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Wilhelm von Boddien
Arn Praetorius
schrieb am 6. November 2015 um 14:28
Ist die Rekonstruktion des Berliner Schlosses und des Umfeldes „zeitgemäß“?
In der streitvollen Debatte um die Rekonstruktion des Berliner Schlosses und seiner Umgebung gibt es eine Spannbreite der Überzeugungen: 1. detailgenaue (archäologische) Rekonstruktion. 2. Rekonstruktion des äußeren Erscheinungsbildes mit bedarfsgerechter Nutzung und moderner technischer Ausrüstung. 3. Planung von neuen Funktionen in moderner Architektur, zurückhaltend angepasst an das Umfeld. 4. Gegenüberstellung von innovativem (modernem) Zeitgeschmack durch bewusste und provozierende Stilbrüche mit traditionellem (altem) Baustil.
In diesem Zusammenhang wird oft der Begriff „zeitgemäße“ Architektur und Stadtplanung als ein Wert an sich vertreten, so als bestehe eine generelle Herausforderung, automatische Verpflichtung und Rechtfertigung, in der heutigen Zeit nicht auf Gestriges zurückzufallen und als seien aktuelle, moderne Stil-Trends per se besser, d. h. wertvoller als alle vorangegangenen Stilepochen. Danach würde eine Rekonstruktion früherer Baustile geradezu als Eingeständnis gelten, dass moderne Architektur nicht (mehr) Spitzen¬leistungen hervorzubringen könne.
Sicher besteht allgemeiner Konsens darin, dass man in einem Neubauviertel oder auf der „grünen Wiese“ keine mittelalterliche Burg oder kein barockes Schloss bauen würde. Auch die kurze Zeit der postmodernen Stilversuche zeigte eher peinliche Ergebnisse.
Aber wie soll man in ein erhaltenes bzw. zerstörtes und rekonstruiertes abgestimmtes Ensemble hineinplanen, zumal, wenn dieses Umfeld eine ganz besondere städtebauliche Qualität darstellt, so wie das Berliner Zentrum mit der Museumsinsel. Auch stand auf dem zu füllenden Grundstück ursprünglich ein Gebäude von ganz außerordent¬licher kultureller, historischer, städtebaulicher und architektonischer Bedeutung.
In den Wettbewerben ist deutlich geworden, dass keiner der Entwürfe (des Typs 3 und 4) dem zerstörten Original gleichkam. Also war die Entscheidung einer Rekonstruktion folgerichtig. Es war auch folgerichtig, auf eine archäologische Rekonstruktion (Typ 1) zu verzichten, da es im alten Schloss viele kleinteilige Beamtenstuben und nicht zweckgerechte Nebenräume gegeben hatte. Zudem waren die früheren baulichen Qualitäten nicht mehr sinnvoll bzw. zulässig: marode Holzdeckenbalken, nicht den Anforderungen gerechte Sanitäreinrichtungen, Niveausprünge in den Gängen, baurechtlich nicht zulässige Wärme- und brandschutztechnische Mängel usw. Auch die Wiederherstellung des kleinteiligen Ostflügels hätte für Museumszwecke nicht nutzbare Räume geschaffen. Diese Gebäudeteile stammten aus unterschiedlichen, teils historisierenden Stilepochen.
Es ist also konsequent und richtig, dass das Berliner Schloss nun so rekonstruiert wird, dass es in das städtebauliche Ensemble passt, dass die drei Barockfassaden und Portale der Architekten Andreas Schlüter und Eosander von Göthe nicht nur nachempfunden, sondern detailgenau rekonstruiert werden. Ebenso konsequent ist die Planung Franco Stellas, der an der Ostseite in Richtung zum neuem Stadtviertel (Rathausforum) und in den Innenhöfen moderne Fassadenteile ohne konkurrierende Attitüden geschaffen hat, ohne in stilistisch kitschiger Manier die Renaissance oder das Barock nachzuahmen.
Für „zeitgemäß“ halte ich die Planung in Städtebau und Architektur nicht, wenn sie lediglich modisch ist, also im aktuellen (oft kurzlebigen) Trend liegt. Für zeitgemäß halte ich eine Planung dann, wenn sie geschichtsbewusst, kritisch-konstruktiv, voll Respekt auf Spitzenleistungen früherer Stilepochen eingeht, diese bewahrt und auch zerstörte Kulturgüter soweit möglich und sinnvoll rekonstruiert. Das gilt auch für das Umfeld, also für die Wiederaufstellung erhaltener Skulpturen und für die Wiederherstellung der Anlagen an diesem Standort. Nur das wird der Zeit und Entstehungsgeschichte der Bauten und Anlagen und somit dem gesellschaftlichen Gedächtnis der Stadt Berlin gerecht.
Arn Praetorius 2015