferderennen in Hoppegarten, an wechselnden Ausstellungsorten. Die beste Idee aber hatte der Gründer und Geschäftsführer des Fördervereines, Wilhelm von Boddien, als er 1993 auf einer riesigen Fassadentapete am Palast der Republik die Illusion des intakten Schlosses simulierte. „Das war die Initialzündung“, sagt Münch.

Ein Cappuccino in der Panorama-Bar? Er drückt auf den Liftknopf, fünfter Stock. Sein Job in der Box habe immer „viel Spaß gemacht“, erzählt er. Das Publikum stelle jede Menge Fragen. Vieles hat er sich angelesen über „Friedrich, Friedrich Wilhelm & Co.“, über Insignien und Atlanten. Begeistern konnte er damit aber offenbar „fast ausschließlich Westdeutsche und West-Berliner“. Das Interesse der einstigen DDRler „war „gering“. Und dann sagt er noch, das Schlossprojekt sei weitgehend – oh Wunder – im Zeitplan und Kostenrahmen geblieben. „Ein Unikum in Berlin.“

Zum Abschied geht Münch hinaus auf die zweite Aussichtsterrasse mit Blick zum Lustgarten, zum Berliner Dom und Alten Museum. Freude spielt um seine Augen. „Wenn die Box verschwunden ist und das letzte Gerüst am Schloss fällt, dann wird dies einer der schönsten Plätze Europas sein“.

 

Quelle: Der Tagesspiegel, 22.07.2018

 

 

 
 
 

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