Die Fortschreibung des Menschenbilds zum Weltbürger

Maßstäbe für das Humboldt-Forum

Das Humboldt-Forum ist ein spätes Produkt der europäischen Aufklärung. Das zu betonen ist deshalb wichtig, da heute in vielen Ländern gegenläufige Tendenzen sichtbar werden, die wie eine Gegenaufklärung wirken. Dem Humboldt-Forum kommt die Aufgabe zu, diesen Strömungen entgegenzuwirken. Die „Aufklärung ist Beginn und Grundlage der eigentlich modernen Periode der europäischen Kultur und Geschichte“ – sagte Ernst Troeltsch 1897 und erklärte so Wesen und Zielsetzungen der Aufklärung. Sie sei „keineswegs eine rein oder überwiegend wissenschaftliche Bewegung, sondern eine Gesamtumwälzung der Kultur auf allen Lebensgebieten“, die von fundamentalen sozialen Wandlungen begleitet wurde und zu ihnen beitrug.

In seiner Religionsphilosophie stellt Immanuel Kant einen Hang des Menschen zum Bösen fest und sieht den sozialen Urzustand des Menschen in einer „ungeselligen Geselligkeit“. Der Mensch könne seine Mitmenschen „nicht wohl leiden“, aber er könne auch nicht von ihnen lassen. Es sei jedoch Ziel der Vergesellschaftung, unter Ausnutzung dieses natürlichen Widerspruches eine bürgerliche und schließlich eine weltbürgerliche Gesellschaft aufzubauen, die nach begründeten Rechtsgesetzen verfasst sei und so den „ewigen Frieden“ sichern solle. Kants ewiger Frieden ist ein Weltfrieden; dieser erfordert den „Weltbürger“.

Wilhelm von Humboldt erkannte dies für richtig und definierte den Weltbürger so:

„Wenn wir eine Idee bezeichnen wollen (…), so ist es die Idee der Menschheit, das Bestreben, die Grenzen, welche Vorurteile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen gestellt, aufzuheben und die gesamte Menschheit ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe als einen großen, nahe verbrüderten Stamm, als ein zur Erreichung eines Zweckes, der freien Entwicklung innerer Kraft, bestehendes Ganzes zu behandeln. Es ist dies das letzte, äußere Ziel der Geselligkeit und zugleich die durch seine Natur selbst in ihn gelegte Richtung des Menschen auf unbestimmte Erweiterung seines Daseins.“

Sein Bruder Alexander verwies im „Kosmos“ ausdrücklich darauf hin. So kann diese Feststellung als ein gemeinsames Vermächtnis der Humboldt-Brüder gelten.

Nichts anderes als der „Endzweck der Natur“ ist mit dieser Aussage umrissen; anders gesagt, die Kultur! Denn nach Kant kann nur die Kultur des Menschen Endzweck sein: „Von Natur aus“ ist der Mensch ein Kulturwesen! Hier, in dem Bereich der Kultur, ist der „Weltbürger“ zu suchen und auch zu finden.

Mit Kultur – vom Lateinischen cultura kommend und ursprünglich Bebauung, Pflege, auch des Körpers und des Geistes meinend, wird heute alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, bezeichnet, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik oder der bildenden Kunst, aber auch geistige Gebilde wie etwa Religion, Moral, Recht, Ästhetik, Wissenschaft und Wirtschaft.

Der Kulturbegriff ist im Laufe der Geschichte unterschiedlich interpretiert und verstanden worden. Der Begriff kann sich auf eine Gruppe von Menschen beziehen oder er bezeichnet das, was allen Menschen als Menschen zukommt. Während die engere Bestimmung des Begriffs mit einem Gebrauch im Singular („die Kultur“) verbunden ist, spricht der weiter gefasste Begriff auch von „den Kulturen“ im Plural. Folgt man der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, dann ist mit „den Kulturen“ exakt der Wirkungskreis des Humboldt-Forums umrissen; es geht „weniger um geschickte Vitrinenanordnungen, sondern um interkulturelle Begegnung, eine lebendige, ja leibhaftige  Auseinandersetzung mit den Kulturen der Welt … “

Wenn oben mit Kant gesagt wurde, dass Mensch und Kultur Endzweck der Natur seien, dann ist mit diesem Endzweck die moralische Fähigkeit des Menschen gemeint: Die „Idee der Moralität gehört zur Kultur.“ Das ist es, was Menschen einerseits von der Natur trennt, ihn andererseits verpflichtet, die Natur – und das ist auch seine eigene als Naturwesen – zu achten und zu schützen. Ohne diese moralische Führung vermag der Mensch sich bloß technologisch fortzuentwickeln.

Überträgt man diesen moralischen Anspruch auf die weltweite Dimension respektive „die Kulturen“, dann ist damit der „Lebensraum“, die Wirkungssphäre des „Weltbürgers“ umrissen. Abgesteckt ist damit auch das Feld eines humanen respektive moralischen Universalismus. Hier ist der Kant ́sche „Weltbürger“ zuhause, hier findet der Humboldt ́sche verbrüderte Stamm die Erweiterung seines Daseins! Das Humboldt-Forum nimmt exakt diesen Geist auf, wenn es sich als „Treffpunkt von Menschen aus aller Welt“ versteht, die „unabhängig von Herkunft, Alter, Ausbildung, Interessen, Vorwissen oder Vorlieben“ zusammenkommen. Diese Begegnungen münden in die Erprobung neuer Formen des Zusammenwirkens, sie machen eine Vielfalt kultureller und gesellschaftlicher Ausdrucksformen erlebbar und führen zur Verbindung wissenschaftlicher mit künstlerischen Arbeitsweisen.

Weiter heißt es: „Die Geschichte wird in der Gegenwart lebendig. Das Humboldt-Forum trägt dazu bei, ein aktuelles Verständnis unserer globalisierten Welt zu vermitteln; es wird Fragen aufwerfen wie auch nach Lösungen suchen.“

Herders Absage an Kant

Neben Kant und später den Humboldts war Johann Gottfried Herder im Zeitalter der Aufklärung ein einflussreicher Denker. Auch ihm gilt die Menschheitsgeschichte als die vernunftgeleitete Fortsetzung der Naturgeschichte. Im Laufe ihrer Geschichte bilde so jede Kultur eine Mensch und Natur umgreifende einzigartige Einheit, weil jedes Volk besondere Anlagen habe und jedes Land spezifische Anpassungen erfordere bzw. Nutzungsmöglichkeiten biete. So entstünden eine Vielfalt nicht vergleichbarer, gleichberechtigter Formen von Kultur und eben darin bestehe, so Herder, das Ziel der Menschheitsgeschichte – eine Absage an den Kant’schen und auch Humboldt’schen Universalismus.

Nun böte das Humboldt-Forum gemäß seiner eben knapp geschilderten variablen Anlage respektive Arbeitsweise Raum, um auch das Herder’sche Kulturverständnis zu diskutieren; wenn da nicht die eingangs genannten, der Aufklärung generell zuwiderlaufenden Strömungen auszumachen wären. Ihren Protagonisten gilt Herder als einer ihrer ideellen Stammväter; wobei Herder nicht für deren heutige Auslegung und Handlungsweise verantwortlich zu machen ist!

Die Aussagen der modernen Radikalen stellen einen massiven Angriff auf den Geist und die Werte des Humanismus dar, auf das „Weltbürgertum“ und letztlich auch auf die völkerverbindende Idee des Humboldt-Forums.

Kostprobe: „Unterschiedliche Gesellschaften haben unterschiedliche Werte. … Die westliche Zivilisation ist eine rassistische, ethnozentrische Zivilisation. Jeder Westler ist ein Rassist – kein biologischer, wie Hitler, aber kulturell. Deswegen denkt er, es gebe nur eine Zivilisation – oder Barbarei. … Die Barbarei aber negiere … alles, aus irgendwelchen religiösen Gründen. So denken die Westler, deswegen sind sie kulturelle Rassisten.“

Dies sagt Aleksandr Dugin – bekanntester Ideologe der radikalen Rechten Russlands. Könnte der uns nicht einigermaßen egal sein? Nein! Wenn europäische Rechte, Befürworter eines neuen Extremismus, ihre Sympathie für ein Russland äußern, das sich zum ideellen Rammbock der Kräfte berufen sieht, denen die zuvor beschriebene Definition von Kultur zuwider ist, ist Vorsicht geboten!

Für den Schriftsteller Lars Brandt, Sohn Willy Brandts, handelt es sich hier um einen Frontalangriff auf das moralische Rückgrat der Weltkulturen, ein Angriff auf das moderne liberale Menschenbild, das in Europa entworfen wurde und das hier auch zu verteidigen sei. Dieses Bild sei nicht die isolierte Leistung einzelner Kulturen, sondern die Frucht ihres Zusammenwirkens und darum eine gemeinsame Verpflichtung. Doch woher, wenn nicht aus Kunst und Kultur nämlich, sollte die Kraft zur Selbstbehauptung kommen? fragt Brandt.

Angesichts solcher Verwerfungen muss auch die Analyse und Aufarbeitung solcher Strömungen zum Aufgabenbereich der Dialogebene im Humboldt-Forum gehören.

von Stephan Wohanka

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