Die Berliner Zeitung schreibt am 15. September 2026:
Kulturkampf um das Humboldt-Forum
Preußen-Tradition gegen woken Aktivismus: Im Schlossnachbau prallen Kulturen aufeinander. Der Förderverein wurde rausgeworfen. Kommt eine „neue Zeit“?
Von Maritta Tkalec
Das Tischtuch ist zerschnitten, das Zerwürfnis perfekt, seit die Stiftung Humboldt-Forum den Förderverein Berliner Schloss mit seinem Gründer und Geschäftsführer Wilhelm von Boddien vor die Schlosstüre gesetzt hat: kein Raum mehr im ganzen riesigen Gebäude für den Bürgerverein, der die Rekonstruktion des Schlosses mit historisch-barocker Fassade durchgesetzt und mit Hilfe Zehntausender Spender finanziert hat: 110 Millionen Euro hat der Förderverein bislang aufgebracht.
Kaum waren die letzten Zahlungen ans Humboldt Forum (HuF) überwiesen, erfolgte die Kündigung zum 31. März 2026. Weder ein Gespräch der Vorstände noch eines zwischen Wilhelm von Boddien und Hartmut Dorgerloh, Generalintendant der Stiftung, brachte Verständigung. Nun herrscht Funkstille. Ausgerechnet in den Feiern zum fünfjährigen Bestehen des Humboldt-Forums hinein kam der Rauswurf – nach Jahren der „Schikanen und Nadelstiche“ wie den „Streit um das Kuppelkreuz, den Kuppelspruch oder die angebliche Rechtslastigkeit von Spendern“, wie sich von Boddien erinnert.

Man habe es immerzu mit Schlosshassern wie der einstigen Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) zu tun gehabt. Auch Hartmut Dorgerloh kommt schlecht weg: „Rechthaberisch und ideologisch“ dominiere er die Stiftung und zustande gebracht habe er auch nicht viel. Ganz allein steht von Boddien mit seiner Kritik nicht.
Man habe still ausgehalten, um die laufenden Projekte am Schloss nicht zu stören, sagte er dieser Zeitung. Zuletzt wurden im Sommer 19 Balustradenfiguren installiert. Dann habe er sich mal Luft verschaffen müssen – und zwar im „Berliner Extrablatt“ des Fördervereins Berliner Schloss vom Juni. Da schimpft der Geschäftsführer auch über die würdelos-scheußlichen rosa Möbel neben der Barock-Herrlichkeit und die „Imbissbuden mit Campingplatz Atmosphäre“. Besonders ärgert ihn die Begründung des Rauswurfs mit einem auslaufenden Vertrag: „Falsch“, sagt von Boddien, „wir hatten nie einen Vertrag. Wir waren als Institution mit Verdiensten am Aufbau geduldet.“
Keine Hauriuck-Erziehung
Das Humboldt Forum antwortet auf Nachfrage: Nach Abschluss der letzten durch den Förderverein finanzierten Maßnahmen sei „der ursprüngliche Zweck der seit 2021 befristeten Raumüberlassung entfallen“ und die Angelegenheit damit „geregelt“. Man anerkenne „ausdrücklich die außerordentlichen Leistungen“. Zu von Boddiens Drängen, den Rauswurf im Stiftungsrat zu verhandeln, heißt es: „Über die Tagesordnungen des Stiftungsrats informieren wir grundsätzlich nicht vorab.“
Von Boddien bleibt gelassen. Man sehe „mit Zeit und Geduld“ dem Ende von Dorgerlohs Amtszeit 2028 entgegen. Dann komme eine neue Zeit. In Leserbriefen, die das Extrablatt abdruckte, bekommt Dorgerloh, der 1962 in Ost-Berlin geborene Kunsthistoriker und Denkmalpfleger, Etiketten angeklebt wie „Alt-Stalinist“ und „modernistischer Bürokrat“. Auch von Boddien ist sich sicher, Dorgerlohs „Rechthaberei“ rühre aus dessen Sozialisierung im Osten. Punkt.
Das Huf kommentiert persönlichen Anwürfe nicht, sondern teilt mit: Man arbeite auf Grundlage eines gesetzlichen Auftrags, der Beschlüsse der zuständigen Gremien und sachlicher Abwägungen.
Von Boddiens Optimismus bekommt derzeit Nahrung von Wolfram Weimer (parteilos), Kulturstaatsminister im Kabinett Merz. Zum fünfjährigen Jubiläum erklärte Weimer, das Huf habe „noch Entwicklungsmöglichkeiten“, nach Gründung und Aufbau komme nun die „anspruchsvolle Aufgabe“; wichtig sei ein Verständnis, „mit der Besucherinnen- und Besucherperspektive als gemeinsamem Kompass“. In einem Zeugnis läse man das Urteil als „ungenügend“.
Diese subtile Kritik kommt vom Geldgeber: Der Bund trägt die Kosten des laufenden Betriebs. Und Weimer ist nicht der Einzige, der mit der bisherigen Arbeit des Humboldt-Forums unzufrieden ist. Die Kritisierten reagieren auf Anfrage defensiv: Sie verstehen Weimers Äußerungen als Bestätigung ihres Entwicklungsauftrages, an dem sie „kontinuierlich arbeiten“, um ihre Angebote „noch verständlicher, zugänglicher und einladender zu gestalten“. Der Bundestagsbeschluss von 2002 sah im Humboldt-Forum ein Kultur- und Begegnungsort vor. Daran arbeite man zusammen mit vielen Partnern aus der ganzen Welt und habe ein breites Publikum im Blick.
Bisher aber erlebte das Publikum einen Ort des Streits. An herausragende Ausstellung erinnert man sich kaum, stattdessen an Krawall von links (wegen der Hohenzollernverehrung durch Kuppelkreuz und -band), an die Stänkereien woker Aktivisten, die überall kolonial-toxische ethnologische Sammlungen sahen oder an die Vorwürfe der Freunde des Palastes der Republik, deren vom Abriss ausgelöster Phantomschmerz nur langsam abklingt. Ausländische Besucher wiederum äußern sich irritiert, hinter der Barockfassade kein Schlossmuseum mit original ausgestatteten Räumen zu finden wie etwa in den ebenfalls wiederaufgebauten Schlössern in Dresden oder Warschau.
Die Stiftung Humboldt-Forum fungiert neben den anderen Nutzern des Hauses – der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dem Stadtmuseum und der Humboldt-Universität – als finanziell am besten ausgestattete Betreiberin des gesamten Gebäudes. Sie ist zuständig für das Veranstaltungsprogramm und die Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes. In den gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen verhielt sie sich meist nicht neutral, setzte sich also nicht zwischen alle Stühle, was angesichts der Multikonflikte eine angemessene Position hätte sein können.
Es fiel jedoch auf, wie sich die HuF-Mannschaft vom Wokismus umnebeln ließ, den der neue Zeitgeist gerade verschluckt. Mit dem an Kultur und Geschichte interessierten, auf woke Hauruck-Erziehung nicht erpichten Publikum hat sich das Team des Humboldt-Forums harakiriartig angelegt.
Von dieser Seite kommt substanzielle, auch in konservativen Medien wie der FAZ vorgetragene Kritik zum Beispiel an der eher lose verbundenen Ansammlung von teils grandiosen, teils bedeutungsarmen Angeboten. Weit unter den Möglichkeiten präsentieren sich die außereuropäischen Sammlungen, was auch an deren Gestaltung liegt. Vielfach begegnet man wundervollen Objekten einfach aufgestapelt, ohne Beschriftung, ohne erläuternden Zusammenhang. Selbst ein spektakuläres, weltweit einmaliges Exponat wie das Prachtboot von der Insel Luf steht zusammenhangslos in einem versteckten Raum.
Die vom Stadtmuseum (nun Berlin Museum) verantwortete multimediale Ausstellung „Berlin Global“, die die Verbindung der Stadt mit der Welt erzählen sollte, wurde vielfach als provinziell und flach kritisiert – zu viele Klischees, zu häufig effekthascherische Spielerei.
Viele junge Leute mochten das durchaus. „Berlin Global“ wollte „instagramable“ sein. Die Insta-Fotos entstanden aber eher außerhalb, an den schönsten Stellen der Fassade: Ausgerechnet vor dem Preußentum platzieren sich migrantische Hochzeitspaare sehr gern für vorzeigbare Bilder.
„Berlin Global“ soll ausziehen. Wann und wohin? Auf Anfrage heißt es irritierend uninformiert „Nach unserem Kenntnisstand gab es einen befristeten Mietvertrag, der vor geraumer Zeit abgelaufen ist.“ Die Programmplanung für „Berlin Global“ gehe aktuell bis 2028.
Vom Konflikt Boddiens vs. Dorgerloh lasse man sich nicht täuschen. Es geht nicht um Personen, sondern um den Zusammenprall von Stadtkulturen: hier Traditionalisten, Ästheten und Lokalpatrioten, dort Traditionsskeptiker und Dekolonisierungsaktivisten. Letzteren öffnete das HuF die Türen weit. Die hauptsächlich mit Steuermitteln finanzierte Institution förderte eifrig die Spezialinteressen von Gruppen und Grüppchen, nannte die Zivilgesellschaft und ließ sich auf seltsame Kulturkämpfe ein.
In der Kampagne gegen angebliche Großspende aus dem rechtsextremen Milieu versuchte das HuF dämpfend zu wirken. Es veranlasste eine Untersuchung und gab im November 2022 bekannt, die Anschuldigungen hätten sich nicht bestätigt. Das wiederum versetzte den Stuttgarter Architekten Philipp Oswald, einen der schärfsten Schlossgegner, in Wallung: Er schimpfte, das Humboldt-Forum verharmlose rechte Einflüsse.
Wie sich zwischen barocker Fassade, geschichtsträchtigem Standort und Anspruch auf weltoffene Universalität ein attraktives Konzept entwickeln könnte, bleibt unklar. Auf die naheliegende Idee, den Geist des Weltstars Alexander von Humboldt und des Bildungspioniers Wilhelm von Humboldt wehen zu lassen, verzichtet man bis heute. Beiden weist das Forum, das ihren Namen trägt, eine Ecke unter der Treppe mit einigen Stelltafeln zu.
Drei Millionen Besucher zählt das Humboldt-Forum pro Jahr, da werden auch die eingerechnet, die durch den offenen Stadtraum Schloss durchspazieren. In die Ausstellungen und Museen kamen etwa 800.000 Besucher, etwa so viele wie ins Naturkundemuseum.
Nebenbei: Der Palast der Republik, der Ort, wo sich die DDR modern, offen, schick und anspruchsvoll präsentierte, hatte jährlich 50 Millionen Besucher. Das könnte doch ein Maßstab sein.
Wie gehts weiter nach der Sommerpause? Wilhelm von Boddien jedenfalls gibt keine Ruhe. Die Planung für den Einbau der sogenannten Gigantentreppe, so wie sie Andreas Schlüter für das große Treppenhaus errichtet hatte, sei abgeschlossen, sagte er dieser Zeitung. Im November werde ein Kostenvoranschlag vorliegen. Dorgerloh allerdings habe ihm gedroht, die Presse auf ihn zu hetzen, wenn er den Treppenbau weiter vorantreibe.
Die Stiftung Humboldt-Forum antwortet auf Nachfrage, man verfolge keine Planungen zur Rekonstruktion der Gigantentreppe. Der Stiftungsrat hätte 2023 beschlossen, keine weiteren Rekonstruktionsmaßnahmen im, am oder im Umfeld des Humboldt-Forums umzusetzen. Also auch keine Gigantentreppe – obwohl frühere Beschlüsse den Einbau historisch wichtiger Räume vorgesehen hatten.
Ärger wegen der Grünanlagen
Hartnäckig bleibt der Verein auch, wenn es um die Rückkehr der zwei bronzenen Figurengruppen der Rossebändiger aus dem Kleistpark an ihren ursprünglichen Platz vor Portal IV an der Lustseitengarde geht – oder um die Rückführung des Schlossbrunnens, der seit 1969 vor dem Rathaus (derzeit hinter Restaurierungsplanen) steht, vor das Portal II gegenüber dem Marstall. Wenn es dieser Generation nicht gelingen sollte, beide Stadtschmuckstücke zurückzuführen, bleibe die Aufgabe für die nächste, sagt von Boddien guten Mutes.
Akuter Ärger treibt ihn wegen der Grünanlagen um. „Die wollen das Schloss verdecken!“, sagt er empört beim Anblick der dicht an der Lustgartenfassade in die Höhe schießenden Birken. Erst recht missfällt ihm wie die „steinerne Wüste“ auf dem Schlossplatz mit „Bauminseln“ bepflanzt werden soll.
Ihm schwebt ein Park mit Rasenflächen und Schlossbrunnen vor wie es sich für eine Schlossumgebung gehört. Keinesfalls dürften die fremdländischen Bäume gepflanzt werden die an Alexander von Humboldts Reisen erinnern sollen – stattdessen sollten es Berlin-typische Platanen oder Linden sein. Das HuF wirbt derzeit um Baumpaten – von Boddien ruft seine Spender zum Abwarten auf, bis ein akzeptables neues Konzept vorliege.
Kein Friede also am Schluss. Aber immerhin ein kleines Friedenssignal: Die nächste Mitgliederversammlung des Fördervereins am 30. Oktober darf im Schloss stattfinden, genehmigt vom HuF-Generalintendanten Hartmut Dorgerloh, der auch ein Grußwort sprechen wolle, wie Wilhelm von Bodden berichtet: „Er darf natürlich kommen – wir sind jederzeit bereit, die Hand zu reichen.“
>> Textquelle: Berliner Zeitung vom 15.09.2026; Fotos: Förderverein Berliner Schloss e.V.
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