„Auf Spurensuche im Humboldt-Forum“

11.07.2018  Berliner Morgenpost

Alfred Hagemann leitet die „Geschichte des Ortes“ im Humboldt Forum: Dort wird die wechselvolle Historie des Areals erzählt.

Von Gabriela Walde

Um den Fensterblick seines nigelnagelneuen Büros darf man Alfred Hagemann beneiden. Gute Adresse: Unter den Linden 10. Er schaut hinunter auf den Boulevard. Ein historischer Ort, wie Hagemann uns gleich erzählt, ehemals stand dort das Grand Hotel de Rome, das abgerissen wurde. Das Hotel am Bebelplatz 400 Meter weiter übernahm 2006 diesen Namen. 1910 wurde auf dem Areal das Geschäfts- und Bürogebäude Römischer Hof gebaut. Hier sitzen dort nun zahlreiche Mitarbeiter des Humboldt Forums, sie kümmern sich um die Veranstaltungen, andere planen die Akademie oder den digitalen Auftritt. Alfred Hagemann leitet seit Februar die „Geschichte des Ortes“.

Ähnlich wie mit dem Römischen Hof verhält es sich in gewisser Weise mit dem Humboldt Forum. Erst stand dort ein richtiges Schloss. Es wurde 1951 auf Befehl der DDR-Oberen liquidiert, später durch den Palast der Republik ersetzt. Nach der Wende kamen für ihn die Abrissbirnen. Und bald eröffnet dort ein alt-neues Schloss, um das heftig gestritten wurde.

Auch der Palast der Republik wird ein Thema sein

Und genau hier beginnt Hagemanns Mission als Spurensucher. Mit seinem Team recherchiert er, was genau sich an diesem Ort zwischen Lustgarten, Schlossplatz und Spree über Jahrhunderte ereignet hat. Er fährt auf einem Grundriss des Schlossbaus langsam mit dem Finger die Strecke vom Eosanderportal bis zum Portal I am Schlossplatz entlang. „Es ist ein besonderer Ort in der Berliner und der deutschen Geschichte“, sagt er. „Es beginnt mit der Stadtgründung und reicht bis in die Gegenwart hinein. Dabei wird die DDR-Zeit mit dem Palast der Republik integriert sein.“ Die Zwischennutzung wird ein Thema sein genauso wie die Diskussion um den Abriss in den späten 90er-Jahren.

Schon beim Bau des Residenzschlosses im 15. Jahrhundert protestierten die Berliner dagegen, setzten durch Öffnen der Spreeschleusen die Baustelle unter Wasser. „Der Ort“, so der promovierte Kunsthistoriker, „war immer eine Kampfobjekt zwischen der staatlichen Macht und den Berlinern, die sich daran gerieben haben. Schön, dass man über die Jahrhunderte zeigen kann, wie dieser Ort Raum gesellschaftlicher Auseinandersetzung war.“

Neben all den teilweise harsch geführten Diskussionen um Kolonialismus, Provenienzforschung der Museen und Kreuzdebatte war die „Geschichte des Ortes“ außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. „Dabei steht der Bereich in der Satzung“, sagt Hagemann, „es war immer klar, dass es die Geschichte des Ortes geben wird“. Für diese Darstellung stehen im Humboldt Forum drei Ausstellungsbereiche zur Verfügung, zwei im Erdgeschoss, einer im Keller. Zusammen 1500 Quadratmeter, mehr Platz als die Humboldt Universität belegt. Als „Botschafter“ fungieren – auf allen Etagen und überall im Haus – 40 sogenannte „Spuren“. Die Idee geht ursprünglich zurück auf Hartmut Dorgerloh, dem heutigen Generalintendanten. Dieses Konzept, Geschichte anhand von einzelnen Artefakten, also Schlaglichtern, zu erzählen, ist ganz nach dem Gusto des Gründungsintendanten Neil MacGregor. Seine Methode ist bekannt, in seinem Buch „Die Geschichte der Welt in 100 Objekten“ führt der Weg vom Kleinen (Objekt) zum Großen (Zusammenhang).

Zu den größten „Spuren“ zählen die 14 monumentalen Marmorstatuen der brandenburgischen Kurfürsten und einiger europäischen Kaiser, die im 17. Jahrhundert für das Berliner Schloss entstanden. „Sie zeugen vom dynastischen Selbstverständnis der Hohenzollern im Vorfeld der Königskrönung 1701, die sie in die erste Reihe der europäischen Herrscherhäuser aufsteigen ließ“, erklärt Hagemann. Im dritten Obergeschoss werden sie künftig ihr Domizil haben, wo sie in ihrer Größe hoffentlich zur Entfaltung kommen. Bevor ihr Gewicht 2012 ein Problem für die Statik wurde, standen sie seit dem Zweiten Weltkrieg im Neuen Palais in Potsdam.

Aus Potsdam bringt Hagemann, Jahrgang 1975, seine Schlosserfahrung mit. Wie sein damaliger Chef Hartmut Dorgerloh, bis vor kurzem Generalintendant der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Dorgerloh ist nun sein neuer Berliner „Schlossherr“. Hagemann kuratierte Sonderausstellungen wie „Friederisiko“ zum 300. Geburtstag Friedrich des Großen. Es war ein ambitioniertes Unternehmen, diese Schau in das historische Gebäude zu bringen und den Besuchern Orientierung zu vermitteln.

Erfahrungen konnte er zudem sammeln bei der Konzeption für die Dauerausstellung des Schloss Schönhausen in Pankow. Dort lebte einst die preußische Königin Elisabeth Christine, Ehefrau Friedrich II. In der DDR war das Gebäude Sitz des Staatspräsidenten, später Gästehaus. Eine verrückte Kombination: „Rokoko und Kalter Krieg“ hätten sie das genannt, erzählt Hagemann. Die Herausforderung sei gewesen, die Balance zu halten zwischen preußischer Hofgeschichte und deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Eins ist klar: Es wird weder ein Schlossmuseum geben noch wird der Palast der Republik in Teilen rekonstruiert. Dafür öffnet sich der Schlosskeller mit archäologischen Funden. Als Hagemann dort im Februar hinabstieg, war er beeindruckt von den teils riesigen Mauerresten. Archäologen stießen auf Reste des früheren Dominikanerklosters aus dem 14. Jahrhundert, das vor dem Bau des Schlosses dort stand. Im Boden finden sich Sprenglöchern aus dem Jahr 1951.

Auch Reste der alten Technik wie die Heizungsmaschinerie der Kaiserzeit wurden gefunden. Alfred Hagemann wird einen weißen Ventilator präsentieren – dieser pumpte die Luft damals hoch in den herrschaftlichen Saal. Der Keller war der Backstagebereich des Schlosses. „Dort wurde gekocht und geheizt. Die Wachmannschaft war dort untergebracht“, so Hagemann. „Viele Menschen arbeiteten dort über die Jahrhunderte, – ohne sie hätte das Schloss nicht funktioniert.“ Genügend Geschichte(n) hat er allemal zu erzählen.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 11.07.2018

 

 

 

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