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Wilhelm von Boddien
Grumbkow
schrieb am 4. Februar 2009 um 12:24
Falls das noch irgendwen interessiert: Warum genau brauchen wir eine altertümliche Fassade für ein sonst ganz und gar neues Gebäude?
Weil Barock schön ist? Das kann nicht der Grund sein. Wenn die Schlossfassade vor ihrer Zerstörung klassizistisch gewesen wäre, würde man jetzt das Loblied auf den Klassizismus singen.
Weil alt besser aussieht als neu? Skurrile Vorstellung! Ich befürchte allerdings, dass das für viele der Hauptgrund ist. Wann genau etwas „historisch“ ist und damit akzeptabel und wann „modern“, bleibt nebulös. Wahrscheinlich wird einfach nicht drüber nachgedacht. Nach dem Gebrauch des Wortes „modern“ zu urteilen, ist damit jedenfalls so ziemlich alles seit der Neuen Sachlichkeit gemeint. Was soll man dazu sagen? Ein Argument ist das jedenfalls nicht.
Weil das Ensemble unvollständig ist? Altes Museum, Dom und Stadtschloss sind zu ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden und stammen aus ganz verschiedenen Stilepochen. Sie sind, wenn überhaupt, nur schwach aufeinander bezogen. (Das sollten sie mal sein, aber dazu ist nicht gekommen.) Ich kann da beim besten Willen kein Ensemble erkennen!
Weil die nationale Identität zu wenig zum Dran-Festmachen hat? Weil der Anblick der rekonstruierten Schlossfront anstelle des Schlosses bei den Deutschen patriotische oder heimatliche Empfindungen wecken würde? Das könnte ich mir immerhin sogar vorstellen. Gut, wenn die Fassade also irgendwann mal fertig ist, in 6 bis 10 Jahren, und alles fast genauso aussieht wie vor dem Weltkrieg (nur etwas frischer) – was sagt dieses Symbol des deutschen Selbstverständnisses dann über das Selbstverständnis der Deutschen? Nichts Gutes, fürchte ich. Im Zentrum von Preußens Macht, Glanz und Gloria, in der Mitte des zweiten Deutschen Reiches und der DDR, an einem der symbolkräftigsten Orte deutscher Geschichte machen sie, statt mutig in die eigene Zukunft zu sehen, einfach Rolle rückwärts! Da stehen sie nun mit Tränen der Rührung in den Augen vor ihrem wiederaufgebauten Barock, träumen von der Zeit vor dem Großen Sündenfall des 20. Jahrhunderts und reden schöngeistig daher. Das sieht nach allem möglichen aus, aber nicht nach gesundem Selbstbewusstsein. Ganz ehrlich, ein schickes neues Fußballstadion wäre mir lieber.
Aber vielleicht gibt es ja doch noch einen guten Grund. Ich hoffe es!