„Berliner Humboldt-Forum empfängt erste Besucher im Schlüterhof“

09.06.2021  Der Tagesspiegel

Wo einst die Hohenzollern Hof hielten, darf nun das Volk dinieren. Das sind hin- und hergerissen, egal, ob aus Ost oder West.

Von Thomas Loy

Die Illusion, einen Schlosshof aus dem 18. Jahrhundert zu betreten, wird gleich am Eingang zerstört. Moderne dekonstruktive Klangexperimente begrüßen die erwartungsfrohen Besucher zur Eröffnung des teilrekonstruierten Schlüterhofes im Humboldt-Forum. In den barocken Portaldurchgängen stehen polierte schwarze Monolithe mit Hinweisen zu den Portalnummern.

Im Durchgang von der Nord-Süd-Passage zum Schlüterhof haben die Schlossherren es nicht mal für nötig befunden, das Metallgerüst für den großen Lautsprecher zu verkleiden, der wie eine Bananenstaude von der Decke baumelt. Dies ist kein Schloss, melden die Sinne, aber eine sehr aufwändig gestaltete Attrappe, antwortet die kritische Vernunft.

Die Besucher kommen am ersten Tag nicht in Scharen, eher vereinzelt, dafür aber umso neugieriger. Tobias, ein Banker aus Prenzlauer Berg, nimmt sich sogar ein paar Stunden Zeit, um langsam in die klassische Architekturkulisse abzutauchen. Er hat sich ein Bier im Schlüterhofschen „Bistro“ bestellt, den Stuhl in Richtung barockes Ostportal gedreht und beobachtet nun das „schöne Theater“ der staunenden Touristen.

„Ich denke, das wird mein neuer Lieblingsort hier.“ Den Corona-Winter über habe er sich durch die verfügbare Schlossliteratur gearbeitet, nun freut er sich, wenn die Besucherservice-Mitarbeiter nicht sagen können, warum das Portal an der Ostseite nicht mittig liegt.

„Das hängt mit dem Schweizer Saal zusammen, der früher dahinter lag.“ Wissen eben nur die wirklichen Fans. Und Tobias, in seinen 40ern, gehört dazu, obwohl Ost-Berliner und mit authentischer Erinnerung an den Palast der Republik, „als Kind“.

Mittags ist vielleicht nicht die beste Zeit, um den Schlüterhof lieben zu lernen. In der brennenden Sonne entwickelt sich das steinerne Geviert, vollversiegelt und ohne einen Tupfer Grün, schnell zum Glutofen. Immerhin weht ein Lüftchen durch die Portale, von Süd nach Nord. Abends könnte es eher klappen mit der italienischen Piazza-Stimmung, wenn das Licht den Sandstein etwas ins Rötliche changieren lässt.

Auch Rennräder dürfen rein

Wo früher die Hohenzollern Hof hielten, darf jetzt das Volk dinieren. Auch die Mitnahme eines Rennrads ist gestattet, allerdings wird die Maskenpflicht eingefordert. An der Passage stehen Handwerker und erzählen rauchend, dass es mit der Klimatechnik drinnen immer noch nicht zum Besten stehe. Das Schloss sei ja überhaupt ein High-End-Produkt, was die Gebäudetechnik angeht. „Der ganze Keller ist voll mit Technik, das ist der Wahnsinn.“

Viele Journalisten schauen sich um, ein Radiokollege „aus’m Osten“ schimpft auf die „Mussolini-Architektur“ an der Ostfassade („der Palast war im Osten schöner“), ansonsten findet er die modernen Anteile ganz filigran und stimmig, das Schloss insgesamt sei eben „ein Stück Stadtreparatur“, hinterlasse aber dennoch so ein „unbehagliches Gefühl“. Eine Nutzung als Gemäldegalerie für die europäische Kunst hätte er passender gefunden.

Ein Paar aus Zehlendorf, drahtig, schon etwas älter, ist sich einig: „Fantastisch, wunderbar.“ Vor allem die barocken Fassaden, die vierte, moderne Seite, „da guck ich gar nicht hin“, sagt sie. „Unsere Kultur muss erhalten bleiben.“ Die Meckerer, die alles ablehnen, findet sie ärgerlich. Zwei Freundinnen aus Biesdorf und Köpenick, kürzlich in Rente gegangen, trauern eigentlich dem Palast hinterher, da gebe es Erinnerungen an Aufführungen und die Feier zum Staatsexamen.

„Gute Kombination aus Alt und Neu“

Sie sei „hin- und hergerissen“, sagt die Köpenickerin. Eine Ärztin aus der Nähe von Frankfurt am Main hätte es besser gefunden, wenn mit dem Geld für das Humboldt-Forum bezahlbare Wohnungen errichtet worden wären. Das Ergebnis der Schlossfassaden sehe doch „sehr geleckt“ aus. Das Ehepaar Herbrik „aus der Nähe von Ulm“ ist dagegen spontan begeistert: „Isch ja super, sehr schön gemacht“, findet er, gerade die „Kombination aus Alt und Neu“.

Im „Shop“, zwischen Passage und Schlüterhof gelegen, erinnert eine Vitrine mit Szenen der Loveparade an die Tage, als es den Palast der Republik noch gab und der vom Bundestag beschlossene Wiederaufbau des Schlosses heftige Abwehrreaktionen auslöste.

Es gibt T-Shirts mit dem Humboldt-Forum als Aufdruck, aber auch welche mit dem Palast der Republik. An der Decke hängen palastartige Kugellampen, es gibt sogar kleine Glassplitter der getönten Palastfenster zu kaufen, gerahmt ab 70 Euro das Stück. Dagegen sind die „Original Berliner Mauer“- Bruchstücke für 15 Euro geradezu ein Schnäppchen.

Trotz der technischen Probleme soll das Humboldt-Forum Mitte Juli weiter geöffnet werden: die Ausstellungen über die Humboldt-Brüder, das historische Schloss und „Berlin Global“, die große Berlin-Schau, sind dann zu sehen. Mehr Infos unter berlin-global-ausstellung.de

 
Quelle: Der Tagesspiegel, 09.06.2021
 
 
 

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