„Wissenschaft goes Stadtschloss“

29.09.2020 Berliner Zeitung

Im Humboldt-Forum stellt sich künftig auch die Forschung aus: Lustvoll experimentiert das Humboldt-Labor damit, wie sich akademische Arbeit in Exponate verwandeln lässt.

Von Petra Ahne

Nordflügel, erster Stock. Das ist künftig die Adresse der Humboldt-Universität im Schloss, korrekter: im Humboldt-Forum. Durch das weite Foyer, die Treppe rauf, und man steht vor der Ausstellungsfläche, auf der bald die, wie Kurator Gorch Pieken es nennt, „Third Mission“ der Hochschule ihre Umsetzung findet. Die Aufgabe also, das, was an den Universitäten passiert, in die Gesellschaft zu tragen – möglichst so, dass auch die Zugang finden, denen der akademische Betrieb nicht vertraut ist. Diese dritte Mission ist eine neuere, neben der Forschung („First Mission“) und der Lehre („Second Mission“).

Noch ist die Ausstellung nur auf Fotos zu sehen, durch die sich Pieken in seinem Büro an der Planckstraße in Berlin-Mitte klickt. Im Neubau am nicht weit entfernten Schlossplatz wird aber schon aufgebaut und installiert. Am 6. Januar ist Eröffnung, eine Woche lang ist das Humboldt-Labor, so heißt das Projekt, dann die einzige Ausstellung im Humboldt-Forum. Eine Woche später eröffnet das Stadtmuseum seine Berlin-Ausstellung. Im Sommer 2021 sollen im zweiten und dritten Stock die Sammlungen des Museums für Asiatische Kunst und des Ethnologischen Museums folgen.

Der „mentale Türöffner“, als den sich Gorch Pieken die Wissenschafts-Schau wünscht, ist sie dann also in mehrfacher Hinsicht. Denn sie wird nicht nur der erste Raum sein, vor dem man als Besucher steht, hier wird sich das Humboldt-Forum, um dessen inhaltliche Nutzung es von Anfang an Debatten gab, auch zum ersten Mal als Ausstellungsort bewähren müssen. Im ganz Kleinen – dem Humboldt-Labor gehören nur 750 von 40.000 Quadratmetern.

Es werden 750 dicht und ideenfreudig bespielte Quadratmeter, das merkt man schon beim virtuellen Rundgang an Piekens Computer. Pieken war zehn Jahre lang Kurator am Deutschen Historischen Museum und später verantwortlich für die viel gelobte Neukonzeption des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Dort hat er zuletzt mit einer Ausstellung über das Verhältnis von Geschlecht und Militär die Diskursbereitschaft der Bundeswehr so herausgefordert, dass die Schau fast nicht stattgefunden hätte.

Die Freude am Querdenken merkt man ihm an, wenn er gleich zu Beginn von einer Idee erzählt, mit der er sich nicht durchsetzen konnte: eine Laubenpieperkolonie auf dem Schlossdach. „Was wäre das für ein Kontrast gewesen: unten die feudale Architektur, oben die Lauben“, sagt Pieken.  Zumal es dort schon einmal eine Laube gab: Der ehemalige Hofschlosspolier Otto Schönfelder und seine Frau hatten bis in die 30er-Jahre hoch oben den wahrscheinlich charmantesten Rückzugsort der Stadt.

Ein paar Lauben auf dem Neubau hätten einen griffigen Bezug geschaffen zum Thema der ersten Ausstellung, die auf drei Jahre angelegt ist: „Nach der Natur“ heißt sie, was mehrdeutig gemeint ist. Da ist zum einen die Frage, ob eine neue Definition von Natur nötig sei, nun, da der Mensch auf 75 Prozent der Erdoberfläche Spuren hinterlassen hat und man feststellen muss: Das klassische westliche Verständnis von Natur als einem ahistorischen Raum, der fernab menschlicher Aktivitäten existiert, ist überholt. Der Ausstellungstitel verweist aber auch darauf, wie Wissenschaft „nach der Natur“ arbeitet, sie etwa bei technischen Innovationen zum Vorbild nimmt. Und es steckt in ihm die Frage nach der Natur des Menschen, nach den Gesellschaftsordnungen, die er schafft, um ein Miteinander zu organisieren.

Der ehrgeizige Anspruch dieses mehrbödigen Konzepts, das Fäden quer durch die Disziplinen zieht, ist schon beim Zuhören beeindruckend – was Gorch Pieken an seinem Computer zeigt, lässt dann auch glauben, dass es im Humboldt-Labor gelingen kann, komplexe Forschung in Exponate zu übersetzen und darüber hinaus zu vermitteln, wie ökologische und gesellschaftliche Krisen aktuell Eingang in akademisches Arbeiten finden. Die Träger dieser Wissensvermittlung sind multimedial. Es gibt, ganz klassisch, Objekte aus den Sammlungen der Universität, Aufnahmen aus dem Lautarchiv, Forscher kommen zu Wort, das Modell als Prinzip wissenschaftlicher Methodik wird in Szene gesetzt.

Ein solches Modell ist der auf einen Vorhang projizierte Fischschwarm, den die Besucher als Erstes sehen und der auf sie reagiert. Je nachdem, wie man sich ihm nähert, ändert der Schwarm seine Richtung oder formiert sich neu. Entworfen hat den Vorhang die niederländische Designerin Petra Blaisse, die mit ihrem Studio Inside Outside die ganze Ausstellung gestaltet hat. Er ist eine Metapher auf mehreren Ebenen: Was wir tun, hat Einfluss auf die Welt, die uns umgibt. Das interaktive Schwarmverhalten soll sich aber auch übertragen lassen auf die Denkansätze der sieben Exzellenzcluster, jenen interdisziplinären Forschungsvorhaben der Berliner Universitäten, die jährlich mit bis zu zehn Millionen Euro gefördert und die hinter dem Vorhang vorgestellt werden. Einen vorgegebenen Weg durch die kleine Ausstellung gibt es nicht. Einer der Kritikpunkte am Humboldt-Forum ist, dass der Grundriss des rekonstruierten Schlosses Abfolge und Größe der Räume vorgibt und nicht die Bedürfnisse der Institutionen, die sie bespielen. Auch Gorch Pieken stellte fest, dass die Fläche, die das Humboldt-Labor zur Verfügung hat, von einer „eher leblosen Schematik“ ist. Schon deswegen habe man die alte Formel „immer an der Wand entlang“ aufgebrochen.

Man kann sich also entscheiden, wozu man mehr erfahren will: zum Exzellenzcluster „Contestations of the Liberal Script“, der sich mit den Anfechtungen befasst, denen sich das liberale Gesellschaftsmodell aktuell gegenübersieht. Oder zu jenem spannenden Projekt mit dem sperrigen Namen IRI Thesys, bei dem sich Forscher mit der veränderten Beziehung von Mensch und Umwelt im Anthropozän beschäftigen – in der Gegenwart also, die dadurch gekennzeichnet ist, dass der Mensch zur bestimmenden Kraft auf dem Planeten geworden ist. Das Herzstück der Ausstellung wird die „kinetische Wand“ sein, eine 25 Meter lange Projektionsfläche, auf der etwa Satellitenfilme der sich drehenden Erde zu sehen sein werden. Vor dieser Fläche können sich kleinteilige Rollos aus- und einrollen, auf denen wiederum andere Dinge passieren: Hier sollen Statistiken und Experimente aufscheinen, es soll Liveschaltungen zu Wissenschaftlern geben. Auch diese Rollos reagieren auf die Besucher. So lässt sich eine Flutwelle auslösen, die in ihrer Höhe variiert – je nachdem, ob eine Erderwärmung von 1,5 Grad, 2 Grad oder 5 Grad simuliert wird.

Die aktuellen Forschungsfragen, die an der beweglichen Wand verhandelt werden, werden von 40 Objekten aus den Sammlungen der Universität gespiegelt, die von einem Schnürboden herabhängen – jedes steht für einen historischen, inzwischen möglicherweise veralteten Antwortversuch.

„Keine Leistungsschau der Wissenschaft“ soll es werden, sagt Pieken, man wolle ins Gespräch kommen, lebendig, diskussionsfreudig. Nicht so, wie es 2002 die internationale Expertenkommission empfahl, die Vorschläge für die Nutzung der geplanten Schloss-Rekonstruktion machte: Da hieß es schlicht, die Humboldt-Universität solle in dem Gebäude ihre historischen Bestände präsentieren. Kurz zuvor hatte im Martin-Gropius-Bau die Ausstellung „Theatrum naturae et artis“ viele Besucher fasziniert, in der erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Objekte aus den historischen Sammlungen der Universität gezeigt wurden.

Diese Sammlungen sind deswegen so bedeutend, weil die 1809 gegründete Universität dafür Teile der Kunst- und Raritätenkammer der Hohenzollern übernehmen konnte. Untergebracht war diese seit dem 16. Jahrhundert im Schloss: im Nordflügel, zweiter Stock.

Quelle: Berliner Zeitung, 29.09.2020

5 Kommentare zu “„Wissenschaft goes Stadtschloss“

  1. Herrn Müller-Kirsten kann ich nur zustimmen! Warum nicht einfach: „Wissenschaft im Humboldt-Forum“ Und als Zusatz: Dritter Auftrag. oder Tertiär-Auftrag.
    Gerade durch den öffentlich und allgegenwärtig verkrampften Versuch, mit solchen verkorksten Denglisch-verschnittenen Modeausdrücken Eindruck zu schinden und damit möglichst global zu erscheinen, wirken wir besonders provinziell. Die Amerikaner nennen unser Verhalten „submissiveness“.

  2. Erinnert mich an den Werbespruch von Douglas: „Come in and find out“.
    Besonders schön sind auch body bags (Leichensäcke) in der deutschen Werbung.
    Was sind wir doch so ein weltoffenes Land.

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