„Die innere Leere“

07.06.2019 WELT

Von Boris Pofalla

Berlins Humboldt-Forum kommt nicht zur Ruhe. Jetzt gibt es Gerüchte, es würde ohne Ausstellung eröffnet

Droht Berlin ein zweiter BER? Um den geplanten Eröffnungstermin zu halten werde das Humboldt-Forum im November praktisch leer eröffnen. Das vermeldete jetzt Jörg Häntzschel in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ). Schuld sei die komplexe Haustechnik, genauer: die Klimaanlage.

Die habe nicht wie geplant im Mai in Betrieb genommen werden können, da die Bauarbeiten noch andauerten und Staub und Schmutz die Anlage beschädigen könnten. Ohne ein stabiles Raumklima aber kann man keine Kunstschätze ausstellen, erst recht keine ausgeliehenen. Und da man für die wohl geplante (allerdings noch nicht kommunizierte) Eröffnungsausstellung über Elfenbein auf 150 Leihgaben baut, steht diese nun auf der Kippe.

Dass dem so sei, will man beim Humboldt-Forum nicht bestätigen, die technischen Prüfungen auf der Baustelle liefen noch. Auch der Sprecher der zuständigen Kulturstaatsministerin Monika Grütters verweist auf diese Tests und auf eine Sitzung des Stiftungsrates am 26. Juni, bei dem dann die Ergebnisse vorgelegt würden.

Verantwortlich für diese Prüfungen ist Anne Katrin Bohle, die seit Ende März Baustaatssekretärin im Bundesministerium des Innern ist. Der Neubau wird vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung verantwortet, das wiederum dem Innenministerium zugeordnet ist.

Aber selbst wenn das tatsächlich stimmt und die Elfenbein-Ausstellung sich erst später realisieren lässt – wäre eine Eröffnung des leeren Hauses denn so schlimm? Schon das von David Chipperfield restaurierte Neue Museum auf der Museumsinsel wurde der Öffentlichkeit erst einmal ohne Nofretete übergeben. Und diese Öffentlichkeit war dennoch begeistert.

Für das Humboldt-Forum hätte die innere Leere sogar eine gewisse Konsequenz: das wiedererrichtete Berliner Stadtschloss ist zuallererst als Hülle konzipiert worden. Denkbar wurde der Wiederaufbau in dem Moment, in dem der Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien die alten Fassaden 1993 in Form bedruckter Planen aufziehen ließ, als sogenannte Schloss-Simulation. Erst kamen die Fassaden, dann kam der Name, dann die möglichen Inhalte, ein 20 Jahre dauernder Prozess.

Dieses „function follows form“ sei auch eines der Hauptprobleme der von Franco Stella entworfenen Architektur, klagen Kuratoren, die an der Konzeption der Dauerausstellung beteiligt waren. Die Anpassung an die preußische Vergangenheit nimmt einem die Freiheiten, die ein Neubau bietet, gleich wieder weg.

Aber fertig wird er nun. Und hört man sich im Humboldt-Forum um, dann erfährt man: eine leere Eröffnung sei praktisch ausgeschlossen. Wie es allerdings bis Ende des Jahres genau weitergeht entscheide aber allein der Stiftungsrat. Er wird einen Fahrplan der Eröffnung aufstellen, wenn er sich denn einigen kann.

Dass die Eröffnung des 600 Millionen Euro teuren Kulturpalastes sich in Etappen vollziehen würde, war vorher schon klar: das Berliner Stadtmuseum und die Humboldt-Universität haben ihre Ausstellungen auf Frühjahr 2020 verschoben. Ein Problem oder gar ein Desaster ist das nicht, im Gegenteil. Das Humboldt-Forum hat 41.000 Quadratmeter Nutzfläche, hinzu kommen die Außenflächen, wer soll die auf einen Schlag auf sich wirken lassen? Bis alle Baustellen ringsum weg sind (U-Bahn, Einheitsdenkmal), werden noch Jahre vergehen.

Warum hat man sich dann ausgerechnet den November 2019 in den Kopf gesetzt hat, fragt sich die „SZ“, relevant müsse das Haus ja auch 2020 noch sein. Das ist eine gute Frage, die man schnell beantworten kann: damit es überhaupt einmal fertig wird.

Das Humboldt-Forum krankte in seiner langen Entstehungsphase daran, dass es zu viele Herren hatte und unterschiedliche Konzepte wechselnder Intendanten mit eingeschränkter Macht. Um das größte und teuerste Kulturprojekt Deutschlands ringen seit Jahr und Tag Kulturpolitiker, Museumsdirektoren, Kuratoren und Journalisten, es soll kein weiteres Museum, sondern etwas nie Dagewesenes sein. Mit am Tisch sitzen die Bundesregierung, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Land Berlin und die Humboldt-Universität.

Was man bei einem solchen superkomplizierten Mammutprojekt am wenigsten gebrauchen kann, ist ein flexibles Eröffnungsdatum. Denn eins weiß jeder, der schon einmal fristgerecht ein Manuskript, eine Steuererklärung oder einen Flughafen übergeben musste: Ohne Druck geht es nicht.

 

Quelle: WELT, 07.06.2019

 

 

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