„Das sind die Pläne für Berlins historische Mitte“

09.01.2021  Berliner Morgenpost

Architekten sollen Entwürfe vorlegen. Die Neugestaltung soll wohl im Jahr 2024 beginnen. Aber es gibt auch Kritik.

Von Julian Würzer

Dass das Humboldt Forum im Berliner Stadtschloss vor dem Jahreswechsel geöffnet hat, ist, wenn man so will, ein Erfolg für Berlins historische Mitte. Die neue Kuppel mit dem Kreuz und die Kunstsammlung sollen nach der Corona-Pandemie die Touristen anziehen. Über die neue U-Bahnlinie U5 und mit den Haltestellen U-Bahnhof Rotes Rathaus und Museumsinsel soll das Stadtgebiet deutlich besser an das Berliner Verkehrsnetz angebunden werden. Für Besucherinnen und Besucher ist das ein kleiner Segen. Doch alles gut ist im historischen Zentrum noch lange nicht.

Meint man es schlechter mit der historischen Mitte, man könnte sagen, der Weg vom Humboldt-Forum zum Fernsehturm lässt sich nur in der U5 ertragen. Da der U-Bahnhof Museumsinsel noch nicht eröffnet ist, gibt es keine Alternative. Das Marx-Engels-Forum zwischen Spree und Spandauer Straße und das dahinterliegende Rathausforum bis zum Fernsehturm sind Brachen, ohne wirkliche Funktion. Das Marx-Engels Denkmal ist verrückt. Die Dauerbaustelle ist ebenfalls noch sichtbar. Auch auf der anderen Seite der Spandauer Straße gibt es nichts, das Menschen hält. Es ist weder ein Versammlungsort noch bietet es Aufenthaltsqualität. Das soll sich aber ändern.

Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat nun eine Ausschreibung veröffentlicht. In der kommenden Woche soll ein landschaftsplanerischer Wettbewerb für die Neugestaltung des Rathausforums und des Marx-Engels-Forums ausgelobt werden. Der Wettbewerb, der eigentlich bereits im August starten sollte, stößt aber auch auf Ablehnung.

Historische Mitte in Berlin: Neugestaltung könnte 2024 beginnen

Nach den schon vor Jahren erarbeiteten und vom Berliner Senat beschlossenen Bürgerleitlinien, solle das Rathausforum zu einem „Platz der Demokratie“ werden in der Mitte eines neu vernetzten Zentrums. Wie dieser Platz konkret aussehen soll, ist noch offen. Dazu sollen Landschafsarchitekten in den kommenden Monaten Entwürfe liefern. Fest steht allerdings: In drei Jahren soll die Umgestaltung der Freiraumflächen beginnen. Bewerber sind laut Ausschreibung dazu angehalten, „konkrete Umsetzungen ab 2024“ aufzuzeigen.

Wie aus den Unterlagen hervorgeht, soll die Fläche zwischen Spree und Fernsehturm künftig den Dimensionen und der Bedeutung des Standortes entsprechen. Hierbei spielt die Senatsverwaltung wohl auf den Gründungsort Berlin an, aber auch auf die Bedeutung vor und nach der Wende. Das Rathausforum soll zu einem Versammlungsort werden. In den Entwürfen sollen die Architekten aber auch Umwelt- und Verkehrsfragen berücksichtigen, so die Vorstellungen der Politik. Ein Verkehrskonzept für das Gebiet gibt es bislang noch nicht, obwohl die Erstellung bereits 2015 beschlossen worden ist.

Vielleicht liefert der Wettbewerb Anstöße. Er soll in zwei Phasen unterteilt werden. Zunächst sollen die Bewerber eine Vision der Fläche im Jahr 2040 liefern. Anschließend wählt ein Gremium aus Stadt- und Verkehrsplanern, Architekten und Kulturschaffenden die besten 25 Bewerber aus. Sie bekommen in der zweiten Phase die Möglichkeit, ihre Ideen zu vertiefen. Sie sollen einen Zwischenstand im Jahr 2030 darstellen sowie konkrete Pläne für die Umsetzung ab dem Jahr 2024.

23 Millionen Euro stehen für die Neugestaltung zur Verfügung

Insgesamt stehen 23 Millionen Euro für die Gestaltung der Fläche vor dem Roten Rathaus und dem Marx-Engels Forum zur Verfügung. 20 Millionen Euro kommen aus EU-Mitteln, die der Bund weitergibt, „Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“, kurz GRW. Die restlichen drei Millionen Euro kommen vom Land Berlin.

Auf deutliche Kritik stößt der geplante Realisierungswettbewerb des Berliner Senats bei der Stiftung Zukunft Berlin. „Wir halten den Wettbewerb für Zeit- und Geldverschwendung, um kein Gesamtkonzept für das Areal erstellen zu müssen“, sagte Stefan Richter, geschäftsführender Vorstand der Stiftung. So seien beispielsweise weder der Molkenmarkt noch die Spandauer Straße, die das Rathausforum und das Marx-Engels-Forum unterteilt, in den Planungen berücksichtigt.

Platz der Demokratie für 60.000 Menschen

Wie ein Gesamtkonzept zwischen Humboldt-Forum und Fernsehturm aussehen könnte, stellte Richter in dieser Woche gemeinsam mit weiteren Vertretern der Stiftung vor. So soll der Platz vor dem Roten Rathaus zu einem zentralen Ort der Demokratie werden. Bis zu 60.000 Menschen sollen sich nach Vorstellung der Stiftung dort versammeln können, für Demonstrationen, Gedenkveranstaltung oder Public Viewing.

„Das wäre auch eine Entlastung für den Pariser Platz und die Straße des 17. Juni“, sagte die Publizistin Lea Rosh von der Stiftung. Für diesen „Platz der Demokratie“ wolle man allerdings den Neptunbrunnen vor das Humboldt Forum versetzen. Dafür stünden bis heute 9,4 Millionen Euro an Bundesmitteln zur Verfügung. Neben der Marienkirche plant die Stiftung ein mehrgeschossiges Haus mit Toiletten.

Aufwerten möchte die Stiftung auch das Marx-Engels-Forum. Es könnte der Stiftung zufolge zu einem Weltgarten werden, der das Humboldt-Forum ergänzt. Besucherinnen und Besucher, die in den Ausstellungen verschiedene Kulturen der Welt erleben, treffen anschließend bei einem Spaziergang durch den Park auf Pflanzen aus den entsprechenden Regionen. Zugleich soll er aber auch die Pflanzen der Berliner Parks abbilden.

Die U5 soll bis zur Turmstraße verlängert werden

Die einzelnen Orte des historischen Zentrums wie Rotes Rathaus, Humboldt-Forum sollen besser an die umliegenden Quartiere, etwa Hackescher Markt oder Molkenmarkt angebunden werden. Dafür soll Fläche für Fuß- und Radverkehr zurückgewonnen werden und ein Wegenetz erstellt werden. Gerade bei der Zukunftsplanung der Spandauer Straße, sei bislang zu wenig passiert, so Richter. Würde der Realisierungswettbewerb in seiner jetzigen Form durchgeführt, gebe es zu viele Einzelmaßnahmen in dem Gebiet, die schwer aufzuheben seien.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 09.01.2021

 

 

 

15 Kommentare zu “„Das sind die Pläne für Berlins historische Mitte“

  1. Auf einem „Platz der Demokratie“ würde sich – auch inhaltlich – die unsägliche „Einheitswippe“ bestimmt gut machen…

  2. „Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat nun eine Ausschreibung veröffentlicht“

    Mir schwant Schreckliches! Wenn ich mir die bisherigen „Leistungen“ des Berliner Senats in puncto Umfeld des Berliner Schlosses ansehe, dann beschleicht mich ein ungutes Gefühl!
    Auf die Entwürfe der Architekten, die zur Ausschreibung zugelassen werden, darf man gespannt sein. Große Hoffnungen auf ein gefälliges Konzept, das auch Bezug auf die Vorkriegsbebauung nimmt, habe ich eher weniger.
    Meine einzige Hoffnung besteht darin, daß es nach der nächsten Wahl in Berlin, im Senat keine ideologischen Blockadehaltungen mehr gibt, Regula Löscher Geschichte ist, dafür aber ein frischer Geist herrscht, der dem ästhetischen Bauen, dem Wahren, Schönen und Guten, den Vorzug geben wird!
    Na ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.

  3. Das ein Platz für 60000 Menschen vor dem roten Rathaus geschaffen werden soll, erinnert mich doch sehr an die Pläne der SED, für die das alte Schloss weichen mußte um einen Aufmarschplatz zu errichten. Für Demonstrationen gibt es in der Gegend genügend Raum. Wie zum Beispiel die riesige Brache auf dem Alexanderplatz. Vor dem Rathaus sollte man sich lieber an die historische Mitte erinnern und die alten Strukturen sichtbar machen. Eventuell auch durch Rekonstruktionen wichtiger Gebäude.

  4. Ein Platz mit einem Fassungsvermögen für 60.000 Bürger? Wozu brauchen wir eine solche riesige Fläche. Das sind bei einem qm pro Person 100 x 600 m , oder 3 bis 4 Fußballfelder(?). Damit ist das ganze Sanierungsfeld mitten in der Stadt zwischen Fernsehturm und Spree als Leerfläche ohne Grün definiert. Welche Art Demos wird dort erwartet? Ein modernes Stadtquartier oder eine gepflegte, repräsentative Grünanlage ist da doch nicht mehr denkbar. Ein furchtbarer Gedanke!

  5. While a „world garden“ would be an improvement over what is there now, it would be redundant. Berlin has a fine world garden in Marzahn. The time of „two of everything“ should be long past!

  6. Reines Kommunismus… Diese Idee, einen großflächigen Platz zwischen Spree und Alex zu gestalten war ein stadtplanerisches grossenwahn Projekt der DDR Gewaltherrschaft. Darin sehe ich keine Unterschiede zum Germania-Projekt der Nazis. Die Berliner brauchen weniger Plätze für politische Veranstaltungen oder Denkmäler zur Verherrlichung von Kommunismus…die brauchen Wohnraum. Dringend. Gibt uns die Altstadt zurück!

  7. Jobst Siedler: „Die gemordete Stadt“ ! – Richtig ! Daß – in den letzten 30 Jahren – das Marien- und Heilig-Geist-Viertel nicht wieder aufgebaut wurden (und gemäß linksgrüner Ideologie) auch nicht wieder aufgebaut werden, ist niemals und durch nichts zu entschuldigen !

  8. Wenn man schon einen „Aufmarschplatz“ unbedingt haben will, so sollte man die „Einheitswippe“ dort in die Mitte stellen, das macht doch politisch Sinn für Rot-Rot-Grün! Das wäre nämlich der beste Grund dann den Neptuns-Brunnen auf den Schlossplatz zurück zu versetzen: Denn Geschichte (Neptuns-Brunnen) und moderne Spinnerei (Einheitsschaukel) passen nun wirklich nicht nebeneinander. Das werden die Strategen im Senat sogar begreifen müssen!

  9. Eine historische Bebauung mit dezenter Miete, Cafés, Restaurants wäre viel attraktiver für die berliner Anwohner und Touristen. Wir haben bereits den Tiergarten in der Nähe als grüne Fläche. Wieviele „Demonstrationen“ mit 60’000 Personen haben bisher auf diese Fläche stattgefunden? Seit ich in Berlin lebe (2003) haben auf diese leere Fläche nie Demonstrationen stattgefunden. Die geplante grüne Gestaltung wird wieder einen neuen Ort für betrunkenen Obdachlosen und Junkies sein.

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