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Marco Möller schrieb am 29. Mai 2020 um 18:49
Mich macht es sehr traurig, was hier in meiner Stadt angerichtet wurde. Als 10-jähriger stolzer Berliner habe ich mich mal auf irgendeinem Stadtfest in Weißensee vom Förderverein dazu überreden lassen, für den Wiederaufbau des Schlosses zu unterschreiben; ich habe sogar ein paar Jahre lang von meinem Taschengeld für die Vereinsmitgliedschaft gezahlt. Nur hatte ich in dem Alter von Geschichte und deren Auswirkungen in der Gegenwart noch überhaupt keinen blassen Schimmer und war einfach nur von Schlössern und Burgen begeistert - war eben noch Kind. Jedoch schon als Teenager habe ich diese Unterschrift und das aus meiner Sicht nun vergeudete Geld dann bereut, und ich schäme mich heute immer noch sehr dafür. Was ich mich nun als erwachsener und geschichtsinteressierter Mensch bei diesem Projekt stets frage: Welche Zeitebene sollte hier eigentlich rekonstruiert werden und vor allem mit welcher Absicht? Mir kommt das doch eher wie ein postmodernes Potpourri aus den opportunsten und verklärtesten Zeitabschnitten der preussischen, bzw. reichsdeutschen Geschichte vor. Wenn der Bau schon nur ausschnittsweise in ein künstliches Gefüge gebracht wird, in dem er zu keinem historischen Zeitpunkt je als Gesamtheit bestand, warum rekonstruierte man dann nicht auch die (kunst)geschichtlich nicht weniger bedeutenden Gebäudeteile aus dem 15. Jahrhundert, wie z.B. den 1699 abgerissenen Prunktreppenturm, oder die noch bis 1950 betehende Ostfassade? Und warum muss ausgerechnet das fundamentalistisch-christliche Spruchband am runden Tambourabschnitt der in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten Kuppel wiederhergestellt werden? Das aus der gleichen Zeit stammende und nun rekonstruierte Kreuz ist doch in einer Stadt, in der Religion mittlerweile kaum noch eine bedeutende Rolle spielt, schon Zumutung und Kompromiss genug. Sollte dies etwa als Botschaft aus besonders reaktionären Spenderkreisen in der (west)deutschen Provinz an die als zu progressiv wahrgenommene Hauptstadt im gottlosen Osten gedacht sein? Oder noch früher angesetzt: Wie wird hier die Geschichte kritisch hinterfragt, wenn man etwas in seiner Zeit aus politischen Gründen Zerstörtes wieder aufbaut, nach dem man dafür etwas anderes aus wiederum politischen Gründen an selber Stelle abreißt? Das Schloss wurde schließlich nicht „einfach so“ zerstört, genau wie später der Palast der Republik auch nicht „einfach so“ abgerissen wurde. Konsequenterweise müsste man beide Bauwerke stets aufs Neue im Turnus abreißen und neu bauen (oder noch verwegener: beide gleichzeitig bestehen lassen; oder gleich was ganz Neues schaffen), um diesem historischen Zwiespalt und das Aufeinanderverweisen beider ikonoklastischen Akte Ausdruck zu verleihen. Provokativ gefragt: Könnte man nach dem selben geschichtsabweisenden Prinzip, nach welchem das Stadtschloss wiederersteht, dann nicht auch die Neue Reichskanzlei möglichst detailgetreu wieder aufbauen? Geschichtsentleert betrachtet handelt es sich um einen durchaus beeindruckenden Bau. Oder weniger provokativ: Warum kräht in der Welt der Rekonstruktionsbefürworter niemand nach den im Krieg zerstörten Bauzeugnissen der Neuen Sachlichkeit mitten im mittelalterlichen Stadtkern Berlins? Mir scheint das ganze Projekt deshalb weniger als eine kritische Rekonstruktion, als vielmehr ein antimodernes, nationalistisches Abfeiern einer vergangenen imperialen Größe Deutschlands, aber eben bitte ohne den peinlichen Schmutz des 20. Jahrhunderts. Die Verbrechen der Kolonialmacht Deutschland werden dabei dreisterweise sowieso in Form des inkorporierten Ethnologischen Museum alibihaft übertüncht (ein großes, eigenes Thema für sich). Aber nun sind Tatsachen geschaffen worden, die sich aus meiner Berliner Perspektive nun einmal fremdbestimmt und falsch anfühlen, und alle Überlegungen im Konjunktiv II sind obsolet. Etwas Tröstliches hat die Sache im Moment noch für mich persönlich: Noch steht der Bau nicht unter Denkmalschutz (der stets schelmisch im Hintergrund emporragende und in seiner Zeit in die Zukunft weisende Fernsehturm hingegen schon), denn es ist trotz allem ein Neubau. Aber ironischerweise wird die Denkmalpflege in 30, 40 Jahren den Bau vielleicht doch gerade als Beispiel eines revisionistischen Zeitgeistes zu Beginn des 21. Jahrhunderts unter Schutz stellen und man wird sich damit auf Dauer abfinden müssen. Bleibt zu hoffen, dass es dem Humboldtforum irgendwie gelingen wird, den kreischend wilhelministischen Zeichen seiner Hülle mindestens ebenso lautstark etwas entgegenzusetzen, um den Neubau wieder in der Gegenwart zu verankern.
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