„Neues Schloss mit alten Attraktionen“

20.07.2021  – Berliner Zeitung

Hinter den rekonstruierten Barockfassaden der früheren Hohenzollern-Residenz befindet sich ein historisches Highlight

Von Ulrich Paul

Wenn an diesem Dienstag das Humboldt-Forum im neuen Berliner Schloss mit sechs Ausstellungen eröffnet, geht die wohl umstrittenste Phase der Neugestaltung der historischen Mitte zu Ende.

Dort, wo bis zu seiner Sprengung im Jahr 1950 das im Krieg beschädigte Berliner Schloss stand und zu DDR-Zeiten der Palast der Republik die Besucher empfing, ist innerhalb von acht Jahren nach der Grundsteinlegung das laut Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) „größte Kulturprojekt Deutschlands“ entstanden: ein Ausstellungs- und Veranstaltungsort hinter drei rekonstruierten Barockfassaden und einer Fassade in moderner Architektur.

Am Montag, dem Tag vor der Eröffnungsfeier, werden letzte Arbeiten erledigt. Zwei Männer prüfen die ausfahrbaren anthrazitfarbenen Poller, die als Schutz vor den Eingangsportalen stehen – eine Reaktion auf die veränderte Sicherheitslage nach dem Anschlag auf den Breitscheidplatz. In Quittegelb erstrahlt die rekonstruierte Putzfassade neben den aus Sandstein gefertigten Ornamenten. So akribisch genau die Barockfassaden an der Nord-, West- und Südseite sowie im Schlüterhof dem historischen Vorbild nachempfunden wurden, so schmerzlich wird klar, dass der Neubau des Schlosses die Qualität des Originals kaum erreichen kann.

Dem Nachbau fehlt schlicht, was ein Original ausmacht: Authentizität und die Spuren des Alterns. Die wenigen vom einstigen Schloss erhaltenen Original-Teile, die in den Neubau integriert wurden, etwa neben dem Grundstein in Portal IV, vermögen daran kaum etwas zu ändern.

Eine Lücke geschlossen

Rein städtebaulich betrachtet gelingt es dem neuen Schloss, jene Lücke zu schließen, die lange Zeit am Schlossplatz klaffte. Wer etwa von den Stufen des Alten Museums zum neuen Schloss schaut, für den steht das Bauwerk wie selbstverständlich auf der Spreeinsel.

Aus der Ferne betrachtet, könnte es sogar schon immer dort gestanden haben. Hat es aber nicht. Denn zwischendurch stand auf der östlichen Seite des Schlossplatzes der 1973 bis 1976 errichtete Palast der Republik. Ort von Familienfeiern und Konzerten wie von Sitzungen der DDR-Volkskammer, die lange Zeit ein trauriges Dasein als Scheinparlament fristete, aber nach den ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 zum Ort demokratischer Debatte wurde. Am 23. August 1990 beschloss die Volkskammer den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik – und damit die Wiedervereinigung. Dass es nicht gelungen ist, dieses Gebäude vor dem Abriss zu bewahren, hat vor allem Menschen im Osten enttäuscht, die einen vertrauten Ort verloren haben.

Zugleich ist mit dem Abriss ein wichtiges Zeugnis der deutschen Geschichte verloren gegangen – quasi im Austausch gegen das neue Schloss. Grundlage dafür war ein Beschluss des Bundestags vom Sommer 2002, in dem sich die Parlamentarier dafür aussprachen, den Empfehlungen einer Expertenkommission zum Wiederaufbau eines Gebäudes in der Größe des früheren Schlosses zu folgen – inklusive der Rekonstruktion der Barockfassaden. Der Palast der Republik war noch zu DDRZeiten wegen Asbestbelastung geschlossen worden. Kurz darauf begann die Debatte über den Wiederaufbau des Schlosses. Als sich viele noch nicht vorstellen konnten, wie ein wiederaufgebautes Schloss wirken würde, ließ der Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien eine Simulation der Barockfassade in Originalgröße errichten. Tausende Besucher kamen und staunten.

Von Boddien war es, der mit seinem Förderverein den Wiederaufbau des Schlosses entscheidend vorantrieb. Er versprach, die Mehrkosten für die Rekonstruktion der historischen Fassaden aus Spenden aufzubringen. So sollte der Wiederaufbau des Schlosses nicht mehr kosten als ein Gebäude in moderner Architektur.

Der Bundestag bekräftigte im November 2003 den Beschluss zum Wiederaufbau des Schlosses und legte zugleich fest, dass der Abriss des Palastes der Republik in Auftrag gegeben werden sollte. Ende 2008 fielen als Letztes die Treppenhäuser des Palastes. Im gleichen Jahr gewann der Architekt Franco Stella den Wettbewerb zum Wiederaufbau des Schlosses.

Die neuen Pläne sahen vor, dass zumindest der Charakter des Palastes der Republik als Haus des Volkes, also als Ort einer öffentlichen Nutzung, erhalten bleiben sollte. Stella gelang es, mit der neu geschaffenen Passage zwischen Breite Straße und Lustgarten einen Durchgang zu schaffen, der zusammen mit dem Schlüterhof als öffentlicher Raum durchgehend geöffnet sein soll.

Hauptnutzer des neuen Schlosses wird die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die hier ihre außereuropäischen Sammlungen präsentieren will. Berlin zeigt eine Ausstellung zur Geschichte der Stadt. Und die Humboldt-Universität lädt auf ihren Flächen zum Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Noch ein Wiederaufbau

Was das nun fertiggestellte neue Berliner Schloss zu einer besonderen Sehenswürdigkeit macht, ist die Ausstellung zur Geschichte des Ortes. So können die Besucher im Untergeschoss die noch erhaltenen Reste des früheren Schlosskellers besichtigen, die die Sprengung überstanden haben. Dazu gehören einzelne Fundstücke wie ein riesiger Ventilator, der einst Teil einer hochmodernen Heizanlage des kaiserlichen Schlosses war.

Die Ausgaben für das neue Schloss sind über die Jahre kräftig gestiegen. Von 590 Millionen Euro im Jahr 2013 auf rund 682 Millionen Euro nach der letzten Kostenprognose vom Januar 2021.

Die Mehrkosten müssen allein vom Bund übernommen werden. Der Anteil Berlins bleibt bei 32 Millionen Euro. Zu den 682 Millionen kommen noch Ausgaben in Höhe von 20 Millionen Euro für die sogenannten baulichen Optionen hinzu, wozu die vollständige Rekonstruktion der Kuppel und mehrerer Innenportale gehört. Diese 20 Millionen Euro sind allerdings finanziert – sie wurden komplett aus Spenden aufgebracht. So wie die 80 Millionen Euro für die Rekonstruktion der historischen Fassaden, die der Förderverein Berliner Schloss gesammelt hat.

Ganz nach dem Vorbild des Fördervereins Berliner Schloss hat sich unterdessen ein Förderverein Palast der Republik gegründet. „Unser Ziel ist der Wiederaufbau des Palastes der Republik im Zustand von 2005“, sagt der Vereinsgründer Clemens Schöll. „Wir wollen alle vier Fassaden originalgetreu wiederherstellen.“

Als Anschauungsobjekt soll vor dem Portal IV des Schlosses ein Bronze-Modell vom Palast im Format 1:200 errichtet werden. Das Schloss müsste dann am Ende natürlich wieder weichen, sagt Schöll. Aber erst in etwa 30 Jahren. So lange kann es stehen bleiben.

 

Quelle: Berliner Zeitung, 20.07.2021

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