„Neue Heimat gesucht“

23.10.2019  Süddeutsche Zeitung

Fledermäuse könnten möglicherweise den Bau des Denkmals für die Wiedervereinigung im Zentrum Berlins verhindern. Wurden die geschützten Tiere, die im Sockel wohnen, bei der Planung ignoriert?

Jede Stadt hat ihre Tiere. Die Bundeshauptstadt ist vor allem für ihre Ratten berühmt, aber auch für die Nachtigallen. Füchse streifen durch Ruinen. Wildschweine wühlen im Grunewald. Im Tiergarten haben es sich sogar exotische Sumpfkrebse gemütlich gemacht. Was zumindest in Teilen nur schwer nachzuvollziehen ist, wenn man sich durch den Lärm, die Abgase und die zahllosen Baustellen Berlins kämpft. Vor allem aber ist schwer zu verstehen, warum ausgerechnet Fledermäuse die Hauptstadt lieben. Aber sie tun es. Und das wird für sie jetzt zum Problem.

Mitten in Berlin-Mitte soll ein Denkmal errichtet werden. Die Berliner nennen es die „Einheitswippe“, offiziell heißt es Freiheits- und Einheitsdenkmal. Geplant ist eine 150 Tonnen schwere, 50 Meter lange, 700 Quadratmeter große längliche Schale, die begehbar sein wird und sich je nach der Verteilung der Besucher zur einen oder anderen Seite neigt, nach Osten oder Westen. Die Wippe soll die Einheit des deutschen Volkes symbolisieren – und sie soll auf der Schlossfreiheit gebaut werden, vor dem neu errichteten Berliner Schloss samt Humboldt-Forum. Dort, wo noch nach dem Zweiten Weltkrieg das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal stand, bevor das DDR-Regime den Kaiser abreißen ließ. Aber auch dort, wo in den historischen Gewölben des erhaltenen Sockels bisher zwei streng geschützte Fledermausarten leben: die Wasser- und die Zwergfledermaus.

Es sind sehr kleine, zart erscheinende, unwirkliche Wesen, nur wenige Gramm schwer und kaum länger als ein Daumen. Und es sind nicht gerade viele. Im Sommer hausten Experten zufolge zuletzt etwa 60 Wasserfledermäuse in den Katakomben unter dem fürs Denkmal vorgesehenen Platz, in der kalten Jahreszeit hat man bislang um die zehn Wasser- und 25 Zwergfledermäuse in den temperierten, feuchten Gewölben gezählt. Zwergfledermäuse, die mit dreieinhalb bis sieben Gramm Gewicht und gut vier Zentimeter Länge in eine Streichholzschachtel passen würden, haben nach Aussage des Nabu-Vorsitzenden von Berlin, Rainer Altenkamp, wenig Alternativen für ihren Winterschlaf. „Es gibt zwar andere Quartiere, in die die Tiere ausweichen könnten“, sagt der Biologe. Nur seien diese Unterkünfte meist schon besetzt, denn natürlich gibt es nicht nur am Berliner Schloss Vertreter der einzigen flugfähigen Säugetiere. In der Innenstadt allerdings werden die Rückzugsorte für die Tiere allmählich rar.

Dass im Sockel Fledermäuse wohnen, war schon vor der Bauplanung hinlänglich bekannt

Für die mit rund fünf Zentimeter Länge und bis zu15 Gramm Gewicht etwas größeren Wasserfledermäuse mit ihren auffallend behaarten Füßen sind die menschengemachten Höhlen vor allem für die Aufzucht des Nachwuchses wichtig. In Kammer acht des sogenannten Ostgewölbes befindet sich eine Wochenstube, so heißen die Aufzuchtgemeinschaften der Tiere. „Es ist die einzige Wochenstube von Wasserfledermäusen, die wir im Stadtgebiet bislang kennen“, sagt Altenkamp.

Zugleich handelt es sich um eine von sehr wenigen Wochenstuben, die in diesen Breitengraden überhaupt in steinernen Höhlen eingerichtet wurden. Normalerweise sucht sich Myotis daubentonii unter den hiesigen Bedingungen Baumhöhlen für die Aufzucht, der feuchten Wärme wegen. Der einst vorhandene Asphalt und die heute aufgebrachte Teerpappe auf der Schlossfreiheit haben in den darunter liegenden, fünf Meter hohen Gewölben jedoch fast ideale, tropische Bedingungen für die Tiere geschaffen. Das umliegende Wasser der Spreekanäle bot den Tieren, die sehr dicht über dem Wasser nach Insekten jagen, bislang ausreichend Nahrung.

Durch das Denkmal würden die Gewölbe jedoch so verändert, dass die Unterkunft endgültig zerstört wird. Was Altenkamp an der ganzen Sache am meisten aufregt, ist, dass sowohl das beauftragte Architekturbüro als auch der Bund als Bauherr bereits seit der Ausschreibung von der Existenz der Fledermäuse gewusst haben müssen. Offenbar hatte die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt schon 2002 durch ein Gutachten feststellen lassen, dass der Sockel unter der Schlossfreiheit bewohnt ist. Aber anders als es für jeden anderen Bauherrn in Deutschland verpflichtend ist, sah man im Staatsministerium für Kultur und Medien keinen Anlass, schon vor der Sanierung des Sockels Maßnahmen zu ergreifen und umzusetzen, die den Bestand der Tiere sichern. Nach Informationen der Regionalmedien ging das Architekturbüro nach der Sockelsanierung einfach davon aus, dass die Fledermäuse längst ausgezogen seien.

Ein weiteres Gutachten hat inzwischen gezeigt, dass das nicht stimmt. Die Senatsverwaltung verlangt nun, dass die Auflagen erfüllt werden, hat aber unter dieser Bedingung eine Ausnahmegenehmigung für den Bau erteilt. Fragen dazu hat die Behörde der SZ nicht beantwortet. Die nötigen und vermutlich auch ausreichenden Maßnahmen lagen nach Informationen dieser Zeitung von Beginn an auf dem Tisch von Bauherr und Behörden. Demnach können im knapp acht Kilometer entfernten Plänterwald Ersatzquartiere geschaffen werden – zumindest für die Sommerquartiere der Wasserfledermäuse wären diese wohl eine Option, denn trotz der Entfernung gehört die Gegend zum lokalen Behausungsnetzwerk der Tiere, die in der warmen Jahreszeit sehr häufig die Unterkunft wechseln. Das gilt vermutlich auch für die Wochenstuben, die Jungen saugen sich an den Zitzen ihrer Mütter fest und fliegen als Anhang mit.

Zusätzlich nötig wäre dann aber noch eine Renaturierung des Uferbereichs im Plänterwald, denn Fledermäuse müssen nicht nur wohnen, sondern auch essen, und wenn mehr Tiere im Plänterwald unterschlüpfen, wird das Nahrungsangebot knapp. Allein die Renaturierung würde mehrere Millionen Euro kosten, die von den Verantwortlichen nicht einkalkuliert wurden und auf die 17 Millionen für das Denkmal obendrauf kämen, was für die Bauherren wenig erfreulich wäre. Das ungleich größere Problem aber ist, dass keine der fürs Überleben der Fledermäuse nötigen Ersatzmaßnahmen auch nur begonnen wurde, aber der Bau am Denkmal im Winter dennoch anfangen soll.

Und so wird dieser Winter zur Zerreißprobe. Weil zum Beginn der Bauarbeiten keine Tiere im Gewölbe vorhanden sein dürfen, sind nämlich Einflughindernisse am Sockel installiert worden. Die Fledermäuse können noch raus, aber nicht mehr rein. Wo sie dieses Jahr überwintern sollen, wissen selbst Fachleute nicht. Am Dienstag hat der Nabu Berlin deshalb nun Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht. Die Naturschützer wollen einen Aufschub des Baubeginns erwirken. Ob sie Erfolg haben, ist derzeit noch unklar.

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 23.10.2019

 

 

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