„Das Schloss ist fertig – und keiner hat´s verhindert“

14.12.2020   WELT

Von Rainer Haubrich

Es musste nicht das Schloss sein. Viele andere Vorschläge waren im Rennen, als nach dem Fall der Mauer die Debatte darüber begann, was die wieder vereinte Hauptstadt mit dem Palast der Republik und dem überdimensionierten Parkplatz davor anfangen sollte. Wäre man einem Vorschlag von Norman Forster gefolgt, dem Architekten der Reichstagskuppel, dann stünden heute am Schlossplatz riesige versenkbare Sonnenschirme um ein Beachvolleyballfeld mit Tribünen. Hätte sich der Architekt des Flughafens Tegel, Meinhard von Gerkan, durchgesetzt, stünde im Herzen Berlins heute dessen „Janus-Schloss“: ein Glaskubus mit gepökelten Barockfassaden, der von Weitem ausgesehen hätte wie das Schloss in Schwarz-Weiß, aus der Nähe aber wie ein modernes Kulturzentrum mit abstraktem Fassadenmuster. Oder es gäbe dort heute statt des Neubaus einen Park, wie es der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven vorgeschlagen hatte – als „Denkfläche“ oder „Provisorium für immer“.

Auch der Erhalt des Palastes der Republik war eine Option. Ein Gutachten von 19991 des Berliner Denkmalamts empfahl, das DDR-Bauwerk auf die Denkmalliste zu setzen, wegen seines Wertes als Zeitdokument und seiner Bedeutung für das Stadtbild. Allerdings musste das Gebäude für die Asbestbeseitigung bis auf den Rohbau abgetragen werden. Danach aber hätte der Palast der Republik rekonstruiert und neu hergerichtet werden können für kulturelle Nutzungen. Auch für diese Variante gab es gewichtige Stimmen aus der Politik und von Vertretern der Kultur- und Kunstszene, die für zwei Jahre eine anfangs vielbeachtete Zwischennutzung als „Volkspalast“ organisierten mit Ausstellungen und Theateraufführungen. Der norwegische Künstler Lars O. Ramberg installierte auf dem Dach sechs Meter hohe neonbeleuchtete Buchstaben, die das Wort „Zweifel“ bildeten. Die Ausstellung White Cube Berlin versuchte, mit einer neuen Nutzung durch renommierte Künstler den Abriss zu verhindern.

Aber die Aktionen „verloren immer mehr ihre Vitalität“, wie die „taz“ feststellte, und die CDU-Kulturexpertin Monika Grütters wies zurecht darauf hin, dass Aktionen wie Dartpfeilewerfen auf Politikerbilder oder Indoor-Bootsfahrten weder originell noch förderungswürdig seien. Nach dem Abriss des Palastes der Republik wurde am leeren Schlossplatz eine temporäre Kunsthalle mit wechselnden Ausstellungen errichtet. Sie öffnete im Sommer 2008 für zwei Jahre, ohne eine größere Wirkung zu entfalten.

Heute stehen nicht nur einstige Protagonisten dieser bunten und kreativen Zwischennutzung des Plastes der Republik, sondern auch viele Architekten und Denkmalpfleger ratlos und teils mit Abscheu vor den rekonstruierten Schlossfassaden und fragen sich: Warum ist es uns nicht gelungen, das zu verhindern? Dieses Milieu stehe immer noch unter „Schock“, wie die WELT-Kunstkritikerin Swantje Karsch beobachtet hat: „Zu sehr war man in den Nullerjahren vertieft darin, sich selbst zu feiern“, schreibt sie, „man fand sich cool, glaubte an die selbstverständliche Ausstrahlung von Berlin in die Welt. Einen eigenen kulturellen Stempel konnte man der Stadt allerdings nicht aufdrücken“.

Zwei Faktoren gaben am Ende den Ausschlag für die Rekonstruktion des Berliner Schlosses. Zum einen die Persönlichkeit des Hamburger Kaufmanns Wilhelm von Boddien, der mit seinem Förderverein den Wiederaufbau genauso unermüdlich vorantrieb, wie es einst Lea Rosh beim Berliner Holocaust-Mahnmal getan hatte. Dort dauerte es 17 Jahre, bis aus der Idee ein Projektes Bundes wurde, zwei Wettbewerbe entschieden waren und das Denkmal eröffnet werden konnte. Beim Berliner Schloss hat Wilhelm von Boddien 30 Jahre lang mit Fantasie, Geschick und einem enormen Arbeitspensum für den Wiederaufbau geworben, Kontakte in die Politik geknüpft und viele große und kleine Spender in Berlin, im Bundesgebiet und im Ausland gewonnen, mit deren Hilfe er das Ziel von 105 Millionen Euro für die Rekonstruktion der Barockfassaden erreichte. Er hatte ein paar hartnäckige Gegner, aber keinen auf Augenhöhe, und sie waren destruktiv, ohne eigene Vision, oder von der traurigen Gestalt wie im Falle des Architekten Philipp Oswald, der öffentlich als führender Schlossgegner auftrat, dann aber am Wettbewerb teilnahm mit einem Entwurf, der – wie gefordert – die sechs Barockfassaden Schlüters rekonstruierte. Das ist der Treppenwitz der Schlossdebatte.

Man hätte sich vorstellen können, dass Wilhelm von Boddien eine Gegenbewegung auslöst, dass sich Mäzene zusammenfinden und bekannte Galeristen, die eine Initiative „Moderne Mitte Berlin“ gründen und zusammen mit führenden Architekten einen glänzenden Gegenentwurf zum Berliner Schloss finden, für den sie dann mithilfe von PR-Profis und den Feuilletons, die fast alle gegen das Schloss waren, in der breiten Öffentlichkeit werben. Aber eine solche Initiative ist nie zustande gekommen, und einen nachhaltig inspirierenden Gegenentwurf hat es nicht gegeben – dafür viele Ideen, die sich durch ihre Kopflastigkeit, ihr Egozentrik oder ihren Unernst selbst disqualifizierten. Das war der zweite Faktor für den Erfolg der Schlossanhänger.

So kann man in der Rückschau zwei Wendepunkte der Debatte ausmachen: den Sommer 1993, als Wilhelm von Boddien die verführerische Schlossattrappe von Catherine Jeff vor den Palast der Republik stellte, und den Sommer 2000, als die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Idee entwickelte, im Neubau ein Humboldt Forum zu betreiben mit den Staatlichen Museen und ihren außereuropäischen Sammlungen als Hauptnutzern. Diese Mischung aus Rekonstruktion und Haus der Weltkulturen überzeugte eine Zweidrittelmehrheit der Bundestagsabgeordneten – sogar zwei PDS-Abgeordnete aus Sachsen votierten in der entscheidenden Abstimmung 2002 für die Rückkehr der barocken Pracht von Andreas Schlüter.

Würde sich das Parlament in den heutigen Zeiten noch einmal mit einer solchen Mehrheit für ein so gewaltiges, fast 700 Millionen Euro teures Kulturprojekt aussprechen? Wohl eher nicht. Für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses trifft zu, was auch für die deutsche Einheit gilt: Es gab nur ein begrenztes Zeitfenster, in dem die Vision Wirklichkeit werden konnte. Und dieses Zeitfenster wurde beim Schloss genutzt. Schon der italienische Regisseur Federico Fellini wusste: Visionäre sind die wahren Realisten.

 

Quelle: WELT, 14.12.2020

 

 

 

17 Kommentare zu “„Das Schloss ist fertig – und keiner hat´s verhindert“

  1. „Heute stehen nicht nur einstige Protagonisten dieser bunten und kreativen Zwischennutzung des Platzes der Republik, sondern auch viele Architekten und Denkmalpfleger ratlos und teils mit Abscheu vor den rekonstruierten Schlossfassaden und fragen sich: Warum ist es uns nicht gelungen, das zu verhindern?“

    Das freut mich sehr! Die ganzen Herren Architekten und Denkmalpfleger, die ratlos und frustriert jetzt einmal sehen können, was große Baukunst leisten kann!
    Und die Herren aus dem Berliner Denkmalamt scheinen sowieso ganz speziell zu sein. Ich denke da an den Artikel auf den Seiten 4/5 im Berliner Extrablatt Nr. 94! Der Artikel von Herrn von Boddien zeigt auf, welcher Geist im Berliner „Denkmalamt“ herrscht!
    Wenn ich mir die im WELT-Artikel damals aufgezeigten Alternativen vorstelle: „Versenkbare Sonnenschirme, Beachvolleyballfeld mit Tribünen, gepökelte Barockfassaden, eine Denkfläche,“ dann braucht man sich nicht zu wundern, daß viele heutige Innenstädte baulich so abstoßend sind!
    Gefällige, ästhetisch schöne Bauten sind Mangelware. Und die vorherrschende, primitive Standartware wird von diesen „Architekten“ noch bejubelt!
    Ich habe mir ein paar Arbeiten von einem hartnäckigen Gegner des Wiederaufbaus, Philipp Oswald, (“der traurigen Gestalt“ (WELT) angeschaut, was kann Berlin froh sein, daß es ein neues Schloss hat!

  2. Dem kann ich nur zustimmen. Was viele Architekten sich erlauben und meinen Ihre Meinung ist als verbindlich anzusehen grenzt an bodenlose Ignoranz und erinnert mich stark an einen aktuellen US-Präsidenten. Es gäbe mal eine Reihe von Architekten, wie wollten halb Paris abreißen, weil im Zentrum alles bebaut ist. „Leider hat dort kein Krieg alles zerstört“. Das wäre doch im Interesse von solch großen Architekten wie z.B. Herrn Norman Foster gewesen. Herr von Boddin hat eine großartige Leistung vollbracht. Die sog. Einheitswippe ist wohl der größte Unsinn, der jemals erdacht worden ist und gehört schnellstens wieder abgerissen, wenn es steht. Vielleicht bekommt man noch etwas für das Metall.

  3. Welch eine Peinlichkeit für die ‚Welt‘, mindestens 8 Druckfehler in so einem Artikel, gibt es denn kein Korrekturprogramm bei den Schreiberlingen bzw. liest das keiner mal durch?

    1. Lieber Herr Prittwitz, sehe gerade erst Ihre Kritik. Die Fehler entstanden bei der Bearbeitung für diese Seite. in der WELT stehen sie nicht

      1. Sehr geehrter Herr Prittwitz, sehr geehrter Herr Haubrich,
        bitte entschuldigen Sie die Tippfehler in unserem Pressespiegel. Ich habe Sie – soweit gefunden – korrigiert.
        Gritt Ockert/Förderverein Berliner Schloss e.V.

  4. Ein guter Beitrag! Hut ab! Im Gegensatz zu anderen Presseartikeln, die noch nicht einmal die Spendensammlung erwähnen oder die rekonstruierten Fassaden. Da werde dann selbst ich zum Querdenker…

    1. Eine einst als „verrückt“ und „spinnerhaft“ angesehene Vision ist realisiert worden. Berlin bekommt mit seinem „Schloss/Humboldtforum“ ein Kulturgewicht, das in Deutschlands Nachkriegsgeschichte einmalig ist. Stilistisch in ein Ensemble eingebettet, bietet es 75 Jahre nach seiner Totalkatastrophe für Jedermann endlich auch reichlich Möglichkeiten, das Kulturleben unserer jüngeren Vergangenheit neu zu erforschen, denn sie bildet die Basis unseres heutigen Alltags. Das Thema der „Raubkunst“ könnte u. U. eine Kettenreaktion für halb Europa und deren Geschichte auslösen. Wer aber erkennt die Pflege der einzelnen Kulturgüter über Jahrzehnte hinweg an, deren sorgfältige Behandlung und Achtung? Jedes Protestgeschrei erscheint davor fadenscheinig und billig.

      1. Das Thema Raubkunst wird auch peinlich – denn seit 75 Jahren wird nach solcher gesucht und nie gefunden. Nicht ein einzelnes Teil. Ich glaube daher, man will die Sache schlecht machen. Das dies nicht geklueckt – welch eine Freude der guten Sache!

        1. Die Geister, die ich rief… man will korrekt sein in Deutschland aber das Rad der Geschichte kann nicht zurück gedreht werden und jene die heute Ansprüche stellen gehören teilweise zu den korrupten Eliten in diesen Ländern. Die Debatte zur Entkolonialisierung ist einfach nur Heuchelei. Tatsächliche Entkolonialisierung würde über Nacht unseren Lebensstandard zum Einsturz bringen.

  5. Ich kann den Artikel nur begrüßen und ihm in jeder Hinsicht zustimmen. Als langjähriger treuer Leser der FAZ ärgere ich mich immer wieder, dass das Schloss von den Feuilletonisten gehässig niedergemacht wird. Natürlich müssen öffentliche Gebäude heute in zeitgemäßer Architektur gebaut werden. Allerdings geht das, was an Berlin hässlich ist, zweifelsfrei ganz überwiegend auf die beim Humboldt Forum von Kritikern vermisste moderne Nachkriegs-Architektur zurück. In Mainz haben wir vermutlich eines der hässlichsten Rathäuser der Welt, dessen Sanierung sich schon jetzt als „Fass ohne Boden“ erweist. Dafür ist es von einem Architekten mit Weltrang – Arne Jacobsen. Dass ändert allerdings nichts daran, dass das Rathaus hässlich ist und der Denkmalschutz dafür sorgen wird, dass es auch trotz einer Investition im mehrstelligen Millionenbereich seine Hässlichkeit bewahren wird!

  6. Auch ich gehöre zu den Spendern und freue mich sehr über das Erreichte. Zu den unterkarätigen und der Sache überhaupt nicht gerecht werdenden Kommentaren gehört auch der der www. t-online.de (Deutsche Telekom) Nachrichten vom 16.12.20 über die Eröffnung (Quelle dpa). Was hat eines der berühmtesten Beispiele des norddeutschen Barocks mit seinen klassizistischen Ein- und Überbauten (Kuppel) mit der vom Reich sehr viel später erworbenen wenigen Kolonien und ihren Folgen zu tun? Der ganze Westen außerhalb des späteren Reichs hat sehr viel früher und sehr viel mehr Kolonien erworben. Ist deshalb der Elysée oder Schloss Windsor abzulehnen? Das Schloss symbolisiere den Machtanspruch der Hohenzollern. Banalität! Jeder öffentliche Prachtbau repräsentiert den politischen Machtanspruch seiner staatlichen Bauherrn, im Falle der Hohenzollern z.B. auch die „direkt gegenüber liegende weltberühmte Museumsinsel“ oder die Fertigungsstellung des Kölner Doms – auch das wegen der Kolonien zu verdammen?. Aber solche Bauten vertreten natürlich auch den kulturellen Anspruch des jeweiligen Staates. Auch in diesem Artikel kein Wort von dem positiven Echo in der Öffentlichkeit, das sich u.a. in dem enormen Spendenaufkommen zeigt, kein Hinweis auf die kulturelle Bedeutung des Berliner Schlosses und seine zentrale Stellung in der alten Mitte Berlins. Aber was soll’s! .Für einen Braunschweiger ist das alles nichts Neues. Auch hier gibt es den bei Puristen umstrittenen Wiederaufbau des Stadtschlosses mit seiner klassizistischen Fassade und dem modernen Teil dahinter. Dieser Bau ist aus dem Stadtbild heute gar nicht mehr wegzudenken. Ähnlich werden auch die Berliner in ihrer überwiegenden Mehrheit große Freude an dem Bau haben.

    1. Den Musterdemokraten von heute, die sich gern auf die 1848 Revolution und die Pauls-Kirchen-Versammlung berufen sei erwähnt, dass selbst diese Herrschaften schon Kolonien wünschten – also noch diverse Jahre vor der Kaiserreich-Gründung. Vieles wird vergessen oder einfach verschwiegen, weil es dem Zeitgeist nicht passt.

  7. Auch ich kann dem Artikel von Herrn Haubrich nur zustimmen.
    Berlin darf froh und stolz sein über das Erreichte, erst recht die Schöpfer dieses einzigartigen Projektes. Respekt und Dank verdienen Wilhelm von Boddien und den zahllosen Mitwirkenden, die das schier Unmögliche mit enormer Tatkraft und Geduld möglich gemacht haben!
    Ich bin mir sicher: Wie so viele rekonstruierte Bauten zuvor, wird das Schloss nach wenigen Jahren (wieder) zu einem selbstverständlichen und wunderbaren Teil des Stadtbildes geworden sein. Es erreicht, was die Vorgängerbauten der DDR nie schafften oder auch nur beabsichtigten: sich als ästhetisch anspruchsvoller Baustein einzufügen und die historisch gewachsene Stadtstruktur zu komplettieren. Das ist Stadtreparatur auf höchstem Niveau. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Kritiker diesen Fakt irgendwann begreifen und anerkennen können.

    Am Rande bemerkt:
    „Reinhard von German“ ist ein lustiger, doppelter Vertipper, der aber wohl nicht vom Architekturkenner Haubrich stammt? Gemeint ist natürlich Meinhard von Gerkan 😉

  8. Berlin hat eine neue, besondere Attraktion in der Stadtmitte erhalten.

    Dazu herzlichen Glückwunsch und ein grosses Dankeschön an Herrn von Boddien und seinen Unterstützern. Das Engagement der Spender hat die viele „Negativberichte und etliche Kulturbremser“
    besiegt!

  9. Als Nicht-Berliner geht mich die Sache im Prinzip nichts an. Doch wenn man schon die Kostenfrage aufwirft: Ein anspruchsvoller moderner Bau wäre gewiß auch nicht billiger gewesen. Und hätte man einen billigen modernen Bau errichte, hätte man lediglich wieder einige Kubikmeter Beton auf die Spreeinsel geschissen und das wäre es gewesen. Spätestens wenn die Berliner einen Spitznamen kreiert haben, dann ist der Bau auch mental angekommen.

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