„Deutschland hat einen Louvre“

01.09.2018   FOCUS

 

Die Wiedergeburt der historischen Mitte Berlins: Das Humboldt Forum, die Rekonstruktion des kaiserlichen Stadtschlosses, wird zum Kulturzentrum und zu einem Symbol bürgerschaftlichen Engagements

Von Ulrike Plewnia

Für Wilhelm von Boddien war es ein Freudenfest „wie Ostern, Weihnachten und Geburtstag zusammen“. Der charismatische Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss feierte am vergangenen Wochenende mit zwei „Tagen der offenen Baustelle“, zu denen 30 000 Besucher kamen, und mit einem Benefizkonzert die Wiedergeburt der historischen Mitte der Hauptstadt. 

Die Rekonstruktion der kaiserlichen Residenz, eines Hauptwerks des Barock und Zentrums des gesellschaftlichen Lebens in Berlin vor dem Krieg, ist fast vollendet. Die Gerüste sind gefallen, und die Fassade im berühmten Schlüterhof erstrahlt in neuem Glanz. Nicht nur Wilhelm von Boddien, der seit Anfang der 1990er-Jahre unermüdlich für den Wiederaufbau gekämpft hatte, sondern auch die Festgäste zeigten sich tief beeindruckt von der Strahlkraft des 600 Millionen Euro teuren Prachtbaus.

Dabei schien es zuerst, als würde ausgerechnet in diesem so trockenen deutschen Sommer das Wetter nicht mitspielen: Kurz vor Beginn des Festkonzerts im Schlüterhof fiel noch Regen aus dichten schwarzen Wolken. Doch das Humboldt Forum, wie das Stadtschloss nun offiziell heißt, ist eben ein Glücksprojekt. Als die Berliner Philharmoniker unter ihrem künftigen Chefdirigenten Kirill Petrenko die ersten Töne des „Don Juan“ von Richard Strauss spielten, riss die Wolkendecke auf, und die Sonne ließ die barocke Fassade des Schlüterhofs wie eigens inszeniert erleuchten. 

1500 Gäste waren gekommen zu diesem Konzert, sie hatten jeweils 295 Euro für ihre Karte bezahlt und erlebten ein exquisites Musikereignis. Mindestens eine halbe Million Euro sammelte der Förderverein, die zur Rekonstruktion der historischen Fassade verwendet werden. Denn noch immer fehlen etwa 20 Millionen Euro für die endgültige Ausgestaltung. 

Im Publikum saßen Liebhaber, Unterstützer und Mäzene des Wiederaufbauprojekts, darunter viele Unternehmer: Zusammengenommen haben sie wohl an die 45 Millionen Euro für die historischen Fassaden aufgebracht, schätzt Organisator von Boddien. Zu den Spendern zählen viele Familienunternehmer, große Namen aus der deutschen Wirtschaft sind vertreten, etwa Otto, Oetker und auch Burda. Der Verleger Hubert Burda und sein Sohn Jacob finanzieren mit einer Million Euro vier große Standbilder, die das Innenportal III im großen Schlosshof schmücken werden. Die Figuren im Stil des Neobarock verkörpern die christlichen Pflichten: Glaube, Liebe, Hoffnung und Gebet. 

Genauso wichtig wie der Geldsegen für die Spendensammler war für die Öffentlichkeit am Wochenende die Chance, sich erstmals von der ganzen Schönheit und dem Sinn des Wiederaufbauprojekts zu überzeugen. Jetzt steht fest: Deutschland bekommt ein Museum von Weltrang, das etwa dem Pariser Louvre ebenbürtig ist. Im November 2019 soll es als ein neuartiges, modernes Haus der Kulturen der Welt eröffnen. Schon jetzt präsentiert sich das gigantische Bauwerk mit seiner hohen Kuppel einerseits als Retro-Ensemble von preußischem Glanz, andererseits als moderne Architekturikone. Das Schloss steht am wohl prominentesten Ort der Republik – im alten Zentrum der Hauptstadt, an der Magistrale Unter den Linden, gegenüber der Museumsinsel mit ihren fünf Top-Institutionen und Kunstschätzen. „Wo gibt es das sonst? Nur das Metropolitan Museum of Art in New York, das British Museum in London, die Eremitage in Sankt Petersburg und eben Paris können mithalten“, schwärmt Wilhelm von Boddien. 

Späte Genugtuung des Bürgertums 

Für Freunde des Schlosses aus bürgerlichen Kreisen stellt der fast abgeschlossene Wiederaufbau eine späte politische Genugtuung dar. Denn das Stadtschloss war im Krieg eben nicht durch Brandbomben komplett vernichtet worden. Es wurde 1945 zwar stark beschädigt, war aber weniger zerstört als etwa das Charlottenburger Schloss und hätte wiedererrichtet werden können. Die Sozialistische Einheitspartei der DDR ließ es aber abtragen, aus ideologischer Engstirnigkeit. Sie hatte 1950 auf einem Parteitag den Beschluss gefasst, die baulichen Relikte des von ihr verhassten Kaiserreichs zu sprengen. An deren Stelle planten die Einheitssozialisten einen Aufmarschplatz für Großdemonstrationen, das Marx-Engels-Forum. Später wurde für „das Volk“ der „Palast der Republik“ errichtet. Jahrzehntelang versuchten kommunistische Machthaber wie Walter Ulbricht, das Schloss aus dem Gedächtnis der Stadt zu tilgen. Ohne Erfolg. 

Erst massives bürgerschaftliches Engagement ermöglichte das lange Zeit so unrealistisch erscheinende Vorhaben einer Rekonstruktion. Wohl keiner setzte sich so dafür ein wie Wilhelm von Boddien. Auch mit 76 Jahren führt er in Bauhelm und Gummistiefeln Bürger, Politprominenz und Wirtschaftsvertreter durch die Baustelle – stets in der Hoffnung auf Spenden. Jetzt feiert er das Ergebnis: einen Palast mit italienischer Anmutung, mit Säulen, Portalen, Piazza und Passage. 

Am Schloss lassen sich die politischen Entscheidungen der Nachwendezeit ablesen: Es präsentiert sich als Stein gewordener Kompromiss, eine sympathische Mixtur aus viel Altem und etwas Neuem. Nur die Spree-Fassade gestaltete Architekt Franco Stella modern. 

Auch die Westseite des Schlüterhofs bleibt schmucklos. Die Besucher lassen ihre Blicke lieber über die gelb verputzten Wände schweifen, die mit Risaliten und Kapitellen, Gesimsen und Sockeln reich verziert sind. Konzert-Gastgeber von Boddien freut sich über den Prunk. 

Um Zweifler zu überzeugen, hatten von Boddien und der Kunsthändler Bernd Schultz 1993 auf einem riesigen Gerüst Planen mit einer gemalten Version des Schlosses aufhängen lassen. Diese Simulation brachte den Durchbruch. Politiker wie der damalige Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU), aber auch die meisten Architekten wünschten sich ein zeitgenössisches, vielleicht sogar avantgardistisches Bauwerk als städtebaulichen Abschluss des Boulevards Unter den Linden. Die Gegner taten die Schlossfantasie als rückwärtsgewandt ab. Zudem hingen Ostberliner und Ostdeutsche an ihrem Palast der Republik. Die in Berlin starke PDS/Linke stilisierte ihn zum Symbol einer DDR-Identität, das vom Westen beseitigt werden sollte. 

Jahrelang debattierte man über Abriss oder Erhalt. 2002 beendete dann ein Beschluss des Bundestags zum Wiederaufbau die Kontroversen. Er legte fest, dass die Mehrkosten für die historischen Fassaden durch Spenden getragen werden. Der Palast der Republik wurde 2008 abgerissen, weil er mit Asbest verseucht war. Ein Glück für die Befürworter des Schlosses, an deren Spitze Wilhelm von Boddien in der Republik um Sympathie und Geld warb. 

Mit seiner Beharrlichkeit kann der Chef des Fördervereins auch anecken. Die CDU-Politikerin Monika Grütters etwa kennt das gut. Wie viele Intellektuelle lehnte sie die Rekonstruktionsidee zunächst ab. Als Kulturstaatsministerin machte sie sich das Megaprojekt dann aber zu eigen und zeigte sich am Sonntag bestens gelaunt. 

Das Humboldt Forum ist für sie das „wichtigste kulturpolitische Projekt“ der Bundesregierung. Es soll nach der Eröffnung im kommenden Jahr weit mehr sein als ein international geachtetes Museum: ein Symbol für die Weltoffenheit und das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland. 

 

Quelle: FOCUS, 01.09.2018

 

 

 

 

 

Ein Kommentar zu “„Deutschland hat einen Louvre“

  1. Der obige Artikel zieht eine erfreulich positive Bilanz. Wie anders das Verhalten der politischen Führung Berlins, die durch Abwesenheit glänzte. Wahrscheinlich verfolgte diese das Ereignis des Wochenendes der Offenen Baustelle mit saurer Miene im Fernsehen. Undank gegenüber den Spendern und allen, die sich irgendwie an dem Projekt unterstützend bemühen!

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