„Die „innere Mitte“ Berlins braucht Ideen übers Stadtschloss hinaus“

25.02.2021 –  Der Tagesspiegel

Ex-Senator vermisst politischen Mut

Soll der Brunnen wieder vors Schloss? Das kann beantworten, wer Lösungen für die ganze Mitte hat. Ex-Senator Hassemer und Planer haben dafür eine Agenda

Von Ralf Schönball

 

Neptun vom Schloss-Brunnen schaut auf das Humboldt Forum im Berliner Schloss

Brunnen sind für Städte stil- und bildprägend. Der Trevi-Brunnen in Rom zum Beispiel, Treffpunkt der Liebenden, Inbegriff des „dolce vita“ und heimlicher Hauptdarsteller im gleichnamigen Kultfilm von Federico Fellini.

In Berlin hat sich an heißen Sommertagen wohl schon so mancher die Füße in den Becken des Neptunbrunnens auf dem Marx-Engels-Forum gekühlt. Pardon, im Schlossbrunnen, wie er hieß, als er noch an dem Ort stand, für den er erschaffen wurde.

Und schon sind wir mitten im Streit um die Stadt und sein Kunstwerk, den eine Debatte in geordnete Bahnen lenken könnte. Doch diese gibt es in Berlin sogar nach einer Dekade teils schmerzhaft empfundenen Wachstums nicht zur Frage: Wie planen wir die Stadt, deren Mitte und den Großraum der Metropole bis tief in das Brandenburger Land hinein?

Das jedenfalls meint Volker Hassemer, Chef der Stiftung „Zukunft Berlin“: „Es gibt zurzeit keine Stadtentwicklungspolitik“. Stadt gebe es nur als die Stadt der Bürger. Insofern habe sich die Auseinandersetzung „qualitativ verbessert“ seit der Zeit, als er in den 1980er-Jahren selbst Senator für Stadtentwicklung war.

Nur fehle es an „mutigen Wortmeldungen“ der Politik, die eine öffentliche Debatte über die Zukunft Berlins eröffnen müssten, sagt Hassemer. Stattdessen erschöpfe sich Verwaltungshandeln in kleinteiligen Eingriffen ohne das große Ganze in den Blick zu nehmen: Hier das Umfeld der Marienkirche aufgehübscht und jetzt eben für jenes des Humboldtforums einen Wettbewerb zur Gestaltung des Freiraums ausgelobt.

Straßen zerschneiden das Zentrum, neue Wegeverbindungen müssen her

Mutlos, kraftlos? Hassemer ist kein Freund von Polemik, ihm geht es um die Sache, um diese Stadt. Mit den Planern Urs Kohlbrenner und Bernhard Schneider legte er eine „Agenda für die Umgebung des Humboldtforums“ auf, die Mut machen will, diese „innere Mitte“ Berlins als Ganzes zu denken und zu heilen.

Wegen des tosenden Durchgangsverkehrs, der eingezäunten Straßenbahn und quergestellten Blöcken sei das Herz der Stadt in Teile zerrissen, die nur auf Ab- und Umwegen erreichbar sind. Neue Wegeverbindungen sollen das heilen. Während andernorts die Innenstädte für Fußgänger und Fahrradverkehr zurückerobert werden, rufe aber Berlins Verwaltung nicht mal die Suche nach dieser „großen Linie für Mitte“ aus.

Stattdessen werde die Kaimauer der Spree an der Ostseite des Humboldtforums nach Abschluss der U-Bahn-Arbeiten einfach wiederhergestellt wie sie zuvor war, sagt Schneider. Dabei hätte eine neue Wasserlage entstehen können, die Berlins künftige Veranstaltungsmaschine noch heller strahlen ließe.

Die Agenda, die mit neuen Wegen die Zersplitterung der Mitte heilen will, hat Hassemer den zuständigen Verwaltungen geschickt. Nicht mal der Eingang sei bestätigt worden.

 

Textquelle: Der Tagesspiegel, 25.02.2021

Foto: Gritt Ockert (Förderverein Berliner Schloss e.V.)

 

 

8 Kommentare zu “„Die „innere Mitte“ Berlins braucht Ideen übers Stadtschloss hinaus“

  1. Wundert sich hier jemand? In Berlin hat sich über die letzten Jahrzehnte eine Klientel angesammelt, die alles wollen, nur nicht Deutschland und alles was damit zusammenhängt!

    1. Ich glaube in diesem Diskurs geht es weniger um Deutschland, als um allgemeine Gestaltung. Deswegen verstehe ich ihr Kommentar nicht. Das Schloss ist ja auch in einer Zeit entstanden, in der es Deutschland als solches, geschweige denn als wirkliche Idee gab. Auch mit „deutschfeindlichkeit“ hat es nichts zu tun, denn es geht hier ja vielmehr unsere Republik in eine neue Zeit zu bringen, ohne ihre Geschichte zu vergessen. Was man jedoch auch erwähnen muss ist, dass Geschichte nun einmal Geschichte ist und sich nicht ändern lässt. Somit sind wir verpflichtet unsere Zukunft besser zu gestalten, aber dies auch für alle!

      1. Haben Sie die Politik des Berliner Senats bezüglich des neuen Schlosses verfolgt? Anscheinend nicht, denn sonst würden Sie verstehen was ich damit ausdrücken wollte! Und dieser Senat wird von einer Klientel gewählt, denen deutsche Geschichte ziemlich egal ist! Da der Senat das Schloss nicht verhindern konnte, wird jetzt halt das eigentlich passende Vorkriegsumfeld (z.B. Verlegung des Neptunbrunnens) verhindert. Selbst das Landesdenkmalamt Berlin blockiert sinnvolle Erneuerungen und akzeptiert schwere Zerstörungen alter Bausubstanz!
        Die Ablehnung des Schlosses und der damit zusammenhängen Geschichte durch viele Linke und Grüne ist für jeden der sehen will klar erkennbar.

  2. Selbstverständlich gab es Deutschland. Die gegenteilige Behauptung ist Propaganda. Deutschland hatte sich nur noch nicht als Nationalstaat konstituiert: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation umfasste bekanntlich eine große Zahl weitgehend eigenständiger Staaten bis zu kleinsten Herrschaften. Dasselbe gilt für Italien. Es hat hat aber noch niemand behauptet, Italien habe es nicht gegeben. Außerdem steht gerade das Berliner Schloss für diejenige geschichtliche Entwicklung Brandenburg-Preußens zur Führungsmacht, die in eine kleindeutschen Nationalstaat mündete, der 1871 gegründet wurde und in dem wir heute noch leben. Insofern liegt der feindseligen Ablehnung des Berliner Schlosses durchaus zu einem guten Teil eine Traditionsverweigerung hinsichtlich unserer Nationalgeschichte zugrunde. Daß diese Geschichte sehr kontrovers verlief, steht auf einem anderen Blatt.

  3. Wie sagte einst Alexander von Humboldt: „Ein Volk, das keine Vergangenheit haben will, verdient auch keine Zukunft.“ Bezogen auf die „innere Mitte“ Berlins heißt das: Wir alle – ich meine damit aber in erster Linie den Senat Berlins – müssen aufhören, den Städtebau, die Gestaltung der Innenstadt und der „sehr prominenten Orte Berlins“ pauschal einem „zeitgemäß“ schmucklosen, d. h. einem kurzlebig modischen Stil unterwerfen zu wollen. Die Dominanz großflächig monotoner und kahler Rasterfassaden und Plätze geht irgendwann auf die Nerven sensibler Betrachter. Auch provozierende, effekthaschende und gegenüber dem Umfeld rücksichtslose Solitärbauten eitler Stararchitekten wären keine rettende städtebauliche Alternative. Prominente Bauwerke, Straßen und Plätze früherer Jahrhunderte sind nicht selten Zeugnisse künstlerischer und ästhetischer Spitzenleistungen. Solche alten Bauten und Plätze können heute oft mehr Ausstrahlung und Wirkung erreichen als moderne, minimalistisch gestaltete moderne Quartiere, die lediglich von einem ökonomisch einfallslosen Zeitgeist zeugen.
    Die Konsequenz meiner Erkenntnis ist: Wenn modern gebaut wird, dann so, dass nicht alte gewachsene Stadtbilder geschädigt oder zerstört werden. Da wo es möglich ist, fordert der Respekt und die Toleranz gegenüber der Geschichte und Kunstgeschichte unserer Lebensräume, dass wir die nach dem Krieg wenigen erhaltenen hervorragenden Zeugnisse der Vergangenheit pflegen.
    Karl Friedrich Schinkel sagte 1817 „… zugleich wird von dieser Seite die Pflicht um so dringender, die geerbten Schätze in ihrer ganzen Herrlichkeit zu erhalten“.
    Natürlich ist die Konsequenz nicht, an allen Ecken der Stadt in einen rückwärtsgewandten, verspielten Historismus zu verfallen. Es wäre aber eine Selbstverständlichkeit, so wie beim Humboldt-Forum, über die authentische, hochwertige (Teil-)Rekonstruktion mancher historisch bedeutsamer Leitbauten intensiver nachzudenken. Ebenso selbstverständlich wäre es, erstrangige Kunstwerke wie den Schlossbrunnen von Reinhold Begas und die Rossebändiger von Cloth von Jürgensburg nach langer Interimszeit wieder an die ursprünglichen, endlich sanierten Standorte zurückzuholen, wo sie an passender Stelle endlich ihre volle städtebauliche, ästhetische und historische Bedeutung wieder entfalten können.

  4. Diesen Beitrag , kann ich mit vollen Einvernehmen unterstützen. Berlin braucht in seiner Historischen Mitte keinen Flickenteppich , wir Berliner möchten gerade an diesem Ort wieder die Harmonie zurück die Berlins größte Baumeister einst dieser Stadt zum Geschenk machten.

  5. Wie immer ist der Beitrag von Arn Praetorius hervorragend. Ich schließe mich ihm an. Je schneller
    der Schloßbrunnen an seinen alten Platz zurückkehrt, desto besser. Dasselbe gilt für die anderen
    genannten Denkmäler.

  6. Humboldt-Forum
    Noch steht das Humboldt-Forum vor seiner Eröffnung. Aber mit dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses erhält die Bundeshauptstadt tatsächlich den Mittelpunkt dieser Stadt zurück. Die großartigen außereuropäischen Kunstsammlungen ergänzen nicht nur die einzigartigen Sammlungen der benachbarten Museumsinsel, sie stehen aufs trefflichste in Beziehung zur europäischen Kunst.. Mehr noch, hier entsteht ein Dialog von besonderer Bedeutung.. Und auf der anderen Seite ein Regierungsviertel, in dem globales Denken und Handeln noch lernfähig ist.
    Nur eine Randnotiz: Im preußischen Stadtschloss befand sich im Mittelpunkt der in Augsburg von 1611-1616 gefertigte Pommersche Kunstschrank. Der Holzkörper ist in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges verbrannt, der Inhalt des Möbels in knapp 100 Schubladen befindet sich heute im Berliner Kunstgewerbemuseums. DIeser Pommersche Kunstschrank war eine Welt im Kleinen, war ein Lernort mit Sammlungsgegenständen aus der ganzen Welt. Es gibt sogar ein Filmdokument dieses Kunstkammerschranks.
    Aus meiner Sicht wäre es denkbar, dass der Sammlungsinhalt des PK gut die enzyklopädische Idee des Humboldtforums bereichern könnte. Humboldt würde diese Klammer zur Museumsinsel gefallen.

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