„Das Völkerkundemuseum – soll man es wieder aufbauen?“

03.05.2018   Berliner Zeitung

Von Maritta Adam-Talec

Exotisches, Erstaunliches, Schönes – seit die Brandenburger mit Hilfe der Holländischen Ostindien-Compagnie Handelsmöglichkeiten erkundeten oder selber Schiffe über die See schickten, wurde gesammelt und gesammelt.

So gelangten ab 1671 Waffen, Geräte und Kleidungsstücke aus Ceylon, den Molukken und Japan, chinesisches Porzellan, Manuskripte aus Indien und Objekte aus Afrika nach Berlin. Zunächst stellte man die Objekte in der Kunstkammer des Großen Kurfürsten im Berliner Schloss ab.

Ab 1794 wurden sie systematisch geordnet – aus dem Sammelsurium wuchs eine Sammlung. Objekte aus Tahiti, Waffen aus dem Orient, Bronzen aus Indien kamen hinzu. 1805 entstand ein erstes Inventar der Kunst- und Raritätenkammer.

Nachbar Gropius-Bau

Bald war klar: Die Vielzahl der Schätze verlangte nach Gründung eines ethnologischen und anthropologischen Museums. 1873 genehmigte der Kaiser den Bau, sieben Jahre später feierte man Grundsteinlegung für das neue, monumental und prächtig ausgelegte Museumsgebäude an der Königgrätzer Straße 120 (heute: Stresemannstraße) Ecke Prinz-Albrecht-Straße.

Die Bauarbeiten dauerten sechs Jahre. 1886 wurde das Königliche Museum für Völkerkunde eröffnet. Es nahm neben der ethnologischen auch die prähistorischen und anthropologischen Sammlungen auf.

Es bildete mit dem 1877 bis 1881 in der Nachbarschaft als Kunstgewerbemuseum errichteten Martin-Gropius-Bau, der auch das Museum für Vor- und Frühgeschichte sowie die Ostasiatische Kunstsammlung beherbergte, ein bedeutendes Ensemble von Ausstellungshäusern.

Von Anbeginn zu klein

Trotz seiner beachtlichen Größe war das Museum für die außereuropäischen Kulturen bereits bei der Eröffnung zu klein. Auch legte man es eher auf Repräsentation aus denn auf angemessene Ausstellung der Stücke.

Das Kaiserreich bereitete sich darauf vor, als Kolonialmacht anzutreten, was vier Jahre später, 1884 durch die Ausrichtung der Kongokonferenz zum Ausdruck kam: Hier legten die Kolonialmächte die Grundlagen für die Aufteilung Afrikas.

Im neuen Gebäude stand nicht mehr das Vorführen von Kuriositäten im Vordergrund, man strebte nun an, die Kulturen außereuropäischer Völker so vollständig wie möglich zu dokumentieren. Bald zwang der Platzmangel zur Trennung in Schau- und Arbeitssammlung.

So entstand 1906 auf dem Gelände der Domäne Dahlem ein erster Schuppen, der einen Teil der Sammlung aufnahm. 1921 kam ein größerer Museumskomplex hinzu. Im Mutterhaus in der Innenstadt verblieb ab 1926 eine Schausammlung für das allgemeine Publikum.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bestände an mutmaßlich sicheren Orten innerhalb und außerhalb Berlins eingelagert, dort von den Siegermächten gefunden und beschlagnahmt. Die West-Alliierten gaben sie in den 1950er-Jahren zurück; die sowjetische Trophäen-Kommission ließ ihre Beute nach Leningrad abtransportieren.

Die Ruine des schwer kriegsbeschädigten Museumsgebäudes wurde 1961 abgerissen. Den ebenfalls vorgesehenen Abriss des Gropius-Baus verhinderten Bürgerinitiativen. Das Grundstück des ethnologischen Museums blieb bis heute leer. Mittlerweile gibt es Überlegungen, dort wieder ein Haus für kulturelle Zwecke zu errichten. Eine mögliche Nutzung wäre ein Filmarchiv und -Museum.

Europäisches ins Zentrum holen

Annette Ahme, Vorsitzende des Vereins Berliner Historische Mitte hat einen anderen Vorschlag: Sie regt an, das Völkerkundemuseum wieder aufzubauen und darin das Museum der Europäischen Kulturen unterzubringen. Dieses soll entsprechend den bisherigen Plänen nach dem Umzug der Außereuropäischen ins Humboldt-Forum als einziges in Dahlem verbleiben.

Annette Ahme findet: „Hier, neben Gropius-Bau, neben Topographie des Terrors und Mauer-Resten, sowie als Nachbar des Europa-Hauses, in dem heute das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit untergebracht ist, wäre dieses Museum baulich und örtlich optimal angesiedelt.“

 

Quelle: Berliner Zeitung, 03.05.2018

 

 

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