„275 Jahre Staatsoper unter den Linden – Schmuckstück in der Mitte der Stadt“

07.12.2017    Berliner Zeitung

Von Nikolaus Bernau

Zu einem richtigen Hofstaat gehört seit der Renaissance in Europa eine Hofoper. Nicht, weil die Adelsgesellschaft besonders gerne Musik hörte. Eine Oper war neben den großen Festen, den Staatsakten und Gottesdiensten die Gelegenheit, zu sehen und gesehen zu werden, Kontakte und Intrigen zu knüpfen, während auf der Bühne oft hochmoralisch von den Pflichten des Herrschens gesungen wurde. Solche Festivitäten gaben dem Monarchen auch die Gelegenheit, seinen Adel ins Auge zu nehmen, zu kontrollieren, welcher Stil in Musik, Architektur und Mode herrschen sollte.

Für alle diese Zwecke wurde auch die Staatsoper Unter den Linden errichtet, die einstige Königliche Oper. Sie feiert in diesen Tagen ihr 275. Jubiläum. Der Bau muss in den 1740er-Jahren eine Sensation gewesen sein, weit über die kühlen, dem englischen Palladianismus entlehnten Architekturformen hinaus, die König Friedrich II. seinem Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff vorgegeben hatte.

Große Kunst aus sturem Preußentum

Diese klaren Linien und scharfen Kanten fanden in der zeitgenössischen deutschen Repräsentationsarchitektur nicht ihresgleichen. Die Oper hatte damals weder einen Turmaufbau noch die stark vorspringenden Seitenflügel, sie war eine schlichte Kiste mit flach geneigtem Walmdach, vor der die sechs korinthischen Säulen des Eingangs erst richtig ihre prachtvolle Wirkung entfalten konnten.

So wenig zufällig wie die strengen äußeren Architekturformen war auch das Innere gewählt. Obwohl stilhistorisch im Vergleich zum für die Mode Europas vorbildlichen Frankreich etwas überholt, entfaltete sich hier noch einmal der ganze Zauber des Rokoko. Der große Saal, die Foyers, die Ränge stellten eine Gegenwelt dar, in der die Standesunterschiede zumindest symbolisch unter dem Zeichen des Kunstgenusses aufgehoben wurden.

Neues Forum Fridericianum

Dass der große Saal mit der Bühne durch eine raffinierte Technik zur riesigen Redoute vereinigt werden konnte, in dem der Monarch empfing und feierte, feiern ließ und überwachte, war zeitgemäß: Preußen, dieser immer noch vergleichsweise arme Staat, konnte sich nicht eine Oper und einen parallelen Festbau gleichzeitig leisten. Und das Berliner Schloss, das diese Räume reichlich geboten hätte, liebte Friedrich II. nur sehr bedingt.

Aus seiner Sicht stand das Schloss mit seinem schweren Spätbarock für einen nur behaupteten, aber nicht mit Substanz erfüllten Großmachtanspruch. Noch hin zu seinem Lebensende äußerte er sich sehr mokant über den Großvater Friedrich I. und dessen Prachtlust. Die Staatsoper hingegen war etwas gänzlich Neues, auch städtebaulich. Sie sollte Zentrum sein eines neuen Forum Fridericianum, mit einem neuen Königspalast – dem späteren Palais des Prinzen Heinrich, seit 1810 von der heutigen Humboldt-Universität genutzt.

Die große Kunst des Preußentums

Mit den neuen Gebäuden für die Akademie der Wissenschaften und die Akademie der Künste, einer neuen Königlichen Bibliothek und der Kirche für die Berliner Katholiken als Demonstration religiöser Toleranz.

Von dem großen Bauprogramm wurde, wie so oft in der Berliner Geschichte, nur ein Bruchteil ausgeführt, und auch das dauerte mehr als zwei Generationen. Immerhin entstand so eine Platzanlage, die in ihrer Strenge, mit ihren geraden Achsen, sorgfältig aufeinander bezogenen Fassaden und präziser Dimension der Höhen im damaligen Europa wenige Konkurrenten hatte. Die Ausweitung dieser straffen Platzanlage durch die Denkmalplanungen Schinkels und den Bau der Neuen Wache im frühen 19. Jahrhundert gab ihr dann auch jene räumliche malerische Qualität, die aus dem sturen Preußentum große Kunst machte.

Zerrissener Zusammenhang

Doch mit der Oper wurde nicht immer sorgsam umgegangen. Sie brannte mehrmals aus, wurde zwei Mal nach schweren Bombenschäden neu errichtet, sodass heute nur noch die Eingangsfassade als Teil des Erstbaus betrachtet werden kann, alles andere hingegen im Wesentlichen dem Wiederaufbau zu DDR-Zeiten zu verdanken ist.

Und das städtische Umfeld wandelte sich auch nicht zum Besseren: Die Straße Unter den Linden wurde ausgeweitet, sodass der Zusammenhang zum Gebäude der Humboldt-Universität unterbrochen ist; anstelle der einfachen Bürgerhäuser, die den Fond der Monumentalbauten bildeten, entstand in der Kaiserzeit der viel zu klobige Bau des heutigen Hotel de Rome.

Beim jüngsten Umbau wurden diesem Klotz zwei Staffelgeschosse genehmigt, die nun mit dem Bühnenturm der Staatsoper die Hedwigs-Kathedrale regelrecht in der Ecke versinken lassen. Dabei hatte Richard Paulick alles versucht, mit seinem Konzept für die Staatsoper in den 1950er-Jahren auch die Gesamtanlage des Forum Fridericianum wieder zum Leben zu erwecken. Hier wie beim jüngsten Radikalumbau der Staatsoper zeigt sich: Echte Geschichte hat es in Berlin oft schwer, sich gegen den Traum vom immer besseren Neuen zu behaupten.

 

Quelle: Berliner Zeitung, 07.12.2017

 

 

 

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