Nachruf auf Schlossarchitekt Rupert Stuhlemmer

Schlossarchitekt Rupert Stuhlemmer

Schon 1991 war er eine der treibenden Kräfte und Ideengeber für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. 1992 war er Mitbegründer des Fördervereins Berliner Schloss und wurde in den Vorstand gewählt, dem er bis 2004 angehörte.

Damals beauftragten wir Rupert Stuhlemmer mit der Rekonstruktion der seit 1713 verschollenen Schlossbaupläne. Ohne ihn wäre der Wiederaufbau des Schlosses vielleicht gescheitert. Die Zeit dafür war knapp, wir waren in Eile, im Wettkampf mit denjenigen, die das Schloss verhindern wollten. Sie verunglimpften seinen Wiederaufbau als Disneyland, behaupteten, dass es keine authentische Rekonstruktion geben könne, da die Schlossbaupläne schon seit der Barockzeit verschollen waren. Zudem fehle es an Künstlern mit der Fähigkeit, barock zu denken, zu planen und zu gestalten. Sie machten uns lächerlich, um den Schlosswiederaufbau zu verhindern. Sie hatten nicht mit Rupert Stuhlemmer gerechnet – und seiner Akribie, historische  Unterlagen überall so lange zu suchen, bis er wieder etwas gefunden hatte. So fügte sich durch seine Arbeit Mosaiksteinchen an Mosaiksteinchen.

Bis 2004 noch ehrenamtlich tätig, durchsuchte er so alle möglichen Archive, aber er fand keine zusammenhängenden Baupläne des Schlosses, außer zahlreichen Detailplänen aus Restaurierungszeiten. Mit diesen brauchten die Handwerker damals aber nur nachzuweisen, welche Steine ersetzt wurden. So waren sie in den Maßen häufig ziemlich ungenau, stand doch das Schloss in der Stadt. Die Pläne waren lediglich als Arbeitsnachweis für die Berechnung gedacht.

Rupert Stuhlemmer verfügte über gute Beziehungen zu Prof. Jörg Albertz, Technische Universität Berlin, einem Fachmann für die Maßermittlung von Bauten über die sog. Meydenbauersche Messbild-Photogrammmetrie. Sie wurde im frühen 20. Jahrhundert erfunden, um historische Bauten zeichnerisch zu dokumentieren, ohne sie vor Ort vermessen zu müssen. Vom Berliner Schloss existierte jedoch eine einzigartige, alle Fassaden ausreichend wiedergebende Fotodokumentation bis zurück in das 19. Jahrhundert. Mit Förderung der Ernst von Siemens Kunststiftung entwickelte Prof. Albertz unter Stuhlemmers Mitarbeit aus diesem Fotomaterial ein Photogrammetrieprogramm für die damals noch lange nicht so weit wie heute entwickelte Computertechnik. Mit den wenigen, nachweislich richtigen Maßen wurde der Rechner gefüttert und in komplizierten Rechenoperationen Bezüge hergestellt, die die Rekonstruktion aller anderen Fassadenmaße genauestens ermöglichten.

Zu der Zeit wurde Stuhlemmers Sohn York Partner in seinem Büro, der später die Arbeit seines Vaters vollendete.

Schließlich waren zwei Schlütersche Fensterachsen des Schlosses im Rechner rekonstruiert. Alle Renderings und Prüfungen stimmten am Ende überein und ergaben immer wieder dieselben Maße. So gaben wir 2001 vorsichtig eine Pressemitteilung heraus, wonach es möglich sei, die historischen Schlossfassaden zu 97 % genau zu rekonstruieren. Die Medien staunten, aber sie glaubten uns nicht, sie verlangten historische Maßbeweise, die wir natürlich nicht hatten.

Zur gleichen Zeit wurden Stuhlemmer Architekten von Bertelsmann mit der Fassadenrekonstruktion der ebenfalls nach dem Krieg gesprengten Kommandantur an der Schlossbrücke beauftragt. Auch für diese gab es keine Baupläne. Bei der erneuten Suche in Archiven fand Stuhlemmer zufällig eine Reihe von Kladden, sogenannte Handvermessungsstücklisten von 1879 mit genauestens aufgemessenen Grundrissdaten von Berliner Bauten, so auch von der Kommandantur. Die beiden Stuhlemmers suchten weiter und fanden  schließlich auch eine Kladde mit fast 60.000 genauesten Grundrissdaten des Berliner Schlosses. Natürlich verglich Rupert Stuhlemmer sofort damit die Basis der vom Computer errechneten zwei Fensterachsen – es gab eine kleine Sensation, die Abweichung zum Original betrug weniger als ein Prozent.

Im Auftrag des Fördervereins rekonstruierten Stuhlemmer Architekten daraufhin über Jahre weitgehend die Fassadenbaupläne des Schlosses, die, nachdem wir die Arbeiten dem Bauherrn übergaben, schließlich vollständig und maßhaltig auch mit ihrer weiteren Mitwirkung  fertiggestellt wurden.

In diese Phase fiel auch der Beginn des Fassadenmodellbaus in der Regie des Fördervereins, auch unter seiner Aufsicht, der den Maßstab für die spätere Rekonstruktion des Schlosses legte.

Rupert Stuhlemmer war bis zuletzt leidenschaftlich am Wiederaufbau interessiert. Am 7. Dezember 2018 ist er im Alter von 81 Jahren friedlich eingeschlafen.

Stuhlemmers Akribie, Hartnäckigkeit und Gründlichkeit sind die Eltern der Schlossbaupläne. Diese waren vor dem Architektenwettbewerb zum Bau des Humboldt Forums bis auf wenige Details fertig, wurden vom Bauministerium angefordert, das dann auf der Basis von Stuhlemmers Bauplänen den Wettbewerb zum Bau auslobte. Ohne die von Rupert Stuhlemmer in unserem Auftrag rechtzeitig rekonstruierten Schlossbaupläne würde es wohl keinen Schlosswiederaufbau in Berlin geben.

Leider ist es ihm nun nicht mehr vergönnt, die Krönung seines Lebenswerks mit der Einweihung des Humboldt Forums im Berliner Schloss zu erleben. Nicht nur das Schloss, wir alle haben einen feinsinnigen, liebenswürdigen und hochanständigen Freund verloren.

Rupert Stuhlemmer hat sich in einzigartiger Weise um die nun fast vollendete Rekonstruktion der Schlossfassaden verdient gemacht. Wir verneigen uns in tiefer Trauer und Dankbarkeit vor diesem großen Architekten und werden sein Andenken in hohen Ehren halten.

 

Wilhelm von Boddien

Geschäftsführer Förderverein Berliner Schloss e.V.

6 Kommentare zu “Nachruf auf Schlossarchitekt Rupert Stuhlemmer

  1. Ich unterstütze den Vorschlag von Robert Kornfeld für einen Ehrenplatz für Rupert Stuhlemmer zur Würdigung seiner großen Verdienste für den Wiederaufbau des Schlosses und damit auch für die Stadt.

  2. Die Arbeit von Rupert Stuhlemmer für den Wiederaufbau unseres Schlosses ist von uns Berlinern nicht hoch genug einzuschätzen. Bei der Schlosseröffnung dieses Jahr 2019 sollte seine Leistung unbedingt in irgendeiner erkenntlichen Weise gewürdigt werden.

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