Schloss-Information November 2019

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Liebe Schlossfreunde und Unterstützer, sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit erhalten Sie aktuelle Informationen rund um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt Forum:

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  • Mehrkosten beim Bau des Humboldt Forums
  • Neues Schloss-Infocenter ab Mitte Dezember

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Mehrkosten beim Bau des Humboldt Forums

Man muss sich nicht aufregen. Beim Humboldt Forum kam es zu maßvollen Bauverzögerungen und Baupreissteigerungen, ausgelöst durch mutige, weitgehend unerprobte, innovative Gebäudetechnik. Dazu kommen auch noch Planungsänderungen der späteren Nutzer im Inneren und eine galoppierende Teuerung im Baubereich durch die überhitzte Konjunktur, aber:

Der Wiederaufbau der Schlossfassaden wurde nicht teurer! 

Wenn man sich das Berliner Schloss – Humboldt Forum von außen ansieht, wird kaum jemandem bewusst, was für eine gewaltige, hoch innovative Technik dahintersteckt. 40 % der gesamten Baukosten für das Schloss und Humboldt Forum entfallen allein auf diesen Bereich! Fast das gesamte Dachgeschoss und auch große Teile des Untergeschosses sind vollgestopft mit Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik, Maschinen, Rohren, Steuerungstechnik, alles computergesteuert.

Schon bei der Planung war man ehrgeizig: Äußerlich baute man das Berliner Schloss in seinen wesentlichen Fassaden historisch getreu wieder auf. Im Inneren sollte es aber den innovativsten Herausforderungen der Museums- und Veranstaltungstechnik gerecht und dazu ein Vorbild für die Einsparung von Energie werden. So war es eine der Vorgaben, dass das Gebäude auch noch die Verordnung der EU für Niedrigenergiehäuser um mindestens 30 % unterschreiten sollte. Zusätzlich zu seinem schon durch die Wandstärke energiesparenden, massiven, doppelwandigen Fassadenaufbau (innen 50 cm Beton, dann eine 15 cm dicke Dämmschicht und schließlich die Schlosswände aus durchschnittlich 70 cm starkem Ziegelmauerwerk) wird als eine der modernen Komponenten zur Energieeinsparung beim Humboldt Forum die Geothermie eingesetzt. Dazu wurden Dutzende von Bohrungen bis zu 100 m tief auf der Lustgartenseite vor der Schlossfassade eingebracht, die wiederum die Bodenwärme, aber auch -kühle, je nach Jahreszeit, aus der größeren Tiefe in das Energiesystem des Gebäudes einspeisen. Ebenso wurde in die Betonwände ein Wärmerückgewinnungssystem installiert. Alles zusammen machte so das Berliner Schloss und Humboldt Forum fast zu einem Selbstversorger in Sachen Energie mit deutlich reduzierter Abhängigkeit vom städtischen Energienetz.

Dazu kommt eine sehr komplizierte Klimasteuerung: Gleichzeitig werden im Haus, im Erdgeschoss und verteilt über alle Stockwerke, unterschiedliche Klimazonen für die kostbarsten Kunstwerke, für normale Ausstellungsräume, für Durchgangsräume und Foyers, für Restaurants, für kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen aller Art bereitgestellt, alle mit den nötigen Luftschleusen möglichst unsichtbar versehen, damit das Humboldt Forum überall seinen zahlreichen ihm zugedachten Funktionen gerecht werden kann. So ein vielseitig und gleichzeitig variabel bespielbares multifunktionales Gebäude gab es noch nicht!

Dies wurde von Anfang an in den Planungen berücksichtigt und zeigt ein komplexes Wirksystem, dessen größte, kostensteigernde Hindernisse jedwede Planungsänderungen sind. Man denke nur an die Umwidmung der großen Flächen der vom Land Berlin im 1. OG ursprünglich geplanten Bibliothek erst vor drei Jahren (und das während der Bauzeit!) in eine riesige Berlin-Sonderausstellungsfläche, wie sie nun in kurzer Zeit geplant und eingebaut wurde. Dazu kamen verschiedene Planungsänderungen auf Veranlassung der Gründungsintendanz. Alles führte schließlich zu Verzögerungen im Bauablauf, weil natürlich auch die ursprünglich genau eingetaktete Bauabfolge damit unterbrochen wurde. Und Verzug heißt immer auch Kostensteigerungen, weil ursprünglich schon beauftragte Maßnahmen wegen solcher Planungs- und Ablaufänderungen den vorher terminlich genau eingetakteten Firmen nun über sog. Behinderungsanzeigen während der Bauzeit im Bauablauf die Möglichkeit geben, Nachforderungen zu stellen. Jeder der schon mal gebaut hat, weiß, dass die Firmen durch so etwas ihre ursprünglich knappste Angebotskalkulation z.T. erheblich aufbessern können.

Aber nicht nur das: Wir befinden uns seit einiger Zeit mitten in einer Hochphase der Baukonjunktur mit explodierenden Preisen. Vieles, was 2013 bei der Grundsteinlegung auf Basis einer normalen Konjunktur an Hochrechnungen und Entwicklungsprognosen zu kommenden Preisentwicklungen absolut seriös gerechnet wurde, ist bei den z.T. viel später erst möglichen Ausschreibungen über die nun enorm gesteigerten Preise zu Makulatur geworden.

Eine Schere öffnete sich zwischen dem Zwang, die geplanten Bauabläufe einhalten zu müssen, um Kostensteigerungen zu vermeiden und dem durch die erhitzte Konjunktur mit ihrem Arbeitskräftemangel fast unmöglich gewordenen Vorhaben, Bauleistungen nicht zu teuer einkaufen zu dürfen. Also musste alles vermieden werden, was bauseitig überhaupt erst solche Kostensteigerungen möglich machte.

Deswegen wurde vor dem Baubeginn 2011 vom damaligen Stiftungs- und Bauvorstand Manfred Rettig unmissverständlich betont, mit ihm gäbe es keine Planungsänderungen. Nach drei Jahren gründlichster Planung hätten alle beteiligten Nutzer die Hand zum Schwur gehoben, dass sie mit dem Ergebnis hochzufrieden seien und so betonte Rettig: „Wir liefern Ihnen 2019 genau das Bauwerk, was Sie heute bestellt haben, Änderungswünsche werden nicht mehr angenommen!“

Es sei zudem weitaus billiger, eventuell doch noch notwendige Änderungen am Bau erst nach der Fertigstellung des Gebäudes durchzuführen, da diese in ihren Auswirkungen auf den Gesamtablauf in den dann bestehenden, funktionierenden Organismus viel einfacher eingeplant werden können.

Das hat auch alles, bis auf Ausnahmen, gut funktioniert. Und so kam es, nach einer Bauzeit von über sechs Jahren seit der Grundsteinlegung, zu einer vor diesem Hintergrund eigentlich moderaten Baukostenerhöhung von knapp 7 %.

 Die Rekonstruktion der Schlossfassaden hingegen wurde nicht teurer als veranschlagt.

Zusätzliche Schwierigkeiten verursachten schließlich die Verschiebung des Eröffnungstermins von 2019 auf 2020:

Viele Gewerke auf der Baustelle wurden wegen des konjunkturell bedingten Arbeitskräftemangels nicht rechtzeitig fertig. Es fehlten seit gut zwei Jahren je nach Einsatzort täglich bis zu 200 Facharbeiter auf der Baustelle. Sichtbarstes Beispiel dafür ist die Kuppel, die schon im Frühjahr 2019 übergeben werden sollte. Die mit der Bauausführung für das Kupferdach beauftragte Firma trat aus Mangel an Fachkräften im Spätsommer 2018 nicht an und erklärte, man könne erst im Mai 2019 mit den Arbeiten beginnen. Auf die Schnelle konnte die Bauleitung den Auftrag aber auch nicht an eine andere Firma vergeben, weil niemand über ausreichende Kräfte und sofort freie Kapazitäten verfügte.

Dazu kamen technische Mängel in der Bauausführung im Bereich der Klima-, Heizungs- und Lüftungstechnik, die nicht sofort sichtbar wurden. Deswegen musste nun auch noch die technische Bauabnahme verschoben werden. Um z.B. die Klimaanlage aber wirklich auf ihre Leistung testen zu können, kann man dies erst wieder im Sommer 2020 bei hohen Außentemperaturen durchführen, bei winterlichen Temperaturen „funktioniert“ jede Kühlanlage, einfach, weil sie nicht gebraucht wird.

Bestes Beispiel dafür ist der massenweise Ausfall der Klimaanlagen in den ICE-Zügen der Bahn vor einigen Jahren, die sich bei Außentemperaturen von über 35 Grad wegen Überlastung einfach abschalteten. Zahlreiche Züge mussten deswegen stillgelegt werden, weil sich in den Wagen unzumutbare Temperaturen oft von über 40 Grad entwickelten.

Dazu kommen extrem genaue und einzuhaltende klimatechnische Vorschriften für die Ausstellung von kostbaren Kunstwerken, die nach dem jeweiligen neusten Stand der Technik ständig verschärft werden. Das mag bei bestehenden Museen nicht sofort umgesetzt werden, bei im Bau befindlichen Gebäuden gilt aber immer der Status des nun gerade erst technisch möglich gewordenen. Auch das führt immer wieder zu Änderungen und damit Kostensteigerungen. Und so stellt man jedem so hochkomplexen Bauwerk wie dem Humboldt Forum natürlich immer wieder ein Bein und bringt den Bauablauf ins Wanken.

Um eine so komplexe und komplizierte Klimasteuerung wie die im Humboldt Forum testen zu können, müssen zudem zuvor alle Räume staubfrei sein, weil sich sonst die Filteranlagen zusetzen. Darüber hinaus müssen für die Tests die Museumsräume hermetisch verschlossen werden, keine Tür darf geöffnet werden, weil sonst im Durchzug sich sofort die Klimawerte verändern. Wenn aber noch gebaut wird, weil sich der Bau wegen zahlreicher Reklamationen verzögert hat, kann man die Räume nicht einfach reinigen und dann verschließen, weil die Bauarbeiter mit ihrem Material ja ungehindert an ihre Einsatzorte kommen müssen, um die Arbeit zu vollenden. Und natürlich fällt dabei auch immer wieder Staub an!

Für die Eröffnungsfeierlichkeiten im Herbst 2019 war eine einmalig schöne Elfenbeinausstellung geplant. Kostbarste Leihgaben von Weltmuseen waren bereits zugesagt. Die Kuratoren dort wurden nervös, als man aus Berlin Ende Mai immer noch keine Bauabnahme vorlegen konnte. Elfenbein ist ein immens klimaempfindliches Material – es ist nachzuvollziehen, dass die Leihgeber ihre Zusagen wegen der fehlenden Bauabnahme zurückzogen.

Schließlich ziehen deswegen auch die Kunstwerke der Dahlemer Museen erst dann im Humboldt Forum ein, wenn dieses die technische Bauabnahme und Betriebsgenehmigungen vorweisen kann – und keinen Tag früher. So befinden sich die berühmten Südseeboote, die schon 2018 im Humboldt Forum eingelagert wurden, immer noch in ihren klimatisierten Transportkisten.

Wegen des erst nun nach dem nächsten Sommer beginnenden Umzugs kommt es wiederum nur zu einer wie bisher auch geplanten Eröffnung in Etappen. Der Umzug der Dahlemer Museen, der Sammlungen Berlins und der Humboldt Universität in das Humboldt Forum mit Zehntausenden von Exponaten muss sorgfältig und zum Schutz der Kunstwerke zeitlich in absoluter Ruhe durchführbar sein.

Was schließen wir daraus? Die Verteuerung und seine Behinderungen halten sich bei diesem, ohne Vorbild und den dort gewonnenen Erfahrungen, also so noch nie gebauten Vorhaben, absolut in Maßen, besonders im Vergleich zu anderen Großbauvorhaben, bei denen man wirklich von einer Kostenexplosion, vor allem durch Planungswirrwar, sprechen kann. Bis zur endgültigen Bauabnahme im nächsten Sommer werden im Berliner Schloss und Humboldt Forum alle Mängel abgearbeitet sein, zu einem großen Teil sind sie es schon jetzt. Und dann kann ein ungestörter Betrieb aufgenommen werden, der schließlich Millionen Besuchern ein ungestörtes Vergnügen garantieren soll.

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Neues Schloss-Infocenter ab Mitte Dezember

Nach der Zwischenlösung mit den zwei Infocentern vom Förderverein (Container vor der Schloss-Baustelle und Ladengeschäft Werderscher Markt 12) errichtet der Förderverein in Kürze einen etwa 216 qm großen aus Containern zusammengesetzten Ausstellungsraum ohne Zwischenwände vor dem Schloss auf der Lustgartenseite (Schlossplatz 5, 10178 Berlin) als

Neues Infocenter Berliner Schloss am Lustgarten.

In dieser Ausstellung können sich Schloss-Interessierte über das historische Schloss und den derzeitigen Wiederaufbau z.B. anhand von Plänen, Modellen und Skulpturen informieren sowie viel über die einzigartige Steinbildhauerkunst für die Fassadengestaltung erfahren.

Auf den schon aus der Humboldt-Box bekannten Bildschirmen laufen dann wieder die Filme zur Rekonstruktion der historischen Schlossfassaden. Das komplette historische Stadtmodell von Berlins Mitte um 1900 wird im Infocenter seinen Platz finden, genauso wie das Kino mit historischen und aktuellen Schloss-Filmen, der Shop mit umfangreicher Fachliteratur und großem Schloss-Sortiment sowie ein Raum für die Spenderberatung.

Wir bemühen uns, das neue Infocenter so schnell wie möglich zu öffnen: Wenn der Umzug reibungslos läuft, vielleicht schon am 2. Advent, also dem 8. Dezember 2019.

Alle unsere haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter werden dann wie gewohnt nach der Eröffnung ihren Dienst im neuen Infocenter wieder aufnehmen.

Unsere beiden derzeitigen Infocenter (Container vor der Schloss-Baustelle und Ladengeschäft Werderscher Markt 12) haben noch bis zum 25. November 2019 um 18 Uhr geöffnet. Dann schließen beide, um alles für den Umzug in die Containeranlage vor die Lustgartenfassade vorzubereiten.

 

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Mehr Informationen:

Förderverein Berliner Schloss e.V., Rissener Dorfstr. 56, 22559 Hamburg, Tel. 040 8980750, info@berliner-schloss.de

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Fotos: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

 

4 Kommentare zu “Schloss-Information November 2019

  1. Danke fuer die ausfuehrliche Berichterstattung! Solche detaillerten Beitraege sind immer willkommen. Ich wuenschte, dass die allgemeine Presse diesen Bericht uebernimmt, anstatt polemisch gegen das Project vorzugehen. Der verantwortungsvolle und informierteJournalismus scheint vom Aussterben bedroht zu sein.

  2. Liebe Schlossfreunde und Verantwortlichen,
    vielen Dank für die ausführlichen Informationen zum aktuellen Bau Stand und zu den Gründen für die verspätete Eröffnung. Das hätte man sich beim BER auch so gewünscht!
    Ich hätte mir noch eine Aussage zum Schloss Umfeld gewünscht. Wie steht es mit der Versetzung des Neptunbrunnens an den ursprünglichen Standort auf der Südseite. Gibt es dazu aktuelle Informationen? Des Weiteren ist auch von Interesse, ob auf der Nordseite die Terrassen wieder errichtet werden oder ob eine „Steinwüste“ der schon begonnenen Pflasterung entsteht?
    Eine letzte Anmerkung noch zur Webcam im Schlüterhof. Als die Übertragung im Sommer 2018 eingestellt wurde hatte man zugesagt in ca. 6 Wochen die Übertragung wieder aufzunehmen. Inzwischen sind aus den 6 Wochen 60 Wochen geworden! Eine Aussage, ob die Übertragung noch einmal aufgenommen wird, fehlt bis heute! Wäre schön, wenn man sich hierzu auch äußern könnte.
    Ansonsten ist die Rekonstruktion der Fassade des Schlosses sehr gut gelungen. Mit der Ostseite muss man als entgegenkommen an die moderne Architektur leben. Hier ist eindrucksvoll zu sehen, wie sich die Architektur im Laufe der Zeit verändert hat! Einfach einfallslos und scheußlich (siehe Hochhausarchitektur)!

  3. Eine monatliche Schoss-Information ist lobenswert, besonders wenn sie so ausführlich ist. Mir Persönlich missfallen einige Presseberichte , die über die enorme Kostensteigerung vom Bau des Humbold Forums berichtet haben. Es gab dort einen Bericht, der einen Bauverzug schon seit der Grundsteinlegung schilderte und der über ständige Probleme beim Bau und dessen Abläufe klagte.

    Ich selbst war kurz nach der Grundsteinlegung Vorort und auch an den Tagen an denen das Schloss besichtigt werden konnte . Ich war überwältigt wie schnell der Bau vorangetrieben wurde und ins besondere wie Detailgetreu hier gearbeitet wird.
    Es ist sicherlich viel Berechenbar, aber es grenzt auch an ein Wunder, das hier an dieser Stelle etwas so aufwendig neu erschaffen wurde ,von der man glaubte das dies Handwerklich kaum noch machbar wäre.
    Die Berichterstattung einiger Medien wird nicht benutzt um Wunder aufzuzeigen,
    Sie wird gezielt eingesetzt um abzuwerten und für politische Zwecke im Sinne des Zwecks benutz zu werden.
    Pflastert man dann noch das Umfeld zu , dann ist auch kein Platz mehr für einen Neptunbrunnen.
    Eine große Schale am falschen Platz sorgt dann noch für einen weiteren Stein der gestreut wird um zerstörtes Kulturgut für ewig unter ihm begraben zu lassen.

  4. Thank you for the update on castle progress. I share the questions of J. Federmann regarding the castle environment. Are any of the historic statues returning to the grounds? The Orange princes? The Rossebandiger? Is there no possibility now for the return of the Neptune fountain? I also wonder about the camera in the Schluterhof. The Humboldt Forum website is showing great new pictures of it.

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