„Eine Baustelle wird zur Kunstausstellung“

28.10.2018  Berliner Morgenpost

In der künftigen U-Bahnstation Unter den Linden sind noch am Sonntag großformatige Ölbilder und Fotos ausgestellt.

Von Sabine Flatau

Luftballons machen auf das Event aufmerksam. Am Baustellenzaun Unter den Linden Ecke Friedrichstraße um die Ecke biegen, vorbei an Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes, und dann die Treppe zum neuen U-Bahnhof herunter. Dort ist für zwei Tage die Ausstellung „Bau X Kunst“ zu sehen, mit Ölgemälden des Berliner Malers Christopher Lehmpfuhl und Fotos des Architekten Antonio Reetz-Graudenz. Ein Mann am Eingang zählt die Besucher. Am Ausgang registriert man die Zahl derer, die die Schau verlassen, mehr als 700 Personen sollen nicht gleichzeitig im Bahnhof sein. Über 7500 Besucher werden es insgesamt am Ende des Tages sein.

Am Sonnabendvormittag ist der neue Bahnsteig der U5 gut besucht. Jenseits der Gleise sind 37 Bilder zu sehen, die Christopher Lehmpfuhl über den Wandel auf dem Schlossplatz gemalt hat. Die Kunstwerke hängen an Metallgerüsten und sind angestrahlt. Gelb und rot leuchten die Baukräne, grün die Kuppel des Berliner Doms. Die Ölfarben hat der Künstler so dick aufgetragen, dass sie ein Relief bilden. Pastos ist der Fachbegriff dafür. Schnell auf- und abhängen kann man diese Werke nicht – sie wiegen mehr als 40 Kilogramm.

Extra aus Wittenberge angereist, um zu staunen

Viele Besucher bleiben am Bahnsteigrand stehen, vertiefen sich in die Einzelheiten. So auch Dieter Kuchenny. „Es gefällt mir richtig gut“, sagt der 76-Jährige aus Wittenberge. „Ich krieg’ eine Gänsehaut dabei.“ Ihr Mann habe unbedingt zu diesem Ereignis im Bahnhof gewollt, erzählt seine Frau Heidi. „Nur deshalb sind wir heute in Berlin.“ Dieter Kuchenny lässt sich Ereignisse wie dieses nicht entgehen.

Am Ende der Bilderschau reihen sich Wartende in einer Schlange. Kleine Gruppen von Besuchern dürfen über ein paar Stufen auf die Gleise gehen, einen Blick ins Innere des Tunnels werfen und ein Selfie machen. Der Tunnel macht einen Bogen – ein unwiderstehliches Motiv für viele. Während sich Dieter Kuchenny mit seiner Frau ans Ende der Warteschlange begibt, kommt Petra Schmidt zufrieden die Stufen vom Gleis herauf. „Ich bin ganz begeistert“, sagt die 66-Jährige aus Mitte. „Zum einen von der Organisation, dass man auch mal in diese Röhre schauen kann. Und auch von der Kunst.“ Sie sei Bauingenieurin, erzählt sie. „Das ist ein Umsteigebahnhof und ein sehr imposantes Bauwerk. Mir gefällt das.“

Daten und Fakten zum Baugeschehen auf der U5-Strecke sind auch auf dem fast fertigen Bahnsteig zu finden. Tafeln informieren über die vergangenen sechs Jahre des U-Bahnbaus, über das Budget von 525 Millionen Euro und darüber, dass große Steine im Untergrund die Arbeiten behindern. Die Besucher erfahren, dass der U5-Bahnsteig Unter den Linden, auf dem sie gerade stehen, in 17 Meter Tiefe liegt. 16,5 Meter beträgt die Tiefe an der Museumsinsel. Am Roten Rathaus sind es nur 7,5 Meter unter der Erde. Ein Luftbild zeigt das Gebiet, in dem die drei neuen Bahnhöfe entstehen, den Startschacht der Tunnelvortriebsmaschine Bärlinde und den Bauhafen der U5. Und das entstehende Fundament auf dem Schlossplatz.

„Da kannste mal sehen, dass die Aufnahme schon n’ bisschen her is“, sagt ein Herr zu seinem Begleiter. „Das Schloss is’ ja schon viel weiter.“ Großes Interesse finden auch die Fotos, die Antonio Reetz-Graudenz vom Baugeschehen gemacht hat. Sie sind im Großformat hinter den Gleisen der anderen Bahnsteigseite aufgehängt. Handys werden gezückt und Aufnahmen an Freunde und Familie verschickt. Auch vor den neuen Rolltreppen, die noch abgesperrt sind, zucken die Blitzlichter.

Auch Felix Kosel aus Pankow sieht sich den Bahnsteig, die Info-Tafeln und die Bilder an. „Interessant, mal anzugucken, was so entstanden ist“, sagt der 38-Jährige. „Weil man ja immer nur die Baustelle sieht, von oben.“ Die Ausstellung gefalle ihm nicht ganz so. „Weil es nicht mein Stil ist, und nicht meine Motive sind. Nur Baustelle, Baustelle, Baustelle.“

Mit Spezialbrillen kann man eine virtuelle Tour machen

Eine weitere Attraktion auf dem Bahnsteig sorgt dafür, dass sich eine Reihe Wartender bildet. Es sind sogenannte VR-Brillen. Wer sie aufsetzt, macht eine virtuelle Tour durch den neuen U-Bahn-Abschnitt. „Man kann den Bahnhof Rotes Rathaus angucken, geht im Tunnel entlang und sieht den Baufortschritt“, erzählt eine junge Frau aus Marienfelde. Dann nimmt sie die Stufen, die zur nächst höheren Ebene im Kreuzungsbahnhof führen. Es ist die Ebene der U6. In zwei Jahren wird das Umsteigen von der U5 zur U6 am Bahnhof Unter den Linden möglich sein. Ende 2020 soll die neue, 2,2 Kilometer lange U-Bahnstrecke zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor in Betrieb gehen.

Dieter Kuchenny aus Wittenberge will mit seiner Frau dabei sein. „Wenn wir noch leben, kommen wir zur Eröffnung“, sagt der 76-Jährige. „Garantiert.“

„Bau X Kunst“, U-Bahnhof Unter den Linden, 28. Oktober, 9–14 Uhr, Zugang kostenlos, aber nicht barrierefrei

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 28.10.2018

 

 

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