„Das Berliner Schloss: Disneylandkulisse oder tröstende Stadtreparatur?“

Aus dem N&N Czech-German magazine am 09.08.2021:

Interview mit Wilhelm von Boddien, dem großen Zeitgenossen, der den Wiederaufbau des Berliner Schlosses in 30 Jahren anstieß, durchfocht und sein historisches Äußeres durch unermüdliche Arbeit ermöglichte.

 

Von Stephan Schilgen

Herr von Boddien, am 20.07.2021 fand mit zweijähriger, teils coronabedingter Verspätung, die Eröffnung des Berliner Schlosses statt. Wie fühlen Sie sich nach diesem großen Ereignis? Ihr Entschluss, sich dem Wiederaufbau des Schlosses zu widmen, liegt immerhin 30 Jahre zurück, was biografisch gesehen eine lange Zeit ist.

Ja, ich fühle mich unglaublich glücklich, weil ich mein Lebensziel verwirklichen konnte. Das hat lange gedauert, aber ich habe nie Zweifel gehabt, dass ich es nicht schaffen würde, weil immer im richtigen Moment Freunde da waren, die mir geholfen haben.

 

Wilhelm von Boddien am 20. Juli 2021 im Schlüterhof vom Berliner Schloss (Foto: Juri Reetz)

Seit 1991 war das Schlossprojekt eine Lebensaufgabe, die Verzicht und Einsatz forderte. Was geschah mit jenem Leben bis dato, mit Ihrem Landmaschinenhandel, mit Ihrer privaten Existenz, all dies musste von da an zurücktreten. Wie war diese Erfahrung?

Wissen Sie, der Alte Fritz hat gesagt: „Der Tag hat 24 Stunden und wenn er nicht reicht, nehme ich die Nacht dazu.“ So verrückt bin ich nicht, aber ich habe natürlich oft durchgearbeitet, auch am Wochenende.

Und dazu habe ich eine Frau, die nicht von mir unterhalten werden will, sondern die mich loslässt und sagt: „Mach mal“. Wenn sie mir eine Sache verbietet, sagt sie: „Dir dies zu verbieten, hat keinen Sinn. Dann machst du gleich eine andere Sache“. Das war die familiäre Seite, und da wir fünf Kinder und jetzt 15 Enkel haben, ist meine Frau auch ausgelastet, und wir brauchen uns nicht gegenseitig als Entertainer, das ist entscheidend.

Die andere Sache war mein Landmaschinenhandel: Ich musste im Jahre 2003 meine Firma abwickeln, mit einer Insolvenz, weil mein Hauptlieferant Deutz-Fahr von der Deutschen Bank kein Geld mehr bekam – die bauen bei Deutz heute nur noch Motoren und keine Traktoren. Das Label wurde damals nach Italien weiterverkauft. Plötzlich stand ich da als Händler ohne ein Produkt, das die Bauern haben wollten. Im Gegenteil, das Schlossprojekt war für mich in der Zwischenzeit fast zu einer Art Ventil geworden, Dampf abzulassen, zur Schonung meiner Mitarbeiter.

Ein Chef mit Existenzangst macht alle nervös, wenn die Geschäfte nicht mehr laufen. Wenn Sie so etwas bewältigen müssen, kann ich Ihnen nur sagen, entsteht mit der Zeit eine gewisse Gelassenheit und dann macht Ihnen auf einmal alles wieder Spaß. Dieses dauernde Pro und Contra, das ist eine Herausforderung, wie bei einem Schachspiel mit einem gleich guten Gegner, das muss man unbedingt gewinnen.

Das Humboldt Forum soll im „Dialog der Gleichwertigkeit der Kulturen“ einen Großteil des Schlosses mit außereuropäischen Exponaten bespielen, nur so konnte das Projekt politisch durchgesetzt werden. In der Fortsetzung der Idee der Museumsinsel wurden das Asiatische und das Ethnologische Museum aus Dahlem in die Mitte Berlins gebracht. Stimmen Sie der These zu, dass die Entscheidung für eine „Gleichwertigkeit der Kulturen“ auch die deutsche Kultur hätte einschließen sollen, womit sich Wege ihrer Einordnung in die Welt eröffnet hätten? Stichwort Identitätsfindung.

Das war ein kommunikativer Fehler. Die Museen, Asien und Ethnologie, beinhalten nicht nur die altmodisch gewordene Völkerkunde, sondern sie beinhalten vor allem ganz große Kunst fremder Kontinente. Wir konnten das erleben, als diese große, außereuropäische Kunst in das Bodemuseum kam und zusammen mit der großen Kunst Europas ausgestellt wurde.

Europäische Skulpturen des Mittelalters wurden mit afrikanischen und asiatischen Skulpturen aus der gleichen Zeit zusammen ausgestellt. Da war plötzlich der Gleichklang aller erkennbar, denn alle alte Kunst richtet sich nach dem Menschen und dem Götterbild, jede Kultur interpretiert das anders, das bringt die Spannung.

Das ist eine geistige Herausforderung, ähnlich wie beim Metropolitan Museum of Art in New York, wo Sie in kürzester, fußläufiger Entfernung vergleichende Studien zu den unterschiedlichsten Weltkünsten anstellen können. Also, ich wehre mich dagegen, diese großartigen Kunstwerke des Ethnologischen und des Asiatischen Museums als Völkerkunde abzuwerten. Sie sind weit mehr, sie sind beste Kunst dieser Länder. Die Museumsinsel wird so zu einem Weltmuseum!

Spannung bringt auch die Polarität zwischen dem Gedanken Schloss und Humboldt Forum, Schloss ist die Form, Humboldt Forum der Inhalt, das Schloss ist das Außen, Humboldt Forum das Innen, Schloss ist Deutsche Identität und Forum ist Internationalität, man hat den Eindruck, das sei politisch so gewollt.

Nein, absoluter Widerspruch. Das Schloss ist die Reparatur des Stadtbildes Berlins, mehr nicht. Und wir haben es auch nur aus jenem Grund wiederaufgestellt, damit das Zeughaus, der Dom und das Alte Museum wieder das sind, was sie früher waren… bis hin zur Oper. Wir haben die Residenz optisch wiederhergestellt, und den bestehenden Gebäuden ihre Würde zurückgegeben. Die hätten sie verloren, weil sie sich alle auf das Schloss kaprizierten.

Für mich ist der Wiederaufbau des Schlossäußeren zum einen die Stadtreparatur und zum anderen ist es im Inneren eben ein völlig modernes Gebäude mit modernster Museumstechnik. Ich kann nur den berühmten Generaldirektor des Louvre, Pierre Rosenberg, zitieren, der gefragt wurde: „Da gibt es Leute in Berlin, die wollen das Schloss wiederaufbauen mit einem modernen Museum darin, aber so ein Museum muss außen wie innen zeitgenössisch sein, sonst ist es doch rückständig.“

Daraufhin sagte er: „Ich verstehe Ihre Frage nicht“ „Ja, aber man kann doch nicht das Alte Schloss nehmen und …“, darauf er: „Ich kann Ihnen nur sagen, ich führe das modernste und bedeutendste Museum Frankreichs, mit Weltgeltung, im feudalsten Schloss Frankreichs, nämlich dem Louvre. Also, wo ist das Problem?“

Denn, wenn man drin ist, sieht man nur die modernen Räume und nicht das Äußere. Das Äußere sehen Sie drinnen nicht, daher wird das Innere in einer anderen Weise wahrgenommen. In Berlin wurde das Äußere des Schlosses zur Stadtreparatur und das Innere ist eines der modernsten und großartigsten Museen, die wir je gebaut haben.

Sie haben mit Ihrer Initiative eine neunstellige Summe für die Gestaltung der Fassade, diverse Portale und für die Kuppel des Berliner Schlosses realisiert. Es fehlen noch Mittel, um möglichst viel der originären Anmutung des Königlichen Schlosses wiederherzustellen.

Es ist so, dass wir die gesamte Fassade, alles was an Kunstwerken aus statischen Gründen eingebaut werden musste, einschließlich der Schlüterhoffiguren und 3,5 Millionen Ziegelsteinen mit gesammelten 105 Mio. Euro finanziert haben. Jetzt brauchen wir nochmal 8 Mio. ungefähr, um die fehlenden 27 Balustradenfiguren obendrauf zu stellen, das kann man jederzeit nachträglich mit einem Autokran machen, während man eben die Teile, die fest eingebaut werden, nicht nachrüsten kann.

Dann haben wir noch die Ausbauten von Portal V und IV auf der Lustgartenseite, das Vestibül von Portal IV ist ja noch im Rohbauzustand, auch die sind in dieser Summe enthalten. Wenn wir dies gesammelt haben, haben wir unsere Arbeit geschafft, dann ist alles fertiggestellt, was jetzt möglich war. Aber das ist jetzt, wenn man so will, nur noch die Schlagsahne auf dem Kuchen, der Kuchen jedoch ist fertig.

Sind die 8 Millionen bereits in der Beauftragung?

Nein, in diesen Wochen finden noch weitere Gespräche mit der Stiftung dazu statt. Wir zahlen erst nach der Zusage, dass alles so wie geplant gemacht wird. Unsere Spenden sind zweckbestimmt. Es wurden keine weiteren Figuren in Auftrag gegeben, aber wir stehen kurz davor.

Sie wollen diese Komplettierung auch weiter vorantreiben?

Ja, das muss sein, weil die Figuren oben auf die Balustrade draufgehören. Sonst sieht doch alles unvollkommen aus!

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Teil 2 am 15.08.2021:

Interview mit Wilhelm von Boddien, über den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, dessen Rekonstruktion ihm zu verdanken ist. Welche bautechnischen Herausforderungen standen im Weg?

Das Schloss steht jetzt. Wäre es nicht ein “Nice to have“ die ”Gigantentreppe” im Schlüterhof wieder aufzubauen? 

Wir bringen im Herbst mit dem Berliner Extrablatt eine ganz besondere DVD heraus, ihr Titel: „Wir träumen weiter“. Dort zeigen wir das Schlossumfeld, wie wir uns das vorstellen, das Schloss in parkähnliches Grün eingebettet, dann gelangt man in den Schlüterhof und von dort direkt in das Treppenhaus, mit der berühmten Gigantentreppe von Andreas Schlüter. Sie ist die Vervollkommnung der Hofarchitektur und war in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Entstehung offen wie es solche Treppenhäuser in Italien sind, ohne Fensterverglasung. Man versteht den Hof nur im Zusammenhang mit dem Treppenhaus. Hier ist heute der Skulpturensaal, der exakt dieselben Grundmaße hat. Eine Rekonstruktion ist ohne baustatische Probleme möglich, auch ohne Eingriffe in die Museumsstrukturen, der Raum steht für sich.

Mit der heutigen Politik und der Stiftungsleitung ist das allerdings nicht zu machen.

Aber es gab ja auch eine Zeit, in der wir das ganzes Schloss wiederaufbauten, obwohl uns alle Leute einen Vogel gezeigt haben, aber die Politik dafür zu gewinnen war. Und diese Zeit kommt auch wieder. Wir bleiben am Ball. Das Schloss wurde vor über 70 Jahren gesprengt, jetzt ist es auf einmal wieder da – kommt es dann bei der Treppe auf zehn Jahre an? Die Treppe kostet wegen Ihrer großartigen Kunst noch einmal über 20 Millionen Euro, davon sind bereits Zweidrittel fest zugesagt. Ich sammle aber noch kein Geld, sondern nur Zusagen. Geld darf nicht gesammelt werden, solange politische Entscheidungen ausstehen. Man muss auch Frau Grütters verstehen, die sagt: „Bis auf Weiteres will ich die Treppe nicht einbauen. Nun lasst uns doch erstmal fertig werden mit dem Bau und das Haus in Betrieb nehmen. Zunächst ist es wichtig, dass die Leute sich dran gewöhnen können und das Haus nicht weiterhin voller Dauerbaustellen ist.“ Wir sind bereits deutlich im Verzug, weil das Haus viel zu spät fertig geworden ist. Es sollte 2019 eröffnet werden.

Anstelle dem Publikum ein Work-in-Progress anzubieten, wünscht die Kulturstaatsministerin Frau Monika Grütters keine Baustellen nach der Eröffnung am Haus.

Sie sagte: „Bis auf weiteres“, ein „Nie!“ habe ich von ihr nicht gehört.

Sie sagt doch, dass es die Abläufe stören würde. Frau Viola König, die frühere Direktorin des Ethnologischen Museums, wollte in den für ihre Sammlungen vorgesehenen Sälen gar keine Schlossanmutung, sondern überall diese nicht mehr zeitgemäßen White Cubes.

Die hat sie ja auch bekommen, im Inneren ist das Schloss nüchtern-modern. Man sollte allerdings beachten, dass Architektur nur dann Bestand hat, wenn sie eine besondere, große Architektur ist, sonst überdauert sie keine zwei Generationen. Im Zentrum einer erfolgreichen Stadt hält sich nur große Architektur! Schließlich ändert sich die Gesellschaft immer wieder und damit auch der Zeitgeschmack. Wenn allerdings die Nutzung des Hauses sich ändert, dann muss es diese ohne große Umbauten erhalten, sonst wird abgerissen. Daher gilt die Regel: Große Außenarchitektur überlebt Generationen, wenn sie als solche anerkannt wird, innere Architektur muss vielseitig nutzbar sein! Und Architekt Franco Stella hat seine Räume so geschaffen, dass sie auf vielfältigste Weise nutzbar sein können. Sie sind nicht verpflichtet, darin auf Hunderte von Jahren ein Ethnologisches Museum zu unterhalten. Das hat Stella wunderbar erfüllt. Sie könnten irgendwann sogar von den 60 historischen Prunkräumen, die das Schloss hatte, über 50 rekonstruieren, ohne viel Beton wegzustemmen oder statisch einzugreifen. Der Raum für die Schlütertreppe zeigt augenblicklich als Skulpturensaal alte Figuren des verlorenen Schlosses, ohne dass die Raumkubatur dafür geändert wurde. Der Kasten als solcher existiert maßgenau auch für die Treppe. Man muss beachten: Änderungen erfolgten an allen historischen Bauten durch fast alle Generationen.

Und das wurde von Beginn an antizipiert.

Wir haben sogar in der Decke zum Schweizersaal, wo die Treppe in der Planung die Decke nach oben durchbricht, Betonfelder nach der Art eines Airbags im Armaturenbrett eingebaut, ohne dass sich nach Herausnahme und Neubau der Treppe statische Mängel ergeben werden. Ein Beispiel: In Venedig steht die Kopie des Campanile, der Glockenturm des Markusdoms, der alte Turm ist 1906 eingestürzt. Warum? Man wollte einen Fahrstuhl einbauen, hatte aber festgestellt, dass massenhaft Eisen im Weg ist, was allerdings der Statik des Turmes geschuldet war. Davon hat man zu viel entfernt und so den Turm zum Einsturz gebracht. Heute können Sie mit dem Fahrstuhl hochfahren, der Turm ist eine Kopie des alten, nur mit modernem Interieur.

Genauso ist es beim Schloss. Wir könnten später, in Generationen, die verschiedensten historischen Räume wieder einfügen, zum Beispiel könnten wir den berühmten Teesalon von Schinkel am selben Ort und im selben Format rekonstruieren, ohne viel wegzustemmen. Aber die Zeit ist noch nicht reif dafür, das sollen spätere Generationen entscheiden. So haben wir mit dem Schlossbau einen Prozess auf Weiterbau gestartet und übergeben die Entscheidungen dazu an die nächsten Generationen. Politisch haben wir mehr erreicht, als wir uns erträumten. Wir haben fast überall die Optionen eingebaut, so dass später keiner sagen kann: „Oh Gott, die haben uns ja alle Möglichkeiten zum Weiterbau genommen.“

Der Bau hat ja einiges fürs Auge zu bieten und nicht überall scheint die Begegnung der barocken Renaissance mit den modernen Anbauten des Architekten Franco Stella gelungen. Im Schlossforum etwa, mit modern gestalteten Fassadenlängen, wirken die viereinhalb mal schmaleren barocken Seitenportalwände eingeklemmt. Da kollidieren zwei Stile miteinander.

Schauen sie sich doch mal bitte die vorherigen Fassaden an, da wo Stella jetzt seine neue Fassade errichtet hat, das war ursprünglich eine alte Bruchsteinmauer des Quergebäudes, so wie bei Burgen, unverputzt und hässlich. Schlüter hat seinen Hof nur zu Dreivierteln gebaut, als dem König das Geld ausging und er starb. Der Hof ist rudimentär geblieben. Erst Kaiser Wilhelm I. hat diese Bruchsteinwände mit Neorenaissance-Stuck versehen lassen, wie bei einer Berliner Mietskaserne, das sah schrecklich aus. Ich bin sehr glücklich über Stellas glatte Fassade, weil sie dem Barock nicht seine Wirkung nimmt. Was vorher war, hat den Bau zerstört.

Das ist so ähnlich wie die Diskussion um die Friedrichswerdersche Kirche, an die die neuen Gebäude viel zu dicht herangeführt sein sollen, sie wirkt jetzt fast wie eingemauert. An unserem historischen Stadtmodell, das jetzt im Schloss in der Touristeninformation steht, sehen sie, dass die modernen Häuser dieselben Proportionen haben wie die alten. Deswegen hat Schinkel ja auch den ganzen Schmuck der Kirche oben aufs Dach gesetzt und die Seitenwände einfach ziegelsteinglatt gelassen. Durch die Beseitigung der alten Umbauung durch die DDR hatte man das vergessen, und nun regen sich einige Leute ahnungslos darüber auf.

Ein Farbunterschied doch mindestens, den hätte ich mir dort gut vorstellen können, dass man die Stella-Neubaufassade etwas dunkler eingraut, denn wie bei einer überbelichteten Fotografie brennen die neuen Fassaden von den Seiten über die Schlüterschen im schmalen Hof.

In zwei, drei Jahren hat das Haus bereits eine Patina angesetzt. Die Farbgebung oben im 2. und 3. Geschoss ist genau dieselbe, wie bei Schlüter; dort ist unten Sandstein und hier hat man den gleichen, sandsteinfarbenen Sichtbeton gemischt, das ist optimal. Nun warten wir mal ein paar Jahre ab, dann ist der Schlüterhof nicht mehr so neu, dann sieht alles so aus, als ob es schon immer so gewesen wäre. Das hat uns auch bei der Kommandantur, in der Bertelsmann sitzt, zunächst so erschreckt, die da schneeweiß stand, wie ein Fremdkörper. Sie ist inzwischen grau und normal geworden, oder besser, wir haben uns an ihr Aussehen gewöhnt.

Als Berliner, der viel in der Stadt unterwegs ist, habe ich den Bau des Schlosses sukzessive verfolgt und das profane Betonskelett mit Fensterausschnitten wie bei einem modernen Blockbau wachsen sehen. Nach Fertigstellung muss man bekennen, dass trotz Dämmung und Plywood ein wundervoller Bau gelungen ist, denn das Wesentliche, die sichtbaren Oberflächen, bis zu den sandsteinernen Zierstücken, Portalen und Aufsätzen, prangendem Kupferdom und Bronzeengeln, alles wirkt so echt. Hätten Sie sich dennoch im Ganzen mehr Handwerkstreue und weniger Fake gewünscht?

Ich sag Ihnen eins, Sie finden nicht ein einziges Fake im Schloss. Die historischen Fassaden entsprechen zu 99,5% exakt den Alten. Wir haben ja sogar die Bausünden späterer Bauherren, die das Haus umgebaut haben, nachgebaut.

Die Wohnung von Friedrich Wilhelm I. zum Lustgarten – das merkt keiner richtig – wurde zu seiner Zeit mit anderen Fenstern ausgestattet, weil der Soldatenkönig die Gicht hatte und fror, wenn er vom Schloss aus im Lustgarten seinen Langen Kerls beim Exerzieren zuschaute. Dafür wurde ihm eine Warmluftheizung in seine Räume eingebaut. Dadurch rutschte der Fußboden höher und er hätte aus dem Fenster fallen können, weil keine Brüstung mehr da war. Nach dem Einbau der Brüstung, die Sie auch heute rechts vom Portal IV sehen, war es ihm zu dunkel, weil die Fenster dadurch zu klein wurden, worauf man diese Fenster nach oben in den Sturz reinsägte und nur noch schmale Steinstürze obendrauf legte. Die riesigen Schlusssteine, bei den Schlüterfenstern nach Osten in derselben Fassade sichtbar, waren ursprünglich auch in den Fenstern seiner Wohnung zu sehen.

Es war unser Ehrgeiz, maßgenau das Schloss so nachzubauen, wie es auf seinen Fotos noch bis 1944 zu sehen war und es erstaunt die Denkmalpfleger, dass wir das geschafft haben. Wir kämpften ja immer gegen die Behauptung, es sei ein Fake, und wir haben es den Leuten bewiesen, es ist kein Disneyland.

… Fortsetzung folgt!

 

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Wilhelm von Boddien, einer der letzten Kulturbürger alter Schule, hat fast ein halbes Leben für den Wiederaufbau des von Krieg und Kommunismus zerstörten Berliner Stadtschlosses gekämpft, das am 20.07.2021 nach achtjähriger Bauzeit Eröffnung feierte.

Stephan Schilgen, unser Experte für Berliner (Sub-)Kultur und Design, hatte die Ehre, den Visionär einen Tag danach zu interviewen. Es ist ein langes und gehaltvolles Gespräch geworden.

 

Quelle: N&N Czech-German magazine, 09.08.2021

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Ein Kommentar zu “„Das Berliner Schloss: Disneylandkulisse oder tröstende Stadtreparatur?“

  1. Wenn einer in diesem ganzen Projekt einen bewundernden Kommentar, viel Applaus und Anerkennung verdient, dann ist das Wilhelm von Boddien. Auch in diesem Interview zeigt er seine überzeugende, realistische und auch diplomatische Haltung. Und er widerlegt mit souveräner Lässigkeit die verkrampften Gegenstimmen der Schloss- und Humboldtforum-Gegner. Diese haben 20 Jahre lang verkrampfte Vorbehalte, Zweifel und Hass gegen das Projekt gesammelt und ausgeschüttet. Wilhelm von Boddien blieb immer sachlich, anständig, argumentativ und überzeugend. Diese Persönlichkeit war es, die dieses großartige Projekt letztlich zu dem realisierten Erfolg führte. Ganz herzlichen Dank, Arn Praetorius

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