„Claudia Roth arbeitet sich immer noch an der Schloss-Kuppel ab“

20.02.2022  –  WELT

Von Rainer Haubrich

Ihr sei „schleierhaft“, sagt die grüne Kulturstaatsministerin, wie man an der Kuppel des Berliner Schlosses ein Kreuz und Bibelverse anbringen konnte. Aber daran ist nichts schleierhaft. Die originalgetreue Rekonstruktion wurde demokratisch beschlossen.

Die von Corona gebeutelten Kulturschaffenden würden sich freuen, wenn ihre Sorgen für die Kulturstaatsministerin Top-Priorität hätten. Aber Claudia Roth hält es offenbar für ihre wichtigste Aufgabe, sich an der Kuppel des rekonstruierten Berliner Schlosses abzuarbeiten, in dem sich das Humboldt Forum befindet.

„Wir müssen uns dringend darüber verständigen, wie das Humboldt Forum zu einem Ort der Weltoffenheit werden kann“, sagte Roth dem „Tagesspiegel“. Ihr sei „schleierhaft“, wie man dort eine Kuppel-Inschrift mit Bibelversen anbringen könne. „Und dann setzt man auch noch ein Kreuz oben drauf als Beleg der großen Weltoffenheit. Da will ich ran.“

Roth ist das „schleierhaft“? Dabei müsste sie als langjährige Kulturpolitikerin und Bundestagsvizepräsidentin doch wissen: Der Bundestag hatte mit einer Zweidrittel-Mehrheit die äußere Rekonstruktion des Barockbaus beschlossen, und im Architektenwettbewerb votierte die Jury einstimmig für den Entwurf von Franco Stella, der auch den Wiederaufbau der Kuppel vorsah.

Dieser wurde nicht, wie Roth suggeriert, von dunklen Kräften über Nacht ein Kreuz aufgepflanzt, das Kreuz war dort seit Mitte des 19. Jahrhunderts, weil sich unter der Kuppel die Schlosskapelle befand. Es wurde ein originalgetreuer Wiederaufbau bestellt, da kann Roth nicht einfach per ordre de Mufti einzelne Elemente des Bauschmucks entfernen.

Man muss sich auch nicht, wie die Kulturfunktionäre des Humboldt Forums, mit einer Tafel von der Inschrift „distanzieren“. Die Pointe ist wie immer, dass die möglicherweise Betroffenen das gar nicht fordern, weder der Zentralrat der Juden noch Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime, der sich ausdrücklich für das Kreuz aussprach.

Hat sich Gerhard Schröder je vom DDR-Staatsratsgebäude und dessen sozialistischen Glasfenstern distanziert, als er dort sein provisorisches Kanzleramt einrichtete? Hat sich Wolfgang Schäuble als Finanzminister von seinem Amtssitz, dem NS-Reichsluftfahrtministerium distanziert? Sind beide je auf die Idee gekommen, dass in diesen Gebäuden keine demokratische Politik möglich sei?

Wenn die Macher des Humboldt Forums wirklich glauben, sie könnten unter der Schloss-Kuppel keinen „weltoffenen“ Dialog führen, sollten sie sich einen anderen Job suchen. Und Claudia Roth kann ja im Tiergarten ein „Zelt des Dialogs“ aufbauen, wo dann die Wenigen debattieren, die sich wegen des Kreuzes nicht mehr ins Humboldt Forum trauen.

 

Textquelle: WELT vom 20.02.2022; Foto: Förderverein Berliner Schloss e.V.

 

 

3 Kommentare zu “„Claudia Roth arbeitet sich immer noch an der Schloss-Kuppel ab“

  1. Rainer Haubrichs Artikel ist brillant! Hinzufügen wäre lediglich, dass die Einlassungen von Frau Roth Rückschlüsse auf ihre Amtseignung erlauben.

  2. Den linken Grünen war das gesamte Projekt Humboldtforum im wiederaufgebauten Stadtschloss ein Dorn im Auge.
    Es ist ein Leichtes Geschichte nur klug-philosophierend im Rückspiegel zu sehen, statt sich zu bemühen Geschichte im Kontext ihrer Zeit zu begreifen. Man hatte sich nach der Wiedervereinigung drauf verständigt, die historische Mitte Berlins wiederherzustellen.
    Was bedeutet aber Wiederaufbau?

    Nur Historische Fassaden und Elemente die es geschafft haben der modernen kulturellen Zensur aus Gendern und Rassismusvermeidung zu genügen?
    Wir sollen uns an barocken Gestaltungselementen erfreuen allerdings ohne Bezug zu einer Zeit der absoluten Monarchien, dem Gottesgnadentum, des Kolonialismus, der Bismarck‘ schen Zeit etc.

    Wenn Frau Roth damit nicht klar kommt, ist sie nicht besser wie islamische Krieger die Jahrhunderte alte Tempel und Kulturgüter in der Wüste schleifen und sprengen und hoffen diese Zeit damit vergessen zu machen.
    Denn wir dürfen nicht sehen, was heute nicht mehr politisch und gesellschaftlich korrekt ist. Es dürfte somit nur noch eine Frage der Zeit sein, bis man Unter den Linden den Alten Fritz von seinem Pferd holt.

    Es ist doch seltsam, dass wir uns darüber Gedanken machen, ob sich ein Gast eines anderen Kulturkreises beim Besuch des Humboldtforums eventuell unwohl fühlen könnte oder sich gar am Ende nicht traut dieses bekreuzte Gebäude zu betreten.
    Dürfen wir in Deutschland es überhaupt wagen einfach mal etwas für uns zu bauen? – Benötigen wir wirklich die alltägliche Multikulti-Absolution wenn wir unser Land gestalten?

    Lieber stellen wir großzügig Raubkunst aus aller Welt aus um unsere Weltoffenheit zu zeigen, während wir unsere eigene Kultur und Geschichte lieber verleugnen.

    Vielleicht interessieren sich ausländische Gäste gerade für die bekreuzte Kuppel und ihren Bibelspruch statt von uns eine geschönte, geliftetete und angepasste Version einer Geschichte zu sehen, die es eigentlich nie gab.

    Den linken Grünen war das gesamte Projekt Humboldtforum im wiederaufgebauten Stadtschloss ein Dorn im Auge.
    Es ist ein Leichtes Geschichte nur klug-philosophierend im Rückspiegel zu sehen, statt sich zu bemühen Geschichte im Kontext ihrer Zeit zu begreifen. Man hatte sich nach der Wiedervereinigung drauf verständigt, die historische Mitte Berlins wiederherzustellen.
    Was bedeutet aber Wiederaufbau?

    Nur Historische Fassaden und Elemente die es geschafft haben der modernen kulturellen Zensur aus Gendern und Rassismusvermeidung zu genügen?
    Wir sollen uns an barocken Gestaltungselementen erfreuen allerdings ohne Bezug zu einer Zeit der absoluten Monarchien, dem Gottesgnadentum, des Kolonialismus, der Bismarck‘ schen Zeit etc.

    Wenn Frau Roth damit nicht klar kommt, ist sie nicht besser wie islamische Krieger die Jahrhunderte alte Tempel und Kulturgüter in der Wüste schleifen und sprengen und hoffen diese Zeit damit vergessen zu machen.
    Denn wir dürfen nicht sehen, was heute nicht mehr politisch und gesellschaftlich korrekt ist. Es dürfte somit nur noch eine Frage der Zeit sein, bis man Unter den Linden den Alten Fritz von seinem Pferd holt.

    Es ist doch seltsam, dass wir uns darüber Gedanken machen, ob sich ein Gast eines anderen Kulturkreises beim Besuch des Humboldtforums eventuell unwohl fühlen könnte oder sich gar am Ende nicht traut dieses bekreuzte Gebäude zu betreten.
    Dürfen wir in Deutschland es überhaupt wagen einfach mal etwas für uns zu bauen? – Benötigen wir wirklich die alltägliche Multikulti-Absolution wenn wir unser Land gestalten?

    Lieber stellen wir großzügig Raubkunst aus aller Welt aus um unsere Weltoffenheit zu zeigen, während wir unsere eigene Kultur und Geschichte lieber verleugnen.

    Vielleicht interessieren sich ausländische Gäste gerade für die bekreuzte Kuppel und ihren Bibelspruch statt von uns eine geschönte, geliftetete und angepasste Version einer Geschichte zu sehen, die es eigentlich nie gab.

  3. Oben heißt es :>>… nur eine Zeit bis man den Alten Fritz von seinem Pferd holt…<< Diese Befürchtung ist nicht aus der Luft gegriffen. Man erinnere sich: Ursprünglich standen die Standbilder zweier preußischer Feldherren vor der sog. Alten Wache. Weil die Nachkommen von K. Kollwitz, die Errichtung einer nachgebildeten Skulptur dieser Künstlerin in der heutigen Gedenkstätte nur unter Verzicht auf diese Feldherrenstandbilder davor erlaubten, wurden diese auf der gegenüberliegenden Seite aufgestellt.. In jüngster Zeit sind diese Statuen dort verschwunden – und stehen jetzt versteckt am anderen Ende der Grünfläche. Sollen die da auf ihre endgültige Verschrottung warten? Es gibt in Berlin viel zu tun für die vielen Weltverbesserer da. Wie Kultursenator Dr. Lederer im RBB vor kurzem erklärte, sollen demnächst viele böse Namen von Plätzen und Straßen überprüft und entfernt werden – da wurden genannt (als erster:) Adenauer (weil er Nazis einstellte), I. Kant (weil Rassist), Karl Marx (angeblich übler Antisemit, obgleich jüdischer Herkunft) – ja da gibt es für den Berliner Senat viel zu tun! .

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