„Spender wehren sich gegen „öde Steinwüste““

09.03.2020   Berliner Morgenpost

Unterstützer des Fördervereins appellieren an den Regierenden Bürgermeister, das Umfeld „ästhetisch“ zu gestalten.

Von Isabell Jürgens

Im Herbst 2020 soll das Humboldt Forum im Berliner Schloss in Mitte schrittweise eröffnet werden – doch das Schlossumfeld wird dann noch längst nicht fertig sein. Doch nicht nur die Tatsache, dass das Umfeld noch für lange Zeit Baustelle bleiben wird, sorgt für Verdruss bei den Schlossfreunden – auch außerhalb der Hauptstadt. In einem Brief, der der Berliner Morgenpost vorliegt, appellieren die Freundeskreise im Förderverein Berliner Schloss an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), für einen zügigen Baufortschritt – und vor allem eine „ästhetische Gestaltung“ des Schlossumfeldes zu sorgen.

In dem Schreiben erinnern die Sprecher der Freundeskreise Köln, Bonn und Düsseldorf den Regierenden Bürgermeister daran, dass das „nationale Kulturprojekt bekanntlich vom deutschen Steuerzahler und von zahlreichen Spendern in ganz Deutschland“ finanziert werde. Insgesamt 100 Millionen Euro hat der Förderverein an privaten Spenden eingesammelt. Die restlichen fünf der insgesamt zugesagten Spendensumme in Höhe von 105 Millionen Euro soll im Laufe dieses Jahres abgeliefert werden. Die rheinischen Freundeskreise hätten dazu im Laufe der vergangenen Jahre insgesamt rund vier Millionen Euro beigetragen, schreiben Arnd Böhme (Freundeskreis Köln und Bonn) sowie Ulf Doepner (Freundeskreis Düsseldorf).

„Besonderes Beispiel von Politversagen“

Berlin erhalte mit dem Schloss gleich in zweifacher Hinsicht ein großartiges Geschenk, erinnern die beiden Unterzeichner des Briefes den Regierenden Bürgermeister: Die Wiedergewinnung der stadtarchitektonischen Mitte durch das Schloss und das Humboldt Forum, das als ein modernes Museum der Weltkulturen die Museumsinsel ergänzt.

„Angesichts dessen fragt sich allerdings alle Welt, welchen Beitrag Berlin zur angemessenen Gestaltung des Schlossumfeldes leistet“, fahren Böhme und Doepner fort. Mit dem Baufortschritt am Schlossplatz gehe seitens des Senats keine projektadäquate, zeitlich parallele Gestaltung des Schlossumfeldes einher, so ihr Vorwurf. Und noch viel schlimmer: Nach wie vor halte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher – „offenbar mit Ihrer Billigung“ – an dem Konzept „öde Steinwüste“ fest und widersetze sich einer Rückführung des Neptunbrunnens und der Rossebändiger. Engagierten Bürgern werde so „bedauerlicherweise ein besonderes Beispiel von Politversagen präsentiert, gekennzeichnet durch Unvermögen und Undankbarkeit“.

Streit um den Neptunbrunnen in die Zukunft verlegt

Seit Jahren wird in Berlin um die Rückführung des Neptunbrunnens von seinem gegenwärtigen Standort zwischen Marienkirche und Rotem Rathaus auf den Schlossplatz gestritten. Auslöser des Streits war 2015 die überraschende Zusage des Bundes, zehn Millionen Euro für die Sanierung und Umsetzung der von Reinhold Begas 1888–1891 im Stil des Neobarocks geschaffenen Brunnenanlage an ihren historischen Standort vor dem Berliner Schloss überweisen.

Dabei hatte sich der Berliner Senat zu dem Zeitpunkt noch gar nicht entschieden, ob er das überhaupt möchte. Im Siegerentwurf für die Gestaltung des Schlossumfeldes, den das Büro „bbz Landschaftsarchitekten“ gewonnen hatte, sind weder Neptunbrunnen noch die Rossebändiger, die seit 1945 im Kleistpark in Schöneberg stehen, berücksichtigt. Allerdings hat der Berliner Senat eine spätere Rückführung der Skulpturen und des Brunnens nicht ausgeschlossen – die baulichen Voraussetzungen dafür wurden berücksichtigt.

Arnd Böhme und Ulf Doepner schließen ihren Brief mit einem dringenden Appell an den Regierenden Bürgermeister: „Übernehmen Sie aktiv die politische Verantwortung für eine ästhetisch und historisch adäquate Schlossumfeldgestaltung, machen Sie das Thema zur Chefsache“. Andernfalls laufe Berlin erneut Gefahr, im Herbst anlässlich der Eröffnung des Humboldt Forums aller Welt „ein weiteres Beispiel der Inkompetenz Berlins im Umgang mit Großprojekten zu liefern“.

Verleger Burda spendet Sandsteinskulpturen

Trotz der Kritik vieler Schlossfreunde an der Außengestaltung ist die Spendenbereitschaft für die Schlossrekonstruktion weiter hoch. Am kommenden Donnerstag werden der Verleger Hubert Burda und sein Sohn Jacob die gespendeten Sandsteinskulpturen auf den Kapitellen des Triumphbogens enthüllen.

Für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses sind 615 Millionen Euro veranschlagt. Davon trägt der Bund 483 Millionen Euro, das Land Berlin 32 Millionen Euro. Weitere 105 Millionen Euro für die historische Ausgestaltung sollen durch private Spenden zusammenkommen.

Das 40.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche umfassende Humboldt Forum soll von September an in drei Phasen eröffnet werden – ein Jahr später als ursprünglich geplant. Nutzer sind die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Land Berlin und die Humboldt-Universität. Gezeigt werden Exponate aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien sowie Objekte zur Geschichte Berlins. Zudem sollen Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft vermittelt werden.

Weite Teile des Forums werden in den ersten drei Jahren keinen Eintritt kosten. Für den Bund ist das ein Pilotprojekt. Berlin will für seinen Teil des Forums jedoch Eintritt verlangen.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 09.03.2020

 

11 Kommentare zu “„Spender wehren sich gegen „öde Steinwüste““

  1. Es ist immer wieder das gleiche Spiel. Der Senat mauert, blockiert und trickst. Frei nach dem Motto: „Wir wollten das Schloss nicht, mussten es aber akzeptieren, jetzt kriegt ihr die Retourkutsche, ein ödes Umfeld.“ Der Neptunbrunnen gehört an seinen alten Platz, genau wie die Rossebändiger und die historische Terrasse. Es ist einfach nur peinlich und traurig wie der Senat privates Engagement mit Füßen tritt. So schürt man moch mehr Politikverdrossenheit.

    1. Wie soll sich dies denn nun konzeptionell ergänzen? Einerseits wird streng „minimalistisch“ auf jede Art von Skulpturen im Umfeld zum Schloss (Humboldtforum) verzichtet, um dann aber mit einer überdimensionalen Wippe in Gestalt eines polynesischen Ruderbootes, demonstrativ aufgestellt zwischen der Architektur eines Andreas Schlüter und der Schinkelschen Bauakademie, zu provozieren? Will Berlin wirklich mit dieser akademisch begründeten Formensprache in das beginnende 21. Jahrhundert treten? Die Berliner Kunst – und Baugeschichte hat sich für ihre Jahrhunderte währende harmonische Einheit von Architektur und darstellender Kunst von Skulpturen und Ornamentik höchste Anerkennung erworben. Das soll nun plötzlich nicht mehr wahr sein? Ohne seine überlieferten Skulpturen, südlich westlich und nördlich vom Schloss aufgestellt, verliert Berlin“ Sehenswürdigkeiten, für die die Kunstgeschichte die Stadt bewundert hat! Es sind doch gerade die kunstvoll gestalteten Skulpturen der Oranierfürsten oder der Rossbändiger, die das Umfeld des Schlosses prägten, die dem Besucher der Gegenwart neugierig auf die Vergangenheit des Schlosses machen und ihn somit zum Verweilen auffordern, was doch wohl stets Anliegen einer jeden Stadtarchitektur ist? Ohne diese Skulpturen verlässt der Besucher unbeeindruckt und achselzuckend das dann berechtigterweise als „Steinwüste“ bezeichnete unmittelbare Umfeld des Schlosses.

      Es drängt sich bei dieser nun schön lange währenden Kontroverse leider der Verdacht auf, dass die Parteipolitik Architektur und Kunstgeschichte instrumentalisiert, um den Rückgriff auf überlieferte Konzepte der Architektur als undemokratisch zu denunzieren. Es wundert daher nicht, dass sich bei Rot-Rot-Grün hierfür eine Zahl von Claqueuren findet. Es würde allerdings enttäuschen, wenn umfassend ausgebildete Architekten ihr erworbenes Fachwissen leugnen, um sich ausschließlich in den Dienst einer Partei-Ideologie zu stellen. Ich will auch nicht glauben, dass die Gestaltung von Baupolitik allein von Ideologien dominiert wird und hoffe umso mehr auf Politiker, die , wenn es um das Berliner Schloss/ Humboldtforum geht, dessen gesamtes Erscheinungsbild in Vergangenheit und Gegenwart bewerten und so dazu beitragen, in der Mitte Berlins an die Schönheit von Formen der Vergangenheit erinnern. Die Wertschätzung für die Ästhetik der darstellenden Künste setzt gewiss keine Bindung an weltanschauliche Dogmen voraus!

  2. Dass man darüber überhaupt diskutieren muss…aber die Klientel, die sich eine Schotterschüttung in den Vorgarten fahren lässt und glaubt, damit irgendetwas Hippes, Pflegeleichtes, gar Japanisches zu „gestalten“, glaubt auch, dass ein Natursteinpflastersee irgendwie hipp, pflegeleicht und stylisch aussehen könnte. Früher war das gemeinsame Feindbild der Eternitkübel mit kreischroten Geranien in der Fußgängerzone. Aber was man da heute zu sehen bekommt – fürchterlich. Und spätestens dann, wenn durch die automatischen Kehrmaschinen die Fugen ausgefegt sind, sich die Steine lockern und man mit den losen Steinen das Schloss bewirft, gehen die Schuldzuweisungen los. Überall nur noch öde Granitbeläge…mit dem Totschlagargument „Trinkerszene/Drogenszene“ und „Laufende Kosten“ wird in jeder deutschen Stadt verhindert, irgendwelche Sitzgelegenheiten oder sonstige Möbilierung des öffentlichen Raumes einzuplanen. Hoffentlich kann öffentlicher Druck wenigstens noch das eine oder andere erzwingen…

  3. Guten Abend, ich finde auch die sogenannte Einheitswippe sollte nicht vor dem Schloss stehen! Auf dem Platz vor dem Schloss sollte besser eine alte Statue stehen! Ich möchte nur einmal daran erinnern wie schlimm die Pyramide vor dem Louvre in Paris aussieht, Sie nimmt den Blick auf das wunderschöne alte Museum und das wollen wir doch nicht mit der hässlichen Wippe auch falsch machen! LG. Andreas Müller

  4. Irgendwie war ja klar, dass das Schloss mit seiner Umgebungsgestaltung abgewertet wird. Auf diese Monsterwippe kann man wirklich verzichten. Man könnte sich zum Beispiel am Dresdner Zwinger orientieren und eine Begrünung mit Rasen, flachen Hecken und Blumenrondellen anlegen.

  5. Den Appell der Sprecher der herausragend erfolgreichen Freundeskreise Köln/Bonn und Düsseldorf im Förderverein Berliner Schloss werden die meisten Leser dieser Website unterstützen. Das Verhalten der verantwortlichen Politiker entspricht jedoch der Politik, für die sie demokratisch gewählt wurden. Diese Politik kann man beklagen, aber nur durch Wahl anderer Politiker ändern. Auch die Wippe wird sich wieder abtragen lassen wie das Nationaldenkmal zuvor. Ein Glück, dass Honecker noch das Denkmal Friedrichs des Großen zurückbringen ließ! Die heute in Berlin regierenden Politiker hätten das verhindert. Weiter werben für Änderung des Umfelds wie in dem Schreiben der Freundeskreissprecher! H.J.W. Müller-Kirsten, Mitglied u. Spender seit 2007.

    1. Das ganze war doch abzusehen. Da der Rot-Rot-Grüne Senat das Schloss nicht verhindern konnte, wird jetzt halt das Umfeld verunstaltet. Das ist die Rache der roten Ideologen, grüner Geschichtsvergessenheit und einer unfähigen Senatsbaudirektorin!
      Der Gipfel des Unästhetischen aber ist diese hässliche Wippe vor dem Schloss. Einen unpassenderen Platz hätte man wirklich nicht finden können! Dass Herr Wolfgang Thierse einer der eifrigsten Befürworter der Wippe vor dem Schloss ist, wundert mich nicht!

  6. Die ganze Diskussion um das Schlossumfeld ist doch völlig sinnlos! Die verantwortlichen Politiker haben das so entschieden, wie es jetzt realisiert wird. Bürgerbeteiligung findet immer nur dann statt, wenn es der Politik in der Kram passt. Deshalb kann die Konsequenz nur lauten, die jetzigen Damen und Herren Politiker bei der nächsten Wahl abzustrafen. Zum Thema Wippe ist auch schon viel geschrieben und gesagt worden. Frau Grütters hatte ja versucht die Wippe zu verhindern. Das Ergebnis ist ja bekannt. Es wäre sicherlich sinnvoller gewesen dieses Denkmal vor dem Reichstag zu platzieren. Hier hätte es auch bei der Bevölkerung einen breiten Konsens gegeben. Der jetzige Standort hätte sich hervorragend für ein Restaurant geeignet. Stattdessen baut man ein Café an der Ostseite direkt vor die Stützmauer zur Spree. Ganz tolle Idee! Ich weiß, viel „hätte Fahrradkette“. Die Würfel sind nun mal gefallen und die Aufregung gilt nur der Befriedigung des eigenen Egos. Es glaubt doch wohl keiner, dass irgendein Verantwortlicher diese Kommentare liest und daraus womöglich auch noch Konsequenzen zieht.

  7. Es ist sehr erfreulich, daß die beiden rheinischen Freundeskreise den sozialistisch-kommunistischen Senat auf einige Tatsachen aufmerksam machen, selbst wenn es, wie bei unserer abgehobenen Politikerkaste üblich, vermutlich nichts bringen wird. Die Tatsache, daß das deutsche Volk, der deutsche Steuerzahler und die Mitglieder des Fördervereins, der Stadt Berlin ein überaus großzügiges Geschenk machen, um die Untat eines Bolschewisten namens Walter Ulbricht wieder zum Besseren zu wenden, sollte man diesem Senat täglich vor Augen halten. Bes. die politische Erbin der SED-Diktatur hat nicht den geringsten Grund, sich aufs hohe Roß zu setzen, ganz im Gegenteil: Demut und Buße wegen der ideologisch motivierten Zerstörung eines einmaligen Prachtbaus samt dessen Umgebung wären angesagt. Engagiertes Bemühen um Wiedergutmachung für die Schandtat wäre das Mindeste, was man erwarten könnte. Aber wie schon von anderen Foristen gesagt: Die Berliner Bevölkerung hatte nichts Besseres zu tun, als mehrheitlich linke Parteien zu wählen und den Kommunisten erneut Macht über das Schloß einzuräumen. Das verstehe, wer will. Zu verstehen ist aber auch an diesem Beispiel, daß der Einfluß der linken Parteien, zumindest der SED (oder wie die heute heißt), reduziert werden muß, wenn die Schönheit der Hauptstadt Berlin, die zuerst die Hohenzollern geschaffen haben und die heute durch engagierte Bürger bewahrt wird, nicht dauerhaft Schaden nehmen soll.

  8. Welch ein armseliger, beispielhaft unprofessioneller Entscheidungsmut des Berliner Parlaments:
    „Allerdings hat der Berliner Senat eine spätere Rückführung der Skulpturen und des Brunnens nicht ausgeschlossen – die baulichen Voraussetzungen dafür wurden berücksichtigt.“
    Bei der Schlossrekonstruktion und dem direkten Umfeld geht es schließlich um die Operation am offenen Herzen der Stadt Berlin. Im OP-Saal überlegen der Chefchirurg und das Operationsteam, ob und mit welcher Methode sie die Operation fortführen wollen und was sie überhaupt noch operieren wollen. Armer Patient Berlin, wenn er einem solchen Team ausgeliefert ist, das eine weitere Behandlung nicht ausschließt!

  9. Man braucht sich nur den Pflasterarbeitenfortschritt der letzten vier Wochen anzusehen, um sich vorstellen zu können, wie öde das aussehen wird. Sieht aus wie ein Versuchsfeld für die Handwerkskammer: wer pflastert am gleichmäßigsten die Ödnis herbei. Aber natürlich mit „edlem“ Naturstein – als ob das dem Pflastersee mehr Aufenthaltsqualität geben würde. Noch stehen da die Baucontainer und Gerätschaften, noch ist der Steintrümmersee nicht flächendeckend.Aber guckt man durch die Kamera von Osten, möchte man schon heute weinen.

    Und ich möchte bereits heute eine Wette abschließen: die praktisch glatten Steinwände an der Uferterrasse werden in weniger als 24h nach Freigabe für die Öffentlichkeit durch das erste Graffito „verschönert“. Aber wer wird sich nach Fertigstellung noch das Schloss von dieser Seite ansehen…ich nutze diese Cam eigentlich nur, um den Pflasterwahn zu beobachen und den Baufortschritt der Kuppel zu verfolgen.

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