„Asyl für den Palast der Republik im Stadtschloss“

15.05.2019  WELT

Von Michael Pilz

Das Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss erweitert seine völkerkundliche Sammlung. Um Ausstellungsstücke aus der DDR. Sie stammen aus dem Palast der Republik, der dafür abgerissen worden war.

a wären sie wieder. Die taillierten Eisbecher aus Edelstahl, ein paar der tausend Kugellampen und ein Teller mit dem Schnörkel „PdR“. Das goldene Monogramm wirkt so barock, als wäre der Palast der Republik ein Herrenhaus gewesen. Auch die Piktogramme sind zurück, die Wegweiser durch den Palast, zum Großen Saal, zum Jugendtreff und zu den Spree-Stuben. Sie werden in der Treppenhalle des Berliner Humboldt-Forums hängen, wo es keine Bowlingbar und kein Theater geben wird, dafür aber allerlei Artefakte aus der deutschen Weltgeschichte. Sogar aus der DDR der Siebzigerjahre.

Im September wird das Humboldt-Forum eingeweiht. Die Sammlung wird schon länger debattiert: Es gibt ein Segelboot der Eingeborenen von Deutsch-Neuguinea aus dem Bismarck-Archipel, die eingelegte Hand eines Gorillas, die ein Leipziger Drogist aus fernen Ländern mitgebracht hat, und ein Souvenir von Humboldt selbst aus Mexiko, eine gefiederte Madonna. Die Debatte dreht sich darum, was wem und wohin gehört und um die deutsche Kolonialgeschichte. Dazu zählen jetzt auch die mit bunten Kunstfasern bezogenen Stahlrohrsessel aus dem deutschen Osten, die gläserne Wahlurne der Volkskammer von 1990 und ein Überwachsungsmonitor der Stasi für das hohe Haus der Volkes.

Um das alles zu verstehen oder es zumindest zu versuchen, muss man die Geschichte des Palastes, aus dem die moderneren Stücke stammen, noch einmal erzählen. Im Palast der Republik tagte ein Parlament, das keines war, die FDJ veranstaltete Rockkonzerte für den Frieden, im Foyer hingen monumentale Ölschinken wie Walter Womackas „Wenn Kommunisten träumen“. Im Palast der Republik gab es eben aber auch Bars und Bierstuben, im Großen Saal spielten Santana, Tangerine Dream und Miriam Makeba.

Bei einem Konzert der FDJ sang Udo Lindenberg vor handverlesenen Gästen, was auf dem Marx-Engels-Platz davor eine Palastrevolution auslöste. Im Foyer hing „Guten Tag“ von Wolfgang Mattheuer, ein Bild, auf dem eine Familie die stinkende Stadt hinter sich ließ und damit irgendwie das ganze Land. So war das andere Leben neben dem, an dem der Staat mit seinen Organisationen und Organen zerrte. Es war ein Palast für beide Leben. Beide wurden eingeebnet: 1990 wurde der Palast geschlossen, dann asbestsaniert und abgerissen. Seit zehn Jahren ist er nicht mehr da.

An seiner Stelle steht eine Replik des 1950 abgerissenen Schlosses. Es erinnert an die preußische Geschichte, schlägt den Bogen zur Berliner Republik und wird nun bald zum Humboldt-Forum. Der Protest um den Palast hielt sich in Grenzen, Aktivisten aus dem Westen hatten das Wort „Zweifel“ aufs Ruinendach gesetzt, die Milchbar wanderte zum WMF ins Nachtleben. Im Osten nahm man es gekränkt aber gelassen hin: So geht Geschichte.

Dass sich der Palast der Republik demnächst in dem Gebäude wiederfindet, dem er weichen musste – die Idee der Schlossneubaus wird auch bald 30 Jahre alt – wird alle, die ihn je besucht haben, je nach Verfassung, ärgern, amüsieren oder einfach irritieren. Auch die Neunzigerjahre werden gerade wieder debattiert: Dabei wird aus der Treuhandanstalt schon mal eine Kolonialbehörde, die fünf neuen Bundesländer sind noch heute die fünf neuen Bundesländer.

Hartmut Dorgerloh, der Intendant des Humboldt-Forums, weist bei der Präsentation der neueren „Spuren“, die sich durch die ältere Sammlung ziehen werden, darauf hin, dass nicht nur der Palast verschwunden ist. Auch das Dominikanerkloster und das Schloss der Hohenzollern stehen nicht mehr. Der Palast, sagt Dorgerloh, habe nur kurz gestanden in 800 Jahren: „Was weg ist, ist weg.“ Dafür ist vieles wieder da aus anderen Museen und den Lagerhäusern der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, BImA, kommentiert in Kuratorenprosa. „Musealisierung als kontroverser Prozess“ und „Der Palast der Republik als deutsch-deutscher Erinnerungsort“.

Da hängt dann ein Relief aus dem Plenarsaal, „Lob des Kommunismus“, ein Furniertisch für die Lichtregie der Volkskammer und Tafeln für die Aufzeichnung der Fernsehshow „Ein Kessel Buntes“ mit Befehlen wie „Zugabe“ und „Bravo“. Das hätte aber auch weg gekonnt.

 

Quelle: WELT, 15.05.2019

 

Ein Kommentar zu “„Asyl für den Palast der Republik im Stadtschloss“

  1. Was die deutsche Kolonialgeschichte betrifft können die Deutschen (bei Bedarf) den Zeigefinger auf die anderen richten – die Briten, die Franzosen, Niederländer, Belgier, Spanier und Portugiesen, die ihren (auch heutigen) Reichtum vielfach der Ausbeutung indigener Völker in der ganzen Welt verdanken (deutsche Untaten sind dagegen peanuts), wie Sklavenhandel usw. Besonders z.B. die Universität Cambridge verdankt ihren Reichtum dem Sklavenhandel, wie in einer Diskussion auf dem Sender Aljazeera vom Vice-Chancellor der University of Cambridge (entspricht hier dem Universitätspräsidenten) klar eingeräumt wurde. Debatten darum, wie oben gesagt, was wem und wohin gehört, enden hierzulande immer im Morast ewiger deutscher Schuld (nur damit können die Schreiber ihre berufliche Existenz sichern). Oben wird ein Segelboot aus dem ehemaligen Deutsch-Neuguinea genannt. Geraubt? Ich bereiste Papua-Neuguinea 1975 mit wechselnder einheimischer Begleitung. Ein Papua, etwa 20 J. damals, erzählte mir, dass sein Vater 6 Frauen hatte. Als eine dieser Frauen einem anderen Mann nachschielte, so erzählte mir dies mein Begleiter, hatte sein Vater dieser Frau mit einem Beil den Kopf abgehackt. Andere Frauen, die murrten, wurden in ihre Dörfer zurückgeschickt. Wo der Kopf eines Menschen wenig zählt, wird auch ein Souvenir oder ähnliches wenig wert gewesen sein. Es sei noch darauf hingewiesen, dass sich die Imperial- und Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich nach dem ersten Weltkrieg nahezu alle nichtdeutschen und nicht-türkischen Gebiete des deutschen Reiches bzw. des Osmanischen Reiches unter die Nägel rissen und mit ihnen genehmen Diktaturen bzw. Despoten besetzten – in Afrika, im Nahen Osten und im Mittleren Osten (von Übersee-Gebieten ganz zu schweigen) – mit deren Folgen, wie täglich im Fernsehen zu sehen, die ganze Menschheit heute noch beschäftigt ist.

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