„Viel Ärger um ein bisschen Grün“

04.05.2020  – Berliner Morgenpost

Auf der Süd- und der Westseite des Berliner Schlosses soll die historische Begrünung wegfallen. Nicht nur die Förderer sind entsetzt.

Von Isabell Jürgens

Die Hülle des teilrekonstruierten Berliner Schlosses ist bis auf einige Restarbeiten abgeschlossen; und auch der Baufortschritt in den unmittelbar an das Schloss angrenzenden Flächen ist nicht mehr zu übersehen. Doch nicht alle sind über das erfreut, was dort geschieht.

„Es ist ein Jammer, die Pflasterung läuft auf Hochtouren“, kommentiert etwa Schlossförderer Wilhelm von Boddien die Arbeiten auf der nördlichen Seite des Schlosses. Mit seinem Unmut über die Gestaltung des Schloßplatzes, ursprünglich die Stadtseite des herrschaftlichen Gebäudes und 1848 Ausgangspunkt der Revolution, ist er nicht allein.

„Der Platz verkommt völlig zum steinernen Hinterhof des Humboldt Forums“, beklagt Elisabeth Ziemer. Die Vorsitzende des Vereins Denk mal an Berlin e.V. und frühere grüne Bürgermeisterin des Bezirks Schöneberg hat deshalb an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), die Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) und den Kultursenator Klaus Lederer (Linke) geschrieben. „Die Aufenthaltsqualität ist hier gleich Null mit 24 Parkplätzen und einer steinernen Sitzbank“, kritisiert Ziemer.

„Zeitgenössische Gestaltung des neuen Schlossumfeldes“

Die einstige Begrünung, die nach den Planungen des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel und des General-Gartendirektors der königlich-preußischen Gärten, Peter Joseph Lenné, um das gesamte Schloss herum führte, gebe es nun weder auf der Süd-, noch auf der Westseite. „Auf den rund 18.000 Quadratmetern unbebauter Fläche um das Humboldt Forum herum sollte es doch möglich sein, ein Konzept zu realisieren, das den aktuellen Anforderungen an eine klimafreundliche Politik genügt und nicht völlig überholte Pläne umsetzt“, appelliert sie.

Doch die Antworten der Regierungsriege auf ihr Schreiben machen wenig Hoffnung. Der prämierte Entwurf, nach dem der Schloßplatz auf der südlichen Seite aktuell hergerichtet wird, „sieht eine zeitgenössische Gestaltung des neuen Schlossumfeldes vor“, schreibt der Regierende Bürgermeister. Und weiter: Der südliche urbane Vorplatz werde durch große skulpturale Bankelemente gegliedert. Zudem übernehme der Schloßplatz „verschiedene, für das Humboldt-Forum erforderliche Funktionen wie Feuerwehrzufahrten“, heißt es in dem von Michael Müller unterzeichneten Brief an die Vorsitzende des „Denk mal an Berlin“-Vereins.

„Für die Feuerwehr dürfte das nun wirklich kein Problem sein“

Dieses Argument lässt Schlossförderer Wilhelm von Boddien nicht gelten. „Mit welcher Logik begrünt man dann die Lustgartenseite, wenn doch der Brandschutz nur gewährleistet werden kann, wenn kein Grünstreifen vorhanden ist“, so der oberste Spendensammler für die rekonstruierten Schlossfassaden am Humboldt Forum. Um zu veranschaulichen, wie der Grünstreifen auf der Südseite des Schlosses nach historischem Vorbild aussehen könnte, hat von Boddien eine Visualisierung anfertigen lassen (siehe Bild). „Für die Feuerwehr dürfte das nun wirklich kein Problem sein“, kommentiert er die noch immer reichlich vorhandenen gepflasterten Flächen des Platzes

Doch in das Bild hat von Boddien noch ein weiteres Detail einfügen lassen, das im rot-rot-grünen Berliner Senat erst recht auf Widerstand stößt: Der Neptunbrunnen, zu DDR-Zeiten auf den Platz vor dem Roten Rathaus verfrachtet, steht wieder an seinem angestammten Platz. Auch die Stiftung Humboldt Forum und der „Denk mal“-Verein plädieren dafür, den Neptunbrunnen wieder vor dem Schlossportal II zu installieren: „ Auch klimatisch wäre der Brunnen ein großer Gewinn“, so Ziemer.

Im Siegerentwurf für die Gestaltung des Schlossumfeldes, den das Büro „bbz Landschaftsarchitekten“ gewonnen hatte, sind jedoch weder Neptunbrunnen noch die Rossebändiger, die seit 1945 im Kleistpark in Schöneberg stehen, berücksichtigt. Allerdings hat der Berliner Senat eine spätere Rückführung der Skulpturen und des Brunnens nicht ausgeschlossen – die baulichen Voraussetzungen dafür wurden berücksichtigt.

Endspurt bei der Spendensammlung

Dass es dazu aber in absehbarer Zeit nicht kommen wird, geht aus dem Schreiben der Bausenatorin Lompscher an die Vereinsvorsitzende hervor. „Voraussetzung ist allerdings eine Umverlegung der vorhandenen Hauptverkehrsstraße und die Verlegung unterirdischer Versorgungsleitungen einschließlich eines Fernwärmebauwerks, womit eine erneute großflächige Bautätigkeit im Bereich Schlossplatz Süd nach Eröffnung des Humboldt Forums verbunden wäre“, schreibt die Senatorin.

Unterdessen ruft der Förderverein Berliner Schloss zur finalen Spendensammlung auf. Noch fehlen rund sechs Millionen Euro der vom Verein zugesagten 105 Millionen Euro für die auf drei Seiten nach historischem Vorbild rekonstruierten Fassaden sowie weiteren barocken Skulpturenschmuck am Gebäude.

Unterstützt wird der Endspurt für das Gebäude, das ab Herbst dieses Jahres in Etappen eröffnet werden soll, von der Crowdinvesting-Plattform www.ev-capital.de. Jede Spende, die bei der am 30. April gestarteten digitalen Kampagne „Berliner Schloss. Kulturforum an der Spree“ eingeht, wird dabei von der Firma Engel & Völkers Capital um zehn Prozent aufgestockt und zu hundert Prozent an den gemeinnützigen Förderverein übergeben, verspricht Marc Laubenheimer, Geschäftsführer der 2017 gegründeten Crowdinvesting-Plattform. Für jede getätigte Spende ab 50 Euro, die auf der Plattform abgegeben werde, gebe es eine Spendenquittung vom Förderverein sowie ein Dankeschön, gestaffelt nach Spendenhöhe, sagt von Boddien.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 04.05.2020

 

14 Kommentare zu “„Viel Ärger um ein bisschen Grün“

  1. Der rot-rot-grüne Senat kann es nicht lassen. Immer wieder wird quer geschossen, wenn es um das Schloss geht. Die Ideologen dort – in Bayern werden solche Leute Wadlbeißer genannt – konnten das Schloss nicht verhindern, aber das Umfeld, das wird jetzt zu einer öden Steinwüste totgepflastert.
    Die Verhinderer:
    Katrin Lompscher, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, aber wohl eher „Bauverhinderungssenatorin“.
    Regula Lüscher, überforderte Senatsbaudirektorin. Hat dem Verein zum Wiederaufbau des Stadtschlosses lange Zeit einen Ort für die Infobox am Schlossplatz verweigert.
    Klaus Lederer, Kultursenator, hält das Kreuz auf der Kuppel für „das falsche Signal“.
    Und zum Schluss, Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin. Politiker.
    Armes Berlin.

  2. Es ist schon erschreckend, mit welcher Gleichgültigkeit, Geschmacklosigkeit und Ignoranz kulturhistorischer Vorgaben die Gestaltung des Schlossumfeldes von der Berliner Politik (Linke, Grüne und SPD) in Auftrag gegeben wurde. Vielleicht sollten hier die Wähler bei der nächsten Wahl für eine Korrektur der Verantwortlichen unter Berücksichtigung deren Parteizugehörigkeit sorgen. Nur durch einen politischen Wechsel der Verantwortlichen kann dem Kulturfrevel Einhalt geboten werden. Die Antworten des regierenden Bürgermeisters offenbaren dessen kulturhistorische Interessenlosigkeit bis hin zur Geschmacklosigkeit. Er und seine politisch Mitstreiter haben die Planungsvorgaben für den Entwurfswettbewerb ausgearbeitet. Diese sahen schon immer eine geschmacklose Steinwüste im Wes- wie Südbereich des Schlosses vor. Die Wettbewerber hatten sich an diese trostlosen Vorgaben zu halten. Somit läuft aller Protest der Schlossfreunde bei den noch im Amt befindlichen selben Machern zwangsläufig ins Leere. Hier kann nur ein geschlossener und energischer Aufschrei einer großen Mehrheit der Berliner eine Wende herbeiführen. Dafür wäre eine Petition ein geeignetes Mittel.

  3. Den bisherigen Leserbriefen kann ich mich nur anschließen. Solange die Sympathisanten von Walter Ulbrichts barbarischer Schloßvernichtung die Mehrheit der Berliner Bevölkerung und den RBB hinter sich wissen, wird sich nichts zum besseren wenden. Appelle an den gesunden Menschenverstand, an Traditionsbewußtsein oder an das ästhetische Empfinden laufen bei diesen sozialistischen Ideologen ins Leere. Für mich ist noch immer unfaßbar, daß eine Stadt, die so lange unter der kommunistischen Spaltung und der Diktatur gelitten hat, eben dieser Sympathisantentruppe wieder zur Macht verhilft und ihr damit auch Gewalt über das Schloß gibt. Die rote und rotgrüne Gehirnwäsche muß in Berlin bes. effektiv gewesen sein. Doch wie schon der selige Johann Wolfgang von Goethe sagte:
    „Hier winden sich Kronen
    In ewiger Stille,
    Die sollen mit Fülle
    Die Tätigen lohnen!
    Wir heißen euch hoffen.“
    Das Niederträchtige wird auf der Strecke bleiben.

  4. Bitte keine Parteipolitische Diskussion inszenieren! Nicht wenige der Politiker, die das von Herrn Boddin inizierte Projekt umsetzen müssen, waren eigentlich dagegen, und aus meiner Sicht, mit Recht!. Wenn die zugesagten Spenden vom Förderverein doch nicht zusammen kommen, sollte man auch etwas mehr Demut zeigen! Ich schätze, dass die Leute, die hier das fehlende Grün am Schloss beklagen, die selben sind, die gern die grüne Fläche des Marx-Engels-Forum nach altem Vorbild wieder bebauen lassen möchten. Berlin war früher auch schon eine Steinwüste. Das wird oft vergessen wenn man nach der historischen Rekonstruktion schreit.

    1. Liebe Frau Paltrinieri,
      • Richtig, parteipolitische pauschale Polemik ist hier fehl am Platz.
      • Die zugesagten Spenden des Fördervereins sind insgesamt bereits zusammengekommen.
      • Demut tut immer gut. Aber die Förderer und Spender dürfen auf das Erreichte stolz sein.
      • Ihre Vermutungen, wer über fehlendes Grün in Verbindung mit M-E-Forum ist polemische und pauschale Unterstellung.
      • Denken Sie doch noch einmal über Ihren Beitrag nach!

    2. Liebe Frau Paltrinieri,
      schreien tut hier niemand. Von 105 Millionen benötigter Spenden sind bis jetzt 99 Millionen erbracht worden. Die restlichen 6 Millionen werden kein Problem sein. Wie Sie darauf kommen, daß „ die zugesagten Spenden vom Förderverein doch nicht zusammen kommen“ ist mir ein Rätsel! Ich kenne das Marx-Engels-Forum überhaupt nicht, es interessiert mich auch nicht. Und wenn Berlin früher eine Steinwüste war, wie Sie schreiben, dann sollte man erst recht diesen Fehler am Schloss tunlichst unterlassen und nicht wiederholen.

    3. Eine „Steinwüste“ war Berlin also – und das sollte man Ihrer Meinung nach rekonstruieren? Dazulernen verboten?
      Schauen Sie sich doch am besten mal die alten Bilder des Schloßumfeldes an; gerade wegen der Grünanlagen, der Statuen und des Brunnens ergab sich hier ein ganz anderes Bild.
      ‚Grün ist Leben‘ – und diese Lebensqualität wird von oberer Stelle ganz bewusst verhindert.
      Das Ganze wird sich ähnlich lieblos darstellen wie die Domplatte in Köln. Und eher früher als später wird man sich dann auch in Berlin die Frage stellen, was v.a. an der Südseite verändert werden könnte, um dort eine Atmosphäre zu schaffen, die Menschen einlädt, an diesem Platz etwas Zeit zu verbringen.

  5. Wieso kommen die zugesagten Spenden vom Förderverein doch nicht zusammen? Wir Spender sind noch längst nicht am Ende. Oder haben Sie geheime Informanten? Das Projekt Humboldt-Forum ist im übrigen nicht ein beliebiges, das man so oder auch ganz anders sehen kann, sondern die Wiedergutmachung eines barbarischen Aktes der SED mit Walter Ulbricht als Drahtzieher und Anführer. Und es ist Tatsache, daß Ulbrichts Sympathisantentruppe bis heute weder Reue noch Scham empfindet, geschweige denn Besserung erkennen läßt. Das ist das Ärgerliche.

  6. Herr Müller will sich also entweder nicht zu der Frage der Klimaunfreundlichkeit und mangelhaften Aufenthaltsqualität der geplanten Platzgestaltung äußern oder er geht davon aus, „zeitgenössische“ Platzgestaltung müsse per se für das Stadtklima und die Aufenthaltsqualität schädlich sein. Wer bitte wird sich auf den Skulpturbänken in der Bachofenhitze des steinernen Platzes niederlassen wollen? Selbst wenn man bedauerlicherweise keine historische Platzgestaltung wollte, so wird hier die Chance vertan, wegweisende Konzepte für eine stadtklimafreundliche zeitgemäße Platzgestaltung zu realisieren.

  7. Ich verstehe die gesamte Verweigeungshaltung nicht. Selbstverständlich ist der Brandschutz einzuhalten. Es kann mir aber keiner erzählen, dass es nicht möglich ist, die damaligen Grünflächen wieder zu errichten. Welche Absicht steckt eigentlich dahinter dieses Vorhaben zu verhindern. Hat Berlin etwa Zuviel Grünflächen. Reicht die Steinwüste um den Fernsehturm nicht? Genauso verhält es sich mit den Rossebändigern. Blos nicht wieder dahin wo sie standen. da ist der Kleistpark schon wichtiger. Möchte man keine Aufenthaltsqualität? Dann sollten das die Verantwortlichen klar kommunizieren. Ich kann auch keinen triftigen Grund erkenne, den Neptunbrunnen wieder vor das schloss zu setzen.

    1. …rational zu verstehen ist das alles auch nicht – hier geht es einfach gesagt um Ideologie. Und dann werden eben die fadenscheinigsten Gründe angeführt. Die oben erwähnten Argumente von Bausenatorin Lompscher sind haarsträubend – als wenn die Pläne nicht schon seit Jahren vorgelegen hätten und es nicht eigentlich Ziel sein sollte, die innerste Innenstadt möglichst autofrei zu bekommen.
      Beruhigend ist nur, dass man Grünflächen, Statuen und den Neptunbrunnen auch später berücksichtigen kann.

  8. Ich bin ein Schüler aus NRW und bin wirklich enttäuscht über die Entscheidungen des Senats. Berlin war vor dem zweiten Weltkrieg eine wunderschöne Stadt, wenigstens Kernelemente dieser einstigen Schönheit wiederherzustellen, sollte oberste Priorität haben. Es graut mir schon genug davor, dass einer der Fassaden nur in Plattenbau-Manier rekonstruiert werden kann. Könnte die Stadt dann nicht wenigstens für die vollständige Vollendung der übrigen Flächen sorgen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.