„Natürlich gehört das Kreuz auf die Kuppel vom Schloss“

29.05.2020 B.Z. Berlin

Von Gunnar Schupelius

Kreuz und Bibelverse auf der wieder errichteten Kuppel des Stadtschlosses werden heftig kritisiert. Aber beide gehören zu diesem Gebäude, so wie das Christentum zu unserer Geschichte gehört, meint Gunnar Schupelius.

Freitag wird die wiederaufgebaute Fassade des Stadtschlosses vollendet. Die Kuppel bekommt eine Spitze, auf der ein goldenes Kreuz steht.

Diese Spitze besteht aus acht Engelsfiguren, die eine zweite kleine Kuppelhaube tragen. Sie trägt das 4,50 Meter hohe Kreuz. Der Wiederaufbau wurde durch eine Spende von Maren Otto, der Witwe des Unternehmers Werner Otto (1909-2011), ermöglicht.

Als vor drei Jahren bekannt wurde, dass die Kuppel vollständig rekonstruiert wird, regte sich heftiger Widerstand. Politiker aus dem linken Spektrum wollten das christliche Symbol nicht auf dem Schloss sehen, allen voran Kultursenator Klaus Lederer.

Diese Diskussion flammte vor wenigen Tagen wieder auf, noch befeuert durch eine Inschrift, die bereits unter der großen Kuppel zu sehen ist. Dort finden sich zwei Zitate aus der Bibel, die der preußische König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) zusammenfügte. Er ließ die Kuppel in den 1840er-Jahren auf das Schloss bauen und innen eine Kapelle einrichten, deshalb steht darüber das Kreuz.

Die Gemüter erregt nun der zweite Bibelvers: „Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Die Kritiker interpretieren diese Worte als Zeichen des Herrschaftsanspruchs der Christenheit über die anderen Religionen: Die anderen sollen das Knie vor Jesus Christus und den Christen beugen.

 

Quelle: B.Z. Berlin, 29.05.2020

Foto: Webcam der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

6 Kommentare zu “„Natürlich gehört das Kreuz auf die Kuppel vom Schloss“

  1. Zum „umstrittenen“ Kreuz und zum Bibelspruch gab es gestern in der RBB-Abendschau eine kurze Diskussion zwischen einer Abgeordneten der CDU und einer linken Genossin (Vorname Gesine). Dabei führte die Moderatorin sinngemäß aus, daß der Bibelspruch alle dazu nötige die Knie vor Christus und ja wohl auch dem König Friedrich Wilhelm IV. zu beugen. Keine der beiden Damen widersprach dieser abstrusen Deutung, die dem frommen König eine Art Blasphemie unterstellte. Keiner der drei Damen war offenbar bekannt, daß das Kniebeugen vor dem König schon lange nicht mehr üblich war. Immerhin hat sich die CDU-Abgeordnete mit klaren Argumenten in der Diskussion gut behauptet. Eine parallel erfolgende Internet-Abstimmung unter 5000 Berlinern ergab eine grandiose Mehrheit für das Kreuz (69% zu 31%). Die Moderaorin hatte sichtlich mit einem anderen Ergebnis gerchnet. In „RBB Aktuell“ am späten Abend ging der Moderator zwar auf die Diskussion kurz ein, das Ergebnis der Abstimung teilte er aber vorsorglich nicht mit. Ich nenne so etwas bereits eine unzulässige Lücke in der Berichterstattung.

  2. „„Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“
    Nach meiner Meinung hat der fromme Friedrich Wilhelm IV ganz selbstverständlich auch sich selbst gemeint als einer der wie alle andere die Knie im Namen Jesu beugt. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er sich selbst als einzige Ausnahme sieht. Das kann man doch garnicht missverstehen!

  3. Als Nichtberliner geht mich die Sache im Prinzip zwar nichts an, aber ich habe die Rekonstruktion der Fassaden der ehem. Schlosses als Humboldt-Forum (nach den Regeln der Deutschen Sprache gehört der Bindestrich dazwischen) durch eine Spende unterstützt, und so kamen mir auch einige Gedanken. Vorab aber ein herzliches Masel tow für den gelungenen Abschluß des Kuppelaufbaus. Doch nun zu den Unkereien: Was anderes als den jetzt montierten Bauteil hätte man dann daraufsetzen sollen? Besonders grotesk fand ich den sogar von der F.A.Z. als sinnvoll gelobten Vorschlag, man hätte ein multireigiöses Symbol auf die Kuppel setzen sollen, eine Mischung aus Menora, Kreuz und Halbmond. Das schlösse gleichsam als erweitertes Kreuz weiterhin alle nichtabrahamitischen Religionen aus.
    Man kann das Kreuz auch wohlwollend interpretieren, fernab aller „typisch” deutscher Miesmacherei: Während viele Regenten ihre eigenen Machtsymbole auf die Repräsentativbauten pflanzten, setzte man in Preußen ein bescheidenes Kreuz auf das architektonische Zentrum der Residenz. Im Gegensatz dazu bildet in Versailles das Schlafzimmer Ludwigs des XIV. den architektonischen Mittelpunkt; die Schloßkapelle ist in einem seitlichen Trakt zu finden. Niemand käme in Frankreich auf die Idee, sich daran zu stoßen – ein monument historique läßt man eben so, wie es ist und bessert höchstens hin und wieder ein wenig aus, damit der Kasten nicht einstürzt.
    Es wird Zeit, daß sich Deutschland von der Ideologisierung reiner Geschmacksfragen verabschiedet. Lassen wir die Kirche im Dorf und das Kreuz auf dem Schloß.

    1. Zu Herrn Jakobi. Druckreifer Beitrag. Das ist doch der Kern der Übung. Mehrheitlich beschlossene Wiedererrichtung eines historischen Bauwerkes. Keine Vereinnahmung durch den Zeitgeist.
      Dann hätte man auf den Schlossplatz auch ganz anderes bauen können. Was nun da ist gibt den letzten baulichen Stand vor Gewalt und Zerstörung wieder. Immer wieder erstaunlich das in jedem Land der Welt das kein Drama ist, nur in Deutschland ist diese Art ideologischer Zerredung immer mal wieder Standard. Mir ist vollkommen fremd wie sich manche daran abarbeiten. Berlin ist doch voll von multikulturellen und multireligösen Stätten. Man nimmt sich doch nichts weg sich gegenseitig den Raum zu geben und zu gönnen.
      Also dann, genau, Herr Dr. Jacobi, lassen wir die Kirche im Dorf, und freuen uns an der alten neuen Schönheit und Sinnhaftigkeit im Zentrum Berlins.

      1. „Berlin ist doch voll von multikulturellen und multireligösen Stätten. Man nimmt sich doch nichts weg sich gegenseitig den Raum zu geben und zu gönnen.“
        Das sehe ich etwas anders. So wie man die Ruine des alten Schlosses abgerissen hat, so wird nun das neue Schloss idiologisch vereinamt und nun auch noch im Zeichen des Kreuzes. Und immerhin hat man dafür den Palast der Republik abreissen lassen. Altes Unrecht kann man aber nicht ohne weiteres durch neues Unrecht ersetzen.

  4. Die abrahamitischen Religionen haben wie alle Offenbarungsreligionen einen gewissen „Totalitätsanspruch”. Gleichzeitig gebieten sie aber auch Nächstenliebe (jüdisch), Barmherzigkeit (islamisch) und sogar Feindesliebe (christlich). Es gehört leider zur Historie, daß man Religionen – seit es sie gibt – für politische Zwecke mißbraucht. Indes lassen sich im Namen Christi weder Kriege führen, noch Kolonien ausbeuten, noch die Anderen unterdrücken. Daher ist es abwegig, das Kreuz als Symbol des Kolonialismus zu mißdeuten. Als die ursprüngliche Kuppelbekrönung Mitte des 19. Jahrhunderts montiert wurde, besaß Deutschland (das es damals als politische Einheit nicht gab) keine Kolonien, Preußen auch nicht. Zwar hatte nach 1680 der Große Kurfürst ins Kolonialgeschäft einsteigen wollen, und an der Küste des heutigen Ghana den Stützpunkt Großfriedrichsburg errichten lassen, doch schon in den 1690ern entpuppte sich die Angelegenheit als teurer Zuschußbetrieb. Friedrich Wilhelm I. , der ohnehin nichts von Kolonialabenteuern hielt und auch mit einer preußischen Marine nichts anfangen konnte, vertickte die Kolonialgebiete bis 1720 an Holland. Damit war (Brandenburg-)Preußen endgültig aus dem Geschäft. Daß das Deutsche Kaiserreich in den Kolonialwahn eingestiegen ist (Bismarck hatte sich zunächst dagegen gesträubt und stimmte auch später nur mißmutig zu; vor allem war er gegen eine starke Expansion der Gebiete, weil er außenpolitischen Ärger mit den angestammten Kolonialmächten fürchtete), war gewiß eine Fehlentwicklung mit fatalen Folgen. Dafür kann aber das Kreuz auf dem Berliner Schloß nichts.

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