„Generalintendanten des Berliner Humboldt Forums im Interview“

30.10.2018  Südwest Presse

Von Thomas Block und Dorothee Torebko

Das Büro des neuen Schlossherren ist prunklos und sehr aufgeräumt. An der Wand hängt kein Gemälde, sondern ein buntes, von Kindern für eine Ausstellung gemaltes Bild. Hartmut Dorgerloh sieht darin keinen Widerspruch, er würde sich selbst auch nie als Schlossherren bezeichnen.

Er ist Generalintendant des Humboldt Forums, einer prestigeträchtigen Sammlungs-Kooperation, die in etwa einem Jahr auf der Berliner Museumsinsel eröffnet – hinter den rekonstruierten, neu erbauten Fassaden des preußischen Schlosses, das hier vor dem Zweiten Weltkrieg stand. Es gibt kaum einen Ort in Berlin, der so sehr polarisiert. Dorgerloh hat die Diskussionen, ob es ein Kreuz über dem Hauptportal braucht, ob hinter preußischen Fassaden Exponate aus der Kolonialzeit gezeigt werden dürfen gut überstanden und sitzt nun an einem Konferenztisch, auf dem eine Obstschale mit zwei Äpfeln und einer Tomate steht.

Herr Dorgerloh, was fasziniert Sie an preußischen Schlössern?

Hartmut Dorgerloh: Dass man an ihnen Geschichten erzählen kann. Es ist doch großartig, dass wir uns auch 100 Jahre nach Ende der Monarchie noch für Schlösser interessieren. Es gibt zwar keinen König mehr, doch die Paläste, die Gärten und die Kunst sind als Zeitzeugen heute noch relevant. Das hat mich immer fasziniert.

Wie schafft man es, diese Geschichten in die Gegenwart zu holen?

Indem man an diese Geschichten die Fragen stellt, die uns heute bewegen. Die Fakten und die Objekte bleiben in der Regel dieselben, doch jede Generation tritt mit anderen Fragen an sie heran. Zum Beispiel interessieren stilistische Unterschiede heute weniger als die Biografie eines Objektes oder das, was es möglicherweise über die damaligen Geschlechterverhältnisse aussagt. Oder nehmen Sie Friedrich den Großen: Ob der ein guter oder schlechter König war, ist für viele heute nicht mehr so interessant, welche Rolle er in Europa gespielt hat hingegen schon.

Welche Geschichte erzählt denn das preußische Schloss, in dem dann 2019 das Humboldt Forum eröffnet?

Moment, das Humboldt Forum ist ja kein preußisches Schloss, es ist ein Neubau. An drei Seiten werden zwar Rekonstruktionen von den historischen Fassaden vorgenommen, aber damit wird es noch kein preußisches Schloss. Preußen und das Berliner Schloss sind Vergangenheit. Ebenso wie der Palast der Republik, der später an dieser Stelle stand. Aber das sind natürlich die Geschichten, die wir über die Vergangenheit erzählen müssen und über die Fassaden. Sie werden im Forum sowohl historische Spuren vom Berliner Schloss als auch Objekte aus dem Palast der Republik finden.

Als vor 15 Jahren über die Nutzung des Schlossplatzes, über den Abriss des Palastes der Republik und die Rekonstruktion historischer Fassaden diskutiert wurde, waren Sie gegen einen solchen Neubau. Was hat Sie dann doch überzeugt, Generalintendant in diesem Neubau zu werden?

Mich faszinieren die Möglichkeiten, die dieses Haus bietet. Es ist doch eine riesige Chance, in der Mitte unserer Hauptstadt 40.000 Quadratmeter für Kunst, Kultur und Wissenschaften zu gestalten. Und zwar dezidiert mit der Fragestellung: Was bewegt uns eigentlich im
21. Jahrhundert in dieser globalisierten und fragmentierten Welt?

Können Sie in wenigen Sätzen erklären, was das Humboldt Forum einmal sein wird?

Wir präsentieren ethnologische Sammlungen mit Objekten und Artefakten aus Afrika, Asien und Ozeanien, eine Ausstellung über Berlin und die Welt, die Geschichte des Ortes und Forschung gestern und heute. Das Humboldt Forum ist eine Freistätte für Kunst und Wissenschaften. Es ist ein großes Haus ohne fertiges Angebot. Ein lebendiger Ort, an dem man sich wohlfühlt. Vielleicht kann man es mit einer guten Zeitung vergleichen, bei der man auch mal an Themen hängenbleibt, mit denen man nicht gerechnet hat. Oder die man auch einfach nur durchblättert.

Und wie sieht die Rolle eines Generalintendanten aus?

Ich bin, um in der Sprache der Zeitung zu bleiben, der Chefredakteur, der nur manchmal einen Leitartikel schreibt und ansonsten für die publizistische Leitlinie des Blattes zuständig ist – in meinem Fall also für das Gesamtprogramm. Wir haben feste Partner, mit denen wir zusammenarbeiten: Die Humboldt Universität, das Ethnologische Museum, das Museum für Asiatische Kunst, die Stiftung Stadtmuseum. Mit diesen einzelnen Partnern ein Ganzes zu machen, das ist meine Aufgabe.

Geben Sie uns bitte ein Beispiel, wie Sie dort Geschichten erzählen werden.

Wir werden im Humboldt Forum ja auch die Tür des berühmten Berliner Techno-Clubs Tresor zeigen. Das Objekt selbst ist eine rostige Stahltür, aber dahinter stecken spannende Geschichten. Sie können fragen, wer schon alles durch diese Tür gegangen ist, was dann passiert ist und was den Raum dahinter so besonders gemacht hat. In allen Kulturen gibt es bestimmte Formen der Freizeitveranstaltung, in allen Kulturen gibt es Räume, zeitliche und oder physische, in denen anderes möglich ist als sonst. Wie der deutsche Karneval zum Beispiel. Und so steht diese rostige Stahltür für eine Geschichte über unsere und andere Gesellschaften.

Über Wochen wurde diskutiert, ob ein Kreuz auf der Kuppel angebracht werden sollte. Führen Sie solche Debatten gerne?

Das Forum ist ein Ort der öffentlichen Debatte. Das soll es ja auch sein. Jetzt wo die Gerüste fast weg sind, wird das Haus gerade sehr stark wahrgenommen – und ja, in dieser ersten Phase muss man auch die Architektur mit den rekonstruierten Elementen erklären. Und deutlich machen, dass das jetzt kein Wiedererstarken von monarchischen, nationalistischen, reaktionären Ideen bedeutet.

Was sagt es über unsere Gegenwart aus, dass dieser Umgang mit unserer Vergangenheit so polarisiert?

Dass wir uns immer wieder neu orientieren und vergewissern müssen. Wir können nicht weglaufen vor der Vergangenheit, das hat nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit dem Holocaust gezeigt. Geschichte kann man nicht verdrängen. Auch die aktuelle Diskussion über das Verhältnis Ostdeutschlands zu Westdeutschland zeigt, dass sich die DDR allein mit dem Beitritt zur BRD noch lange nicht erledigt hat. Das sind Themen, mit denen man sich auseinandersetzen muss, und das wird man unter anderem auch im Humboldt Forum können.

In den vergangenen Jahren ist auch die Debatte um die deutsche Kolonialzeit stärker geworden.

Diese Debatte ist überfällig und spannend, denn da geht es um ganz viele Fragen: Wie ist unser Verhältnis zu Menschen, Staaten, Religionen, Kulturen in Amerika, Afrika oder Asien in einer Welt, in der alles miteinander zusammenhängt, wirtschaftlich, sozial und politisch? Anhand der Objekte von diesen Kontinenten können wir uns diesen Fragen stellen.

In vielen dieser Debatten geht es um die deutsche Identität. Welche Rolle können Museen darin spielen?

Eine sehr wichtige. Museen erzählen ja vor allem von zweierlei: von uns heute, denn wir entscheiden, was wir ausstellen und was für uns heute interessant ist. Und die Geschichten, die mit den Exponaten verbunden sind. Es gibt bei den ethnologischen Sammlungen eine starke Zäsur: Mit dem Ende Deutschlands als Kolonialmacht brach auch eine bestimmte Art von Sammlungstätigkeit ab.

Welche Rolle wird die Herkunft der Exponate im Humboldt Forum spielen?

Provenienz ist ein wichtiges Thema, das allerdings in der Verantwortung der Eigentümer der Sammlungen liegt. Sie sind dafür zuständig, dass Artefakte im Haus auch mit Informationen zu deren Herkunft präsentiert werden. Die Objekte sind zwar im Humboldt Forum zu sehen, das Humboldt Forum selbst hat aber selber keine Sammlung. Provenienz wird in Ausstellungskontexten – also auch im Veranstaltungsprogramm – natürlich ein Thema sein. Wir werden dabei deutlich machen, dass die Provenienzrecherche sehr viele Facetten hat und dass die Objekte alle mehrere Geschichten, sprich eine vielseitige Biographie haben.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, all jene afrikanischen Kulturgüter französischer Sammlungen zurückzugeben, die während der Kolonialzeit erbeutet wurden. Stimmen Sie ihm zu?

Die Rückgabe kann ein Ergebnis von Provenienzforschung sein. In bestimmten Fällen muss sie es auch sein. Aber zunächst muss man wissen: Wie sind die Stücke ins Museum gekommen? Handelt es sich überhaupt um einen Unrechtskontext? Sind sie geraubt worden oder getauscht? Sollen überhaupt Kunstwerke künftig immer nur oder vor allem in ihren Herkunftsregionen zu sehen sein? Das glaube ich nämlich nicht. Es wäre doch gut, wenn es mehr Kunst aus Europa in Afrika gäbe, genauso wie es wichtig ist, dass Kunst aus Afrika auch hier zu sehen ist. Insofern ist die Idee, dass alles zurück muss, unabhängig von der Eigentums- und Rechtsfrage, auch kulturell und möglicherweise auch politisch schwierig.

Wie muss man denn der Ungerechtigkeit begegnen, wenn man die Objekte nicht zurückgibt? Sind Entschädigungen eine Lösung?

Erst müsste klar sein, wo ein Unrechtskontext vorliegt. Es wird darauf keine klare Antwort geben, weil viele Objekte geschenkt oder getauscht sind. In vielen Gesellschaften hat Tausch zum Beispiel eine hohe Akzeptanz. Da wäre es möglicherweise sogar ein Problem zu sagen: Ich gebe das jetzt zurück. Die Berliner Museen konnten jetzt vier neue Stellen einrichten, um die überfälligen Forschungen in den außereuropäischen Sammlungen verstärkt voranzutreiben. Wir sind mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt im Gespräch und diskutieren die Fragen, die sich aus den kolonialen Kontexten stellen, sehr intensiv mit ihnen. Auch sie sehen das sehr differenziert – insbesondere die Kollegen aus Afrika.

Sie sind nun seit einem halben Jahr im Amt: Macht Ihnen die Arbeit noch Freude?

Ja. Den Betrieb des neuen Humboldt Forums mit aufzubauen, ist schon eine einmalige Sache – allein die Zusammenarbeit der verschiedenen Partner. Und obwohl wir schon konkrete Vorstellungen haben, wie es wird, bleibt es doch spannend zu sehen, wie sich das Publikum am Ende diesen neuen Ort erobern wird. Es ist ein großes Abenteuer.

 

Quelle: Südwest Presse, 30.10.2018

 

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