„1993 noch ein Luftschloss“

24.01.2108  Allgemeine Zeitung

 

Das künftige Humboldtforum in Berlin ist exakt im Zeit- und Kostenrahmen

Von Gregor Mayntz

An den Dachträgern spachteln Handwerker die letzten Unebenheiten bei, zwei Meter darunter zeigt Hochbauchef Karl-Heinrich Mohr eine große farbige Hochglanz-Fotomontage von Museumsbesuchern, die uralte Südseeboote anschauen und sich mit der Kultur des Pazifiks beschäftigen. Noch vor einem Jahr war das nicht viel mehr als eine bunte Fiktion. Zwar wird der große Raum hinter ihm noch beherrscht von Stützen und Querverstrebungen. Aber er beweist eindeutig, dass es mit großen Schritten Richtung Realisierung geht. Wo vor Kurzem noch die eiskalte Luft durch die Berliner Baustelle zog, ist nun behagliche Wärme eingekehrt. Die Fenster sind dicht, die Fernwärme funktioniert. Im Mai kommen bereits die großen Boote in den Ausstellungssaal, danach wird auch die letzte Öffnung zum Innenhof zugemauert.

Mitte des Jahres sollen alle Außengerüste fallen

Während die Großbaustelle des neuen Berliner Flughafens in die nächste Verlängerung geht, ist das spektakuläre neue Kulturzentrum in Berlins Mitte im Zeit- und im Kostenrahmen. Mitte des Jahres sollen bereits alle Außengerüste fallen. Dann sind sie fertig, die drei Barockfassaden, in die alte Originalteile genauso eingearbeitet wurden wie originalgetreue Rekonstruktionen. Wilhelm von Boddien (75) kann es kaum fassen: „Am liebsten möchte ich mich kneifen und ständig sagen: Das kann doch nicht wahr sein!“ Der frühere Kaufmann hat 1992 den Förderverein für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses initiiert und 1993 den größten psychologischen Druck aufgebaut, indem er eine Simulation im Maßstab 1:1 errichten ließ. Nun ist es nicht mehr aufgedruckter Stoff. Nun steht das Schloss wirklich wieder.

Und auch eine andere psychologische Marke ist erreicht. Als sich Bundestag und Bundesland Berlin zur Finanzierung bereit erklärten, versicherte der Förderverein, 80 Millionen Euro an Privatspenden beizusteuern. Diese 80-Millionen-Grenze ist in diesem Monat erreicht worden. Die Stiftung als Bauherr und künftiger Betreiber spricht zwar nur von 71,3 Millionen, weil sie die Sachspenden nicht mit einrechnet. Doch in der letzten Zeit gingen jährlich Spenden in insgesamt zweistelliger Millionenhöhe ein. So sind alle guter Dinge, dass die auch finanzielle private Begeisterung für die Barock-Belebung an zentraler Stelle in Berlin richtig eingeschätzt wurde. Boddien hält sich ebenfalls mit Erfolgsmeldungen zurück. Denn unterdessen ist der Appetit auf noch mehr vom Schönen gewachsen, sind Portale und Kuppel und und und hinzugekommen, so dass es nun 105 Millionen an Spenden werden sollen.

Anders als bei anderen Projekten dieser Größenordnung hat sich hier nichts wesentlich verteuert. Es wird ein 610-Millionen-Bau bleiben. Das klingt viel. Doch es relativiert sich beim Blick zum Beispiel auf die Sanierung und Ergänzung des Pergamon-Museums auf der anderen Seite des Lustgartens auf der Museumsinsel. Das kostet ungefähr genau so viel. Das Humboldt-Forum im Stadtschloss soll aber viel, viel mehr kulturelles Leben entfalten. Die Stiftung rechnet ab Ende 2019 mit jährlich mindestens drei Millionen Besuchern, plant mit tausend Veranstaltungen und hat dafür ein Budget von mehr als einer Million Euro pro Woche vorgesehen.

350 Mitarbeiter bis 2020

Als „Jobmaschine“ versteht Stiftungsvorstand Johannes Wien das Humboldtforum. Die Zahl der Mitarbeiter wird er bis 2020 auf 320 bis 350 hochfahren. Ein großes Team ist allein für die Klimatisierung notwendig. Die kostbaren Sammlungen vertragen höchstens 25 Grad und 26 Prozent Luftfeuchtigkeit – und das hat sich ständig an den Besucherströmen zu orientieren. Schon ab Mai muss im künftigen Südsee-Ausstellungsraum das Binnenklima stimmen, wenn die Exponate reingebracht, die Öffnung zugemauert ist und rundherum die Bauarbeiten weitergehen.

Einen genauen Eröffnungstermin Ende 2019 will die Stiftung noch nicht nennen. Doch Bauchef Hans-Dieter Hegner zählt bereits die Tage bis zum 250. Geburtstag von Namensgeber Alexander von Humboldt am 14. September nächsten Jahres. Da soll schon was Herausragendes im Schloss stattfinden.

Hegner empfiehlt den Baustellenbesuchern im vierten Obergeschoss, aus dem Technik-Raum einen Blick auf das Eosander-Portal im westlichen Innenhof zu werfen. Die Öffnungen würden bald geschlossen. Boddien fotografiert alle Details und kann sich kaum satt sehen an der Pracht. Der Bauvorstand erläutert, dass es die Vorgabe gegeben habe, dieses Portal nur zu errichten, wenn es dafür genügend Spenden gebe. Dass es nun in alter Schönheit wiederentstanden ist, spricht für sich und für die Begeisterung der Spender.

 

Quelle: Allgemeine Zeitung, 24.01.2018

 

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