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v. Grumbkow, Jochen schrieb am 3. Dezember 2008 um 11:25
Ich bin kein Schlossfreund! Und ich bin spät dran. Und wahrscheinlich an der falschen Adresse. Trotzdem: Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, dass die Computersimulationen zur Schlossfassade schon fast so hübsch sindDa sind die Simulationen schon fast genauso hübsch wie die Ansichtskarten von vor dem Krieg (dem ersten). Dasselbe Kolorit, dieselben Skulpturen im Vordergrund, fast dieselben Automobile.Wenn man genauso gut eine alte Postkarte hätte nehmen können, wozu dann die Computersimulation? Wohl doch als Versprechen. Und worauf? Auf die baldige Wiederauferstehung des Berliner Schlosses? Auf die Heilung einer alten Wunde? Oder darauf, dass der Kreis der Geschichte sich endlich dort schließt, wo es am wenigsten wehtut? Was auch immer, ich erwarte nicht, dass dieses Versprechen eingelöst werden kann.Die schöne Computergraphik suggeriert für die nahe Zukunft nämlich etwas, was es nie geben wird: Das Berliner Stadtschloss in seiner alten Pracht. Eine nachempfundene Fassade könnte dort bald stehen. Aber niemals etwas, was man guten Gewissens als „Schloss“ bezeichnen könnte. Dabei sind doch für genau diesen Wiederaufbau des Schlosses Tausende von Sympathisanten mobilisiert und Millionen an Spendengeldern gesammelt worden. Ist diesen vielen Menschen eigentlich ganz klar, dass sie das Schloss zwar wohl erkennen, aber niemals betreten werden? Das einzige, was am Ende überhaupt an ein Schloss erinnert, wird die Fassade sein. Aber die Räume hinter den Fenstern werden nicht das Geringste mit einer königlichen Residenz zu tun haben. Sie werden nicht einmal besonders viel mit der Fassade zu tun haben.Wir hätten dann also einen monumentalen Neubau mit unklarer Zweckbestimmung. Und dieses Etwas hätte dann eine Fassade, die man ziemlich leicht wiedererkennen wird, weil sich das Bild ganz gut mit alten Photografien und Ansichtskarten deckt. „Kulisse“ wäre wohl der passende Ausdruck. Oder „Bühnenbild“. Aber für welches Theater? Und für wessen Theater?Berlin schmückt sich mit der guten alten Kaiserzeit als Postkartenmotiv. Wollen wir damit wirklich angeben? Wir nötigen der Kreativität von Architekten ein Gebilde ab, dessen einzige feststehende Anforderung die Eignung als Kostümpuppe ist. Wir errichten uns selbst das Wahrzeichen unseres Leidens an der eigenen Geschichte. Das ist peinlich. Und keine schöne Perspektive für die zukünftigen Bewohner. Wenn das Ding erstmal steht, wird man wahrscheinlich jemanden zwingen müssen, endlich dort einzuziehen.Aber mit der Nostalgie wird es sowieso bald vorbei sein, wenn die Arbeiten erst einmal begonnen haben. Über eine ziemlich lange Zeit wird sich die Vorfreude der Berliner auf ihr „Schloss“ nämlich an einer gewaltigen Baugrube, an Flutlicht und Kränen und an jeder Menge Beton nähren müssen. Die Fassade mit dem Postkarten-Kolorit kommt ja erst ganz zum Schluss. Ob die allgemeine Begeisterung so lange durchhält? Auch wenn die Kosten noch erheblich steigen?Zu befürchten ist Schlimmeres als nachlassende Begeisterung. Zu befürchten ist das wachsende und ziemlich unangenehme Gefühl der Berliner, sich mit der Haut einer architektonischen Leiche behängt zu haben. Und jetzt damit herumlaufen zu müssen. Das Alte mit dem Neuen zu verbinden, das klingt immer sehr schön. Aber manchmal entsteht dabei auch nur eine gruselig zusammengeflickte Kreatur, die ihren Schöpfer verflucht. Damit sollte es nicht enden.
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