„Mehr Barock fürs Berliner Schloss“

25.05.2021 – Berliner Morgenpost

Zur Vollendung des Humboldt Forums fehlen noch 27 Kolossalstatuen, zwei Portale – und 4,5 Millionen Euro für die Beauftragung der Arbeiten 

Von Isabell Jürgens

105 Millionen Euro haben Spender aus aller Welt gegeben, damit das teilrekonstruierte Berliner schloss in barocker Pracht erstrahlen kann. Doch zur Vollendung fehlen dem Schloss in Berlins Mitte noch ein paar wesentliche Schmuckelemente, sagt Wilhelm von Boddien.

Der inzwischen 79-Jährige hat 1992 den Förderverein Berliner Schloss gegründet und maßgeblich dafür gesorgt, dass nicht nur die zugesagten 80 Millionen Euro für die Barockfassade, sondern auch weitere 25 Millionen für die Rekonstruktion der Schlosskuppel und weiterer Bauteile wie die Innenportale I, II und III zur Verfügung standen. „Nun fehlen noch einmal 4,5 Millionen Euro, damit wir auch noch 27 Balustradenfiguren sowie die beiden Portaldurchgänge auf der Lustgartenseite rekonstruieren können“, sagt von Boddien.

Die Hauptarbeit, so von Boddien weiter, sei zwar erfüllt. Doch damit die Anfertigung der jeweils 3,10 Meter hohen Kolossalstatuen in Auftrag gegeben werden könne, seien je Figur noch rund 250.000 Euro notwendig. Ganz genau lasse sich die Summe nicht beziffern: „Eine Dame im wallenden Gewand ist weniger aufwändig herzustellen als ein Heroe mit nackten Füßen und muskulösen Waden“, sagt er Schlossförderer.

Nur eine originale Staue ist erhalten – ihr fehlt der Kopf

Von den Original-Statuen, die einst auf den Balustraden über den Portalen standen, sei nur noch eine einzige erhalten – und dieser fehle der Kopf, erläutert von Boddien. Ob sie einen neuen Kopf bekommt und wieder auf das Dach kommt, müsse der Stiftungsrat noch entscheiden. Am prächtigen Eosanderportal, auf dem auch die Schlosskuppel thront, haben seit Dezember vergangenen Jahres schon die vier allegorischen Figuren, die die Tugend symbolisieren, ihren Platz eingenommen. Seitdem schauen „Stäke“, „Mäßigung“, „Gerechtigkeit“ und „Weisheit“ auf der Westseite des Schlosses auf die Besucher herab. Links und rechts über ihnen auf den Balustraden haben zudem die Propheten Moses und Elias Platz gefunden. Doch auf den anderen Portalen fehlt noch ein entsprechender Schmuck.

So waren die Portale I und II am Schlossplatz einst ebenfalls mit insgesamt acht allegorischen Balustradenfiguren geschmückt. Diese symbolisieren den Ackerbau, die Fischerei, den Bergbau und den Eisenbahnbau (Portal I). Das Portal II dagegen war den Wissenschaften gewidmet.

Auf den Portalen IV (Handel, Kunst, Industrie und Schifffahrt) und V (Hochherzigkeit, Gnade, Freigebigkeit und Tapferkeit) auf der Lustgartenseite fehlen die Monumentalfiguren ebenfalls. Dazu kommen noch weitere acht Propheten, die einst die Kuppelbalustrade schmückten sowie drei weitere allegorische Balustradenfiguren an der Nordost- und Südweststrecke. „Für alle Figuren läuft derzeit die Abstimmung mit dem Stiftungsrat“, sagt von Boddien. Der Beginn der Arbeiten könne zeitnah erfolgen, schließlich weise der aktuelle Kassenbestand des Fördervereins noch ein Plus von zwei Millionen Euro auf. Voraussichtlich Mitte Juni können die Aufträge erteilt werden.

Bildhauerwerkstatt soll Dauereinrichtung werden

In der Bildhauerwerkstatt, der sogenannten Schlossbauhütte, die in einer ehemaligen Panzer- und Lastwagenwerkstatt der einst britischen Alexander Barracks in Spandau untergebracht ist, ruhen seit Jahresende die Arbeiten. „Unser Auftrag ist bei den Bildhauern also hochwillkommen, damit es dort weitergehen kann“, sagt von Boddien.

Als Grundlage für ihre Arbeit dienen den Bildhauern alte Schwarz-Weiß-Fotografien und Pläne. Die Monumentalfiguren entstehen in einem monatelangen Arbeitsprozess, der mit der Erstellung einer Gipsvorlage beginnt, die anschließend in Ton übertragen wird. Von dem so entstehenden Modell wird schließlich ein Silikon-Abdruck genommen, der anschließend mit Gips ausgegossen wird. Erst diese Gipsfigur dient den Bildhauern als Vorbild, nach dem sie die Figuren aus den tonnenschweren Sandsteinblöcken schlagen.

„Die Schlossbauhütte in Spandau soll auch nach Fertigstellung des Schlosses in Betrieb bleiben“, verrät von Boddien. In der früheren Panzerwerkstatt, die nun dem Bund gehört, soll auf Dauer die Werkstatt für alle historischen Gebäude in Berlin untergebracht werden.

Neben den 27 Kolossalskulpturen sucht von Boddien auch noch Spender für die einst prächtig ausgestalteten Portaldurchgänge IV und V. „Das Portal IV befindet sich noch im Rohbauzustand“, sagt der Schlossförderer. Und bei Portal V fehlten die Säulen innen sowie die berühmten Schlüterschen Reliefs an der Decke.

Im Dezember 2020 hat die etappenweise Eröffnung der Ausstellungen und Themenbereiche des Humboldt Forum im Berliner Schloss begonnen. Pandemiebedingt sind die Ausstellungen jedoch immer noch geschlossen – das soll sich bei weiter sinkenden Inzidenzien jedoch bald ändern.

Doch ob mit oder ohne Besucher: „Den Betrieb im Humboldt Forum werden wir nicht beeinträchtigen, die Figuren werden mit dem Tieflader angeliefert, mit dem Kran auf die Balustraden gesetzt, dazu sind nur temporäre Sperrungen an Ort und Stelle nötig“, sagt von Boddien.

Traum von der Gigantentreppe im Schlüterhof

„Bis Ende 2022 habe ich mir eine Deadline gesetzt“, nennt von Boddien das Ziel. Dann sei das Programm, wie es der Förderverein 2002 dem Deutschen Bundestag unterbreitet habe, abgearbeitet. „Wenn ich dann noch lebe, kann ich mir aber auch vorstellen, noch weitere Vorhaben am und im Schloss umzusetzen“, sagt von Boddien.

Ein Herzenswunsch sei natürlich der Einbau der Gigantentreppe im Schlüterhof. „Daran ist aber im Augenblick nicht zu denken, Kulturstaatsministerin Grütters will das Humboldt Forum schließlich endlich baustellenfrei betreiben“, sagt von Boddien. Doch glaube er fest daran, dass eines Tages auch die schönste Raumschöpfung im Schloss wiedererstehen könne: „Wenn uns die vergangenen 30 Jahre eines gelehrt haben, dann dies: Beharrlichkeit lohnt sich.“

Voraussichtlich am 30. Juni wird die Schloss-Ausstellung in der Container-Anlage vor Portal IV am Lustgarten schließen. Darum schließt auch der Schloss-Shop. Bücher, Bilder, CDs, DVDs, Plakate, Schloss-Souvenirs, Geschenk-Ideen – „Alles muss raus, wir verkaufen zu stark reduzierten Preisen, ein Besuch lohnt sich“, verspricht von Boddien.

Anschließend soll der Förderverein zusammen mit der Landeseigenen Tourismusagentur VisitBerlin einen rund 140 Quadratmeter großen Raum im Portal V beziehen. Dort wird dann auch wieder das 40 Quadratmeter große Stadtmodell von Berlin um 1900 zu sehen sein.

 

Textquelle: Berliner Morgenpost, 25.05.2021; Foto: Gritt Ockert, Förderverein Berliner Schloss e.V.

 

5 Kommentare zu “„Mehr Barock fürs Berliner Schloss“

  1. Ich möchte meine Bewunderung für Herrn v. Boddien und seinen Mitstreitern ausdrücken. Helden gibt es wenige in Deutschland. Hier kann man ein paar bestaunen.

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