„Claudia Roth: „Wir reißen das Gebäude nicht wieder ab““

14.09.2022  B.Z. Berlin

 

Teuerstes Kulturprojekt

Claudia Roth über Humboldt Forum: „Wir reißen das Gebäude nicht wieder ab“

 

Mit dem Humboldt Forum in Berlin steht Deutschlands aktuell wichtigstes und teuerstes Kulturprojekt vor dem finalen Öffnungsschritt. Am Samstag sollen auch die Türen von zwei riesigen Museumsarealen geöffnet werden. Dann sind erstmals die als koloniales Raubgut geltenden Benin-Bronzen wiederzusehen.

Aus Sicht von Kulturstaatsministerin Claudia Roth ist der Streit ums Forum damit nicht vom Tisch. „Das Humboldt Forum ist eine Baustelle und bleibt es auch“, sagte die Grünen-Politikerin. „Das kann ja auch etwas Positives sein, wo etwas Neues entsteht, aufgebaut wird, wo auch mal etwas anderes gemacht und der Bauplan verändert wird.“

Die Kritik an dem Kultur- und Ausstellungszentrum habe eher mit äußerer Darstellung zu tun als mit dem, was innen passiere. „Das Humboldt Forum ist kein Ort der Selbstbespiegelung, sondern wird ein Ort sein, der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte in Kooperation mit denen, die international von unserer Geschichte zu Opfern gemacht worden sind, unter uns gelitten haben“, sagte Roth. „Es wird ein offener Ort der internationalen Begegnung, wo Präsentationen, Ausstellungen stattfinden, die nicht nur aus weißer deutscher Perspektive kuratiert werden, sondern in Kooperation entstehen.“

Die Preußen-Stiftung hat inzwischen das Eigentum seiner 512 Objekte an Nigeria übertragen. Statt ursprünglich geplant 220, sollen nun noch etwa 40 Objekte als Leihgaben die Bandbreite der höfischen Kunst Benins zeigen. Roth: „Mit dem Abkommen ist der Druck nicht weg, im Gegenteil. Das ist nicht das Ende. Man darf nicht sagen: So, jetzt sind wir fertig mit der Geschichte. Ich glaube, das ist wie ein Türöffner. Das ist erst der Beginn.“

Erneut kritisierte sie das Kuppelspruchband. „Die Inschrift wird als Anspruch einer Dominanzkultur wahrgenommen.“ Es reiche nicht aus zu sagen, das sei historisch so gewesen. Heute seien wir weiter. „Wenn das ein Ort ist, an dem sich unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Religionen treffen sollen, dann müssen wir das, was historisch so war, kontextualisieren.“ Es müsse etwas passieren, aber: „Wir reißen das Gebäude nicht wieder ab.“

 

Quelle: B.Z. Berlin, 14.09.2022

.

 

7 Kommentare zu “„Claudia Roth: „Wir reißen das Gebäude nicht wieder ab““

  1. Jawoll, Frau Roth! Sie sind auf dem richtigen Weg. Es gibt noch viel zu tun! Unsere Geschichte ist voll von Opfern, die unter „uns“ gelitten haben!
    Ein gutes Beispiel dafür ist die sogenannte Varusschlacht. Publius Quinctilius Varus wollte doch nur einen Ausflug an die Elbe machen! Unsere Vorfahren waren unverständlicherweise nicht damit einverstanden und haben die Reisegesellschaft vernichtet. Aus heutiger Sicht ein unglaublicher Vorgang! Warum nur haben die damals keine Teddybären geworfen? Hatten die damals keine Willkommenskultur? Wo sind nur die ganzen geraubten Kultgegenstände geblieben?
    Frau Roth übernehmen Sie!

    Ironie aus.

  2. Die Kultur-Staatministerin, Frau Roth, kritisiert den Bibelspruch am Turm des Humboldt-Forums wegen vermeintlich imperialer Ansprüche.
    Als Leitfigur der europäischen Dynastien des 18. Jhds. galt Louis XIV., autoritärer König Frankreichs, einer damals hegemonialen, expansionistischen Großmacht. Als dekadenter Herrscher regierte er allgewaltig in Protz und Prunk. Sein Volk ließ er verarmen. Gleichzeitig trat er als Stellvertreter Gottes auf, so dass sein Hofstaat nur vor ihm knien durfte bzw. musste und er allein diese Demutsbezeu¬gungen an Gott weiterreichen durfte.
    Im Rückblick auf dieses Verhalten französischer Könige wählte der protestantische König Fr. Wilhelm IV den Bibelspruch an der Kuppel, wonach er gemeinsam mit dem Volk vor Gott knien sollte. Seine damalige Perspektive war auf Europas Dynastien gerichtet, als weder Demokratie noch Rechtsstaat¬lichkeit galten. Die Bedeutung war also alles andere als ein imperialer, autoritärer Anspruch.
    Viele Bedeutungen erschließen sich erst durch die Beschäftigung mit geschichtlichen Hintergründen. Das sollte für die Kultur-Diskussion im Humboldt-Forum und für Frau Roth gelten und das ist gut so!

  3. Wenn man denkt: „schlimmer geht es nicht mehr“, dann stellt man fest: es gehr immer noch schlimmer…
    Dass man nicht differenzieren kann zwischen einer Rekonstruktion einer historischen Fassade und einem Neubau könnte man Bürger*in ja durchgehen lassen. Auch der glühendste Eiferer eines christlichen Bekenntnisses wird bei einem modernen Museumsgebäude keine Bibelzitate an der Fassade erwarten. Von der Trägerin eines solchen Amtes darf man jedoch mehr erwarten. Aber auch in diesem Amt ist Frau Roth eine Fehlbesetzung. Armes Berlin.

  4. Noch ein Argument, Frau Roth:
    Das Humboldtforum soll doch dem offenen und toleranten Diskurs über die kulturellen Entwicklungen und Verschiedenheiten zwischen den Kulturen der Welt dienen. Dann ist es doch folgerichtig, dass ein ebenso offener, toleranter Diskurs über die kulturellen Entwicklungen und Verschiedenheiten über die Zeit innerhalb unserer deutsch-europäischen Kultur stattfinden darf. Deshalb ist die dokumentierte Haltung des Fr.-Wilhelm IV. nicht nur aus heutiger, zeitgemäß „politisch korrekter“ Perspektive zu be-/verurteilen, sondern der Text passt als Beispiel für den toleranten Geist des HF.

  5. Der höfische Knicks vor den Nachfahren der Könige prädatorischer Sklavenjäger Königreiche (Weltgeschichte der Sklaverei, Egon Flaig), wie in Frau Roth gerade absolviert hat im Rahmen der Rückgabe der „Benin Bronzen“, passt zum Image eines Eichhörnchens auf Ecstasy (Harald Schmidt), das in jedem zusammengebauten Bibelspruch eine Bedrohung sieht. Vielleicht sollte man das Humboldt-Forum in Rio Reiser Palast umtaufen um dem kulturellen Horizont unserer Kulturstaatsministerien näher zu kommen. Herr Dorgerloh als empfindsamer Kenner Ulbricht’scher Gedankengänger und Dauerbetroffener des „Palazzo Prozzo“ Verlustes seiner Kindheit, wird da sicherlich mitschwingen.

  6. Es ist sehr gütig von Frau Roth, dass das zum Teil wiederaufgebaute Schloss nicht wieder abgerissen werden muss. Sie arbeitet sich aber an der Kuppel ab. Als geborene Schwäbin hat Sie natürlich keinerlei Bezug zu Berlin und seiner Historie. Ihre Äußerungen zum Schloss wie zu Kuppel, Kreuz und Inschrift beleidigen die vielen kleinen und großen Spender. Aber das ist Ihr ja egal. Sie ist leider eine Fehlbesetzung. Letzteres haben jedoch die Grünen der Ampelregierung verursacht

  7. Wir reißen das Gebäude nicht wieder ab, so Claudia Roth, sie sollte aber abreisen.
    Keine Ahnung, falsche Person, am falschen Ort.
    Aber das HF wird immer attraktiver für alle Menschen.
    D.Philipp/08.10.22

Schreibe einen Kommentar zu Helmut Schmidt Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert