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Wilhelm von Boddien
Isidor
schrieb am 7. Juni 2009 um 17:57
Ja, es stimmt, dieses Vorhaben in Paris wurde durch die Wiederaufbaubestrebungen des Berliner Schlosses motiviert, ich weiß jedoch nicht, wie weit die Planungen da sind. Dass es in Frankreich einen ähnlichen Dissens über dieses Projekt gibt, wage ich ebenfalls zu bezweifeln.
Es wird ja immer wieder von modernistischen Architekten in Rekonstruktionsdebatten das Argument der fehlenden Authentizität herangezogen. Dabei fallen dann jedes Mal die gleichen Phrasenwörter von \"Disneyland\" bis \"Geschichtsverfälschung\". Dass es dabei aber in erster Linie um die Wiedergewinnung von wichtigen Identifikationspunkten geht, deren willkürliche Vernichtung die eigentliche Geschichtsverfälschung darstellt, wird nicht bedacht. Auch kann ich nicht nachvollziehen, was der Wiederaufbau eines Hauses, das über Jahrhunderte hinweg an dieser Stelle stand und dass die Kultur und Geschichte des Landes und der Stadt widerspiegelt, mit Disneyland zu tun haben soll. Diesen Namen würde ich doch eher einer tausend Jahre alten deutschen Fachwerkstadt geben, die sich nach ihrer Zerstörung auf einmal entschließt, das Imitat einer amerikanischen Metropole zu sein und sich dann liebevoll \"Mainhattan\" nennt.
Doch so sind die meisten Architekten von heute nun einmal. Mit aller Macht stemmen sie sich gegen jedes Rekonstruktionsvorhaben und versuchen die Bevölkerung verzweifelt davon zu überzeugen, dass man auf keinen Fall \"rückwärtsgewandt\" sein darf; auch wer Kritik an einem modernen Bauwerk äußert, sieht sich schnell mit solch furchtbaren Vorwürfen konfrontiert. Was steckt dahinter? Sicherlich spricht diese aggressive Verteidigung und Anfeindung gegen Andersdenkende nicht gerade von einem starken Selbstbewusstsein. Wären die modernen Architekten tatsächlich ernsthaft davon überzeugt, dass ihre Architektur der anderen überlegen ist - sie würden wohl kaum jedes Mal so ein Spektakel veranstalten. Die martialischen Deklarationen der Jurymitglieder im Vorfeld des Schlosswettbewerbs sind dafür charakteristisch. Wer nicht uneingeschränkt für einen modernen Entwurf sei, verrate seinen Beruf, hieß es da sinngemäß von einer Architektin. Was offenbart so eine Aussage doch für Komplexe! Denn ich denke, dass sich die Architekten durchaus des allgemein fehlenden Verständnisses für ihre Arbeiten bewusst sind. Doch statt die Kritik aus der Bevölkerung anzunehmen, wird der eigene Standpunkt eisern verteidigt, ohne auch nur ein Stück davon abzuweichen. Schließlich sieht man sich als Künstler und baut nicht für die anderen, sondern in erster Linie für sich selbst! So kann es einem auch egal sein, was die anderen denken.
Aber ist das wirklich der Sinn der Sache? Sollte Architektur nicht versuchen, möglichst vielen zu gefallen und zur Verschönerung der Stadt beizutragen? Scheinbar nicht nach Auffassung der meisten modernen Architekten. Nach ihrer Meinung muss Architektur provozieren und darf alles sein, nur nicht schön und damit rückwärtsgewandt. Nein, keine bauliche Reminiszenz darf an die kulturgeschichtliche Vergangenheit erinnern und wer Naturstein- statt Glas- oder Betonfassaden verwendet, gilt unter seinen Kollegen bereits als höchst verdächtig und muss mit Anfeindungen rechnen.
So ist das eben. Jede Diktatur muss sich mit aller Härte und Gewalt gegen ihre Gegner richten, weil sie sonst ganz schnell untergehen wird. Und auch die modernistische Achitektur (man sehe mir diesen, meiner Meinung nach sehr treffenden Vergleich nach), die uns diktiert, was wir schön zu finden haben und was nicht, muss zu diesen rabbiaten Mitteln greifen. Denn das weiß sie: Wenn allzu viele Menschen Gefallen an ästhetischer und \"historisierender\" Architektur finden, wird das ihr Ende bedeuten.