„Ein Herz für Ruinen“

30.08.2018  Süddeutsche Zeitung

 

Wilfried Gillmeister aus Vaterstetten, in Westberlin aufgewachsen, veranstaltet in Grafing mit neun jungen Talenten ein klassisches Benefizkonzert für das Berliner Schloss

Von Anja Blum

 

Als Kind ist er in Ruinen herumgeklettert, unter anderem in den Resten des Charlottenburger Schlosses, und hat sich dort die Zeit vertrieben. Spielplätze nämlich suchte man damals in Berlin vergeblich. Insofern ist es wahrscheinlich kein Wunder, dass der Wiederaufbau historischer Gebäude für Wilfried Gillmeister seit Jahren eine echte Herzensangelegenheit ist.

Für die Dresdner Frauenkirche hat der Vaterstettener mit dem Berliner Akzent insgesamt sechs verschiedene Benefizradtouren veranstaltet, hat sie über Jahre organisiert und ist selbst quer durch Europa gefahren. „Ich wollte Brücken der Versöhnung und des Friedens bauen“, sagt Gillmeister, alte Wunden schließen. Und das ist ihm offenbar in vielen Fällen gelungen. Seine schwärmerischen Anekdoten rund um diese Radtouren – von rauschenden Empfängen, intensiven Konzerten, beeindruckenden Begegnungen und gespielten Grenzkontrollen – nehmen jedenfalls schier kein Ende.

Dann, 2005, als der Sakralbau in Dresden endlich in neuem Glanz erstrahlte, richtete Gillmeister sein Augenmerk auf das Berliner Schloss, das ihm emotional sogar eigentlich noch viel näher sei, sagt er. 2008 initiierte er das erste Benefizkonzert zugunsten dieses Wiederaufbau-Projekts in Bayern, holte den Gitarristen Marc Sinan, einen gebürtigen Ebersberger, aus der Bundeshauptstadt nach Vaterstetten. Mit schönem Nachklang: 2015 durfte Sinan mit seinem Ensemble beim Richtfest in Berlin erneut für die Schlossfreunde spielen. Nun, zehn Jahre später, hat es Gillmeister wieder geschafft: Am Freitag, 14. September, geben neun junge, hoch talentierte Musiker in Grafing ein klassisches Konzert zugunsten der fernen Hohenzollernresidenz.

Wilfried Gillmeisters Biografie spiegelt die deutsche Geschichte wider: Geboren ist er 1944 in der Nähe von Magdeburg, wohin die Berliner Familie im Zuge der Evakuierung gekommen war. Später kehrte sie in die geteilte Stadt zurück – „zum Glück lag unsere Wohnung in Westberlin“. Dort wuchs Gillmeister also auf, zwischen Ruinen, aber glücklich, könnte man sagen. „Ich habe dort viel Gutes erfahren“, sagt er. Vor allem durch den Leistungssport: Der Handball half dem jungen Gillmeister, die Folgen einer spinalen Kinderlähmung zu überwinden, außerdem kam er dadurch öfter aus Westberlin raus – „immer mit dem Flieger!“ – und durfte „spannende Spiele in tollen Stadien“ erleben. Nach dem Abitur und einer Lehre bei Siemens verschlug es den 25-Jährigen durch die Firma nach München, wo er sich schließlich nach ein paar Zwischenstationen in Vaterstetten niederließ und eine Familie gründete.

Das Schicksal Berlins aber ließ Gillmeister nie los. „Ich habe immer von der Wiedervereinigung geträumt“, sagt er – und als es dann 1989 tatsächlich so weit war, „da haben mich die Kinder das erste Mal weinen sehen“. Allein die Erinnerung an diesen Moment treibt dem heute 73-Jährigen erneut die Tränen in die Augen. Schnell war damals klar, dass der Vaterstettener beim ersten Wiedervereinigungsmarathon durch das Brandenburger Tor dabei sein musste – also trainierte er hart, und wurde am Ende mit „42 Kilometern Gänsehaut“ belohnt. „Diese Strecke weckte so viele Erinnerungen in mir: Unter den Linden hatte ich meine erste Oper gesehen, an einer anderen Stelle Verwandtschaft gehabt.“ Spätestens zu diesem Zeitpunkt habe er sich geschworen, etwas zu tun für dieses nun wieder vollständige Vaterland, „irgendetwas ganz Positives“.
Das Schloss in Mitte kennt der Westberliner freilich nicht aus eigener Anschauung. Nur an einen Stich in der elterlichen Wohnung, der die Schlossbrücke zeigte, kann er sich erinnern. Doch die Geschichte des prachtvollen Bauwerks – das DDR-Regime ließ seine Reste 1950 zugunsten eines Aufmarschplatzes niederreißen – und die Idee des Hamburger Kaufmanns Wilhelm von Bodien, den Barockpalast nun wieder auferstehen zu lassen, fand in Gillmeister schnell einen feurigen Anhänger. „Ich brenne einfach für diese Sache“, sagt er. Am vergangenen Wochenende lauschte der Vaterstettener einem Benefizkonzert der Berliner Philharmoniker im Innenhof des Schlosses – Kostenpunkt pro Karte: 295 Euro. „Aber das war es wert!“, sagt der 73-Jährige und strahlt übers ganze Gesicht. Muss man überhaupt noch erwähnen, dass er Mitglied des Berliner Fördervereins ist?

Begonnen wurde mit dem Wiederaufbau des Schlosses in seiner ursprünglichen Kubatur 2012 – und mit Blick auf andere Großbaustellen hat das Projekt nicht nur in der Sache Seltenheitswert: Es ist bis heute im Zeit- und Kostenplan. Bausumme insgesamt: etwa 600 Millionen Euro. Bedingung der öffentlichen Hand: die originalgetreuen Fassaden müssen komplett durch Spenden finanziert werden. Nicht zu schaffen? Von den 105 Millionen fehlen laut Förderverein derzeit nur mehr 20. Endspurt also.

Und zu diesem möchte Gillmeister finanziell beitragen, so viel es eben geht, bei den hiesigen Kommunen war er schon erfolgreich: Sowohl der Landkreis als auch die sechs Bürgermeister an der B 304, die Gillmeister augenzwinkernd die „Ost-West-Kulturachse“ nennt, haben sich bereits solidarisch gezeigt. Dass so manche – angesichts allgegenwärtiger menschlicher Not – Probleme haben mit Spenden für kulturelle Projekte, weiß und respektiert Gillmeister. „In diesem Bereich geht es nur über persönliche Kontakte, das Vertrauen muss da sein“, sagt er.

Für ihn persönlich aber steht sein Engagement für den Wiederaufbau außer Frage, auch die vielen kritischen Debatten, die den Prozess seit Anfang an begleiten – rund um Stichworte wie Disney World, Geschichtsklitterung und Preußen-Revival – perlen an ihm ab wie Regentropfen am Dach der Schlosskuppel. Selbst die viel kritisierte Außengestaltung mit einer modern-kühlen Fassadenseite und der so manchem unliebsame Inhalt – das Schloss soll als Museum ein Treffpunkt der Weltkulturen werden – stören Gillmeister nicht. Ganz nach dem Motto: Tradition hier, Moderne da – na und? „Man muss bei so einem Projekt doch immer Kompromisse schließen“, sagt er und lacht. „Ich bin jedenfalls begeistert!“ Für ihn zähle allein der Wiederaufbau.

Dafür begeistern konnte der 73-Jährige nun auch neun junge Menschen aus dem Landkreis: allesamt musikalische Ausnahmetalente, sehr erfolgreiche Preisträger von „Jugend musiziert“, die nun gemeinsam in der evangelischen Kirche Grafing ein Benefizkonzert für das Berliner Schloss geben werden. Adam Ambarzumjan (Klarinette, Bassetthorn), Georg Lamprecht (Klarinette), Sebastian Lugmayr (Bass-Bariton), Jakob Skudlik (Orgel), Judith Galster (Querflöte) sowie das Heuer-Quartett – aus Sophie und Kathrin (beide Violine), Philipp (Violincello) und Henrik (Viola) Heuer – musizieren unentgeltlich für das ehrgeizige Projekt. „Ich schätze mich glücklich, dieses großartige Team an jungen Musikern gewonnen zu haben“, sagt Gillmeister. Und er weiß auch schon genau, wohin das Geld aus dem Landkreis fließen wird: Der Erlös des Konzerts ist den Allegorien vom Portal III an der Westseite unter der Kuppel gewidmet. Auf einen hohen Benefiz-Eintritt allerdings hat der Veranstalter verzichtet, um auch junge Menschen nicht vom Konzertbesuch abzuhalten: „Der Eintritt ist frei, aber wir hoffen auf Großzügigkeit beim Austritt. Es soll rascheln, nicht klingeln“, sagt Gillmeister und lacht.

Auf dem von ihm und Ambarzumjan gestalteten Programm stehen allerhand gefällige Werke, und die allermeisten davon weisen – zumindest für Kenner – einen Berlinbezug auf: Von Friedrich dem Großen, seines Zeichens preußischer Herrscher, Feldherr und Komponist, erklingen die Sinfonie Nummer vier in A-Dur und das Flötenkonzert in C-Dur. Felix Mendelssohn Bartholdy, einst preußischer Generalmusikdirektor, ist mit seinen „Konzertstücken“ Opus 113und 114 vertreten, und von Johann Sebastian Bach stehen zwar nicht die „Brandenburgischen Konzerte“, aber die Toccata und Fuge in d-Moll (BWV 565) auf dem Programm. Allein bei Mozart, auf dessen Klarinettenquintett in A-Dur (KV 581) sich die Zuhörer freuen dürfen, findet sich laut Gillmeister tatsächlich kein Bezug zur Bundeshauptstadt. Aber egal – „wir haben uns schließlich vor allem gefragt, was dem Publikum wohl gefallen könnte“. Für Gillmeister selbst wird ohnehin gerade ein Traum wahr.

Benefizkonzert für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses mit Kammermusik in der Auferstehungskirche Grafing, am Freitag, 14. September, um 19 Uhr. Eintritt frei

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 30.08.2018

 

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