Lesermeinung zum Artikel – Raubkunst Kolonialismus im Humboldt-Forum?

Von Wolfgang Kaschuba, Berliner Extrablatt, Ausgabe 81. Sie können diesen Beitrag bei uns im Internet nachlesen. Suchbegriff: Berliner Extrablatt

Ein guter, ein konstruktiver Text; endlich! Er wendet sich dem wichtigen Thema des „Inhalts“ des Humboldt-Forums zu. Wenn der Autor vom „Scheideweg“ zwischen „konventioneller Präsentation europäisch arrangierter und konfiszierter ´Ethnografica´ oder Aufbruch in eine nachdenklichere globale Gegenwart“ spricht, so bezeichnet das tatsächlich die zentrale Schwierigkeit bei der Gestaltung des wichtigsten Teils des Forums. Ich begrüße es, dass er dabei nicht der Versuchung unterliegt, Initiativen wie der genannten „No Humboldt 21“ vorbehaltlos zuzustimmen.

Es trifft zu, dass die Eroberung deutscher Kolonien in Afrika und in der Südsee zu einem Zustrom von Objekten aus diesen Weltgegenden führte, doch die Ausgewogenheit und Vollständigkeit der Berliner Bestände geht auf ein weltweit verzweigtes Netz von Sammlern und Ankäufern zurück, das Adolf Bastian mit der Gründung des Königlichen Museums für Völkerkunde im Jahre 1873 aufbaute; mehr als ein Jahrzehnt vor der berüchtigten Kongokonferenz 1884/85 unter Bismarcks Leitung. Zu dieser Zeit entstand das wissenschaftliche Fundament des Ethnologischen Museums in Berlin, und es entstand auf legale Weise. Die Berliner Museen sind deshalb rechtmäßige Besitzer ihrer Bestände. Zu nennen sind auch Forschungsreisende wie Georg Forster als Begleiter James Cooks auf einer Südseereise, Alexander von Humboldt als „zweiter Entdecker“ Lateinamerikas oder Hermann von Schlagintweit, der Tibet und die Mongolei bereiste, die wie noch viele andere Objekte sammelten und nach Berlin brachten. Einem anderen Ansatz entsprang die 1906 auf Initiative Wilhelm von Bodes gegründete Ostasiatische Kunstsammlung: Der Grundstock der Sammlung entstand durch rege Ankaufstätigkeit und dank bürgerlichen Mäzenatentums.

Auch wenn man mit Kaschuba der Auffassung sein kann, dass „bisher die Repräsentationsund Provenienzfrage nicht offensiv und öffentlich genug bearbeitet“ wurde, so bin ich mir sicher, dass die Kolonialgeschichte als tragische und folgenschwere Last Europas und auch Deutschlands nicht der unwichtigste Teil der Ausstellungen im Humboldt-Forum sein wird. Seine Anregung, „die ´Ethnografica eben als ethnologische Sammlungen zu präsentieren, die als ein historisches Projekt unter spezifischen Vorzeichen entstanden sind“, ist dabei hilfreich.

Die Gegenfragen drängen sich auf: Könnte es nicht sein, dass eine Dekonstruktion „unserer Perspektiven der Beobachtung“ und „unserer Modelle der Beschreibung“ auch Unterschiede einebnete, die wertvoll sind? Werden so nicht viele Menschen, zukünftige Besucher überfordert? Müssen wir „die anderen“ so sehen, wie sie sich selbst sehen? Gibt nicht der Autor selber – zwar etwas ironisierend – zu bedenken, dass afrikanischen Kamerateams die Bayern als „Stamm und Modell ‚Lederhose und Dirndl´‘“ exotisch vorkommen? Warum auch nicht? Und: Wie kann man „unseren Modus des Sehens und Schreibens“ adäquat verändern? Wir stehen dabei vor der Schwierigkeit, eigentlich uns selbst verändern, überwinden zu müssen; „unser Sehen und Schreiben“ sind wir selbst! Es erinnert an Münchhausen, der sich weiland am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog; oder anders – bisher ist noch jeder Versuch gescheitert, einen homo novus zu schaffen, der auf einmal anders sähe und schriebe als zuvor.

Trotzdem ist es richtig, derartige Fragen und Probleme aufzuwerfen – nur man muss die Antwort, respektive Lösung als Prozess verstehen! Damit wird die einzige Schwäche des Textes offenbar: Wie will, wie sollte man die Ausstellung praktisch gestalten? Sind die – richtigen! – Postulate nach „einem generellen Reflexionsrahmen, der uns neue Horizonte wie Einblicke ermöglicht, ja: abverlangt“ oder einem „aktiven Nachdenken über die Sammlungen“ respektive „musealen Parcours, die uns immer wieder auch Distanzen und Perspektiven von außen ermöglicht, um nicht einfach dem inneren Sammlungsnarrativ zu verfallen“ jedoch bei „unserem“ – der Autor selbst hält ihn heute noch für virulent! – „Modus des Sehens und Schreibens“ nicht immer noch eine Überforderung des Publikums? Warum? „Weil hippe Ethno-Fantasy und plumpes Hollywoodkino dies so wollen“, wie Kaschuba ebenfalls selbst feststellt.

Die Aufgabe des Humboldt-Forums sollte folglich in der Auseinandersetzung mit diesem Ethno-Murks, den Hollywood-Schinken und – positiv gewendet – im prozesshaften Kreieren anderer Sichtweisen liegen. Der Ehrgeiz der Ausstellungsmacher sollte sich deshalb auf einen flexiblen, den sich verändernden Sehweisen der Menschen anpassbaren Ausstellungsaufbau konzentrieren.

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