Beitrag in der WELT AM SONNTAG: „Demut vor Schlüter“

 

„Es ist Pflicht, das Schloss der Nachwelt zu überliefern“

Was sagt Berlins größter Architekt zum wiederaufgebauten Berliner Schloss? Im Interview verrät Karl Friedrich Schinkel, was er von der modernen Spree-Fassade hält, vergleicht Berlin mit Rom und Paris und gesteht auch eine eigene Geschmacksverirrung. Ein Gespräch in Originalzitaten.

Von Rainer Haubrich 

 

Beitrag von Rainer Haubrich in der WELT AM SONNTAG vom 6. Juni 2021

Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) gilt als bedeutendster deutscher Baumeister des 19. Jahrhunderts. Zu seinen Meisterwerken zählen in Berlin das Alte Museum am Lustgarten, das Schauspielhaus (Konzerthaus) am Gendarmenmarkt, die Neue Wache Unter den Linden und der Neue Pavillon im Park Charlottenburg.

Als oberster Baubeamter Preußens hatte er großen Einfluss auf die Stilbildung im gesamten Königreich. Schinkel war auch Maler, Innenarchitekt und Designer. Sein bekanntestes Bühnenbild ist die Sternenhalle der Königin der Nacht für die „Zauberflöte“.

Wir haben mit dem wohl bekanntesten Berliner Architekten über die Zeiten hinweg gesprochen.

WELT: Herr Schinkel, wie gefällt Ihnen das Berliner Schloss?

Karl Friedrich Schinkel: Das Schloss wird allgemein angesehen als ein Denkmal der Gründer des Königlichen Hauses, welches in seiner Würde und Pracht diesem Charakter vollkommen entspricht. Es kann den ersten Gebäuden Europas in jeder Hinsicht gleichgestellt werden. Als ein solches Denkmal ist es unantastbar, und es ist Pflicht, es der Nachwelt zu überliefern.

WELT: Es heißt immer, Sie seien kein Freund des Barock.

Schinkel: In architektonischer Hinsicht muss unsere Zeit demütig das Talent unseres großen Künstlers und Landsmannes Andreas Schlüter anerkennen und gutheißen, was ein solcher Meister geordnet. Von eigentlich klassischen Gebäuden, die in ihrer ganzen Idee etwas wirklich Eigentümliches und vorzüglich Großartiges haben, besitzt Berlin nur zwei: das Königliche Schloss und das Zeughaus. Den Kunstwert beider verdanken wir Schlüter. Sie werden immer wichtiger, je weniger die Zeit imstande sein wird, sich auf so große und vollkommene neue Werke einzulassen. Und zugleich wird die Pflicht umso dringender, die geerbten Schätze in ihrer ganzen Herrlichkeit zu erhalten.

WELT: Aber der Wiederaufbau hat 700 Millionen Euro verschlungen.

Schinkel: Selbst in den ungünstigsten Zeiten sind die hierauf zu verwendenden Mittel nie als eine überflüssige Verschwendung anzusehen, weil der zwar nur indirekte Nutzen, welcher daraus erwächst, zu allgemein und groß ist.

WELT: Franco Stellas strenge, abstrakte Spreefassade hat einige Kritik auf sich gezogen.

Schinkel: Auch ich geriet in den Fehler der rein radikalen Abstraktion, wo ich die ganze Komposition aus dem trivialen Zweck allein und aus der Konstruktion entwickelte. In diesem Fall entstand etwas Trockenes, Starres, das der Freiheit ermangelte und zwei wesentliche Elemente – das Historische und das Poetische – ganz ausschloss. Ich forschte weiter, sah mich aber sehr bald in einem großen Labyrinth gefangen, wo ich abwägen musste, wie weit das rationelle Prinzip wirksam sein müsse und wie weit andererseits jenen höheren Einwirkungen von geschichtlichen und artistischen, poetischen Zwecken der Eintritt dabei gestattet werden dürfte, um das Werk zur Kunst zu erheben.

WELT: Architekten der Avantgarde berufen sich bis heute auf Ihren bekannten Satz: „Überall ist man nur da wahrhaft lebendig, wo man Neues schafft.“

Schinkel: Aber der neue Stil wird nicht so aus allem Vorhandenen und Früheren heraustreten, dass er wie ein Phantasma ist, welches sich allen aufdrängen würde. Im Gegenteil, mancher wird kaum das Neue darinnen bemerken, dessen größeres Verdienst die konsequente Anwendung einer Menge im Laufe der Zeit gemachter Erfindungen werden wird, die früher nicht kunstgemäß vereinigt werden konnten. Wehe der Zeit, wo alles beweglich wird, wo das Wort Mode in der Architektur bekannt wird, wo man die Formen, das Material, jedes Werkzeug als ein Spielwerk betrachtet, womit man nach Gefallen schalten könne.

WELT: Dank einer Erbschaft konnten Sie sich im Alter von 22 Jahren die ersehnte Reise nach Italien leisten. Erinnern Sie sich noch an den ersten Anblick von Rom?

Schinkel: Die größten Strecken Land vor der Stadt lagen unbebaut, man erblickte ärmliche Häuser, die Wege waren schlecht unterhalten, die Nachlässigkeit der Regierung war überall sichtbar. Plötzlich fuhr wie ein Blitzstrahl der Anblick des Doms von Sankt Peter, der hinter den Hügeln zuerst sich zeigt, in das Herz. Und dann breitete sich in der reichen Ebene nach und nach auf seinen sieben Hügeln das weite Rom mit seinen unzähligen Schätzen unter dem Staunenden aus. Tausendmal hat man versucht auszusprechen, was der Geist auf diesem Fleck empfand, und häufte fruchtlos leere Töne. Weise ist’s zu schweigen, denn über das Erhabenste klingt jedes Wort gemein.

WELT: Nach Ihrem Italien-Aufenthalt reisten sie weiter nach Paris. Beim Weg über die Alpen mussten Sie sich beeilen, weil Ihnen der riesige Tross von Papst Pius VII. auf den Fersen war, der zu Napoleons Kaiserkrönung reiste.

Schinkel: Der Zug des Papstes, der uns immer auf dem Fuße nachfolgte, verhinderte einen längeren Aufenthalt in Lyon, weil die Pferde der ganzen Route bis auf 40 Lieus zu beiden Seiten in Requisition gesetzt waren und selbst die öffentlichen Fuhrwerke, mit welchen wir gingen, bedroht wurden, in ihrem Fortgang gehindert zu werden. Indes kamen wir glücklich ohne Aufenthalt, mehrere Tage früher als der Papst, in Paris an.

WELT: Wie waren Ihre Eindrücke von der französischen Hauptstadt?

Schinkel: Paris ist die Stadt, in welcher sich unter allen Städten der Erde der größte Kreislauf menschlichen Wirkens windet. Ich muss gestehen, dass ich von einem Staunen zum anderen umhergeworfen wurde, es fiel schwer, mit ruhiger Besinnung die unzähligen Einwirkungen zu untersuchen. Ich halte es für unnütz, Ihnen eine detaillierte Beschreibung des Krönungsfestes für Napoleon zu geben. Ich führe Ihnen nur eine meiner Lieblingsempfindungen an: Das ist der ruhige Genuss, wenn man aus den rauschenden Freuden des Palais-Royal, der Boulevards, der Theater, der Gärten, fast aller Straßen in die geheiligten Säle der Kunst des vortrefflichsten Museums tritt: des Louvre. Obgleich das praktische Studium hier durchaus verbannt sein muss, da der freie Zutritt die Säle zur Promenade und zum Rendezvous der höheren und niederen Pariser Welt macht, so kann dies den Freund der Kunst nicht hindern, hier ein ebenso nützliches Studium des Geistes bei der Betrachtung der größten Meisterwerke aus allen Zeitaltern zu finden und einen überaus großen Genuss daraus zu ziehen. So außerordentlich Paris in aller Art ist, so ist es doch nicht imstande, mich wie Italien einzunehmen.

WELT: Auch England haben Sie später bereist. Dort machten die Bauwerke der industriellen Revolution einen zwiespältigen Eindruck auf Sie.

Schinkel: Es waren enorme Fabrikgebäude, sieben bis acht Etagen hoch, so lang wie das Berliner Schloss und ebenso tief. Seit dem Kriege waren in Lancestershire 400 neue Fabrikanlagen gemacht worden, man sah die Gebäude stehen, wo vor drei Jahren noch Wiesen waren, aber diese Gebäude sahen so schwarz geräuchert aus, als wären sie hundert Jahre in Gebrauch. Es machte einen schrecklich unheimlichen Eindruck, ungeheure Baumasse von nur Werkmeistern ohne Architektur und fürs nackteste Bedürfnis allein ausgeführt.

WELT: Sie gelten als Begründer des Denkmalschutzes in Deutschland.

Schinkel: Es ging mir um die Erhaltung aller Denkmäler und Altertümer unseres Landes. Lange waren diese Gegenstände, die nicht unmittelbar dem Staate Nutzen schafften, keiner besonderen Behörde zur Verwaltung und Obhut zugeteilt. Sondern es wurde von den Regierungen, von der Geistlichkeit oder von Magistraten und Gutsherren zufällig und meistenteils ohne weitere Rückfrage höheren Ortes entschieden. So geschah es, dass unser Vaterland von seinem schönsten Schmuck so unendlich viel verlor, was wir bedauern müssen. Hätten wir nicht ganz allgemeine und durchgreifende Maßregeln angewendet, diesen Gang der Dinge zu hemmen, so hätten wir in kurzer Zeit unheimlich, nackt und kahl dagestanden – wie eine neue Kolonie in einem früher nicht bewohnten Lande.

WELT: In Griechenland waren Sie nie, aber sie haben Pläne für einen neuen Palast auf der Akropolis entworfen.

Schinkel: Die Akropolis in Athen bildet einen der leuchtendsten Punkte in der Weltgeschichte, an welchen sich unendliche Gedankenreihen knüpfen, die dem ganzen Geschlechte fortwährend wichtig und teuer bleiben müssen. Schon deshalb verdient dieser Ort die Wiederbelebung für die Geschichte der folgenden Zeit. Und wie könnte dies besser ans Licht treten als durch die Gründung einer neuen Residenz auf demselben?

WELT: Aber wie passt das zu Ihren Vorstellungen von Denkmalschutz?

Schinkel: Es wäre nie meine entfernteste Absicht gewesen, durch die neue Anlage zwischen Parthenon, Propyläen und Erechtheion irgendein noch so kleines Stückchen Altertum zu vernichten. Jede in dieser Beziehung nötige Modifikation meines Plans hätte eintreten müssen, denn es wolle Gott verhüten, dass man sich solcher Sünde zu schulden kommen ließe. Der ganze Gedanke war nichts weiter als ein schöner Traum.

WELT: Die wenigsten wissen, dass Sie sich auch für die Architektur der Alpenhütten begeistert haben, die Sie bei einer Kur in Bad Hofgastein sahen.

Schinkel: Die Alpenhütte, sowohl die kleine unbedeutende als auch die zierliche große Wohnung eines Patriziers eines kleinen Ortes, ist ein klassisches architektonisches Werk, wie ein altgriechischer Tempel. Die Dachwinkel geben dem Giebel vollkommen dasselbe Verhältnis des Frontons eines griechischen Tempels der besten Zeit. Dazu kommen die trefflichen Galerien unter dem Schutz des weit überragenden Daches. Die zierlichen Ornamente innen an denselben architektonischen Teilen des Gebäudes sind oft so fein ausgedacht, dass manches Gebäude an Kunstwert mit großen gepriesenen Werken wetteifert und diese sogar übertrifft.

WELT: Aber ist das noch zeitgemäß?

Schinkel: Um so unbegreiflicher ist es daher, dass unser Jahrhundert anfängt, diese klassische Baumethode, dies Erbteil aller durch Jahrtausende vereinigter und verfeinerter Kunst, gegen die traurigen Abstraktionen von Prinzipien für allgemeine Nützlichkeit zu vertauschen.

WELT: Nach dem Berliner Schloss soll auch Ihre 1962 abgerissene Bauakademie wieder aufgebaut werden. Strittig ist allerdings noch ob als zeitgenössische Interpretation oder originalgetreu mit Ihren Fassaden ganz aus Backstein.

Schinkel: Stil in der Architektur wird gewonnen, wenn die Konstruktion eines ganzen Bauwerks auf die zweckmäßigste und schönste Art aus einem einzigen Material sichtbar charakterisiert wird. In meinen Fassaden war jedes Mal in regelmäßiger Höhe von fünf Steinschichten eine Lagerschicht von glasierten Steinen angeordnet, teils um die rötliche Farbe der Backsteine in der Masse etwas zu brechen, teils um durch diese horizontalen Linien eine architektonische Ruhe zu gewinnen. Der freundliche, mit Bäumen besetzte Rasenplatz zwischen Schlossbrücke und Bauakademie ist schon ein Gewinn. Und wenn noch einige Häuser mit anständigen Fassaden zur Wasserseite hin stünden, so würde die Ansicht von der Schlossbrücke in diesen Stadtteil hinein seine Vollkommenheit erreichen.

 

Quelle: WELT AM SONNTAG vom 6. Juni 2021 mit freundlicher Genehmigung des Autors und Axel Springer SE.

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