Die Kinder von der Heilige-Geist-Straße 39. Das Leben in der zerstörten Mitte Berlins

Unsere Familie zog im März 1945 in die Heilige-Geist-Straße. Im Herbst  45 zog die Familie Horn ein, die wir aus der Steinstraße 5 kannten. Sie waren während des Krieges auch evakuiert und durften das jetzige Polen erst so spät verlassen. Die Freude war bei uns sehr groß. Bis Ende 1946 wohnten 7 Familien im Haus, mit insgesamt 20 Kindern im Alter von 1-18 Jahren. Wir verbrachten die Tage mit Schule und Spielen, die Größeren untersuchten die Gegend bis zur Siegessäule, aber auch die Ruinen waren immer ein schöner Spielplatz. Wir waren eine große Gemeinschaft, aber die Mädels von Müller durften sich nicht schmutzig machen, und schon wurden sie von allen im Haus geschnitten. So bildeten sich kleine enge Gruppen im Alter bis zu sieben Jahren, von acht bis zwölf und dann kamen die Älteren. Die Clique unter meiner Leitung bestand aus Lothar H., dem kleinen Bruder von Ulla (Uschi), manchmal auch Johannes. Schwester Irma, Kerkow und Schlemmi, die beiden wohnten weiter weg, gingen aber auch in der Hirtenstraße zur Schule, Kerkow war in meiner Klasse. Die andere Bande leitete Johannes mit (Uschi). Zu ihr gehörte noch Horst (Brodska) sowie ein Klaus und Herbert die aber nicht in unserem Haus wohnten und aus einer anderen Gegend kamen ich kannte sie nicht. Alle Eltern gingen meist einer geregelten Arbeit nach. Herr Müller war, so glaube ich, in einem Büro tätig. Herr Röber war unser Hauswart und Herr Warmbier arbeitete als Glaser im Nebenhaus. Er trank gerne Bier. Frau Graffenberg war Schneiderin. Frau Horn, die Mutter von Lothar und Ulla, machte Heimarbeit. Frau Raduns, Frau Röber und Frau Warmbier waren Hausfrauen. Papa arbeitete als Arisspolier bei der Firma „Kettlitz“ und besorgte die ganze Enttrümmerung unserer Gegend. Mutti war im Gartenbau beschäftigt. Wir Kinder waren somit beinahe alle „Schlüsselkinder“. Schon im Herbst 1945 gingen alle größeren Kinder auf Brennholzsuche in die Ruinen, eine mitunter gefährliche Sache, aber der Winter wird kommen. Ich hatte schon eine kleine Arbeitsstelle bei einem Gemüsehändler und nachdem in der Spandauer Straße ein Kohlengeschäft eröffnet wurde, wurde ich auch da ein gefragter Helfer. Ich hatte beide Stellen bis nach der Währungsreform. Frau Horn fand auch einen Lebensgefährten, „Onkel Richard“. Er hatte Magengeschwüre und konnte Fischaugen essen. In der Rosenstraße eröffnete jetzt ein Lumpenhändler seinen Laden und kaufte auch Buntmetall, Buntes, wie wir sagten. Wir begriffen schnell was die verschiedenen Metalle für einen Wert hatten und alle Größeren fingen an zu sammeln. Den Verkauf machte immer ein Erwachsener. Die erste Bekanntschaft mit der Polizei (Kripo) machte unser Haus nachdem unser Bruder Dieter mit Onkel Richard und der Roten Ella, wegen der Haare, aus der Steinstraße nachts ein Pferd geklaut und auf dem Bau geschlachtet hatten. Das halbe Haus briet am Tag danach Fleisch, es roch bis zur Spandauer Straße. Die Kripo  musste es auch gerochen haben, denn ein Kommissar stand bald in unserem Haus. Wir wurden ihn  über Jahre nicht los.

Mit Johannes ging ich auf Erkundung und wir sahen am Schinkelplatz drei Denkmale mit einem Bilderkranz, die uns gut gefielen. Wir besorgten uns etwas Werkzeug und begannen einen Bildkranz zu lösen. Man verjagte uns. Das war etwa im Sommer 1949. Erst 2013 sah ich die Denkmale wieder und las auf einer Tafel, dass ein Fries vom Thaerdenkmal damals geklaut worden war. Wir waren es nicht!!

Lutscha und ich waren auch diejenigen die ein wunderschönes, goldenes Treppengeländer in einem Mittelbau des Schlosses entdeckten, sowie das Bleiblech unter der Asphaltabdeckung der Dacheindeckung des Schlosses. Diese Funde teilten wir den Großen mit, die diese Sachen dann ausbeuteten. So waren die Zeiten damals eben in großer Not. Wir mussten überleben.

von Bernd Thalheim

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