Die Vision auf das Umfeld übertragen

Wie das Berliner Schloss sich mit der Stadt verbinden sollte

von Rolf Ludwig Schön

Wer nur drei, vier Mal im Jahr an der Schlossbaustelle vorüberfährt, staunt wie zügig die Mauern aus dem Boden wachsen. Das Gebäude des zukünftigen Humboldt-Forums wird wohl im gesetzten Zeit und Kostenrahmen bleiben. Schon im kommenden Jahr beginnen die ersten barocken Sandsteinelemente die grauen Betonwände zu schmücken. Spätestens dann wird sichtbar, worauf wir uns freuen können.

Ab 2017 werden die zukünftigen Nutzer die Räume im Schloss beziehen und ihre Konzepte fertigstellen. Auch wenn es noch einiges zu klären gibt, im Hinblick auf die Raumverteilung und Ausstellungsgestaltung, wird der jetzt zu suchende Intendant (er oder sie) auf ein solides Grundgerüst und erhebliche Vorarbeit zugreifen können. Welche Freiheiten die Intendanz für die Führung des Hauses, insbesondere für das Veranstaltungsprogramm, bekommen wird, bleibt hingegen abzuwarten. Eine im Licht der Öffentlichkeit stehende, vom Staat finanzierte Institution wird der Forumsleitung sicherlich einige Grenzen setzen. Dazu, im Hinblick auf  Vision und Umfeld, gleich mehr.

Neben den Säulen Bauwerk und Nutzungskonzept schiebt sich mittlerweile die dritte Säule des ehrgeizigen Kulturprojektes langsam in die öffentliche Wahrnehmung: die städtebauliche und ideelle Anbindung an die Stadt. Höchste Zeit, denn die bisherigen Vorstellungen sind mager. Ernstzunehmende Konzeptionen für ein zum festlichen Bauwerk und dessen Inhaltskonzept passendes Umfeld sind nicht in Sicht.

Die mit Bau und Innenleben des Kulturforums befassten Akteure können sich zwar eine bessere Verschmelzung mit der Umgebung des Schlosses vorstellen, aber keiner von ihnen ist dafür zuständig. Verantwortung und Sachverstand für diese Aufgabe liegen bei der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Mit im Boot befindet sich ebenfalls der Bund, da er eine Reihe wichtiger Grundstücke im benachbarten Schlossumfeld besitzt. Der Verkauf dieser Liegenschaften nur zum Höchstpreis verhindert allerdings bisher jedoch alle anspruchsvollen Überlegungen.

Wer sich die Bedeutung dieser Anbindung bewusst machen möchte, sollte sich vor Augen führen, dass hier das mit Abstand wichtigste Kulturprojekt „Dialog der Weltkulturen“ der Bundesrepublik als internationales Ausstellungs-, Bildungs- und Veranstaltungsforum entsteht. Man rechnet an guten Tagen mit bis zu 15.000 Besuchern aus aller Welt.

Abgesehen von gelegentlichen Abendveranstaltungen, einem Bistro und einem Restaurant schließt das Forum wahrscheinlich um 18.00 Uhr. Es ist davon auszugehen, dass die Gäste sich nach dem Forumsbesuch nicht sogleich in der ganzen Stadt verstreuen, sondern sich im Umfeld des gerade Erlebten noch eine Weile aufhalten wollen. Die „Weltkultur-Community“ möchte sich treffen und austauschen. Begegnung und Kommunikation können nach dem Besuch der völkerkundlichen Sammlungen sicherlich noch erheblich vertieft werden. Denn wer sich schwerpunktmäßig den Museumsbesuch vornimmt (wohl die meisten Besucher), hat kaum Kontakte zu anderen. Manch einer   würde das in niveauvoller Umgebung bis in den späten Abend hinein jedoch gern tun und dabei auch die festlich angestrahlten Fassaden und den Anblick des großen Gebäudes genießen. Dies ist ein zusätzlicher Anreiz auch für andere, die nicht immer wieder das Forum mit gültiger Eintrittskarte betreten. Auch sie können sich unter die Leute mischen, sich am Dialog beteiligen und dadurch den öffentlichen Raum beleben. Berlin vom Besten.

Der große Schlossbau (ca.117 mal 190 Meter) kommt all dem in seiner neuen Durchlässigkeit stark entgegen. In der Mitte der Längsfassaden verläuft eine immer 24/7 geöffnete Passage. Der barocke Schlüterhof daneben ist ebenfalls rund um die Uhr zugänglich und wie die Außenfassaden abends effektvoll beleuchtet.

Momentan besteht die berechtigte Sorge, dass diese öffentlichen Räume, die ja ein Angebot sind, sich durch den Schlossbau zu bewegen, erheblich an Attraktivität verlieren, wenn sich um Schlossplatz und Breite Straße keine anziehende Atmosphäre entwickelt. Allerdings muss das, was dort „los ist“, über Büros, Luxuswohnungen und belanglose Cafés hinausgehen. Es gilt also den Geist des Ortes aufzugreifen und zu verstärken.

Und da sind wir beim zweiten Punkt, der für die Anbindung spricht: Die Ergänzung zum Programmangebot der offiziellen Einrichtung „Humboldt-Forum“. Wer die großen Hymnen auf den erhofften globalen Dialog zu Themen wie Weltkulturen, Partizipation, Weltklima, Urbanisierung und Migration im Ohr hat, weiß, dass sich das nur im engen Kontakt zur Zivilgesellschaft und deren Organisationen entwickeln kann. Die eingesetzten Steuergelder sind dann gut angelegt, wenn das Forum Wirkung zeigt, wenn über die ansprechend gestalteten Ausstellungen hinaus die weiteren Angebote, voran der Veranstaltungsbereich, den Besuchern Eindrücke mitgeben, über die sie später nachdenken und diskutieren werden. Ein Forum ist ein Begegnungsort, kein Museum.

Da die Flächen an der Breiten Straße und am Petriplatz im Süden weitgehend offen für eine neue Stadtteilentwicklung sind, müssen das Land Berlin und der Bund jetzt die Weichen für ein lebendiges Weltkultur-Quartier stellen. Eine Reihe brauchbarer Anregungen liegen den dafür verantwortlichen Stellen schon seit über einem Jahr vor. Ob diese Vorschläge aufgegriffen werden, ist bis dato ungewiss. Noch herrscht Stille.

Wenn es darum geht, Stiftungen, Kulturinstitute, Nichtregierungsorganisationen, Galerien, Bildungseinrichtungen, Unterkünfte für Gastwissenschaftler und Studenten, umfangreiche gastronomische Einrichtungen, reizvolle Plätze, begrünte Innenhöfe und intime Stadtgärten anzusiedeln, ließe sich sicherlich auch eine neue Nutzung für Schinkels Bauakademie auf der anderen Seite des Spree-Kanals finden. Aber ohne eine überzeugende Konzeption und eine verlässliche Absichtserklärung ist das nicht möglich.

Am Ende sollte man noch über den Schlossplatz und die Wiederaufstellung des Neptunbrunnens sprechen. Als der neu zum König in Preußen gekrönte Friedrich I. 1701 aus Königsberg wieder nach Berlin kam, zog er die heutige Rathausstraße (von 1701 bis 1951 Königsstraße) herunter und wurde festlich am Portal I am Schlossplatz empfangen.

Die südwestliche Schloss-Hälfte – 150 Jahre später mit der Kuppel über dem Eosanderportal versehen – gab es noch nicht. Dieses Portal I war der erste Haupteingang des neuen Barockschlosses – mit Orientierung zum Berliner Nachbarort Cölln. Der Schlossplatz wurde zum Verbindungsglied zwischen Königsschloss und Bürgerstadt. Diese ursprüngliche Bedeutung sollte der Platz heute nicht nur erneut aufgreifen, sondern mit einer neuen städtischen Atmosphäre noch wesentlich steigern.

Die Bürgerschaft von Berlin schenkte später Kaiser Wilhelm II. den von Reinhold Begas gestalteten Neptunbrunnen, der 1891 am Schlossplatz wirkungsvoll in der Sichtachse zur Breiten Straße platziert wurde. Dieses Ensemble gilt es wieder herzustellen. Der Schlossplatz könnte damit zu einem der schönsten Plätze Berlins werden.

Die Stadt muss das neue Humboldt-Forum und die vielen Millionen Besucher pro Jahr willkommen heißen und überzeugend in ihre Mitte einbinden. Dabei geht es nicht nur um schöne Gebäude und abendliche Ausleuchtung. Es geht um belebte öffentliche Räume und eine inspirierende Urbanität, die dem angesagten und beschwingten Berlin-Hype mit Kulturkarneval, Fanmeile und Public Viewing etwas Besonderes entgegensetzt.

Rolf Ludwig Schön ist Autor diverser Texte zur Berliner Rathausmitte und zum Humboldt-Forum, u.a. „Rathaus-plus – Die neue Mitte für Berlin“ (www.rathausplus.de) und  „Nathans Rosengarten“ .

14 Kommentare zu “Die Vision auf das Umfeld übertragen

  1. FÜR DAS SCHLOSS!
    Den Alex prägt das Rastermaß
    Die Sony-Plaza Spiegelglas
    Friedrichstraßens Block-Bouletten
    Lieber bess´re Mieter hätten
    Dass die U-Bahn-5 im Tunnel lärme
    Und das Schloss –
    DAS hätt ich gerne!
    Reinhard „Hardy“ Rupsch

  2. FÜR DAS SCHLOSS!
    Den Alex prägt das Rastermaß
    Die Sony-Plaza Spiegelglas
    Friedrichstraßens Block-Bouletten
    Lieber bess´re Mieter hätten
    Dass die U-Bahn-5 im Tunnel lärme
    Und das Schloss –
    DAS hätt ich gerne!
    Reinhard „Hardy“ Rupsch

  3. Mal schauen, was die Barockfassaden mit dem Umfeld so anstellen! Schlossbrunnen, Rossebändiger, Adlersäule und Terrassen müssen einfach wiederkommen. Breite Straße hat auch riesiges Entwicklungspotential. Auch wenn Altstalinisten sich noch krampfhaft am DDR-Staatsforum festkrallen – sie werden nicht ewig leben! Und Regula Lüscher glücklicherweise auch nicht. Ihr Vorgänger Hans Stimmann hatte bereits sehr gute Visionen von einer ‚Altstadt‘, die modern ist, in der man ihre Geschichte jedoch lesen kann. Und – wer Schlüters Fassaden haben möchte, darf auf das Reiterstandbild Großer Kurfürst nicht verzichten. Es gehört mit zum Gesamtkonzept Schlüters.

  4. Das Umfeld muss wieder her, man sieht ja es ja in Dresden, wie sich da auf einmal wieder eine „historische“ Stadt entwickelt hat. Berlins Mitte ist viel zu leer und schreit nach Ergänzung, z.B. wie an der Marienkirche.

  5. Wie auch meine Vorschreiber möchte ich mich absolut für eine Wiederherstellung des Umfeldes aussprechen, Von Brunnen zu den Denkmälern gehört alles wieder an seinen Platz oder an altem Platz neu erstellt. Auch das weitere Umfeld sollte wieder aufgebaut werden wie es vor dem Krieg aussah. Wie auch an anderer Stelle oder in anderen Orten sollte die Fassaden der Häuser wieder hergestellt werden. Wenn ich mir vorstelle das in dieser bedeutenden Umgebung Moderne eintönige Bauten entstehen sollten wird mir mehr als übel. Ich hoffe stark das die verantwortlichen verstehen das die Berliner und die meisten Deutschen nicht nur das Schloss zurück wollen sondern die Wunde des krieges im Zentrum der Hauptstadt grundsätzlich schließen wollen mit dem was einst war! Es sollte daher keinerlei Kompromisse dazu geben.

  6. na was kommt eigentlich vor den Haupteingang, an dem Kanal der Spree, wo früher mal das Monumentaldenkmal Kaiser Wilhelm des zweiten stand? Der Platz ist ja frei! Kommt da eine Figur von Kohl oder Merkel hin? Spaß. Wem gehört eigentlich das Schloß dann? Kaiser Wilhelm der 2te hat ja als Kaiser abgedankt! Aber als König von Preußen nicht! Und denen gehört das Schloß.

  7. Zwischen Petriplatz und Schlossplatz herrscht in der Tat Friedhofsruhe. Langweilige Ödnis. Wer einmal aus dem Humboldtforum kommt kann sich nur ein Taxi nehmen, wenn er die Stadt erleben möchte. Es ist genauso öde wie am Kulturforum Potsdamer Straße. Es gibt viele Chancen u. a. in der inzwischen halb leer geräumten Breiten Straße, wie im Artikel benannt. Das war es auch schon. Eine wirkliche Chance bekäme der Schlossplatz mit dem Abriss des DDR-Staatsratsgebäudes. Dieses Gebäude schneidet die Brüderstraße vom Schlossplatz ab. Von den Stalinisten damals als Südbegrenzung ihrer Aufmarsch-Arena gedacht, hatte es genau diesen Zweck – die Stadt dahinter von der Arena zu trennen. Die Brüderstraße erhielt ihren Namen vom Dominikanerkloster, welches am Schlossplatz zu finden war. Diese Straße gehört somit untrennbar zur Erschließung des Schlossplatzes dazu. Wenn das geplante Gebetshaus (bestehend aus Kirche, Synagoge und Moschee) gebaut wird auf dem Petriplatz anstelle der im Krieg zerstörten Petrikirche, dann gäbe es eine Sichtachse durch die Brüderstraße zum Schloss-Humboldtforum. Es wäre die kürzeste Wegstrecke zwischen beiden Häusern, die ein und das selbe miteinander verbindet – nämlich die Interaktion der Weltkulturen. Diese Areal würde eine echte Chance bekommen ohne diesem Sperr-Riegel vor der Brüderstraße. Wenn man sich nur mit der Breiten Straße beschäftigt, vergibt man Chancen für ein lebendiges Viertel. Eine Eliteschule im Staatsratsgebäude ist völlig fehl am Platze. Und ein doppeltes Schlossportal IV totaler Unfug! Die Wiederherstellung der Brüderstraße und ihre Anbindung an den Schlossplatz ist dringend erforderlich!

  8. Ohne dem geklauten Schlossportal ist das Staatsratsgebäude ein unbedeutender Kasten – eine hässliche abweisende Kiste und kontraproduktiv für ein lebendiges Quartier

  9. Der Wiederaufbau des Schlosses von Berlin ist wichtig, denn es ist eine der „schönsten Beispiele der barocken Kunst, in Europa symbol von Preußen zu einer Zeit und ist ein Teil der Geschichte der Stadt und einen Wert für die nächste Generation und mit diesen Fassade bildet eine elegante Erscheinigung an der Stuttgart – meine Stadt

  10. Ja, natürlich – der Neptunbrunnen gehört unbedingt und ganz selbstverständlich zurück an seinen früheren, angestammten Platz. Für diesen Standort und für keinen anderen wurde der Brunnen gestaltet. Sein Bau geht schließlich auf einen Vorschlag http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Friedrich_Schinkel zurück, auf dem Schloßplatz zwischen dem http://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Stadtschloss und dem Neuen http://de.wikipedia.org/wiki/Neuer_Marstall einen Monumentalbrunnen zu errichten. Diesen historischen Bezug sollte auch Staatsbaudirektorin Regula Lüscher respektieren, zumal der Schlossplatz dadurch sein Herzstück vor dem (jetzt öffentlichen Durchgangs-) Portal II des Schlosses wieder erhält und der ganze Platz erheblich aufgewertet wird. Die Breite Straße bis zum Petriplatz wird derzeit planerisch bearbeitet, die überbreite Fahrstraße wird wieder verengt. Vor die monotonen ehemaligen DDR-Behördenbauten werden neue, hoffentlich anspruchsvollere Gebäude mit einer bürgerlichen Mischnutzung gesetzt. Das Staatratsgebäude sollte man nicht schmähen. Es gehört zu den wertvollen Nachkriegsbauten der DDR. In Dimension, Fassadengestaltung und Lage passt es besser als vorher. Es schließt es den Platz südlich des geplanten Einheitsdenkmals ab, nimmt die Flucht von Marstall und Auswärtigem Amt auf.

    Natürlich wäre auch eine ergänzende Reparatur des öffentlichen Marstallgebäudes wünschenswert, aber sollten wir nicht vorher einen Blick in den Geldbeutel der Stadt Berlin wagen?

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