Warum wir das Alte wiederhaben wollen und das Neue so schnell altert

Gegenbilder der Moderne

Von Dankwart Guratzsch

Berliner_Extrablatt_Ausgabe-85_gesamt_Seite_32_Bild_0001Für viele ist es der pure Kitsch. Für andere fast ein Evangelium. Ganze Internetplattformen spüren jedem neuen Beispiel einer geglückten Rekonstruktion nach und begutachten und debattieren es aus allen Blickwinkeln, oft durchaus fachkundig, in teilweise langen ernsthaften Beiträgen und mit Hunderten Fotos. Bürgerinitiativen und Bürgerbefragungen mit zehntausenden Unterschriften zugunsten immer neuer Wiederaufbauprojekte treiben die Lokalpolitiker vor sich her. Keine Architekturerscheinung des wiedervereinigten Deutschlands ist ähnlich „volksnah“ und zugleich der Fachwelt ähnlich suspekt. Was hat es nur damit auf sich?

Gerade erst debattierten deutsche und polnische Kunsthistoriker über „Re-Konstruktionen“ in Posen eine halbe Woche lang – sachlich, wohlabgewogen, ohne Polemik (das ist neu) und mit ernsthaftem Interesse an der Erforschung der Motive dieser Neuerschaffungsfreude von versunkenen Altbauten 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Da tritt schon die nächste „Provokation“ auf den Plan: die voluminöse, bisher gründlichste Studie über „Die moderne Rekonstruktion“. Der Untertitel des Buches ist bezeichnend für die jüngste Wendung der Debatte: „Eine Emanzipation der Bürgerschaft in Architektur und Städtebau“. Zunehmend scheint begriffen zu werden, was sich tatsächlich hinter der Marke „Rekonstruktion“ verbirgt: ein breiter Aufstand gegen die Schablonenarchitektur der Moderne. Kann diese Auffassung überzeugen?

Walter Gropius meinte noch: Wenn die Leute nicht begreifen wollen, welche unübertrefflichen Lösungen wir – die Architekten – ihnen für ein modernes Leben und Wohnen anbieten, dann müssen sie notfalls dazu „erzogen“ werden. Es war die Parole: Friss, Vogel, oder stirb. Und die begann sich durchzusetzen, als Wohnungsnot herrschte und die Bauämter diktieren konnten, wie der obdachlose Otto Normalverbraucher gefälligst zu wohnen hat. Heute hat sich, das zeigen die neuklassizistischen „Luxusquartiere“ der Großstädte, die Bürgerschaft tatsächlich von diesem Diktat emanzipiert. Die Leute wählen selbst aus. Und sie wählen das, was ihnen „gefällt“. Zur Verblüffung vieler Architekten ist es auch nach hundert Jahren architektonischer Moderne nicht das „Neue“, sondern das vormoderne Alte. Gibt es dafür Erklärungen?

Der 35-jährige Politikwissenschaftler und Historiker Philipp Maaß untersucht auf über 600 großformatigen, reich illustrierten Seiten, wo überall diese absurde Frontstellung zwischen Experten und „Nutzern“ Furore macht. Mit Dresden, Frankfurt und Potsdam sind es Städte, in denen der Zweite Weltkrieg besonders erbarmungslos gewütet hat. Hier musste von Grundauf neu geplant werden. Doch in den Notzeiten der Nachkriegsjahre ging es nicht um das, was „gefällt“, sondern um schlichte Bedürfnisbefriedigung. Die Abwendung der Architektur von Pilastern, Giebeln und Gesimsen war ein Gebot der Not, kein Bekenntnis zu einem neuen „Stil“.

Heute hat der Vorwand humanitärer Bedarfsdeckung seine Überzeugungskraft verloren. Zwar fehlt es nicht an Versuchen, ihn immer wieder neu zu instrumentalisieren, wozu gerade die aktuelle Flüchtlingskrise hervorragende Argumente liefert. Doch dem steht die Emanzipation einer Bürgerschaft entgegen, die zunehmend allen Versuchen misstraut, im Sinne politischer, ökonomischer, ökologischer oder sozialer Programme „verfügbar“ gemacht zu werden.

Von keinem Geringeren als Schinkel stammt die Einsicht, dass Bauen für den Menschen mehr sein muss als das Aufstellen, das Stapeln von Gestellen und Containern. Wenn „die ganze Conception für ein bestimmtes Werk der Baukunst aus seinem nächsten trivialen Zweck allein und aus der Konstruction“ entwickelt werde, entstehe „etwas Trockenes, Starres, das der Freiheit ermangelt und zwei wesentliche Elemente: das Historische und das Poetische ganz ausschließt.“

Das Wort sollte sich jeder Architekt über das Reißbrett hängen. Schinkel gelang es, wie seine großartigen Entwürfe „höherer Baukunst“ aus den letzten Lebensjahren beweisen, sich vom Schematismus der – wie er es nannte – „Abstraction“ loszuringen. Die Architekturmoderne dagegen feiert die Unterwerfung unter den „nächsten trivialen Zweck“ und die Konstruktion bis heute als ihre eigentliche Sinnerfüllung. Die Begabung zur „höheren Baukunst“ des „Historischen und Poetischen“ ist ihr abhanden gekommen.

„Der ist ja nackt!“, leitet Philipp Maaß sein Grundsatzwerk über die moderne Rekonstruktion mit dem berühmten Ausruf des Kindes in Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ ein – und tatsächlich ist das Architekturschaffen im Gefolge der Moderne über die Attitüde der Entkleidung bis auf Haut und Knochen des Bauwerks nie hinausgekommen. Es war und ist der Gegenschlag gegen das immer noch verfemte 19. Jahrhundert und seinen großen Heros Gottfried Semper, der – selbst Sohn eines Textilfabrikanten – seine ganze Architekturtheorie auf das Thema der Bekleidung aufgebaut hatte. Der Reflex gegen diese ins Große gedachte und entwickelte Vorgabe, der schon längst nicht mehr seinen Anlass und seine Berechtigung kennt, wirkt heute nur noch lächerlich und krampfig.

Haut und Knochen altern auf unansehnliche Weise. Deshalb präsentieren sich ganze Stadtviertel im erbärmlichen Zustand körperlicher Verwahrlosung, die sie schon wenige Jahre nach ihrer Errichtung hinfällig, notbehelfsartig und armselig erscheinen lässt. In den wiederauferstandenen rekonstruierten Altstädten ersteht ihnen ein Gegenbild von irritierender Jugendlichkeit und Frische. Mit den Bildern der Geschichte tritt auch die Poesie wieder in den Stadtraum ein. Die neuen langlebigen Farben, die mit Liebe für das Detail herausgeputzten und herauspräparierten Schmuckelemente der echten und „falschen“ Altbauten mögen Historizität oft nur heucheln – aber sie werten die Städte nachweisbar auf. Nie war Stadtleben so begehrt und hochpreisig wie heute.

Es mag die Tragik der Architekturmoderne sein, dass sich an ihr erfüllt, was der Philosoph Hermann Lübbe in seinem berühmten Essay „Die Avantgarde und das Museum“ dem Zeitgeist schon vor mehr als zwanzig Jahren prophezeit hat: „Wer heute bereits von morgen sein will, ist übermorgen selber von gestern.“ Noch viel tragischer freilich ist das Paradox, dass sich auch noch die jüngsten Generationen von Architekten diesem Hamsterrad von Fortschrittsglauben nicht zu entwinden vermögen. Umso länger werden sie damit leben müssen, dass eine emanzipierte Bürgerschaft ihnen die Entscheidung abnimmt, ob und wie das Historische und das Poetische wieder Einzug in den Städtebau hält. Und das ist auch gut so.

Wir danken dem Autor und der Zeitung Die Welt für die freundliche Genehmigung, diesen Essay abdrucken zu dürfen!

5 Kommentare zu “Warum wir das Alte wiederhaben wollen und das Neue so schnell altert

  1. Mir erschien beim Lesen dieses hervorragenden Artikels sofort das Kanzleramt vor Augen, dieser hässliche graue Klotz, der mit seinen Altersspuren die grausame Abwesenheit jeglicher architektonischer Ästhetik noch mehr zum Vorschein bringt. Der gute alte Reichstag steht inmitten dieser kalten Glas-Beton-Architektur wie ein Fels in der Brandung und gemahnt die Richtigkeit dieser Analyse.

  2. Ein hervorragender, fundierter Kommentar zu einemgrandiosen Artikel. Danke dafür. 🙂
    Wenn ich ehrlich sein soll musste ich auch an die „Waschmaschine“ alias Kanzleramt denken 😀

  3. >
    Das Schloss – gesprengt
    Die Kunst – versengt
    Der Platz – planiert
    Rotfront – marschiert
    Der Wind – gedreht
    Albtraum – verweht…
    Zum Schluß jetzt das Glück:
    DAS SCHLOSS kehrt zurück!
    Reinhard „Hardy“ Rupsch

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