„Handarbeit rekonstruieren“

25.12.2017  Der Tagesspiegel

 

Das Humboldt Forum stellt in einem Buch die Rekonstruktion der bildhauerischen Arbeiten an der Fassade des Berliner Schlosses vor. 

Von Bernhard Schulz 

Kann man historische Architektur rekonstruieren? Dies war eine Hauptfrage bei der Entscheidung für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Gehäuse des künftigen Humboldt Forums. Aber Bildhauerarbeiten? Andreas Schlüter war Architekt und Bildhauer des Schlosses zugleich. Dergleichen gibt es heute nicht mehr. Aber es existieren Tausende Fotos, die eine exakte Bestimmung dessen ermöglichen, was am Schloss einmal als bildhauerischer Zierrat zu sehen war.

Ein besonders vertracktes Objekt ist die sogenannte Eckkartusche, die den Übergang zwischen dem Schlüterschen Schloss und dessen Erweiterung durch Eosander von Göthe bezeichnete. Nichts als ein kleiner Fassadenvorsprung, der elegant überspielt wurde; dies aber in bildhauerisch aufwendigster Form: Zwei Posaune blasende und also vom Ruhm des Königs kündende Flügelwesen, begleitet von drei Putten, weisen auf ein Wappenschild mit den verschlungenen Buchstaben „FR“ für Fridericus Rex, dem Zeichen Friedrichs, des ersten Königs „in“ Preußen.

Diese Kartusche nun wurde zu einem Prüfstein für das Vermögen unserer Zeit, bildhauerische Einzelleistungen nachschöpfen zu können. Darüber gibt ein Buch Auskunft, das die Stiftung Humboldt Forum kürzlich öffentlich machte, und das die Arbeitsschritte vom ersten Bozzetto in Ton bis zum aus mehreren Sandsteinblöcken geschnittenen Werk nachverfolgt, in Fotografien und erläuternden Texten. Dabei wird zugleich die Vielzahl der Handwerke(r) sichtbar, die an der Herstellung beteiligt sind, Bildhauer, Stukkateure, Sprengmeister, technischer Vorarbeiter, Polier, so viele eben, bis das mehr als doppelt mannshohe Gebilde 24 Meter hoch an dem Fassadenzwickel der Schlossrekonstruktion hängt. Die Mehrzahl der Fachkräfte hat in der DDR gelernt und gearbeitet, beim VEB Stuck und Naturstein Berlin-Weißensee und dem VEB Elbenaturstein Dresden. In der Nische damals, im hellen Licht jetzt: Denn in Kürze, sobald das Gerüst abgebaut ist, wird jedermann sehen können, ob das Werk gelungen, ob Rekonstruktion möglich ist. Nach Lektüre dieses Buches: Ja, sie ist.

Cornelia Gerlach (Autorin), Rolf Schulten (Fotograf): Barock in Arbeit. Die Kunst der Rekonstruktion und das neue Berliner Schloss. 180 S., farbig illustriert. Erhältlich ab sofort in der Humboldt Box, 24,90 €.

 

Quelle: Der Tagesspiegel, 25.12.2017

 

 

 

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