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Wilhelm von Boddien
Grumbkow
schrieb am 4. April 2009 um 15:34
Städte verändern sich. Wie Paris Mitte des 19. Jahrhunderts. Man trauert um das Verlorene und man bewundert das Gewonnene, nicht selten beides gleichzeitig. Oder man zieht das Eine dem Anderen vor. Es gibt fast immer viele gute Gründe für das Bewahren und viele andere gute Gründe für die Umgestaltung. Wenn man sich nur mal ansatzweise versucht vor Augen zu führen, was in einer Stadt wie Rom in den letzten 2000 Jahren alles bewusst oder fahrlässig zerstört worden ist, um Platz zu schaffen für so viel Neues, Schönes und weniger Schönes, was dann wieder zerstört wurde für wiederum Neues, dann kann man als musealer Mensch darüber ganz irre werden. Was soll man sich wünschen? Dass Rom unverändert geblieben wäre? Oder Paris? Oder Berlin? Selbstverständlich wäre das Unsinn, aber wenn wir uns das wünschen dürften, wer von uns würde dann entscheiden, welchen Schnappschuss der Geschichte man zum Masterplan der Zukunft erklärt? Ich nicht. Würde ich auch nicht wollen! Weil ich nicht der Verwalter einer stil-toten Stadt sein wollte. Man kann die Blüten einer Architekturepoche bewundern und verehren, aber in dem Moment, wo man sie abschneidet, sterben sie. (Bitte nageln Sie mich nicht auf diese Metapher fest!)
Zum Wachstum einer Stadt, insbesondere einer Großstadt, gehört die Zerstörung genau wie das Bauen. Machen wir uns nichts vor: Was wir heute von der Architektur des Barock kennen, das sind ein paar wenige Highlights der zahlungskräftigsten Auftraggeber und begabtesten Architekten. Der ganze langweilige Rest – Städte voll mit stereotypen Wohn- und Geschäftsgebäuden – ist bis auf seltene Ausnahmen doch schon längst wieder abgerissen worden. Obwohl es barock war. Die massenhafte Zerstörung gehört zum Geschäft. Manchmal wird einem die schwierige Entscheidung abgenommen durch Natur- oder Brandkatastrophen oder Flächenbombardements. Meistens nicht. Dann gibt es unendlich viele Möglichkeiten irgendwo zwischen Erhaltung um jeden Preis – und Sprengung um jeden Preis. Eine ganz erhebliche Rolle spielen dabei natürlich die Gründe für das eine oder das andere. Welchen Zweck verfolge ich mit meiner Entscheidung? Wenn ich diesen Zweck – oder nennen wir es Sinn – klar vor Augen habe, erhöht sich immerhin die Chance, dass meine Entscheidung auch noch die Zustimmung späterer Generationen findet. Die Art, wie konstruktiv wir mit der Zerstörung, bewusst oder unfreiwillig, umgehen, wird den Blickwinkel bestimmen, aus dem heraus wir später beurteilt werden.
Es spielt also für die zukünftige Rezeption eines städtebaulichen Großprojekts wie der Schlossplatzbebauung durchaus eine Rolle, aus welchen Gründen das Eine verworfen und das Andere gebaut wird. Das ist mehr als eine akademische Frage! Denn Architektur verrät nur allzu gerne, aus welchem Geist sie geboren ist. Und sie wird mit der Zeit immer gesprächiger. Ich hoffe immer noch, dass man auf unsere Tage einmal mit ähnlichem Respekt sieht wie wir auf die Zeit des Barock. Mit dem Aushilfs-„Schloss“ – gewollt und nicht gekonnt – können wir das vergessen.