„Kunst im Berliner Untergrund“

26.10.2018  Berliner Morgenpost

Der U-Bahnhof Unter den Linden wird zwei Tage zur Ausstellungshalle und gibt Einblick in den Baufortschritt.

Von Sabine Flatau

Berlin hat eine neue, unterirdische Kunsthalle. Aber nur für kurze Zeit. Am heutigen Sonnabend und am Sonntag sind im künftigen U-Bahnhof Unter Linden 37 Ölgemälde von Christopher Lehmpfuhl ausgestellt und 35 großformatige Fotografien von Antonio Reetz-Graudenz. Besucher können bei freiem Eintritt auch den Baufortschritt in der neuen Station sehen.

„BauXKunst“ ist die Bezeichnung der beiden Tage. Organisiert wurden sie von der Projektgesellschaft U5, die für den U-Bahnbau verantwortlich ist, und dem Medienunternehmen Bertelsmann. Die Verwandlung des betongrauen, langen Bahnsteigs ist gelungen.

Farben der großformatigen Bilder erstrahlen im Licht

Bodenstrahler werfen blaues und gelbes Licht auf die hohen Säulen der Halle. An der einen Seite der Gleise hängen, an hohen Metallgerüsten, die großformatigen Ölbilder von Christopher Lehmpfuhl. Ihre Farben leuchten. Der Künstler hatte 2008 mit dem Zyklus „Die neue Mitte“ begonnen, der die Veränderungen auf dem Schlossplatz zeigt. Er malte die Treppentürme des Palastes der Republik, und ihren Abriss. Er hat auf seinen Bildern die Wiese festgehalten, die als Interimslösung angelegt wurde, die Errichtung der Humboldt-Box und dann den Aufbau des Stadtschlosses. Zuerst stand seine Staffelei auf dem Dach der Box. Als der Neubau immer größer wurde, setzte der Maler sein Werk auf dem Dach der Bertelsmann-Repräsentanz, Unter den Linden 1, fort.

Leuchtende Farben, spannende Perspektiven, Weite und Tiefe haben auch die Fotografien von Antonio Reetz-Graudenz. Sie zeigen Gleise, die in die Ferne führen, das Schneidrad der Tunnelvortriebmaschine Bärlinde am Kran neben dem Roten Rathaus, und Sonnenstrahlen, die durch eine Öffnung in die U-Bahnbaustelle fallen. Auch die weißen Zapfen des unterirdischen Eiskörpers an der Baustelle Museumsinsel hat Reetz-Graudenz fotografiert. Er ist Architekt und seit 2012 am Baugeschehen der U5 beteiligt, als Bauleiter und als Bauüberwacher. Immer wieder hat er bei besonderen Momenten seine große Kamera mitgebracht. Auch die für ihn spannendste Situation hat er festgehalten. „Als unter dem Spreekanal, im Bereich Museumsinsel, der Bagger einsetzte, und die bange Frage war: trifft er auf Erde oder kommt uns Wasser entgegen?“ Es war Erde. Der Eiskörper, der zum Schutz um die Baustelle gebildet worden war, hielt.

Am künftigen U-Bahnhof Unter den Linden sind 50.000 Kubikmeter Beton verbaut worden, 5000 Tonnen Stahl und 1000 Quadratmeter Deckenplatten. Acht Rolltreppen wurden installiert. „Wir haben uns gedacht, ein solches Bauwerk eignet sich auch wunderbar für Kunst“, sagte Ute Bonde, Geschäftsführerin Finanzen der Projektgesellschaft U5. Sie hofft, dass möglichst viele Menschen die ungewöhnliche und kurzzeitige Ausstellung sehen. Man wolle ihnen damit den Bahnhof näherbringen. Denn bislang macht sich das Großprojekt vor allem durch Verkehrseinschränkungen im Umfeld der Baustellen bemerkbar. Kraftfahrer und Fußgänger müssen das akzeptieren.

Die Kunst im unfertigen Bau ist ein historischer Moment

Auch Helen Müller, Leitung Cultural Affairs und Corporate History bei Bertelsmann, setzt auf die Wirkung der Fotos und Bilder in der noch unfertigen U-Bahnstation. Es werde ein besonderer historischer Moment eingefangen, sagte sie. „Wir werden nie wieder die Gelegenheit haben, diesen U-Bahnhof in dieser Form zu sehen.“ Bertelsmann finanzierte die unterirdische Ausstellung. Die mehr als 40 Kilogramm schweren Bilder von Lehmpfuhl kommen zum Teil aus der Sammlung Reinhold Würth. Damit sie keinen Schaden nehmen, wurden eigens Luftbefeuchter im U-Bahnhof angebracht. Die Ausstellung ist in den vergangenen Nächten aufgebaut worden, um die Bauarbeiten am Tag nicht zu behindern.

Die Arbeiter, die die Kunstwerke am Morgen sahen, sind begeistert. Sie sagten: „Können die nicht hängen bleiben?“ Doch am Sonntagabend beginnt bereits schon wieder der Abbau. Christopher Lehmpfuhl stört sich nicht an der kurzen Zeit der Schau. „Das ist manchmal effektiver als eine Ausstellung, die fünf oder sechs Wochen läuft.“ Zu den Kosten für die Ausstellung wollte sich Helen Müller nicht äußern. Doch die Schau sei „jeden Cent wert“, sagte sie.

Wer sie sich anschaut, hat auch Gelegenheit, vor dem U-Bahntunnel ein Selfie mit der Symbol-Figur der U5, Harry Schotter, zu machen. Der Rückweg aus der Baustelle führt die Besucher an der Schnittstelle mit der Linie der U 6 vorbei, wo deren Züge zu beobachten sind. Geplant ist, dass die neue Strecke der U-Bahnlinie U 5 zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz dann Ende 2020 in Betrieb geht.

U-Bahn-Baustelle Unter den Linden Ecke Friedrichstraße, 27. Oktober, 10–20 Uhr, 28. Oktober, 9–14 Uhr, Zugang kostenlos, aber nicht barrierefrei

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 26.10.2018

 

 

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