Hinweis: Dieses Gästebuch steht Ihnen für Chats, Diskussionen und Mitteilungen gerne zur Verfügung. Es wird von uns nur verwaltet, aber nicht befeuert. Immer wiederkehrende Fragen werden von uns einmal beantwortet und in einer besonderen Rubrik gespeichert. Bitte schauen Sie dafür hier: “Häufig gestellte Fragen“. Sollten Sie mit diesen Auskünften nicht zufrieden sein, werden wir selbstverständlich eine entsprechende Anregung von Ihnen aufnehmen.
Wenn Sie eine schnelle, direkte Bearbeitung Ihrer Frage möchten, nutzen Sie den „Kontakt“ im Internet, damit mir Ihre Fragen und Anregungen sofort vorgelegt werden können. Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass ich mit Terminen eingedeckt bin und in der Spendenverwaltung ein riesiges Arbeitspensum erledigen muss, dass ich selbst nur auf diese Weise mit Ihnen kommunizieren kann.
Wilhelm von Boddien
E.Heine
schrieb am 31. März 2012 um 18:38
Mit Chipperfield gebe ich Ihnen insofern recht, da er scheinbar nicht ganz mitbekommen hat, worum es eigentlich geht. Er hat in meinen Augen hervorragende Arbeit am Neuen Museum geleistet, und ist auf dem Gebiet der Architektur im Bilde, und auf der Höhe der Zeit. Wenn auch die ewig Gestrigen nicht verstehen, warum Geschichte in Form von „Einschusslöchern“ sichtbar bleiben kann, somit auch Schäden ihren Platz behalten dürfen.
Wenn er aber einmal davon ausgegangen sein sollte, dass es den Berlinern vor Jahren darum ging „Wunden zu heilen“, dann lässt sich das womöglich nur durch seine persönliche Umgebung erklären, in der das in diesem Ton in einem Fort wiederholt wurde, ganz abgesehen von der Unterstützung durch eine interessengesteuerte Medienlandschaft.
Das Wunden nicht zwangsläufig mit Wiederholungen zu füllen seien, dürfte ihm sicher klar gewesen sein, wie vielen anderen Architekten auch, und dass er in einem Interview nicht alles ausgebreitet hatte, spielt doch hier gar keine Rolle.
Aber vielleicht lassen wir einmal Chipperfield.
Natürlich liegt es an den Menschen, wie etwas interpretiert wird, wie Sie schreiben, wichtig ist, was man dabei denkt. Allerdings spielt hier die Verantwortung eine wichtige Rolle. Denn die Trennung, die man hier vorgibt zu machen, wird sich später nicht ablesen lassen, - und darum geht es. Keine Trennung hinsichtlich des Kontextes, in dem außereuropäische Kulturen präsentiert werden sollen, nicht hinsichtlich der Umgebung, in der wichtige Fragen unserer Zeit diskutiert werden würden, und auch nicht hinsichtlich einer sonstigen Instrumentalisierung durch Nationalisten und Antidemokraten. Dass aber ist im Netz allenorten zu beobachten.
Werte Damen und Herren, sie haben eben gar keinen Einfluss darauf, was als politisch und was als nichtpolitisch angesehen werden wird. Und ich wiederhole noch einmal, deutlicher messen, als an jenen, die zu einer Schlosswiederholung Beifall klatschen, kann man es wirklich nicht.
Und was heißt „antipreußisch?
Preußen ist mir diesbezüglich eigentlich egal, weil es keine Bedeutung mehr besitzt, oder vielmehr nicht besitzen sollte. Preußen ist ein Ort der Geschichte, aber nicht der Gegenwart.
Zum unzulänglichen Konzept des Humboldt-Forums, kann man sich informieren (Link unten):
„Entsprechend halten wir das Humboldt-Forum auch nicht für eine „greifbare Vision
von der Gleichberechtigung aller Kulturen in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts“
– wie es in dem neuen Buch „Humboldt-Forum. Das Projekt“ heißt – , sondern für das
Symbol für Fehlentscheidungen und Skandale und für eine schamlose Instrumentalisierung
außereuropäischer Kulturen.“
Es lässt sich doch denken, dass so ein Attrappenbau niemals eine neutrale Umgebung abgeben kann, in dem man unvoreingenommen über Fragen der Zeit nachdenken könne.
Sehr treffend heißt es weiter:
„Neuerfindung des Preußentums als nachteilungsgeschichtlicher Lückenfüller, einhergehend mit einer neuen elitären Bürgerlichkeit; und nicht zuletzt die polarisierende Konstruktion: Museumsinsel mit den Meisterwerken der alten, zu „europäisch“ verschmolzenen Hochkulturen und Humboldt-Forum hier mit den Sammlungen außereuropäischer Künste, was einer kulturellen Klassifikation aus der Zeit des
europäischen Imperialismus Ende des 19. Jahrhunderts entspricht.“
Es ist nicht leicht, hier ein Hauptproblem auszumachen; allerdings – und dies sei als kurze
Ausführung dem Abend vorweg geschickt – halten wir die Präsentation eines Bruchteils der Dahlemer Sammlungen hinter einer preußischen Schlossfassade für besonders absurd. Denn die Sammlungen werden dadurch in eine bauliche Hülle gesteckt, deren Geschichte deckungsgleich mit der kolonialen und wissenschaftlich-hegemonialen Sammlungsgeschichte ist. Das fängt an mit dem Zusammenfall von Wunderkammer und brandenburgischpreußischem transatlantischem Sklavenhandel und endet mit der Beschleunigung und Legalisierung des Kolonialismus durch die unter Bismarck einberufene Berliner Afrika-Konferenz. In diese Zeit fällt die letzte Schlossbautätigkeit. Kein Ausstellungsobjekt kann einen solchen Kontext transzendieren. Das Humboldt-Forum im Schloss erscheint uns dann
auch eher wie eine rückwirkende Legitimation der kolonialen Sammelwut.“
Mehr Informationen dazu auf dieser Seite:
http://johannespaulraether.net/humboldtforum/anti_humboldt_12_07_09.pdf
Das Humboldt-Forum kann in der angedachten Form kein Ort der Aufklärung werden. Dazu hieß es im Tagesspiegel:
„„Was heißt noch „Fremdheit“ in einer globalisierten Welt? Oder, wie Belting fragt: „Wie kann man die Distanz zu einer in ihrer Entstehungszeit triumphalen Ausstellungsform – dem Völkerkundemuseum – überwinden in einem Gebäude, das genau diese alte Form aufgreift?““
http://www.tagesspiegel.de/kultur/humboldt-forum-koloniale-erben-eine-schloss-debatte/1393190.html
Sie sehen @S. Hensel, Argumente, die das Vorhaben in Zweifel ziehen, gibt es zur Genüge. Demgegenüber wird von Laien sogenannter Städtebau bemüht, nichtwissend, dass dieser auch durch anders gestaltete Volumen besetzt werden kann.
In punkto Ideologie folgt dann häufig „Preußen“.
Aber was will man damit?