„Grütters: Umstrittene Einheitswippe ist wichtiger als Drachentöter-Mosaik“

31.03.2021  Berliner Zeitung

Kulturstaatsministerin sagt: Erhalt der historischen Spuren war nicht Teil der Bundestagsbeschlüsse und des Wettbewerbs für das Freiheits- und Einheitsdenkmal.

Von Ulrich Paul

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat nähere Angaben zur umstrittenen Entscheidung über die Zukunft des denkmalgeschützten Bodenmosaiks gemacht, das dem Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmals weichen soll. Demnach hat die Kulturstaatsministerin „in Abstimmung mit dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung und den Architekten des Siegerentwurfs“ für das Freiheits- und Einheitsdenkmal, dem Büro Milla & Partner, „im Spätsommer 2014 entschieden, die Mosaike am ursprünglichen Ort nicht wieder verlegen zu wollen“. Maßgeblich dafür seien „sowohl historische als auch baukonstruktive Überlegungen“ gewesen. Das geht aus der Antwort der Kulturstaatsministerin auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hervor, die dieser Zeitung vorliegt.

Das Freiheits- und Einheitsdenkmal soll, wie berichtet, auf dem denkmalgeschützten Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals in Mitte errichtet werden. Die Bauarbeiten haben im vergangenen Jahr begonnen. Unter Protesten. Denn der gerade erst sanierte Sockel wird dabei durchlöchert, um sieben Stahlbetonpfähle bis zu 40 Meter tief ins Erdreich zu treiben, die das Freiheits- und Einheitsdenkmal künftig tragen sollen.

Mosaik befindet sich in einem Lager außerhalb Berlins

Was Denkmalschützer besonders ärgert: Das historische Bodenmosaik, das den Sockel einst zierte, soll nicht mehr zurückkehren. Das laut Landesdenkmalamt „großflächigste Bodenmosaik unter freiem Himmel in der deutschen Hauptstadt“ soll an einem anderen Ort präsentiert werden. Wo, ist allerdings unklar. Das Kunstwerk war im Zuge der Sanierung des Sockels freigelegt, gereinigt und ausgebaut worden. Es befindet sich zurzeit in einem Lager außerhalb Berlins.

Die Kulturstaatsministerin verteidigt in der Antwort auf die Anfrage der FDP die Mosaik-Entscheidung. Der Erhalt der Mosaike am alten Standort sei „weder Gegenstand der Bundestagsbeschlüsse noch Teil des Wettbewerbs“ für das Freiheits- und Einheitsdenkmal gewesen. Beim FDP-Bundestagsabgeordneten Hartmut Ebbing stößt das auf Kritik. „Frau Grütters liefert mit ihrer Antwort den Beleg dafür, dass sie zusammen mit dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung und den Architekten des Siegerentwurfs eigenmächtig entschieden hat, das denkmalgeschützte Mosaik nach dessen Ausbau nicht wieder am ursprünglichen Ort einzubauen“, sagt Ebbing. „Ich halte das für einen Fehler. Das Mosaik ist eines der wenigen noch erhaltenen baulichen Originale im Schlossbezirk und sollte deswegen an seinem ursprünglichen Standort wieder eingebaut und sichtbar gemacht werden.“

Politiker: Bundestag hat Mosaik-Entfernung nicht beschlossen

Der Bundestag habe nie beschlossen, dass das Mosaik entfernt werden soll. „Wenn Frau Grütters nun behauptet, dass der Erhalt der Mosaike am Standort weder Gegenstand der Bundestagsbeschlüsse noch Teil des Wettbewerbs war, versucht sie die Öffentlichkeit in die Irre zu führen“, so Ebbing. „Der Bundestag musste den Erhalt der Mosaike nicht beschließen, weil der Erhalt denkmalgeschützter Bauteile eine Selbstverständlichkeit ist, zumal in der historischen Mitte Berlins.“ Von der Kulturstaatsministerin müsse erwartet werden, dass sie historische Spuren solchen Ranges bewahre und nicht zur Disposition stelle.

„Und um es klar zu sagen: Beim Wettbewerb für das Freiheits- und Einheitsdenkmal ging es zwar nicht um die Gestaltung der Gewölbe und die Sanierung des Sockels des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals, doch wurden – anders als Frau Grütters es in ihrer Antwort darstellt – ausdrücklich Vorschläge zur Gestaltung der Oberfläche des Sockels erwartet“, argumentiert Ebbing. Alte Entwürfe des Wettbewerbssiegers belegten, dass dieser sehr wohl imstande war, das Alte mit dem Neuen zu kombinieren. „Auf den Wettbewerbsentwürfen des Büros Milla & Partner sind neben der begehbaren Schale eindeutig die historischen Mosaike zu sehen“, so Ebbing. „Warum diese Vorschläge in der Praxis nicht umsetzbar sein sollen, hat Frau Grütters bisher nicht plausibel dargelegt.“

Textquelle: Berliner Zeitung, 31.03.2021; Foto: Gritt Ockert/Förderverein Berliner Schloss (August 2020)

 

17 Kommentare zu “„Grütters: Umstrittene Einheitswippe ist wichtiger als Drachentöter-Mosaik“

  1. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Dies ist die zerstörerische Arroganz der herrschenden Kulturlosigkeit in dieser Gesellschaft! Eine Frau Grütters ist da das beste Beispiel dieser zeitgeistigen Strömung! So werden die nicht wieder korrigierbaren Fehler beim Schloßabriss von damals heute wiederholt! Und alle Kulturplitiker halten, wie immer und schon gewohnt, das Maul und kuschen! Unfassbar!!!

  2. Das war sicher eine Fehlentscheidung von Frau Grütters, aber dennoch können wir ziemlich froh sein, sie zu haben. Sie hat dafür gesorgt, dass der Bund sehr stark den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam fördert, und zwar mit großer Geschwindigkeit. Wer weiß, ob dies nach der Bundestagswahl 2021 so noch politisch durchsetzbar wäre, daher ist Eile geboten.

    1. Die olle Merkel soll wohl auch bleiben, weil sie soviel Heiterkeit in die Welt gebracht hat und nun die ganze Welt über Deutschland und diese Deutschen lacht?

        1. Jawoll, Merkel ist die Beste! Sie hat die letzten 15 Jahre Deutschland zukunftsfähig gemacht!
          Atomstrom, weg damit, Kohle, weg damit, dafür Goldstücke rein. Eine Erfolgsgeschichte.
          Merkel in ihrem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf!
          Narhallamarsch!

          1. Das ist mir zu einseitig. Haben Sie eine Alternative ? Engagieren Sie sich selbst im öffentlichen Leben und bemühen Sie sich, es besser zu machen ?

          2. Lieber Spender aus NRW. Leider kann ich Ihnen, aus welchen Gründen auch immer, nicht direkt antworten. Deshalb hier.
            Ja, ich habe eine Alternative! Und ja, ich bemühe mich!

        2. Ich würde mich schämen für so eine Aussage. Sicherlich mit das Schlimmste, was Deutschland nach Hitler, Ulbricht und Honecker passiert ist.

          1. Falls Sie mich gemeint haben, Herr Bidmon, haben Sie nicht gemerkt, daß mein Beitrag IRONISCH gemeint war???

    2. sehr gut analysiert. ich befürchte das Schlimmste nach der Bundestagswahl bzgl. Rekonstruktionen und ihrer Unterstützung durch den Bund. In Frankfurt a.M. konnte man das sehr gut beobachten (hier auf kommunaler Ebene) – nach der 100%igen Rekonstruktion einiger bedeutender Häuser der ’neuen‘ Altstadt. Diese Rekonstruktion (inkl. der Integration einiger weniger Spolien) hätte heute keine Mehrheit mehr im Stadtparalment und keine Unterstützung durch den OB.

  3. Warum so eine Idiotie von Frau Grütters? Warum kann man nicht die Wippe nicht an einem anderen Ort platzieren? Es gehört nicht vor dem Schloss dorthin. In Berlin fehlen bereits genügend historische Denkmäler und Gebäude.

  4. Zur Antwort von Frau Grütters, die ihre Weglass-Entscheidung verteidigt: Der Erhalt der Mosaike am alten Standort sei „weder Gegenstand der Bundestagsbeschlüsse noch Teil des Wettbewerbs“ für das Freiheits- und Einheitsdenkmal gewesen.
    Das ist ein erbärmlich schwaches, ja unverantwortliches „Argument“! Weder nimmt sie Bezug auf gerechtfertigte Vorwürfe, dass hier Denkmalschutz willkürlich und eigenmächtig gebrochen wird, noch geht sie auf die historische, kunstgeschichtliche oder ästhetische Rechtfertigung für den Erhalt der Mosaike an diesem Ort ein. Stattdessen versteckt sie sich hinter rein formalen, bürokratischen angeblichen Zuständigkeiten des Bundestags bzw. des Wettbewerb-Auslobers, die schließlich beide gegenüber dem Denkmalschutz verpflichtet sind. Frau Grütters hat zwar manches gut gemacht, aber hier liegt sie völlig daneben und biedert sich völlig argumentationslos den Kulturvandalen an. Leider gehört in Berlin auch das Denkmalschutzamt in diesem und anderen Fällen zu diesen Vandalen.

  5. Es liegt doch im Trend, alte Architektur mit neuer zu ergänzen und bewusst beschädigte alte Bauelemente zu belassen.
    Hier wäre die Chance für die Verantwortlichen ein Einheitsdenkmal zu schaffen das mit Augenmaß ein geschichtliches und einmaliges Kunstwerk nach baulichen Möglichkeiten integriert.
    Das neue Museum hat bewiesen, das dieser Schritt einer baulichen Symbiose machbar ist und dem Architekten eine neue Herausforderung und Anerkennung bieten.

    Ein Einheitsdenkmal sollte nicht das Produkt von nicht Beachtung des Volkes sein.

    1. Genau richtig. Auf der Museumsinsel rund um das Schloss werden von den Kulturverantwortlichen und Städteplanern zu viele Beispiele der arroganten Nichtbeachtung, entfernten, versteckten oder absichtsvollen Zerstörung alter erhaltenswerter und reparaturfähiger Kunstobjekte geliefert. Das ist eine Schande für die Berliner Regierung.

  6. Ein Schlag ins Gesicht der Demokratie: diese Kulturstaatsministerin trifft eine eigenmächtige Entscheidung und versucht das mit fadenscheinigen Thesen zu untermauern. Pfui kann man nur sagen. Eine Kompromisslösung wäre möglich gewesen, zumal sie wissen müsste, was Denkmalschutz bedeutet, auch bezüglich Überbleibseln des Historismus, und allein schon wegen des Friedens Willen, da Viele hinterfragen werden, was aus den erhaltenen Relikten wurde. Mit mittelalterlichen Resten oder anderen älteren Relikten hätte sie nie derart umspringen können, allein der Historismus ist noch immer nicht gesellschaftsfähig, und doch künstlerisch häufig sehr wertvoll. Schade für diese Arbeiten, die in den Köpfen von KÜNSTLERN etnstanden und die von handwerklich hochbegabten Ausführenden damals entstanden. Deutschland begeht einen Kunst-Frevel wie selten ein Land, immer wieder.
    Dann sollte man nicht so scheinheilig mit den Raubkunstthemen umgehen, da redet sie auch sehr zurückhaltend und zwischen den Zeilen. Diese Person ist eine Fehlbesetzung. In dieser Position muss man alle mitnehmen und mehr Feingefühl mit Überliefertem an den Tag legen, nicht nur immer wieder schöne Reden halten und ab und zu einen „grossen Wurf“ für die Kultur in diesem Land ankündigen und verwirklichen.

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